E ! G ! O !

Weibliches Ego. Männliches Ego.

Ich gebe zu, ich bin nicht frei von leicht klischeeangehauchtem Denken, wenn es um das zarte Ego von Ex-Partnern geht. Dabei teilen sich meine bisherigen Errungenschaften in zwei Kategorien: die, die immer noch nicht über das bittere Ende unserer Verbindung (oder über meine unmögliche Art) hinwegkommen. Und das meine ich nicht herablassend. Meist ist die Zeit, die ich meinen semi-monogamen Partnerschaften widme, eine bis aufs Äußerste intensive und auf die intimste Weise gespannte. Ich gebe alles von mir und ich erwarte dasselbe auch von dem, der auf der anderen Seite steht/liegt/sitzt/denkt/fühlt. Kurz: ich will alles im Tausch gegen mich.

Darum kann es bei dieser ersten Kategorie sein – und ist bislang immer so gewesen – dass das männliche Ego Schaden nimmt, wenn alles wieder vorbei ist und die Gefühle verblassen. Weil ich nicht ans Immer-und-Ewig glaube, weiß ich, dass alles vergänglich ist und genieße den Moment des Beginns genau wie den des Abschlusses. So wie ich, sehen das aber nicht alle. Und es gibt Männer aus meinem Leben, die noch heute, viele Jahre nach „uns“, keine Lust auf ein „Danach“ haben. Zum Beispiel in Form von platonisch-reflexiven und aufarbeitenden Gesprächen, die ich als sehr produktiv erachten würde. Frau lernt schließlich nicht nur aus dem Erlebten. Wie gern würde ich mit meinem ersten langjährigen Freund über unsere gemeinsame Zeit sprechen. Ihm danken, aber auch schelten. Ein bisschen von allem auf eine post-amouröse Weise.

Stattdessen melden sich „Nachrückerinnen“ bei mir mit der Frage, welches traumatische Erlebnis zwischen uns IHN dazu gebracht hat, noch nicht einmal meinen Namen aussprechen zu können. Not sure…

Diese erste Kategorie können bestimmt die meisten nachvollziehen. Sei es von der einen oder von der gegenüberliegenden Seite aus. Beides geht. Und beides liegt nicht zwingend daran, wer „Schluss gemacht“ hat. Das habe ich gelernt. Selbst bei einvernehmlichen Trennungen scheint das Ego es sich am Ende anders zu überlegen.

Schwieriger wird es bei der zweiten Kategorie. Eine mysteriöse Schublade mit Egos, die einen Sprung haben, der aber nicht sichtbar ist. Trotzdem ist er da. Das scheinbar heile Ganze fällt bei geringster Erschütterung auseinander. Manchmal geschieht das langsam und unbemerkt. Und eines Tages findet man statt eines intakten Tellers nur noch Scherben, obwohl niemand ihn zerschlagen hat…

Mit dieser zweiten Kategorie habe ich es oft zu tun. Nach Jahren musste ich heute zwei Geschichten hören, die mich dazu veranlasst haben, eine Flasche Wein zu öffnen und davon zu erzählen:

Meine erste Geschichte handelt von einem ehrgeizigen und über-und-über ambitionierten, zutiefst melancholischen Menschen. Manchmal fröhlich in Moll, ich wie zu sagen pflegte. Meistens jedoch trunken vor Arbeit, vor Selbstzweifel und der Liebe zu mir. Oh ja, wir liebten uns. So richtig echt. So echt, dass es eben nicht lange dauern kann, weil da so viel Energie drin steckt. Ich hielt das nur zwei Jahre aus. Nach unzähligen Briefen, nach den wunderbarsten und alles-vergessen-lassenden Gesprächen, linken Theorien und dieser bittersüßen Pseudogewissheit, dass alles bald vorbei sein würde. Es kam der Tag. Ich wollte meinen Körper, meinen Kopf nur noch für mich. Es war hart, aber nach kurzer Zeit fühlte es sich richtig an. Ich war frei, er war frei. Wir liebten uns immer noch, aber irgendwie ganz anders. Post-amorös, post-physisch. Wir sahen uns oft. Auch später. Ich schnitt mir die Haare ab. Er sagte, er würde mich auch lieben, wenn ich ein Junge wär. So war das. Dann vergingen ein paar Jahre. Sporadisch in Kontakt, dankte ich ihm trotzdem jeden Tag für jede Erfahrung, die ich durch und mit ihm machen konnte. Heute noch lese ich die gebundenen Briefe, die Mails, die wir uns schrieben. Sehe mir kleine Notizen an und hege den heimlichen Wunsch, mich eines Tages mit ihm über unsere Beziehung unterhalten zu können. So richtig. Ohne Tabus. An die wir beide sowieso nie geglaubt haben. Oh, wie tabulos wir waren.

