E ! G ! O !

Weibliches Ego. Männliches Ego.

Ich gebe zu, ich bin nicht frei von leicht klischeeangehauchtem Denken, wenn es um das zarte Ego von Ex-Partnern geht. Dabei teilen sich meine bisherigen Errungenschaften in zwei Kategorien: die, die immer noch nicht über das bittere Ende unserer Verbindung (oder über meine unmögliche Art) hinwegkommen. Und das meine ich nicht herablassend. Meist ist die Zeit, die ich meinen semi-monogamen Partnerschaften widme, eine bis aufs Äußerste intensive und auf die intimste Weise gespannte. Ich gebe alles von mir und ich erwarte dasselbe auch von dem, der auf der anderen Seite steht/liegt/sitzt/denkt/fühlt. Kurz: ich will alles im Tausch gegen mich.

Darum kann es bei dieser ersten Kategorie sein – und ist bislang immer so gewesen – dass das männliche Ego Schaden nimmt, wenn alles wieder vorbei ist und die Gefühle verblassen. Weil ich nicht ans Immer-und-Ewig glaube, weiß ich, dass alles vergänglich ist und genieße den Moment des Beginns genau wie den des Abschlusses. So wie ich, sehen das aber nicht alle. Und es gibt Männer aus meinem Leben, die noch heute, viele Jahre nach „uns“, keine Lust auf ein „Danach“ haben. Zum Beispiel in Form von platonisch-reflexiven und aufarbeitenden Gesprächen, die ich als sehr produktiv erachten würde. Frau lernt schließlich nicht nur aus dem Erlebten. Wie gern würde ich mit meinem ersten langjährigen Freund über unsere gemeinsame Zeit sprechen. Ihm danken, aber auch schelten. Ein bisschen von allem auf eine post-amouröse Weise.

Stattdessen melden sich „Nachrückerinnen“ bei mir mit der Frage, welches traumatische Erlebnis zwischen uns IHN dazu gebracht hat, noch nicht einmal meinen Namen aussprechen zu können. Not sure…

Diese erste Kategorie können bestimmt die meisten nachvollziehen. Sei es von der einen oder von der gegenüberliegenden Seite aus. Beides geht. Und beides liegt nicht zwingend daran, wer „Schluss gemacht“ hat. Das habe ich gelernt. Selbst bei einvernehmlichen Trennungen scheint das Ego es sich am Ende anders zu überlegen.

Schwieriger wird es bei der zweiten Kategorie. Eine mysteriöse Schublade mit Egos, die einen Sprung haben, der aber nicht sichtbar ist. Trotzdem ist er da. Das scheinbar heile Ganze fällt bei geringster Erschütterung auseinander. Manchmal geschieht das langsam und unbemerkt. Und eines Tages findet man statt eines intakten Tellers nur noch Scherben, obwohl niemand ihn zerschlagen hat…

Mit dieser zweiten Kategorie habe ich es oft zu tun. Nach Jahren musste ich heute zwei Geschichten hören, die mich dazu veranlasst haben, eine Flasche Wein zu öffnen und davon zu erzählen:

Meine erste Geschichte handelt von einem ehrgeizigen und über-und-über ambitionierten, zutiefst melancholischen Menschen. Manchmal fröhlich in Moll, ich wie zu sagen pflegte. Meistens jedoch trunken vor Arbeit, vor Selbstzweifel und der Liebe zu mir. Oh ja, wir liebten uns. So richtig echt. So echt, dass es eben nicht lange dauern kann, weil da so viel Energie drin steckt. Ich hielt das nur zwei Jahre aus. Nach unzähligen Briefen, nach den wunderbarsten und alles-vergessen-lassenden Gesprächen, linken Theorien und dieser bittersüßen Pseudogewissheit, dass alles bald vorbei sein würde. Es kam der Tag. Ich wollte meinen Körper, meinen Kopf nur noch für mich. Es war hart, aber nach kurzer Zeit fühlte es sich richtig an. Ich war frei, er war frei. Wir liebten uns immer noch, aber irgendwie ganz anders. Post-amorös, post-physisch. Wir sahen uns oft. Auch später. Ich schnitt mir die Haare ab. Er sagte, er würde mich auch lieben, wenn ich ein Junge wär. So war das. Dann vergingen ein paar Jahre. Sporadisch in Kontakt, dankte ich ihm trotzdem jeden Tag für jede Erfahrung, die ich durch und mit ihm machen konnte. Heute noch lese ich die gebundenen Briefe, die Mails, die wir uns schrieben. Sehe mir kleine Notizen an und hege den heimlichen Wunsch, mich eines Tages mit ihm über unsere Beziehung unterhalten zu können. So richtig. Ohne Tabus. An die wir beide sowieso nie geglaubt haben. Oh, wie tabulos wir waren.

Nun, so dachte ich. Im letzten Jahr sprachen wir vielleicht zweimal miteinander und das nur, weil er von unserer Familientragödie mitbekam. Ich dachte, wir wären im Reinen. Ich dachte, es wäre nur eine zeitarme Phase und bald, ja ganz bald, würden wir wieder unsere einander beflügelnden Ideen austauschen. Falsch. Heute habe ich von einer gemeinsamen Bekannten erfahren, dass er nichts von mir wissen möchte. Dass er ein neues Leben führt und dass ich es gefälligst unterlassen sollte, Kontakt zu ihm zu suchen (bei dem es sich um JÄHRLICHE Geburtstagsgrüße handelt…). Ich war baff. War das derselbe Mensch, der mir sagte, es gibt keine Grenzen, keinen Tellerrand, nichts Unmögliches. Er nannte mich seine kleine Philosophin. Jetzt hatte er diesen Freigeist wohl an der biedermeier‘schen  Garderobe abgegeben. Oder war es sein Ego, was an ihm so lange nagte, bis er nachgab und meine mangelnde Präsenz ihr Übriges tat (das ist jetzt mein Ego, was aus mir spricht)…

Mein Ego ist definitiv angekratzt: wo ist der Fehler? Habe ich etwas falsch gemacht? Warum gehen unsere sonst synchronen Gedankengänge plötzlich so weit auseinander. Mein Wunsch nach Diskurs, nach Kaffee oder Wein und in die Abgründe blickenden Gespräche.

Das ist die erste Geschichte.

