E ! G ! O !

Weibliches Ego. Männliches Ego.

Ich gebe zu, ich bin nicht frei von leicht klischeeangehauchtem Denken, wenn es um das zarte Ego von Ex-Partnern geht. Dabei teilen sich meine bisherigen Errungenschaften in zwei Kategorien: die, die immer noch nicht über das bittere Ende unserer Verbindung (oder über meine unmögliche Art) hinwegkommen. Und das meine ich nicht herablassend. Meist ist die Zeit, die ich meinen semi-monogamen Partnerschaften widme, eine bis aufs Äußerste intensive und auf die intimste Weise gespannte. Ich gebe alles von mir und ich erwarte dasselbe auch von dem, der auf der anderen Seite steht/liegt/sitzt/denkt/fühlt. Kurz: ich will alles im Tausch gegen mich.

Darum kann es bei dieser ersten Kategorie sein – und ist bislang immer so gewesen – dass das männliche Ego Schaden nimmt, wenn alles wieder vorbei ist und die Gefühle verblassen. Weil ich nicht ans Immer-und-Ewig glaube, weiß ich, dass alles vergänglich ist und genieße den Moment des Beginns genau wie den des Abschlusses. So wie ich, sehen das aber nicht alle. Und es gibt Männer aus meinem Leben, die noch heute, viele Jahre nach „uns“, keine Lust auf ein „Danach“ haben. Zum Beispiel in Form von platonisch-reflexiven und aufarbeitenden Gesprächen, die ich als sehr produktiv erachten würde. Frau lernt schließlich nicht nur aus dem Erlebten. Wie gern würde ich mit meinem ersten langjährigen Freund über unsere gemeinsame Zeit sprechen. Ihm danken, aber auch schelten. Ein bisschen von allem auf eine post-amouröse Weise.

Stattdessen melden sich „Nachrückerinnen“ bei mir mit der Frage, welches traumatische Erlebnis zwischen uns IHN dazu gebracht hat, noch nicht einmal meinen Namen aussprechen zu können. Not sure…

Diese erste Kategorie können bestimmt die meisten nachvollziehen. Sei es von der einen oder von der gegenüberliegenden Seite aus. Beides geht. Und beides liegt nicht zwingend daran, wer „Schluss gemacht“ hat. Das habe ich gelernt. Selbst bei einvernehmlichen Trennungen scheint das Ego es sich am Ende anders zu überlegen.

Schwieriger wird es bei der zweiten Kategorie. Eine mysteriöse Schublade mit Egos, die einen Sprung haben, der aber nicht sichtbar ist. Trotzdem ist er da. Das scheinbar heile Ganze fällt bei geringster Erschütterung auseinander. Manchmal geschieht das langsam und unbemerkt. Und eines Tages findet man statt eines intakten Tellers nur noch Scherben, obwohl niemand ihn zerschlagen hat…

Mit dieser zweiten Kategorie habe ich es oft zu tun. Nach Jahren musste ich heute zwei Geschichten hören, die mich dazu veranlasst haben, eine Flasche Wein zu öffnen und davon zu erzählen:

Meine erste Geschichte handelt von einem ehrgeizigen und über-und-über ambitionierten, zutiefst melancholischen Menschen. Manchmal fröhlich in Moll, ich wie zu sagen pflegte. Meistens jedoch trunken vor Arbeit, vor Selbstzweifel und der Liebe zu mir. Oh ja, wir liebten uns. So richtig echt. So echt, dass es eben nicht lange dauern kann, weil da so viel Energie drin steckt. Ich hielt das nur zwei Jahre aus. Nach unzähligen Briefen, nach den wunderbarsten und alles-vergessen-lassenden Gesprächen, linken Theorien und dieser bittersüßen Pseudogewissheit, dass alles bald vorbei sein würde. Es kam der Tag. Ich wollte meinen Körper, meinen Kopf nur noch für mich. Es war hart, aber nach kurzer Zeit fühlte es sich richtig an. Ich war frei, er war frei. Wir liebten uns immer noch, aber irgendwie ganz anders. Post-amorös, post-physisch. Wir sahen uns oft. Auch später. Ich schnitt mir die Haare ab. Er sagte, er würde mich auch lieben, wenn ich ein Junge wär. So war das. Dann vergingen ein paar Jahre. Sporadisch in Kontakt, dankte ich ihm trotzdem jeden Tag für jede Erfahrung, die ich durch und mit ihm machen konnte. Heute noch lese ich die gebundenen Briefe, die Mails, die wir uns schrieben. Sehe mir kleine Notizen an und hege den heimlichen Wunsch, mich eines Tages mit ihm über unsere Beziehung unterhalten zu können. So richtig. Ohne Tabus. An die wir beide sowieso nie geglaubt haben. Oh, wie tabulos wir waren.

Nun, so dachte ich. Im letzten Jahr sprachen wir vielleicht zweimal miteinander und das nur, weil er von unserer Familientragödie mitbekam. Ich dachte, wir wären im Reinen. Ich dachte, es wäre nur eine zeitarme Phase und bald, ja ganz bald, würden wir wieder unsere einander beflügelnden Ideen austauschen. Falsch. Heute habe ich von einer gemeinsamen Bekannten erfahren, dass er nichts von mir wissen möchte. Dass er ein neues Leben führt und dass ich es gefälligst unterlassen sollte, Kontakt zu ihm zu suchen (bei dem es sich um JÄHRLICHE Geburtstagsgrüße handelt…). Ich war baff. War das derselbe Mensch, der mir sagte, es gibt keine Grenzen, keinen Tellerrand, nichts Unmögliches. Er nannte mich seine kleine Philosophin. Jetzt hatte er diesen Freigeist wohl an der biedermeier‘schen  Garderobe abgegeben. Oder war es sein Ego, was an ihm so lange nagte, bis er nachgab und meine mangelnde Präsenz ihr Übriges tat (das ist jetzt mein Ego, was aus mir spricht)…

Mein Ego ist definitiv angekratzt: wo ist der Fehler? Habe ich etwas falsch gemacht? Warum gehen unsere sonst synchronen Gedankengänge plötzlich so weit auseinander. Mein Wunsch nach Diskurs, nach Kaffee oder Wein und in die Abgründe blickenden Gespräche.

Das ist die erste Geschichte.

Die zweite ist wesentlich kürzer, noch stereotypischer und doch ist sie so charakteristisch für viele, mit denen ich sonst darüber sprach und die mir jetzt selbst wiederfährt.