Nun, so dachte ich. Im letzten Jahr sprachen wir vielleicht zweimal miteinander und das nur, weil er von unserer Familientragödie mitbekam. Ich dachte, wir wären im Reinen. Ich dachte, es wäre nur eine zeitarme Phase und bald, ja ganz bald, würden wir wieder unsere einander beflügelnden Ideen austauschen. Falsch. Heute habe ich von einer gemeinsamen Bekannten erfahren, dass er nichts von mir wissen möchte. Dass er ein neues Leben führt und dass ich es gefälligst unterlassen sollte, Kontakt zu ihm zu suchen (bei dem es sich um JÄHRLICHE Geburtstagsgrüße handelt…). Ich war baff. War das derselbe Mensch, der mir sagte, es gibt keine Grenzen, keinen Tellerrand, nichts Unmögliches. Er nannte mich seine kleine Philosophin. Jetzt hatte er diesen Freigeist wohl an der biedermeier‘schen  Garderobe abgegeben. Oder war es sein Ego, was an ihm so lange nagte, bis er nachgab und meine mangelnde Präsenz ihr Übriges tat (das ist jetzt mein Ego, was aus mir spricht)…

Mein Ego ist definitiv angekratzt: wo ist der Fehler? Habe ich etwas falsch gemacht? Warum gehen unsere sonst synchronen Gedankengänge plötzlich so weit auseinander. Mein Wunsch nach Diskurs, nach Kaffee oder Wein und in die Abgründe blickenden Gespräche.

Das ist die erste Geschichte.

Die zweite ist wesentlich kürzer, noch stereotypischer und doch ist sie so charakteristisch für viele, mit denen ich sonst darüber sprach und die mir jetzt selbst wiederfährt.

Er war ein Mensch, der sich irgendwann als konservativ definiert hat. Im Grunde uninteressant für mich. Nach zwei oder drei Treffen hatten wir schon den Rahmen unseres Verhältnisses abgesteckt: von mir war es die Physis. Alles war gut, solange wir nicht reden mussten. Er stand auf klare Linien, die in seinem Fall hießen, Tunnelblick. Arbeit, Geld, Haus bauen, Frau heiraten, Kinder haben. Für alles ein Dokument, ein Zeugnis. Keine Zwischenstationen oder Abwege im Leben. Und genau so lebte er. Mit Feminismus konnte er nichts anfangen. Mich reizte das, weil ich unsere Verbindung als DEN emanzipativsten Akt überhaupt ansah: er mochte weder kurze Haare, noch selbstbewusste Frauen, noch weniger mochte er aber die Kombination und war dennoch mit mir „zusammen“. Diese Definition musste er dem Ganzen geben. Ich sprach von meinem Unglauben an die Monogamie, während er sich zurückhalten musste, um nicht in wenigen Wochen „Ich liebe dich“ zu sagen. Körperlich lief es echt gut, weshalb ich es darauf begrenzte. Ein paar kleine Kleinigkeiten waren seltsam, aber hey, nobody is perfect -.-…
Er erzählte mir von seiner ersten großen Liebe, die ihn sehr unschön verließ und seiner Angewohnheit seitdem, Frauen eher früh als spät zu verlassen, um nicht wieder als Opfer der Umstände dastehen zu müssen. Absolut verständlich, weshalb ich nach ein paar Monaten ganze Mädels- und Familienabende damit füllte, eine ego-sensible Strategie zu konzipieren, ihn von einem Ende zu überzeugen. Dabei wäre es mir nur recht, wenn er von sich aus sagen würde „Schluss!“. Tat er aber nicht. Wir feierten sogar vor dem entscheidenden Treffen meinen Geburtstag, von dem er wahrscheinlich noch heute schwärmt und meine Party als die beste, die er je erlebt hat betitelte. Ich kann das :). Dann trafen wir uns. Es ging besser als gedacht. Wir einigten uns auf weitere Treffen in Zukunft, die gerne körperlicher Natur sein durften. Wozu es aber nie kam. Treffen gab es aber. Initiiert wurden sie von ihm. Ich beließ es aber immer bei Kaffee-Dates und dem belanglosen Austausch von „Was geht bei dir grad so ab“-Floskeln. Ich wusste, dass er sich immer dann mit mir trifft, wenn mal wieder eine seiner seltsamen Wochen-Beziehungen zu Ende gegangen war und er seinem Ego versichern musste, da gibt es doch welche, die kann ich einfach anrufen.