Die zweite ist wesentlich kürzer, noch stereotypischer und doch ist sie so charakteristisch für viele, mit denen ich sonst darüber sprach und die mir jetzt selbst wiederfährt.

Er war ein Mensch, der sich irgendwann als konservativ definiert hat. Im Grunde uninteressant für mich. Nach zwei oder drei Treffen hatten wir schon den Rahmen unseres Verhältnisses abgesteckt: von mir war es die Physis. Alles war gut, solange wir nicht reden mussten. Er stand auf klare Linien, die in seinem Fall hießen, Tunnelblick. Arbeit, Geld, Haus bauen, Frau heiraten, Kinder haben. Für alles ein Dokument, ein Zeugnis. Keine Zwischenstationen oder Abwege im Leben. Und genau so lebte er. Mit Feminismus konnte er nichts anfangen. Mich reizte das, weil ich unsere Verbindung als DEN emanzipativsten Akt überhaupt ansah: er mochte weder kurze Haare, noch selbstbewusste Frauen, noch weniger mochte er aber die Kombination und war dennoch mit mir „zusammen“. Diese Definition musste er dem Ganzen geben. Ich sprach von meinem Unglauben an die Monogamie, während er sich zurückhalten musste, um nicht in wenigen Wochen „Ich liebe dich“ zu sagen. Körperlich lief es echt gut, weshalb ich es darauf begrenzte. Ein paar kleine Kleinigkeiten waren seltsam, aber hey, nobody is perfect -.-…
Er erzählte mir von seiner ersten großen Liebe, die ihn sehr unschön verließ und seiner Angewohnheit seitdem, Frauen eher früh als spät zu verlassen, um nicht wieder als Opfer der Umstände dastehen zu müssen. Absolut verständlich, weshalb ich nach ein paar Monaten ganze Mädels- und Familienabende damit füllte, eine ego-sensible Strategie zu konzipieren, ihn von einem Ende zu überzeugen. Dabei wäre es mir nur recht, wenn er von sich aus sagen würde „Schluss!“. Tat er aber nicht. Wir feierten sogar vor dem entscheidenden Treffen meinen Geburtstag, von dem er wahrscheinlich noch heute schwärmt und meine Party als die beste, die er je erlebt hat betitelte. Ich kann das :). Dann trafen wir uns. Es ging besser als gedacht. Wir einigten uns auf weitere Treffen in Zukunft, die gerne körperlicher Natur sein durften. Wozu es aber nie kam. Treffen gab es aber. Initiiert wurden sie von ihm. Ich beließ es aber immer bei Kaffee-Dates und dem belanglosen Austausch von „Was geht bei dir grad so ab“-Floskeln. Ich wusste, dass er sich immer dann mit mir trifft, wenn mal wieder eine seiner seltsamen Wochen-Beziehungen zu Ende gegangen war und er seinem Ego versichern musste, da gibt es doch welche, die kann ich einfach anrufen.

Ich wäre auch gern diese Person. Ich bin selbst ein bisschen so. Aber nicht als Ego-Push, sondern als Lebenseinstellung. Liebe lässt sich teilen.

Der Kern von all dem ist, dass ich heute fast vom Stuhl gekippt bin, als ich hörte, dass ein ganzer FreundInnenkreis (mit dem ich Göttin sei Dank nicht oft interagiere) eine sehr individuell-ausgeschmückte Version unseres Auseinandergangs hört und kennt: nämlich die, dass er ganz allein mich sitzen gelassen hat, aus den so oder so oben genannten Gründen. Oh man…
Wie sollte es auch sonst kommen? Sie: Feministin. Er: Möchtegern-Patriarch mit der einzigartigen Gelegenheit seine Sicht der Dinge zu erzählen, die ich nie falsifizieren können würde. Dass er sich aber auch die Blöße gab, sich mit mir danach zu treffen und sicher mit vollster Genugtuung festzustellen, dass ich immer noch glücklich, offen, ihm absolut zugewandt und free-spirited war. Ohne zu ahnen, dass er sich als der Obermacho aufspielte, der MICH verließ…

Mein Ego musste sich heute echt mal wieder bei mir melden. Kurz fühlte es sich so an, als würde es irgendwo zwischen Magen und Luftröhre einen Knoten binden und abwarten. Wie würde ich reagieren? Würde ich mich aufregen? Wäre ich traurig? Frustriert? Enttäuscht?

Nichts von all dem, um ehrlich zu sein. Ich bin immer noch so zuversichtlich, wie vorher. Den Knoten habe ich gelöst. Mein Ego zittert immer noch ein bisschen. Ob sich das Bild dieser Ex-Menschen nachhaltig wandeln wird, kann ich noch nicht sicher sagen. Dafür vernebelt der Wein noch meine Lang-Zeit-Plan-Fähigkeit. Was ich aber auch in diesem Zustand sicher weiß ist, dass meine feministische Position mir eine so unbezwingbare Stärke verleiht, dass ich nicht in Selbstmitleid versinken brauche. Ich sehe die Schwächen der Menschen, ich schätze deren Egos, auch wenn sie ihrer eigenen Zartheit und Fragilität nicht bewusst sind […]

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Persönliches zum Öffentlichen

Ich bin ein solches Mädchen: ich muss immer und überall das stille Örtchen aufsuchen. Ich trinke eben viel Wasser und meine Blase hält nicht so viel aus, wie ich.
Das ist ja eigentlich auch in Ordnung.
In Deutschland ist es wunderbar. Und würde ich es mit Russland vergleichen (weil ich das kann – bei anderen Ländern lasse ich Einheimischen den kritischen Vortritt), gäbe es wenig zu meckern. Meine Mutter lernt immer noch um. Sie erzählte mir, wie sie es chronisch krampfhaft vermied, unterwegs zu trinken. Beim Einkaufen, beim Hin- und Herfahren. Trinken ging nur a) auf Arbeit, b) zu Hause. Sie hatte Angst. Denn draußen zu müssen, kann nicht nur unbequem sein, sondern auch gefährlich. Für Frauen im Gebüsch oder im Hinterhof ist die Pinkel-Situation nicht gerade rosig.
Vielleicht besuchen sich Russ_innen so gern. In den eigenen vier Wänden ist es wenigstens sicher, dass frau es rechtzeitig ins Bad schafft. Da stellte sich nicht die Frage „Wie sieht’s da aus“ sondern „Gibt’s eine Alternative zum Gebüsch“.
Es gibt unzählige feministische Zwischenrufe und Kummerkästen – hier – die Männer* beneiden (weil: im Stehen pinkeln, überall und jederzeit) oder Verbesserungen für Frauen* fordern (weil: vieeeel mehr zu machen von monatlichem Ärgernis bis Babywickeln). Für mich ist jeder dieser Beiträge ein Segen! Ich freue mich, dass ENDLICH darüber gesprochen wird. Endlich wird ausgesprochen, was sonst im Stillen verbleibt. Nur weil es ein solches Örtchen sein soll, muss nicht darüber geschwiegen werden. Oder?
Und jetzt ein kurzer Trip in die Kindheit: wer war mit Euch auf der Toilette? Bis zu einem gewissen Alter war es doch die Mutter. Mütter nehmen auch heute meiner Erfahrung nach ihre Kids mit aufs WC.
Ich habe einiges zu sagen und habe mir ausnahmsweise mal eine Struktur überlegt, die ich jetzt schon härtestens vernachlässige. Also erst mal eine Einordnung meines kritischen O-Tons:

1. Ich denke an Goffman (mal wieder). Er beschrieb die „Restrooms“ der 50er, wo Frauen sich zu zweit oder in Grüppchen zurückzogen. Das gehörte für ihn zum weiblichen Rollenmuster. In einem solchen Restroom, einem Chill-out-Raum, einem Schmink-und-Rauch-Salon, einem WC, einem Klatsch-und-Tratsch-Zimmer war es gemütlich, sauber und so angenehm, dass frau sich da auch gerne aufhielt. In welchem vielbesuchten Café gibt’s das heute?

Klar wäre der Einwand berechtigt, es gäbe eben doch so hübsche, neue, gut geplante und luxuriöse Toiletten. In Clubs zum Beispiel. Oder in Hotels. In Schicki-Micki-Restaurants. Manchmal sogar in „easy going“ Hipster-Cafes. Das ist jetzt eine subjektive Sicht auf Berlins Mitte und seinen Rand. Vielleicht sollte man einen Tumblr starten mit fotografischen Zeugnissen von besonders gelungenen und besonders…naja, un-ansehnlichen Exemplaren.

2. Meine These: würde frau sich zuerst das stille Örtchen einer öffentlichen Einrichtung ansehen bzw. ein solches besuchen, würde sie es sich häufig anders überlegen. Und: nicht in diesem Lokal speisen, trinken, tanzen. Mir ginge es so. Nur leider besucht frau das WC erst wenn die Not groß ist.

3. Und warum zur Hölle heißt es NOTdurft? Es ist doch keine Not! Es ist das natürlichste Bedürfnis. Es ist das humanste am Menschen. Das Lebensnotwendigste. Die NOT wäre GROß, wenn diese „NOTdurft“ eben NICHT verrichtet werden könnte. Also WARUM!?

4. Es gibt wirklich eine Diskrepanz zwischen Männer- und Frauen-WCs, wenn diese denn getrennt sind, und keine Unisextoiletten (Schönes Beispiel gibt’s im Schwulen* Museum). Bei Männern gibgs meistens Pissoirs und Kabinen. Bei Frauen nur Kabinen. Oder eine. Das ist unfair. Nicht nur zahlenmäßig. Mit Natur hat das nichts zu tun. Dann können Männer halt stehen. Kein Grund für Neid. Aber auch keiner für Diskriminierung.
Denn: Frauen haben OFT mehr zu „tun“ auf dem Klo. Es ist nicht immer eine Sache von 10 Sekunden. Wir wissen das, ihr wisst das – also?! Dann ist auch der Platz entscheidend. Nicht nur, dass es wirklich und wahrhaftig öfter vorkommt, dass Frauen* mit Sack und Pack unterwegs sind und sich samt Tasche erst entkleiden müssen und das schlichtweg nicht können. Fehlende Haken, mangelnder Platz. Blöd.
Und es gibt die Kinder(wagen).
Ganz im Ernst. Ich weine nie. Aber als kürzlich eine enge Freundin und Mutter eines Einjährigen mir erzählte, welche Horror-Toiletten-Erfahrung sie machen musste, füllten sich meine Augen bis zum Anschlag. Sie, unterwegs, allein mit Kinderwagen. Bezirksamt. Eines der vielen in Berlin. Sie muss mal. Was tun? Es gibt keine Chance das Söhnchen irgendwo zu lassen. Sie versucht, den Wagen mit in die Kabine zu schieben und scheitert. Die Behindertentoilette ist zu. Sie sucht eine Angestellte, fragt nach dem Schlüssel, erklärt die missliche Lage. Die Bezirksamtdame stellt sich quer: „Nö, Sie sind ja nicht behindert!“
WHAT THE FUUUCK?
Meine Mutter irrt in ihrer Verzweiflung umher bis sie auf noch eine Bezirksamtdame trifft, die ihr etwas mehr weibliche Solidarität entgegen bringt. Am Ende geht alles gut aus. Sie darf die große, barrierefreie Behindertentoilette nutzen. Mit dem Einwand der „ersten“ Dame: „Wenn ein Behinderter kommt, hole ich Sie da persönlich raus!“
Schrecklich. Ich werde jetzt der „ersten“ Dame nicht einen latenten Rassismus unterstellen. Aber entscheidet selbst. Meine Freundin spricht ein akzentreiches Deutsch, weil sie erst zwei Jahre hier wohnt. Hier stehen ja alle Kopf – wegen den Flüchtlingen.

Und ich hab auch eine WC-Geschichte: in meinem Stamm-Café ist seit Monaten (!!!) die Toilettentür defekt. Es gib ein kleines WC. Für Frauen* nur eine winzige Kabine, wo ich als relativ schmale Person (mit Tasche) mich reinquetschen muss. Seit Monaten hängt das Schild: Sorry, die Tür geht nicht richtig zu. Jetzt hat sich jemand dazu geäußert: „Wie wär’s mal mir Reparieren, wenn ich 4 Euro für meinen Kaffee zahle?“ Ach ja, und hat wohl auch gleich den halben Türrahmen rausgerissen. Damit es deutlicher wird: hier muss was passieren. Seit dem war ich nicht mehr da. Ich traue mich nicht dort zu trinken. Es könnte ja sein, dass ich auf Klo muss. Und das ist defekt. Und bei den Männern? Alles tip top mit Pissoir und intakter Kabinentür. Die (barrierefreie) Behindertenoption ist nicht vorhanden.