Er war ein Mensch, der sich irgendwann als konservativ definiert hat. Im Grunde uninteressant für mich. Nach zwei oder drei Treffen hatten wir schon den Rahmen unseres Verhältnisses abgesteckt: von mir war es die Physis. Alles war gut, solange wir nicht reden mussten. Er stand auf klare Linien, die in seinem Fall hießen, Tunnelblick. Arbeit, Geld, Haus bauen, Frau heiraten, Kinder haben. Für alles ein Dokument, ein Zeugnis. Keine Zwischenstationen oder Abwege im Leben. Und genau so lebte er. Mit Feminismus konnte er nichts anfangen. Mich reizte das, weil ich unsere Verbindung als DEN emanzipativsten Akt überhaupt ansah: er mochte weder kurze Haare, noch selbstbewusste Frauen, noch weniger mochte er aber die Kombination und war dennoch mit mir „zusammen“. Diese Definition musste er dem Ganzen geben. Ich sprach von meinem Unglauben an die Monogamie, während er sich zurückhalten musste, um nicht in wenigen Wochen „Ich liebe dich“ zu sagen. Körperlich lief es echt gut, weshalb ich es darauf begrenzte. Ein paar kleine Kleinigkeiten waren seltsam, aber hey, nobody is perfect -.-…
Er erzählte mir von seiner ersten großen Liebe, die ihn sehr unschön verließ und seiner Angewohnheit seitdem, Frauen eher früh als spät zu verlassen, um nicht wieder als Opfer der Umstände dastehen zu müssen. Absolut verständlich, weshalb ich nach ein paar Monaten ganze Mädels- und Familienabende damit füllte, eine ego-sensible Strategie zu konzipieren, ihn von einem Ende zu überzeugen. Dabei wäre es mir nur recht, wenn er von sich aus sagen würde „Schluss!“. Tat er aber nicht. Wir feierten sogar vor dem entscheidenden Treffen meinen Geburtstag, von dem er wahrscheinlich noch heute schwärmt und meine Party als die beste, die er je erlebt hat betitelte. Ich kann das :). Dann trafen wir uns. Es ging besser als gedacht. Wir einigten uns auf weitere Treffen in Zukunft, die gerne körperlicher Natur sein durften. Wozu es aber nie kam. Treffen gab es aber. Initiiert wurden sie von ihm. Ich beließ es aber immer bei Kaffee-Dates und dem belanglosen Austausch von „Was geht bei dir grad so ab“-Floskeln. Ich wusste, dass er sich immer dann mit mir trifft, wenn mal wieder eine seiner seltsamen Wochen-Beziehungen zu Ende gegangen war und er seinem Ego versichern musste, da gibt es doch welche, die kann ich einfach anrufen.

Ich wäre auch gern diese Person. Ich bin selbst ein bisschen so. Aber nicht als Ego-Push, sondern als Lebenseinstellung. Liebe lässt sich teilen.

Der Kern von all dem ist, dass ich heute fast vom Stuhl gekippt bin, als ich hörte, dass ein ganzer FreundInnenkreis (mit dem ich Göttin sei Dank nicht oft interagiere) eine sehr individuell-ausgeschmückte Version unseres Auseinandergangs hört und kennt: nämlich die, dass er ganz allein mich sitzen gelassen hat, aus den so oder so oben genannten Gründen. Oh man…
Wie sollte es auch sonst kommen? Sie: Feministin. Er: Möchtegern-Patriarch mit der einzigartigen Gelegenheit seine Sicht der Dinge zu erzählen, die ich nie falsifizieren können würde. Dass er sich aber auch die Blöße gab, sich mit mir danach zu treffen und sicher mit vollster Genugtuung festzustellen, dass ich immer noch glücklich, offen, ihm absolut zugewandt und free-spirited war. Ohne zu ahnen, dass er sich als der Obermacho aufspielte, der MICH verließ…

Mein Ego musste sich heute echt mal wieder bei mir melden. Kurz fühlte es sich so an, als würde es irgendwo zwischen Magen und Luftröhre einen Knoten binden und abwarten. Wie würde ich reagieren? Würde ich mich aufregen? Wäre ich traurig? Frustriert? Enttäuscht?

Nichts von all dem, um ehrlich zu sein. Ich bin immer noch so zuversichtlich, wie vorher. Den Knoten habe ich gelöst. Mein Ego zittert immer noch ein bisschen. Ob sich das Bild dieser Ex-Menschen nachhaltig wandeln wird, kann ich noch nicht sicher sagen. Dafür vernebelt der Wein noch meine Lang-Zeit-Plan-Fähigkeit. Was ich aber auch in diesem Zustand sicher weiß ist, dass meine feministische Position mir eine so unbezwingbare Stärke verleiht, dass ich nicht in Selbstmitleid versinken brauche. Ich sehe die Schwächen der Menschen, ich schätze deren Egos, auch wenn sie ihrer eigenen Zartheit und Fragilität nicht bewusst sind […]