Ich wäre auch gern diese Person. Ich bin selbst ein bisschen so. Aber nicht als Ego-Push, sondern als Lebenseinstellung. Liebe lässt sich teilen.

Der Kern von all dem ist, dass ich heute fast vom Stuhl gekippt bin, als ich hörte, dass ein ganzer FreundInnenkreis (mit dem ich Göttin sei Dank nicht oft interagiere) eine sehr individuell-ausgeschmückte Version unseres Auseinandergangs hört und kennt: nämlich die, dass er ganz allein mich sitzen gelassen hat, aus den so oder so oben genannten Gründen. Oh man…
Wie sollte es auch sonst kommen? Sie: Feministin. Er: Möchtegern-Patriarch mit der einzigartigen Gelegenheit seine Sicht der Dinge zu erzählen, die ich nie falsifizieren können würde. Dass er sich aber auch die Blöße gab, sich mit mir danach zu treffen und sicher mit vollster Genugtuung festzustellen, dass ich immer noch glücklich, offen, ihm absolut zugewandt und free-spirited war. Ohne zu ahnen, dass er sich als der Obermacho aufspielte, der MICH verließ…

Mein Ego musste sich heute echt mal wieder bei mir melden. Kurz fühlte es sich so an, als würde es irgendwo zwischen Magen und Luftröhre einen Knoten binden und abwarten. Wie würde ich reagieren? Würde ich mich aufregen? Wäre ich traurig? Frustriert? Enttäuscht?

Nichts von all dem, um ehrlich zu sein. Ich bin immer noch so zuversichtlich, wie vorher. Den Knoten habe ich gelöst. Mein Ego zittert immer noch ein bisschen. Ob sich das Bild dieser Ex-Menschen nachhaltig wandeln wird, kann ich noch nicht sicher sagen. Dafür vernebelt der Wein noch meine Lang-Zeit-Plan-Fähigkeit. Was ich aber auch in diesem Zustand sicher weiß ist, dass meine feministische Position mir eine so unbezwingbare Stärke verleiht, dass ich nicht in Selbstmitleid versinken brauche. Ich sehe die Schwächen der Menschen, ich schätze deren Egos, auch wenn sie ihrer eigenen Zartheit und Fragilität nicht bewusst sind […]

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Wer hat ein „Gender-Problem“?

Donnerstag. Ein interdisziplinäres Seminar irgendwo zwischen Physik, Psychologie und Philosophie. Zwei Professorinnen aus Natur- und Kulturwissenschaft. Scheinbar das perfekte Rezept für wunderbar-ausschweifende Diskussionen und hyper-open-minded people.
So ist es. Fast. Die Runde beginnt bei Mädels aus dem queer-theoretischen Milieu und einer multi-kulti-intersektionalen Gesinnung. Dort, wo sie endet ist kein so toleranter Ort. Genauer: es ist keine solche „Position“. Ein überaus straighter Mann, dessen Heterostatus ihm sehr wohl abzulesen ist, sitzt ebenso mit am runden Tisch dieser Geschichte. Ich bin irgendwo mittig und vernehme diese typische „Hahn im Korb“-Stimmung, die ab der ersten Stunde Funken sprüht. Ganz amüsant, denke ich zunächst. Denn der Typ macht einen durchaus kompetenten Eindruck, kommt er doch ebenso aus dem Medien- und KuWi-Wesen. Er studiert bereits ein Weilchen, 14 Semester sofern mich meine Erinnerung nicht täuscht.
Dass mir diese Kleinigkeit entfallen sein könnte, liegt aber nicht daran, dass es ein Informations-Übermaß in den ersten Semesterwochen gab. Nein, es liegt am netten Herren, der unser weiblich-dominiertes Seminar mit seinen „wertvollen“ Gedanken beehrt.