Nicht okay! Nicht okay…


KF

P.S. Müssen wir uns wirklich diese Gedanken machen? Müssen wir uns wirklich fürchten? Vor dem Toilettengang? In der TU gibt es regelmäßig Übergriffe auf Frauen* in den WCs. Oft sind die Toiletten irgendwo tief unten oder hoch oben. Ohne Schutz. Ohne Hilfe. Wenn wir 4 Euro für den Kaffee zahlen, warum müssen wir dann verdreckte und defekte Toiletten in Kauf nehmen?
Und natürlich sollten wir uns auch an die eigene Nase fassen: wie gehen wir um mit den stillen Örtchen in fremden Lokalitäten? Denken wir an die Nächste?
Also Jungs* und Mädels*: SOLIDARITÄT muss bis zum Unsichtbaren reichen! Denn diese NOTDURFT ist eine Notwendigkeit und muss von allen gebührend gewürdigt werden – auch untereinander!

Wer hat ein „Gender-Problem“?

Donnerstag. Ein interdisziplinäres Seminar irgendwo zwischen Physik, Psychologie und Philosophie. Zwei Professorinnen aus Natur- und Kulturwissenschaft. Scheinbar das perfekte Rezept für wunderbar-ausschweifende Diskussionen und hyper-open-minded people.
So ist es. Fast. Die Runde beginnt bei Mädels aus dem queer-theoretischen Milieu und einer multi-kulti-intersektionalen Gesinnung. Dort, wo sie endet ist kein so toleranter Ort. Genauer: es ist keine solche „Position“. Ein überaus straighter Mann, dessen Heterostatus ihm sehr wohl abzulesen ist, sitzt ebenso mit am runden Tisch dieser Geschichte. Ich bin irgendwo mittig und vernehme diese typische „Hahn im Korb“-Stimmung, die ab der ersten Stunde Funken sprüht. Ganz amüsant, denke ich zunächst. Denn der Typ macht einen durchaus kompetenten Eindruck, kommt er doch ebenso aus dem Medien- und KuWi-Wesen. Er studiert bereits ein Weilchen, 14 Semester sofern mich meine Erinnerung nicht täuscht.
Dass mir diese Kleinigkeit entfallen sein könnte, liegt aber nicht daran, dass es ein Informations-Übermaß in den ersten Semesterwochen gab. Nein, es liegt am netten Herren, der unser weiblich-dominiertes Seminar mit seinen „wertvollen“ Gedanken beehrt.

Wir von den Gender Studies sind ja für unsere Toleranz bekannt und auch die überwiegend gewaltfreie Diskussionskultur, die alle inklusiv behandelt und jede_R/M ein Recht auf ihre_/seine Meinung lässt.

Im beschriebenen Kurs bin ich die einzige Gender-Studierende – aber nicht die einzige Feministin!

Es wird viel geredet, viel gelesen und noch mehr gedacht. Schnell kommt es zu sich überlappenden Interessensfeldern, schließlich wird uns hier viel Spielraum und Mitbestimmungsrecht zugesprochen. Wir gestalten praktisch selbst, erschaffen und intervenieren. Die Freude meinerseits ist ungetrübt.

Bis…ja bis unser einziger Herr der Dinge sich folgende Aussage erlaubt: als eine Professorin ihn nach seinem Ziel des Kurses fragt  und scherzhaft hinzufügt, ihm als „Quotenmann“ würden auch „Gender-Fragen“ naheliegen können…
Ein fataler Fehler!

Denn der Mann der Quote ist so gar nicht der emanzipierte Enthusiast. Ohne sich eine Sekunde Zeit zum kritischen Reflektieren zu nehmen (wie wir von den Gender Studies es gerne mal anraten – vor allem den queer-entfernten bis latent homophoben) lässt er diese Phrase verlauten:

„MIT GENDER HAB ICH EH EIN PROBLEM!… ALSO KEIN GENDER!“

WTH?

Was soll das bitte bedeuten? „Gender-Problem“? Er sitzt da mit 20 Frauen* zusammen und hat ein „Gender-Problem“? Er studiert „etwas mit Medien“ und hat ein „Gender-Problem“? Was soll das?

Ich meine, klar, „die Medien“ sagen auch, Frauen*quoten seien hinderlich für Land und Wirtschaft oder „Social Freezing“ sei die Lösung für alle Repro-Sorgen der weiblichen Belegschaft. Aber hey! Ein „Gender-Problem“???

Frau* und man sieht es und fühlt es hoffentlich auch: ich bin ER-SCHÜTTERT!

Warum ich das HIER schreibe und nicht der netten „White-Straight-German-Healthy“-Hete einmal kräftig den Emanzipationsschuss verpasse (metaphorisch natürlich)? Kurz vor dem Lostippen hab ich mir diese Frage selbstverständlich auch gestellt, wie vor jedem Beitrag übrigens.
Warum hab ich mich nicht empört? Warum bin ich nicht aufgesprungen und habe lauthals „Stop“ gerufen? Viele Kritiker_innen werden mir das vorwerfen. Nach dem Motto, welchen Sinn hätten Gender Studies und Feminismus sonst, wenn Sexisten* und ähnlich Gesinnte weiter ihren Schabernack mit uns treiben könnten?

Einen GROOOOOOßEEEEN – sage ich!

1. Dass ich mir dieser Situation bewusst werden konnte, verdanke ich meinem Fachgebiet und meiner Fähigkeit der Selbst-Reflexion.
2. Ich habe noch viel Zeit mich – gesettled und gezielt – um mehr Verständnis zu bemühen. Denn der nette Kommilitone könnte Wissenslücken aufweisen – wie so viele seiner Gattung – und die werde ich aufspüren und zu schließen bemühen.
3. Bewusster Müßiggang statt impulsiver Überreaktion! Ich kann spontan auch mal komplett überschäumen…und verglühen. Ob ich damit den KLAREN VORURTEILEN über SELTSAME FRAUEN, die sich FEMINISTINNEN nennen und von denen er in der Uni bestimmt einen Sicherheitsabstand hält, entspreche, dürfte sich von selbst beantworten. Auch das habe ich im Verlauf meiner feministischen Bildung gelernt: was gut werden soll, braucht Zeit.