Visuell, materiell – vom Sehen und (nicht) anfassen Wollen

Als ich gestern meine gewohnte und kurze Straßenbahnstrecke zur Uni fuhr, kam mir ein Gedanke, den ich schon häufig hatte aber nie zu Papier brachte. Das heißt, ich denke seit vielen Jahren immer wieder daran. Und das wiederum heißt, dass es lange vor Blogzeiten zu dieser Art Denken kam: nämlich der Wahrnehmung von Menschen. Noch genauer von der Wirkung und Bewertung ihrer Körper. Auch von dem meinen. Und auch von denjenigen, die ich liebte, die ich begehrte, die ich aber auch schrecklich oder abschreckend fand. Weil es mir kaum gelingt, mich davon im Rush Hour Verkehr Berlins abzuhalten, andere Menschen anzuschauen, komme ich nicht um solche Gedanken herum. Obschon ich lange aufgehört habe, post-pubertär Vergleiche zu ziehen oder das täglich „othering“ zu betreiben, in dem ich möglichst gut wegzukommen versuchte.

Heute sehe ich Menschen in ihrer Vielfältigkeit an. Es gibt Körper, die attraktiv auf mich wirken. Weibliche, männliche, nicht-weibliche, weiblich-männliche, männlich-weibliche und die, welche nicht in die binäre Struktur passen (wollen und müssen).
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…eine kleine Abschweifung, bevor ich fortfahre: ich gehe davon aus, dass die meisten von uns irdischen Wesen der westlichen Welt (und vielleicht auch die anderer Himmelsrichtungen) ziemlich oft materiell ausgerichtet sind. Es wird Gutes wie weniger Gutes materiell ausgelegt und untermauert. Materialismus – das ist nicht abwertend gemeint. Natürlich wäre ich immer dazu geneigt, eine Kapitalismuskritik an den Tag zu legen, mich über die überbewerteten materialistischen Statussymbole alle Klassen und Schichten auszulassen oder mich für die stärkere Hinwendung zu „höheren“ weil „geistigen“ Werten einzusetzen. Das tue ich jetzt nicht. Denn dieser Exkurs ist nur so etwas wie eine Prämisse, um das Nachfolgende besser verstehen zu können. Ich meine zumindest, dass es dafür dienen könnte.
Bei dem Einwand, es wäre anders und Familie, Freunde, Vertrauen, Humor, Sicherheit etc. wären unser wertvollstes „Gut“ (diese Ironie sei mir verziehen), sage ich: Klar! Aber denkt frau und man etwas tiefer hinein, ist leicht festzustellen, dass diesen „Gütern“ ihr eigener Materialismus inhärent ist. Bei Diskussionen um Freunde und Familie rutschen wird schnell in Themengebiete, wie „Wer erbst was von wem? Und vor allem: wie viel davon?“ oder „Ich habe aber mehr ausgegeben bei ihrem/seinen Geburtstagsgeschenk!“ oder „Letztens geizten die doch auch!“ oder „Die läuft jetzt wie eine Kopie von mir/ihm/ihr rum!“ … Alles Reden und Denken um Prunk und Pracht, um Definitionsmerkmale einer/eines Jeder/Jeden machen für mich ihre materielle Un-Freiheit aus. Bei den bekannten „inneren Werten“ von Menschen, denen wir vertrauen, deren Humor wir schätzen oder bei denen wir uns in Sicherheit wägen. Ja auch hier finde ich den Materialitätsbezug offensichtlich. Denn prahlen wir nicht auch mal mit dem lustigen Freund, mit dem es immer Spaß macht, unterwegs zu sein – ein menschliches Statussymbol, dessen Schein uns mitnimmt und von der Seite anleuchtet? Oder das Vertrauen: wir „gewinnen“ es mit Taten, wir „verlieren“ es durch Handlungen, wir „nutzen“ es oder „bauen es auf“… ähm, ja. Hallo, Bruder Materialismus!
Na und wie verhält es sich mit Sicherheit? Safer Sex – ein Paradebeispiel, wo „Inneres“ und „Äußeres“ einander begegnen. Sicherheit spielt im Alltag beinahe ÜBERALL eine Rolle. Und niemand wird sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass Sicherheit ein rein geistiges, immaterielles Etwas ist, was nur im Reich der Gefühle herumspukt? Widersprüche sind willkommen.
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Aber das soll, NOCHMAL, keine Materialismuskritik werden. Ganz im Gegenteil. Ich möchte meine Sicht der DINGE mit euch teilen:

Ich liebe Menschenkörper. Solche, die ICH als ästhetisch empfinde. Vor allem sind das Frauenkörper, die wohlproportioniert und vielleicht ein bisschen in den Mainstream der DaVinci-Maße passen. Ich bin mir dessen bewusst, dass es ein Ausgrenzungsprozess ist, der manche einschließt und manche eben aus. Aber ich bin auch nur ein Mensch und ich bin im Stande, diese Aussagen meinerseits zu reflektieren und habe damit auch nichts „Böses“ vor. Es ist nun mal so: mir gefallen Körper, die in ihren Proportionen „stimmig“ sind. Für MICH. Und Ende. Wir alle haben sicherlich unseren Geschmack. Das heißt aber nicht, dass die anderen weniger Wert haben. Sie sind nur eben auf der Attraktivitätsskala nicht an derselben Stelle. Zumal ich ohnehin ziemlich heterosexuell ausgerichtet bin – ohne auch hier zu exklusiv werden zu wollen ;).
Okay, zurück zum Wesentlichen: die Körper, an denen mein Blick haften bleibt. Nicht nur Frauenkörper schaffen das. Männer, die zugegebenermaßen ein bisschen „feminin“ sind, sprechen mich ebenso an. Nicht in ihrer Statur, sondern was z.B. ihre Körperbehaarung angeht, ihren Ausdruck, ihren Geruch und so weiter. Feminin ganz klar in ANFÜHRUNGZEICHEN! Denn ich empfinde sie nicht als „weiblich“ oder „fraulich“ oder oder… Das tut die Gesellschaft und leider bin ich hier und jetzt auf unsere geliebt-gehasste Sprache zurückzugreifen, die nun mal ein beschränktes Vokabular bietet. Bitte verzeiht! Liebe Männer, liebe Frauen, liebe * und liebe _! Bitte, bitte!

Diese Körper, eure und unsere, die ich schön finde, haben allerdings für mich ein großes Manko. Sie sind meist real. Und mit real meine ich materiell. Und mit materiell meine ich, sie sind meistens da, sie stehen neben mir in der Bahn, sie laufen vorbei oder sitzen an einem Tisch mit mir. Im schlimmsten Fall schweifen sie mich, berühren meinen Arm oder quetschen mich in der U-Bahn zwischen sich ein. Meine Alarmglocken läuten dann so laut in meinem Kopf, dass ich häufig schweißgebadet und mit pochendem Kopf hinausrenne und versuche, mich von dem Körperkontakt freizuschütteln.
Krank? Psycho? Wer weiß das schon. Es ist meine Erfahrung.
Nichtsdestotrotz liebe ich Körper. Ein Dilemma? Ich kann Körper wunderschön, berauschend, explosiv und überwältigend finden. Sie in meiner Nähe zu spüren, löst in mir dennoch Unbehagen aus.
Ich finde mich in dem Zwiespalt wieder, der sich am besten mit dem Visuellen darstellen lässt. Auf Fotos, auf Bildern finde ich Körper genau so, wie ich es beschrieben habe. Manchmal kann ich ein solches Bild minutenlang anstarren und jedes Detail immer wieder neu analysieren. Wie die Fingen sich in der Halbfaust biegen, wie sich die Sehnen am Hals zeigen, wenn sie zur Seite blickt, wie der Hosenbund gerade noch so fest geschnallt ist, damit nichts rutscht aber auch nichts einengt… Und solche Details, die nicht durch Worte zu erfassen sind: Härchen, Wimpern, Strähnchen, Nägel, Sichtbares und Angedeutetes… Körper sind wunderbar!
Wunderbar auf Papier. In Zeitschriften, online in s/w oder Farbe, inszeniert oder lebensecht, zielorientiert oder der freien Interpretation überlassen…
Ich sehe mir diese Bilder an und denke dabei oft das kurze Wörtchen WOW! Ich bin begeistert und angetan. Manchmal emotionale aufgewühlt, weil bestimmte Posen und Haltungen, Gesten und Mimiken etwas in mir auslösen. Aber live? No way!
Ich finde zum Beispiel Haare per se schrecklich. Haare, vor allem lange, sind eher abstoßend für mich. Nicht umsonst habe ich selbst mich bewusst für eine kürzere Version entschlossen. Denn dieser Ekel erstreckt sich auch auf meine – wenn auch dünnen, hellen – eigenen Haupthaare.
Haare auf Beinen, Brust oder an sonstigen Körperregionen machen mir Angst. Diese Ablehnung der materiellen (ergo: „anfassbaren“) Haare verfolgt mich bereits seit früher Kindheit und ist nachweislich kein Mitt-Zwanziger-Tick :P.