Wir von den Gender Studies sind ja für unsere Toleranz bekannt und auch die überwiegend gewaltfreie Diskussionskultur, die alle inklusiv behandelt und jede_R/M ein Recht auf ihre_/seine Meinung lässt.

Im beschriebenen Kurs bin ich die einzige Gender-Studierende – aber nicht die einzige Feministin!

Es wird viel geredet, viel gelesen und noch mehr gedacht. Schnell kommt es zu sich überlappenden Interessensfeldern, schließlich wird uns hier viel Spielraum und Mitbestimmungsrecht zugesprochen. Wir gestalten praktisch selbst, erschaffen und intervenieren. Die Freude meinerseits ist ungetrübt.

Bis…ja bis unser einziger Herr der Dinge sich folgende Aussage erlaubt: als eine Professorin ihn nach seinem Ziel des Kurses fragt  und scherzhaft hinzufügt, ihm als „Quotenmann“ würden auch „Gender-Fragen“ naheliegen können…
Ein fataler Fehler!

Denn der Mann der Quote ist so gar nicht der emanzipierte Enthusiast. Ohne sich eine Sekunde Zeit zum kritischen Reflektieren zu nehmen (wie wir von den Gender Studies es gerne mal anraten – vor allem den queer-entfernten bis latent homophoben) lässt er diese Phrase verlauten:

„MIT GENDER HAB ICH EH EIN PROBLEM!… ALSO KEIN GENDER!“

WTH?

Was soll das bitte bedeuten? „Gender-Problem“? Er sitzt da mit 20 Frauen* zusammen und hat ein „Gender-Problem“? Er studiert „etwas mit Medien“ und hat ein „Gender-Problem“? Was soll das?

Ich meine, klar, „die Medien“ sagen auch, Frauen*quoten seien hinderlich für Land und Wirtschaft oder „Social Freezing“ sei die Lösung für alle Repro-Sorgen der weiblichen Belegschaft. Aber hey! Ein „Gender-Problem“???

Frau* und man sieht es und fühlt es hoffentlich auch: ich bin ER-SCHÜTTERT!

Warum ich das HIER schreibe und nicht der netten „White-Straight-German-Healthy“-Hete einmal kräftig den Emanzipationsschuss verpasse (metaphorisch natürlich)? Kurz vor dem Lostippen hab ich mir diese Frage selbstverständlich auch gestellt, wie vor jedem Beitrag übrigens.
Warum hab ich mich nicht empört? Warum bin ich nicht aufgesprungen und habe lauthals „Stop“ gerufen? Viele Kritiker_innen werden mir das vorwerfen. Nach dem Motto, welchen Sinn hätten Gender Studies und Feminismus sonst, wenn Sexisten* und ähnlich Gesinnte weiter ihren Schabernack mit uns treiben könnten?

Einen GROOOOOOßEEEEN – sage ich!

1. Dass ich mir dieser Situation bewusst werden konnte, verdanke ich meinem Fachgebiet und meiner Fähigkeit der Selbst-Reflexion.
2. Ich habe noch viel Zeit mich – gesettled und gezielt – um mehr Verständnis zu bemühen. Denn der nette Kommilitone könnte Wissenslücken aufweisen – wie so viele seiner Gattung – und die werde ich aufspüren und zu schließen bemühen.
3. Bewusster Müßiggang statt impulsiver Überreaktion! Ich kann spontan auch mal komplett überschäumen…und verglühen. Ob ich damit den KLAREN VORURTEILEN über SELTSAME FRAUEN, die sich FEMINISTINNEN nennen und von denen er in der Uni bestimmt einen Sicherheitsabstand hält, entspreche, dürfte sich von selbst beantworten. Auch das habe ich im Verlauf meiner feministischen Bildung gelernt: was gut werden soll, braucht Zeit.

Zum textuellen Überschäumen habe ich mich nun dieses Mediums bedient. Zum verbalen Aufklärungsangriff nutze ich das ganze Semester, in dem ich durch be- und gewusste, gewitzte und unfehlbare Beiträge den unbewegten Mann zum Nachdenken animiere. Ganz egal, ob er zum Feminismus konvertiert oder bei seiner geradewegs-durch-die-Wand-Einstellung bleibt, kein Wort ist unnütz – kein Satz bleibt ungehört. Darauf setze ich – und damit hatte ich bislang immer Erfolg.