Zum textuellen Überschäumen habe ich mich nun dieses Mediums bedient. Zum verbalen Aufklärungsangriff nutze ich das ganze Semester, in dem ich durch be- und gewusste, gewitzte und unfehlbare Beiträge den unbewegten Mann zum Nachdenken animiere. Ganz egal, ob er zum Feminismus konvertiert oder bei seiner geradewegs-durch-die-Wand-Einstellung bleibt, kein Wort ist unnütz – kein Satz bleibt ungehört. Darauf setze ich – und damit hatte ich bislang immer Erfolg.

Erfolg ist, wenn Feminismus Gehör findet.

Erfolg ist, wenn gerade die privilegiertesten unter den Privilegiertesten einen Moment inne halten und sich fragen: „Geht es mir wirklich so gut in meiner Position?“

Wenn sie dann diese Frage mit „JA“ beantworten ist es ein kleiner Schritt – aber trotzdem einer FÜR das große F!


KF

Gute Frauen, schlechte „Frauen“ – vom paradoxen Wert der Weiblichkeit

Mittwochnachmittag. In der Straßenbahn.
Es ist voll und ich hasse es. Darum vermeide ich, so gut es in Berlin nur geht, Menschenmassen im Feierabendverkehr. Aber an diesem besagten Mittwoch hoffte ich kurzzeitig sogar, dass noch mehr Leute zusteigen, damit ich folgende Situation nicht SO LAUTSTARK mitbekomme:

Drei Typen, alle um die 24, weiß und eigentlich fast typisch für Prenzlberg. Einer ist „Sportler“, einer der „Coole“ und der andere…ja beinahe „Schwiegermutters Liebling“ in Hemd und Weste.
Sie stehen in der Mitte der Bahn und sprechen ziemlich laut über Frauen. (Und ich schreibe jetzt nicht über dieses ‚Männer lästern nicht‘-Syndrom. Das darf an selber Stelle in der Bahn stehen bleiben.)Frauen, das heißt konkret, wer welche behalten sollte und wessen ‚Freundin‘ zu welcher Praktik was zu sagen hat.
Besonders der in Hemd und Weste posaunt seine „Wer L…n will, muss b…n können“-Parolen heraus. So geht es hin und her. Es wird klar ausgesprochen, wer zu Hause was zu bieten hat oder warum bald „Fremdgehen“ angesagt ist. Denn – siehe obere Parole – es sei legitim, wenn frau sich weigert …

Bis dahin nicht weiter überraschend. Ich habe solche Proleten-Talks schon häufig mitbekommen oder sogar dabei mitgemischt. Was mich fast zur Intervention bewegt hat, war das, wohin das Gespräch der drei Frauen-Unfreunde schließlich führte. Fließend kamen sie auf einen gemeinsamen Bekannten zu sprechen. Ich zitiere: „Ach, meinst du den Fetten?“ „Ja, genau, der ist echt fett…“
Das Übergewicht war aber bei weitem nicht das einzige Problem, das der Bekannte hatte. Es gab irgendwie viel an seinem Verhalten „das letzte Mal“ auszusetzen. Dieses hatte den Dreien nicht zugesprochen und so wurde der übergewichtige junge Mann zur „PUSSY“!

Pussy fiel zum ersten, zum zweiten und auch zum dritten Mal. Es hatte sich eine Pussy-Lawine losgerissen, und alles, was mit diesem Bekannten zusammenhing, war Pussyverhalten: seine Feigheit, sein Nichteinhalten von irgendwelchen Versprechungen und natürlich: sein Aussehen.

Mein Kopf dampfe schon und vielleicht schauten die Drei darum ein wenig verwirrt in meine Richtung. Gott sei Dank musste ich bald aussteigen und war doch so wütend.

Es hätte nicht viel gebracht, wenn ich eine feminist lesson an den Tag gelegt hätte. Wahrscheinlich hätten sie es auch nicht gleich begriffen, dass es nicht um ihr unfaires Hinter-dem-Rücken-Gerede geht. Auf dem Weg nach der Straßenbahn ordnete ich meine Gedanken: was war denn nun der schlimmste Punkt auf der Liste?

WIE KANN MAN FRAUEN „LIEBEN“ UND IHREN „NAMEN“ ALS BELEIDIGUNG VERWENDEN?

In ganz einfacher Form ist es nämlich genau das: die Abwertung dessen, was man am meisten liebt. Wie kann die Frau und ihr Geschlecht – die Mutter, die Schwester, die Geliebte – als erste Wahl für Abwertung und Beleidigung dienen?

Es ist ein unter Feminist_innen bekanntes Thema: die Abwertung der Frau und weiblicher Attribute. Jungen ärgern sich schon auf dem Schulhof, wenn sie als „Mädchen“ bezeichnet werden. Irgendwann heißt es, „schwul“ zu sein, sich also als Teenie-Junge zu feminin zu verhalten, zu bewegen und so weiter, wäre schlimm. Effeminierte Männer – nicht okay! Bei Frauen ist „Eier haben“ oder dominant sein nicht damit zu vergleichen.

Und hier wären wir. In der Straßenbahn, wo hetero-Jungs einander ihre Coolness beweisen. Mal wieder und leider auf Kosten der Frauen. Denn, was sie überhaupt nicht reflektieren, ist die Tragweite solcher Handlungen und der Bilder, die beim Aussprechen in den Köpfen entstehen.
Die eine „Pussy“ = gut, die andere „Pussy“ = gaaaanz übel? Das geht nicht. Und dennoch ist dieses Paradoxon Alltag.

Was kann MAN(N) tun?
Ich überspringe mal den RESPEKT-VOR-FRAUEN-Appell, denn der ist ein MUSS!

Jedes Wort ist auch eine Aktion. Jede Phrase ist eine Handlung. Wenn es doch mal eine Beleidigung sein muss, darf Schimpfen die Geschlechterebene verlassen. Und ansonsten kann auf Kraftausdrücke ohnehin vollständig verzichtet werden – Abreagieren hat heutzutage viele Techniken!


KF

Lasterhafte Schwester

Ich habe eine Freundin, der dieser Titel gewidmet ist: Lasterhafte Schwester.

