Wieder da: ganz oder halb, halb oder ganz

Wie weitermachen, wenn das Schlimmst-Vorstellbare eingetreten ist? Es ist geschehen. Es kam schleichend, und doch sehr plötzlich: der Tod meiner innigst, tiefst-herzlichst und überschwänglichst geliebten Mutter.

Ein Jahr und Ende.

Ich dachte, sie würde ewig leben. Ja, ganz verträumt und töchterlich naiv.

Sie – mein Vorbild, meine Retterin in der Not. Sie – die immer zu mir stand. Sie ist nicht mehr da. Mit dieser Vorstellung einher gingen immer Gedanken wie jene, dass ich nichts mehr tun könnte, wäre sie einmal weg. Dass ich erstarre und zu keiner Gefühls-Regung mehr im Stande bin. Ich dachte, ich könnte nichts mehr. Nichts. Ich wäre einfach zusammen mit ihr nicht mehr da. Verpufft. Aufgelöst. Erlöst?

Aber jetzt ist sie weg und ich lebe. Ich schreibe, ich lache sogar. Herzlich. Sehr, sehr herzlich.

Es ist un-er-klär-lich.

Das Leben geht weiter – und das tut es gar nicht mal so schlecht. Ich ermahne mich trotzdem an solchen Gedankenwindungen. Wie kann das sein? Das Leben fühlt sich gut an. Obwohl ein Teil von mir abgestorben ist.

Aus meiner Botanik-Praxis weiß ich, dass wenn man Pflanzen richtig beschneidet, ihren den oberen Teil, ihre Krone, gekonnt kürzt, können daraus gleich zwei neue Triebe erwachsen. Eine Vermehrung. Eine Verdopplung.

Könnte dasselbe auch mit mir passiert sein? Ich fühle, wie sich Gedanken, Gefühle, Wünsche täglich vermehren, sich gegenseitig verdrängen oder befruchten. Und nichts sagt: du bist nur noch die Hälfte.

Ich bin fest entschlossen, diesem Mysterium auf den Grund zu gehen. Bis dahin – und auch währenddessen – schreibe ich. Denn das lässt mich gerade jetzt – und eigentlich immer – lebendig fühlen. In jedem Wort, in jeder Zelle, in jedem meinem Zustand ist auch ein Teil von ihr. Auch jetzt. Wäre sie nicht, wäre ich nicht. Wäre nichts von all dem.

Das ist wohl der erste Schritt…

*8.12.60 +27.9.16
Мама, ты всегда со мной.


KF