Erfolg ist, wenn Feminismus Gehör findet.

Erfolg ist, wenn gerade die privilegiertesten unter den Privilegiertesten einen Moment inne halten und sich fragen: „Geht es mir wirklich so gut in meiner Position?“

Wenn sie dann diese Frage mit „JA“ beantworten ist es ein kleiner Schritt – aber trotzdem einer FÜR das große F!


KF

Gute Frauen, schlechte „Frauen“ – vom paradoxen Wert der Weiblichkeit

Mittwochnachmittag. In der Straßenbahn.
Es ist voll und ich hasse es. Darum vermeide ich, so gut es in Berlin nur geht, Menschenmassen im Feierabendverkehr. Aber an diesem besagten Mittwoch hoffte ich kurzzeitig sogar, dass noch mehr Leute zusteigen, damit ich folgende Situation nicht SO LAUTSTARK mitbekomme:

Drei Typen, alle um die 24, weiß und eigentlich fast typisch für Prenzlberg. Einer ist „Sportler“, einer der „Coole“ und der andere…ja beinahe „Schwiegermutters Liebling“ in Hemd und Weste.
Sie stehen in der Mitte der Bahn und sprechen ziemlich laut über Frauen. (Und ich schreibe jetzt nicht über dieses ‚Männer lästern nicht‘-Syndrom. Das darf an selber Stelle in der Bahn stehen bleiben.)Frauen, das heißt konkret, wer welche behalten sollte und wessen ‚Freundin‘ zu welcher Praktik was zu sagen hat.
Besonders der in Hemd und Weste posaunt seine „Wer L…n will, muss b…n können“-Parolen heraus. So geht es hin und her. Es wird klar ausgesprochen, wer zu Hause was zu bieten hat oder warum bald „Fremdgehen“ angesagt ist. Denn – siehe obere Parole – es sei legitim, wenn frau sich weigert …

Bis dahin nicht weiter überraschend. Ich habe solche Proleten-Talks schon häufig mitbekommen oder sogar dabei mitgemischt. Was mich fast zur Intervention bewegt hat, war das, wohin das Gespräch der drei Frauen-Unfreunde schließlich führte. Fließend kamen sie auf einen gemeinsamen Bekannten zu sprechen. Ich zitiere: „Ach, meinst du den Fetten?“ „Ja, genau, der ist echt fett…“
Das Übergewicht war aber bei weitem nicht das einzige Problem, das der Bekannte hatte. Es gab irgendwie viel an seinem Verhalten „das letzte Mal“ auszusetzen. Dieses hatte den Dreien nicht zugesprochen und so wurde der übergewichtige junge Mann zur „PUSSY“!

Pussy fiel zum ersten, zum zweiten und auch zum dritten Mal. Es hatte sich eine Pussy-Lawine losgerissen, und alles, was mit diesem Bekannten zusammenhing, war Pussyverhalten: seine Feigheit, sein Nichteinhalten von irgendwelchen Versprechungen und natürlich: sein Aussehen.

Mein Kopf dampfe schon und vielleicht schauten die Drei darum ein wenig verwirrt in meine Richtung. Gott sei Dank musste ich bald aussteigen und war doch so wütend.

Es hätte nicht viel gebracht, wenn ich eine feminist lesson an den Tag gelegt hätte. Wahrscheinlich hätten sie es auch nicht gleich begriffen, dass es nicht um ihr unfaires Hinter-dem-Rücken-Gerede geht. Auf dem Weg nach der Straßenbahn ordnete ich meine Gedanken: was war denn nun der schlimmste Punkt auf der Liste?

WIE KANN MAN FRAUEN „LIEBEN“ UND IHREN „NAMEN“ ALS BELEIDIGUNG VERWENDEN?

In ganz einfacher Form ist es nämlich genau das: die Abwertung dessen, was man am meisten liebt. Wie kann die Frau und ihr Geschlecht – die Mutter, die Schwester, die Geliebte – als erste Wahl für Abwertung und Beleidigung dienen?