„Lasterhaft = frivol, schamlos, genusssüchtig, unzüchtig, sittenlos, unanständig, sündhaft…“

Für mich ist lasterhaft kein negatives Wort. Es ist keine Sünde, denn an die glaube ich ohnehin nicht. Spirituell ist es dennoch. Meine Freundin ist auch ein sehr glaubensverteidigender Mensch. Schon früh bekam sie die geballte Ladung Religion („Opium des Volkes“!) aus dem Elternhaus mit. Kirche war eine der wenigen Freizeitbeschäftigungen, die ihr gewährt wurden. Fuhren die Mädels und ich im Sommer zum See – sie durfte nicht mit („sündhaft!“). Feierte jemand von uns Geburtstag, war sie selten dabei – und wenn, dann war das Zeitlimit auf allerspätestens 18.00 Uhr gesetzt. Mit 13, mit 14 und auch noch mit 16 waren diese Auflagen aktuell.
Dann kam der Bruch und meine Freundin wurde zur emanzipiertesten Frau, die ich kenne gleich nach meiner Mutter.
Sie schmiss das Abi, wurde Krankenschwester (trotz Hassfach Chemie und Zweithassfach Bio) und fand ihre Erfüllung in sinnlichen Tänzen. Sie arbeitet heute sozusagen mit Körpern fremder und mit ihrem eigenen. Kirche blieb in ihrem Leben, aber sie rückte in die Peripherie und machte das Zentrum frei für Neues.
Die Eltern meiner Freundin mussten sich an das neue befreite Ich der jungen Frau erst gewöhnen. Und mit gewöhnen meine ich streiten, verbieten, leiden und schließlich damit abfinden. Bis heute gibt es viele ungelöste Verwirrungen in dieser Familie. Klar, dass meine Freundin den Plan ins Auge fasste, dass in ihrer eigenen Familie alles anders werden würde.
Und da wären wir auch schon beim Thema: Familienplanung. Trotz der neugewonnenen liberalen Lebensweise, hält meine Freundin immer noch an den Werten und Tugenden ihrer strengen Erziehung fest. Eine davon ist lebenslange Monogamie, Sex nur mit Liebe und völlige Erfüllung im Partner – der „zweiten Hälfte“ ihrer selbst. Ein Märchen, wenn ihr mich fragt.
Sie fragt mich übrigens tatsächlich oft. Um Rat, um Beistand. Manchmal glaube ich, dass es ihr besser geht, wenn ich ihr von meiner verqueren Weltansicht berichte. Meine Ideen und vielleicht auch Ideologien von der freien Liebe, der toleranten Polyamorie und Beziehungen, die funktionieren, ohne den/die andere/n BESITZEN zu wollen.
Weil sie an der Erfüllung ihres Traums aktiv und täglich arbeitet, gab es ziemlich viele Schüsse in den Ofen. Einige waren witzig, andere trafen sie so unerwartet und waren so schmerzhaft, dass ich ihren Lebensmut infrage stellte – zeitweise.
Nach jedem Schlussstrich – nach jeder erneuten kleinen Befreiung gab es eine Regenerationszeit. In der war sie nicht das „leichte Mädchen“ und „wollte keine Beziehung“. Nein, meine Freundin kam immer und immer wieder zurück zum Pfad der Hoffnung, ihre „Komplementärfarbe“ zu finden. Einen Mann, der stark genug wäre, sie nicht nur anzunehmen sondern zu unterstützen. Ein Mann, der standfest wäre und doch zu abschweifenden Träumereien mit ihr bereit.
Dabei vergaß sie gern, dass sie eine SEHR selbstständige Frau ist. Sie renoviert selbst, mit ihren zarten Händen baut sie Badezimmermöbel oder bringt Heizungen an. Sie treibt Sport und wenn sie tanzt, dann ist JEDE/R davon fasziniert. Kurz: sie kann einfach ALLES, was der Alltag so bietet. Den Glühlampen-eindreh-Kerl braucht sie ganz einfach nicht. Und sie vergisst, dass ein All-inclusive-Paket eben nur das ist, ein Titel für eine Reise, einen Hotelaufenthalt oder ein Buffet. Es ist kein Mensch, schon gar nicht ein traditionsbewusster Mann, der seiner klischeehaften Rolle gerecht werden will.

Wo war ich? JA! Lasterhaft.

Warum nun für diese Schwester plötzlich genau dieses Wort gebraucht wird? Es kam dieser Tag – HALLELUJAH! – an dem sie ihre „Lady on the street“ in den „freak“  verwandelte. Da war dieser Typ, der eine enorme Anziehungskraft auf sie ausübte. Er war ein sehr großer und starker Mann, der trotzdem jünger war, als sie. Er hatte viel erlebt, war aber dennoch beruflich deutlich weniger weit gekommen, als sie. Er hatte seine kleinen Unsicherheiten und Päckchen aus vergangenen Tagen – aber die Triebe siegten. Auch die meiner Freundin, die stets predigte, dass das sexuelle Verausgaben nichts für den Menschen täte. Es wäre sinnlos, schamlos und bliebe nicht frei von Konsequenzen. Ob nun Ruf oder persönliches Selbstwertgefühl – alles wäre in Gefahr, würde frau sich durch die Stadt … grasen. Außerdem wäre körperliche Nähe ohne eine wahre, innige Verbindung nichts und hätte kein Recht auf alleinige Existenz… Es gibt sehr, sehr viele solcher Gespräche. Das letzte ist nicht so lange her.
Und da sitzt, wie aus genau diesem o.g. NICHTS, meine Freundin mit leuchtenden Augen vor mir. Sie leuchten nicht verliebt, noch nicht. Sie leuchten vor Freude, vor Ausgelassenheit. Und was mich besonders umhaut, sie leuchten ohne Reue. Sie erfreuen sich an der „Sünde“. Ja, meine Freundin hat sich auf eine rein körperliche Beziehung eingelassen. Ja, es ist nicht DIESER MANN DER SIE UNTERSTÜTZT DURCH DICK UND DÜNN. Und JA! Es macht trotzdem Spaß. Während sie mir das erzählt, muss ich selbst lachen und klopfe mir ein bisschen auf die Schulter – gedanklich. Ich habe ihr so oft schon in derselben Weise von meinen Abenteuern berichtet und sie zog nicht selten ihren Schuh aus und haute mich – nicht immer gedanklich!
Da saßen wir nun, beide froh, beide gelassen und beide voller lasterhafter Vorsätze und Erinnerungen. Es gab nur kurz diesen Augenblick, an dem ich dachte, ihr ein „siehst DU! Ich habe es DIR doch gesagt!!“ zuzustecken. Aber wozu? Sie hat ihre Antwort. Und die lautet nicht: ab jetzt bin ich ein böses Mädchen. Es ist eine wichtige Erfahrung. Eine Erweiterung des Horizontes. Sicher wird diese Geschichte nicht zu ihrem Märchen. Vielleicht wird sie sogar einige tiefe Kratzer verursachen. Für jetzt ist meine Freundin voller Endorphine, voller Liebe – der Liebe zu sich, zum eigenen Körper und die Freuden, die er ihr bereitet – gerade mit Hilfe eines zweiten.