Soo, Haare sind bei weitem nicht die einzige Eigenschaft von lebenden Körpern, die mich eher abstößt, denn anzieht: Körperfunktionen, wie Eigengeruch, wie Nägelwachstum, wie Klamotten, die immer nicht ganz so frisch zu sein scheinen, wie Fotos es suggerieren. Oder die Haut mit ihrer Talgproduktion, die Schuhe, bei denen ich mich fragen muss, was sich drin befindet? Uff, wenn ich das jetzt aufzähle, finde ich mich ja selbst nicht mehr ganz knusper…
Aber ich hoffe, das zeigt worauf ich hinaus will: die ENORME Differenz zwischen der visuellen Darstellung und Ästhetik von Körpern und deren materieller Präsenz.
Genau solche Gedanken überkommen mich in den unterschiedlichsten Situationen. Am krassesten ist wohl das bekannte Beispiel, wenn ein geliebter Körper plötzlich anfängt zur Routine zu werden. Es wird zur täglichen Normalität und offenbart mit jedem heranbrechenden Tag mehr und mehr seiner normalen Eigenschaften. Das, was vorher ganz in Ordnung war und zu übersehen war, wird deutlich. Und deutlich heißt für mich nicht einfach akzeptabel oder tolerierbar. Ganz im Gegenteil: es wird abstoßend und ich würde diesen Körper am liebsten auf ein Bild verbannen, wo er konserviert wird und mich nicht mehr mit seinem Funktionieren belastet.
Sich kräuselnde Beinhaare – ahhh!! Schweißperlen auf der Stirn, die sich an die meine lehnt – hilfeee!!!

So geht es dann weiter und weiter. Naja, eigentlich geht es nicht weiter. Denn dann – und SPÄTESTENS DANN – ist alle Liebe vorbei. Sie ist es im Grunde vorher, denn wenn sich meine Augen dafür für aufnahmefähig erweisen, ist das ein sicheres Zeichen, dass der Hormoncocktail nachlässt.

Das ist nicht fair, ich weiß das. Und wenn sich jemand fragt, wie es sich mit meinem eigenen Körper verhält, der/dem sage ich: ähnlich! Nur ist unser Körper zu aller erst dafür da, um uns Bewegung und Aktion zu ermöglichen, wofür ich meinen vordergründig nutze. Und meine Vorliebe für Körperästhetik oder besser gesagt für ästhetische Körper, bezieht sich nicht auf Körper, die dem meinen ähneln. Es ist fast umgekehrt. Doch dazu vielleicht in einem der kommenden Posts mehr.

Das Ganze abrunden lässt sich durch den Ursprungstitel dieses Beitrags: vom Sehen und (nicht) anfassen Wollen. Ist das ein Widerspruch? Vielleicht. Ist er real möglich, JA! Ist er legitim? Wer weiß.

You shall decide on your own.

❤ KF