Es ist ein unter Feminist_innen bekanntes Thema: die Abwertung der Frau und weiblicher Attribute. Jungen ärgern sich schon auf dem Schulhof, wenn sie als „Mädchen“ bezeichnet werden. Irgendwann heißt es, „schwul“ zu sein, sich also als Teenie-Junge zu feminin zu verhalten, zu bewegen und so weiter, wäre schlimm. Effeminierte Männer – nicht okay! Bei Frauen ist „Eier haben“ oder dominant sein nicht damit zu vergleichen.

Und hier wären wir. In der Straßenbahn, wo hetero-Jungs einander ihre Coolness beweisen. Mal wieder und leider auf Kosten der Frauen. Denn, was sie überhaupt nicht reflektieren, ist die Tragweite solcher Handlungen und der Bilder, die beim Aussprechen in den Köpfen entstehen.
Die eine „Pussy“ = gut, die andere „Pussy“ = gaaaanz übel? Das geht nicht. Und dennoch ist dieses Paradoxon Alltag.

Was kann MAN(N) tun?
Ich überspringe mal den RESPEKT-VOR-FRAUEN-Appell, denn der ist ein MUSS!

Jedes Wort ist auch eine Aktion. Jede Phrase ist eine Handlung. Wenn es doch mal eine Beleidigung sein muss, darf Schimpfen die Geschlechterebene verlassen. Und ansonsten kann auf Kraftausdrücke ohnehin vollständig verzichtet werden – Abreagieren hat heutzutage viele Techniken!


KF

Weltmeisterschaftliche Rückansichten

Da philosophiert frau sich den Mund fusselig und schreibt sich die Finger wund – und braucht doch nur wieder den Fernsehen einzuschalten, um die gewohnte Ladung dualistischer Geschlechterklischees in ihrer „natürlichsten“ Form zu bekommen…

Warum ich mich so aufrege? Das sei doch alles längst bekannt und wer‘s nicht sehen will, soll gefälligst weg vom Mainstream-TV kommen… Ja, ja, ja das weiß ich alles. Meine Rage gilt auch nicht dem Alteingesessenen Sexismus in Telenovela, Nachmittags-Talk und Promi-Gerüchteküche. Nein, es sind noch weniger die netten Musikvideos unserer lieben vor sich hin rappenden Genossen B. oder S., M., oder 50-paar-Zerquetschte-Punkt!

Meine heutige Empörung widme ich voll und ganz den unschuldigsten aller TV-Reportagen: den ach so neutral-meinenden Berichten aus aller Welt. Und da wir uns derzeit in einer schrecklich-sportlichen Zeit befinden, kommen besonders viele dieser Filmchen aus dem Gastgeber(innen)land Brasilien: Sonne, Strand, Meer…Land der Schönheits-OPs, Land der Samba, Land der schönen Reichen und der Armen, Land der Extreme…und Land der Pos?!
Das sind einige der Klischeevorstellungen, die auch ohne der bewegten Live-Streams bei sämtlichen Zuschauenden bereits angelegt zu sein scheinen.
Die hohe Kunst des Fernsehjournalismus reiht sich da einfach ein, statt diesem stereotypischen Gewusel einen Riegel vorzusetzen oder hey, noch besserer Vorschlag: ein neues Bild zu erzeugen, das weniger engstirnig und rassistisch-anmutend ist?

Nun ja, da dies nicht geschieht, führe ich kurz an, was ich meine: gestern (am Tag, an dem mir endgültig der Kragen platzte) sah ich ganze 3! Solcher netten Berichte. Ob öffentlich rechtlich oder privat: als hätten sich alle ReporterInnen dieses Landes verschworen.
Das Fatale an der Sache ist, dass alle diese Brasilien-Aufnahmen als harmlose Urlaubsempfehlungen daherkommen und meist Phrasen in sich bergen, die nach „Paradies“ oder „endlosen Landschaften, wunderbaren Welten und purer Erholung“  klingen. Von Cocktails am Strand, Shoppingtour durch die romantischen Gassen oder nächtlichen Tanzleidenschaftauslebungen ist die Rede. Wir werden scheinbar nur eingeladen, dieses Traumland zu erkunden. Darum bedarf es HIER einer ernsthaften INTERVENTION! Denn die Bilder, die einhergehen mit diesem dumpfen und dennoch betörenden Gequatsche, sind alles andere als „neutral-natürlich“. Meine kleine Liste hilft EUCH vielleicht, selbst das zu sehen, was ich sehe – wenn es nicht lange vor mir schon passiert ist:

1. Der binäre Gendercode ist stets präsent: Frauen und Männer werden meist – im Interview oder „von der Seite“ getrennt gezeigt. Da sind die sich räkelnden Mädels, die sportlich aktiven Jungs. Die Brüste, die Bizepse (ist das die Mehrzahl?). Die Schenkel, die Waden…
Wogegen so manche/r FeminstIn seit Jahrzehnten versucht anzukommen, wird hier einmal mehr als die NATUR dargestellt. JA – DAR-GE-STELLT!! Denn wir wissen doch alle: GESCHLECHERKLISCHEES entsprangen nicht Mütterchen Natur, sondern unserem Köpfchen…ach nein, nicht unbedingt UNSEREM, eher ihrem – dem der männlichen Konstrukteure!

2. GANZ GANZ GRENZWERTIG sind die Naturaufnahmen, bei denen die Kamera von den Bergen über zum Meer schwingt, dann am Strand ankommt und SCHWUPP!!! …landet der Fokus wie durch Geisterhand – ganz NATÜRLICH – bei der Hinteransicht von zwei oder drei jungen Frauen. Und als wäre das nicht schon Klischee genug, umfängt der Ausschnitt LEDIGLICH den PO dieser Damen. Wer braucht schon den Kopf, wenn er/sie diesen TRAUMA**** haben kann??
Diese in meinen tränenden feministischen Augen äußerst prekäre Darstellung lässt die ewig-und-drei-Tage-alte Diskussion über Natur vs. Kultur, Weiblichkeit vs. Männlichkeit, Emotion vs. Power auferstehen. Die Gleichsetzung des weiblichen Körpers mit der natürlichen Landschaft führt zum Ergebnis, welches zu gern von den bürgerlichen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts postuliert wurde: die Frau bedarf der Domestizierung seitens des Mannes, denn sie ist es, welche die fruchtbare Erde VERKÖRPERT und GEPFLÜGT und BEACKERT werden muss…
Dreimal dürft ihr raten, wer den Pflug in der Hose(ntasche) hat?

3. Aus den vorhergehenden Punkten folgend sollten die Interviews kritischer beäugt werden. Die Fragen, welche meist darum kreisen „Welche Frauen sind die schönsten?“ oder „Was tut ihr um euch fit und schön zu halten?“ sind ja wohl keine random-Fälle!? Zumindest müssen die Frauen, die hier befragt werden inklusive ihres Gesichts gezeigt werden…
Deswegen sind die Antworten nicht weniger dichotom oder rassistisch, nicht weniger durchtränkt von Sexismus.
Wem RAPE-CULTURE nichts sagt, sollte einmal kurz googlen. Der Missbrauchs-Diskurs, der sich mit den sexuellen Übergriffen auf meist weibliche Opfer befasst, hat es in sich. Er ist höchstbrisant in den USA vertreten, aber auch in Deutschland wird nach und nach dazu debattiert. Darin heißt es oft, dass Frauen selbst schuld seien, dass sie verführen würden und sich gefälligst nicht so aufreizend kleiden sollten, wenn sie nicht auf Belästigung aus wären…
Ich weiß, das ist traurig, dumm und menschenunwürdig. But still… es ist heute oft so, dass Täter* genau das behaupten, wenn es um das WARUM? geht.
Genau da lehnen sich viele der Berichte an, wenn brasilianische Frauen als Reinkarnation der reinsten Lustobjekte beschrieben werden oder sich selbst beschreiben müssen. Sexy hin oder her, aber was ist mit Sextourismus? Was ist mit Minderjährigen? Ach ja, ich vergaß – alles was zählt, ist ja die Äußerlichkeit, da es immer warm ist und viel nackte Haut gezeigt wird…

Es ist zum verzweifeln, aber ich bin nicht bereit es aufzugeben – also bitte merken:

GENDER-KLISCHEES sind KEINE NATÜRLICH GEWACHSENE TATSACHE!

FRAUEN bestehen nicht nur aus den Einzelteilen ihres Körpers (Männer übrigens auch).

NATUR VERSUS KULTUR ist lange hinfällig! Denn 1. Dichotomie reicht nicht aus, um so komplexe Wesen(heiten) wie uns Menschen zu beschreiben. Und 2. F*** PATRIARCHY ;)!

❤ KF