❤ KF

Women against Feminism? Cats are confused…

cat woman beauty

Weil sich nun die halbe Internet-Welt darüber auslässt, fühle ich das Kribbeln auch in meinen Fingern.
Der Blog, der in aller Munde ist, zeigt Frauen, wie stolz selbstgeschrieben Schilder hochhalten, auf denen sie ihre anti-feministische Gesinnung kundtun.
Da stehen dann Dinge wie „Ich brauche keinen Feminismus, weil ich an Gleichberechtigung glaube“ oder (einer meiner Lieblingssprüche) „Ich brauche keinen Feminismus, weil ich kein Opfer bin“…

Wenn sich jemand beim Nicken ertappt – das ist nachvollziehbar und DOCH herrscht Klärungsbedarf. Denn die meisten dieser Aussagen von den Frauen in diesem Blog ließen sich genauso gut auch feministisch-zugewandt formulieren.

Ich bin ebenfalls kein Opfer, und doch brauche ich Feminismus!

Ich glaube fester als an alles auf dieser Welt und jenseits, dass eine Gleichberechtigung möglich ist, und GERADE DARUM brauche ich Feminismus.

Und? Schon überzeugt?

In meiner feministisch-überzeugten Art kann ich diese Frauen durchaus verstehen. Neulich las ich einen Artikel einer Feministin. Sie sagte, früher in ihrer Jugend würde sie sich nie als Feministin bezeichnen, weil sie wollte, dass Jungs sie mögen. Trotzdem setzte sie sich zu Hause dafür ein, dass sie und ihre Schwester dieselben Rechte und Pflichten hatten wie ihr Bruder.
Erst mit dem Einblick und der Erkenntnis, dass es nicht um die Ablehnung von Männern o. Ä. geht, sondern um vieeeeel komplexere Strukturen, „labelte“ sie sich um!

Immer und immer wieder kann ich nur wiederholen: die patriarchal angeordnete Gesellschaft betrifft uns alle, die wir in ihr leben. Männer in deren Rollen haben mindestens genauso viele Probleme wie Frauen. Allerdings ist es ein „Anders“, ein ungleich verteiltes „Anders“.
Und in diesem „Anders“ werden Frauen auf andere Weise wahrgenommen als Männer. Was OK ist, und KEIN GRUND für Herabstufung bzw. Emporhebung.

Und für diese EINEBNUNG von Geschlechterhierarchien stehe ich als Feministin ein. Dabei hat es nichts mit Frust, Aggression oder Männerhass zu tun. Es gibt solche und solche Individuen, denen ich am liebsten ein heißes Feminismus-Bad verschreiben würde. Doch das Belehren, das Bekehren und Umkehren von Meinungen ist nicht meine Aufgabe und vielleicht wäre ich allein dafür nicht stark genug.
Meine Aufgabe sehe ich – wie viele von uns Feminismus-Freund_innen – im Darstellen, Erklären und Offenlegen. Auch das Umdeuten und Plausibel-machen könnten solche kleinen Ziele sein.

Ein Opfer bin ich darum nicht. Aber ich werde auf eine andere Weise zum Opfer gemacht, als z. B. meine männlichen Gegenüber. Und würde ich mich als Opfer beschreiben, wäre ich als Opfer ein anderes, als es ein Mann wäre.

Nun; wäre, hätte, könnte, sollte…

Einen Punkt möchte ich hinzufügen: Feminismus ist ein dynamischer Prozess. Er bleibt nicht derselbe und verändert sich mit uns allen.
Eine Revolutionierung des Begriffs, wie es in einer kürzlich stattgefundenen Diskussion anklang, ist bereits in vollem Gange!
Wir, die heutige Generation von Frauen, haben zum Feminismus gefunden, obwohl uns von allen Seiten zugerufen wird „Ihr habt doch schon alles, was ihr wolltet!“

Das ist doch Indiz genug, dass Feminismus nicht wegzudenken ist! Er muss gehegt, gepflegt und vor allem richtig gedeutet werden, damit auch die, die sich vom Opfer-Frauchen-Dasein distanzieren, etwas damit anfangen können.

Mit den vielen Benachteiligungen von Frauen im intersektionalen Kontext (a la „black“ „female“, „poor“ etc.) fange ich gar nicht erst an…

By the way: viel witziger ist da die Seite der Confused Cats against Feminism 😉

❤ KF

Das Drunter und Drüber

Das Sommerwetter will es so: helle Kleider, weiße Röcke, auch mal Leinenhosen… Alles, was möglichst kurz, leicht und erträglich ist, ist willkommen. Bei fast allen. Die informelle, außerberufliche Ferienzeit ist erfüllt von Frauen*, die ihr Bestmöglichstes versuchen, um über die Hitze hinwegzukommen.

Die Trendfrage möchte ich nicht verhandeln und zur Modebloggerin werden ebenso wenig. Denn die Devise ist: tragen kann frau das, was gefällt. Was zu ihr passt, in dem SIE sich wohlfühlt. Gestern erst hieß es mal wieder im Mainstream-Fernsehen: „Wenn ich einen Bikini anhabe, dann fühle ich mich einfach nicht wohl. Weil es immer Frauen gibt, die eine besser dafür geeignete Figur haben.“ Uff, nicht wahr? Ich denke jeden Tag AKTIV an diesen netten Leitspruch, der es ziemlich gut zusammenfasst:

PUT A BIKINI ON YOUR BODY AND YOU HAVE A BIKINI-BODY!

So lassen es zahlreiche feministisch Involvierte verlauten und regen zum Widerstand gegen den Bikini-Wahnsinn auf. Eine Bikini-Figur zu haben oder nicht zu haben ist demnach lange überholt. Denn, seien wir ehrlich: alles ist relativ, wenn es darum geht, wer sich wie in welchem Strandoutfit fühlt.
Ich möchte nicht die Hartarbeitenden, Sportlich-Exzessiven und Straight-Forwardistinnen abwerten oder verurteilen. Das macht ihr gut! Alle Maßnahmen für ein ehrliches Ich-fühle-mich-gut-in-meinem-Körper sind begrüßens- und lobenswert.
Aber niemand wird abstreiten, dass die Ziele und Ausgangspunkte sehr variabel sind. In Kleidergrößen ausgedrückt ist von einer 40 auf eine 38 kommen nicht dasselbe wie von einer 42 auf eine 40. Und ich bin mir sicher, dass in beiden Fällen das „Bikini-Selbstbewusstsein“ am Ende größer ist. Oder?
Nun ja, von der Relativitätstheorie des Bikini-Bodys zum eigentlichen Thema: Transparenz und das Drunter.

Ich kam auf diese Gedanken gestern – bei 34 Grad im Schatten – während einer langen Ubahn-Fahrt. Eine Frau hatte ein anliegendes Kleidchen an, welches an sich weder durch Form noch durch Farbe alle Blicke auf sich zog. Ein eher unscheinbares Modell. Als die Trägerin sich ans Aussteigen machte und sich zum Ausgang drehte wurden sie sichtbar: die Abrücke ihrer Unterwäsche. Tiefe, einschneidende Linien am Po, die wir doch alle tausende Male gesehen haben.
Nichts Besonderes also. Und doch starrte der halbe Wagon auf die Rückseite dieser Dame, die recht zierlich und wie ich schon sagte unaufgeregt aussah.
Warum löst nun diese Ansicht – und es ist eigentlich egal, WELCHE Art der Unterwäsche wir durch die Klamotten hindurch erkennen können – meist ein Kopfschütteln oder ein Geläster aus?
Ich ertappte mich dabei, dass ich hinsah. Im nächsten Augenblick aber der erleuchtende Gedanke: es ist okay!
Denn:
A) ist Unterwäsche tragen genauso okay wie keine! Wohlfühlen ist wichtiger als etwas tun, was ein Zwicken und Zwacken, ein ständiges Zerren und Ziehen zur Folge hat.
Ein Unterhemd (ACHTUNG DOPPELTSTANDARD!) bei Männern ist auch Unterwäsche. Die darf und soll sogar manchmal sichtbar sein. So what?! Warum ist ein Slip, ein Panty oder all das Andere schlimmer? Oder grotesker?
 
B) es ist jeder/jedem selbst überlassen, welche Präferenz welchem kleinen Kleidungsstück jeweils gilt. Jeder Körper ist da eigen.
Für mich z.B. war es immer eine HORRORvorstellung, mehrere Teile übereinander anzuziehen. Eine Strumpfhose unter die Jeans im Winter war und ist ein klares NEIN! Ich bewundere Frauen*, die das können. Auch solche, die T-Shirt, Pulli und dann noch einen Cardigan übereinander tragen können. Sobald mehr als zwei Teile anzuziehen sind, entscheide ich mich immer dagegen. So bin ich nun mal. Das können viele nicht verstehen, aber wie gesagt: SO WHAT?

C) Frauen* sind KEINE KLEIDERBÜGEL. Sie müssen sich nicht in „Figurschmeichler“ schmeißen. Sie müssen nicht auf Hotpants und Shorts verzichten, weil es irgendwie nach Orangenhaut aussieht. Ich kenne viele junge Mädchen, die schon mit 15 ein schlafferes Gewebe haben als ihre peers. Na und? Sport ist sicher eine vorbeugende Lösung, denn auf der guten Genetik sollten wir uns nicht passiv ausruhen. Aber es ist auch OKAY nichts zu machen und trotzdem die knappen Röckchen zu kaufen.

Dieses ewige „Das steht dir – das steht dir nicht“ nervt. Ich weiß, was mir steht. Ich weiß auch, dass blonde, blasse Mädchen nicht unbedingt in denselben blonden, blassen Farben am besten zur Geltung kommen. Im Fall der Fälle siehts nach Erkältung oder Schlafmangel aus. Aber auch hier: und? Wenn ich „Staubiges Rosé“ gut finde, dann ist das ok. Für mich. Und es sollte auch nicht zu Krampfanfällen in der Bahn führen, wenn der Rock in der Farbe erkennen lässt, was ich drunter trage. Unterwäsche ist Kleidung. Hemden sind Kleidung. Es ist alles eine Form der Hülle und ob Badeanzug, Bikini, Slip oder BH…was macht den Unterschied aus?

Diese hochstilisierte Sexualisierung betrifft Frauen* im Allgemeinen eher. Ich weiß das und es gibt Momente, da überlege ich selbst: ist das wirklich in Ordnung? Und meist nach einer solchen Frage ziehe ich das an, wo sich diese Frage mir nicht stellt. Das ist trotzdem kein Sack, kein Ganzkörperschleier oder auch kein 10-Grad-Outfit bei 35!

Also bitte, liebe Mitschwitzenden, gönnt eurem Körper das, was sich gut anfühlt.

Liebe Damen, lasst es zu! Zieht die weiße Leinenhose an ohne ständig die Wahl eurer Unterwäsche zu hinterfragen und euch zig-mal vor dem Spiegel in Hinteransicht zu betrachten – ob ja nichts durchscheint. Soll es doch. Vulgär ist es NIEMALS!

Und liebe Herren, liebe Achtgebenden, liebe BetrachterInnen: entspannt euch! Es ist ohnehin viel zu heiß zum Aufregen. Also hört auf zu flüstern, hört mit dem unzensierten Kopfkino auf. Viele haben‘s eh schon leichter, einfach Shirt aus und weiter geht’s!

Bewundert doch lieber einmal mehr die Frauen*, die selbstbewusst im roten Pünktchenslip unter dem hellen Röckchen dahinspazieren und das souverän meistern, ohne zu zupfen, wenn ein kleiner Windhauch diesen kurz entblößt.

Nack ist frau erst dann, wenn sie nackt ist.

Und selbst hier ist Contenance bewahren angesagt! Wenn nicht ein paar im Weg stehende Gesetze wären…

❤ KF