Heiße Höschen, hohe Taillen und jede Menge Sommerschäden

Besser etwas zu spät, als gar nicht. Ich melde mich mit DEEEEM feministischen Aufreger-Thema des Sommers. Ein Dauerbrenner. Und doch: die Netzfeminist*innen toben. Seit Wochen. Gerade als das Thermometer die 40-Grad-Marke brach, brannten auch ein paar Sicherungen durch. Bei Schulleiter*innen im ganzen Land. Der Blitz hatte mal wieder die Mädchen getroffen.

HOTPANTS-VERBOT!

Wer in zu kurzen Höschen zum Unterricht kommt, bekommt zur Strafe ein übergroßes T-Shirt(Kleid) übergestülpt. Jetzt, wo seit ein paar Tagen Schmuddelwetter und eher herbstliche Temperaturen herrschen, ist auch die Debatte ein bisschen ruhiger geworden. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass Ferien sind und die Lehrenden sich diese „Kurz-Geschichten“ nicht länger ansehen müssen. Puh…
Ich will dieses hitzige Ping-Pong-Spiel nicht noch mehr befeuern. Es wurde so viel gesagt und mit so viel – sorry – Mist um sich geschmissen, dass ihn hier (auch ironisch) zu reproduzieren, daneben greifen würde.
Mädchen schon in d er Grundschule zum Sex-Objekt zu stilisieren, sie wissen zu lassen: hey, ihr verführt (mit 7,8,9 oder 10 Jahren) schon eure Umgebung. Nehmt Rücksicht! Sonst…ja was sonst?
Ein T-Shirt zu tragen, was hässlich und groß ist. Who cares? Manche machten sich das sogar zum Wettbewerb. Hätte ich auch so gemacht. In der Schule hatte ich manchmal gar nichts an. Hotpants und bauchfrei. Mancher Lehrer ließ ab und an mal einen Kommentar raus. Guckte auch mal in den Ausschnitt. Diese schwarzen Schafe…ich weiß. Selbst das war damals nicht okay!! Oder eher: das ist es heute. Damals probierten wir viel aus, reizten Grenzen und übertraten sie. Aber meine Klamotten sind doch nicht ich?!

Aber zurück zu meinem eigentlichen Plan: Euch etwas themennahes und –verwandtes zu erzählen.
Zum einen muss ich es kurz loswerden:
DEUTSCHE BEZEICHNUNGEN FÜR KLEIDUNGSSTÜCKE SIND MANCHMAL ECHT DA-NE-BEN!

Warum? Na weil HOTPANTS doch schon sehr viel intendieren. Im Russischen haben wir nur Shorts. Shorts sind kurze Hosen. Oder nicht? Also: Jeansshorts, Boxershorts oder Badeshorts. Also wenn kurze Hosen schon mit dem Adjektiv „hot“ sprich „heiß“ versehen werden, weißt das nicht unbedingt auf das heiße Sommerwetter hin, bei dem frau oder man sich dieses Kleidungsstücks bedient.
Vielleicht sind Kylie Minogues Gold-Pantys so ein Zwischenfall, sexy und aufreizend. Aber auch dabei gilt: jeder ihre eigene Wahl! Ob Gold oder Glitzer, Pailletten oder Leder. Kurze Hosen sind super!
Seit es die kurzen Hosenschwestern regulär zu kaufen gibt – und frau sie sich nicht selber basteln muss, stieß ich genauso regulär Freudenschreie aus. Endlich nicht den Tücken der Miniröcke ausgesetzt sein! Ich lieb(t)e kurze Röckchen und Kleidchen, seeehr kurze waren mir am liebsten. Aber ich merkte auch schnell diesen Druck. Immer musst du aufpassen. Immer richtig sitzen um bloß nicht die Gemüter erregen. Ich habe hier schon von meinen traumatischen Erfahrungen berichtet, wie ich in U- und S-Bahn unangenehmst „überrascht“ wurde, indem mir unbekannte Mitfahrer ihre Hände unter meine kurzen Röcke steckten…
Nun, und damit sind Shorts natürlich ein Segen! Es ist luftig und frisch und verhindert doch das Hand-unter-Rock-Intermezzo. Ich LIEBE kurze Hosen.
Und mal ehrlich: als es in der letzten Woche weder tags- noch nachtsüber unter 25 Grad kalt wurde, war es mir SCHNURZ, ob meine „HOT PANTS“ jemand ins Auge hüpfen. Hauptsache ich konnte mir die Hitze ein wenig erträglicher machen.
Unangenehme Situationen hatte ich lange nicht mehr. Vielleicht liegt das am Thema Nummer zwei, das ich heute niederschreiben möchte: eine Russisch-Amerikanische-Seximus-Freundschaft.
Wer von euch meinte, Russ*innen und US-Amerikaner*innen hätten nur Beef und keinerlei Gemeinsamkeiten, täuscht sich SEHR!
Auch für mich war das ein bisschen seltsam und verstörend. Denn wie auch die Mädchen, waren Frauen hier die Leidtragenden. Naja, manche Frau* hat auch da mitgemischt, wobei die sicherlich den Schrägstrich-Troll verdient hat.
Freundes-Freunde posteten diese Woche über Facebook einen Link einer russichen Pop-Kultur-Forum-Seite, wo ein Autor sich über die ach so grässlichen, Augenkrebs-auslösenden High Waist Shorts an den Pranger stellt. Eigentlich ist es weniger die kurze Klamotte selbst, es sind ihre Trägerinnen.
Während die Seite auf Russisch ist, verweist der Autor dauernd auf ein US-Äquivalent, postet Instagram-Bilder von jungen Frauen oder Katalogfotos von asos und Co. Auf ihnen sind immer wieder hübsche, cis-Fashion-Girls zu sehen, Models, Taylor Swift. Allen gemein sind die High Waist Shorts, die sie draußen und auf der Bühne tragen. Dazu gibt’s ein paar Zitate von US-Hatern, die sich mit dem Diss des russischen „Mode-Kritikers“ verflechten.
Die Frauen, die die kurzen Hosen mit hoher Taille tragen werden beleidigt. Schlicht und direkt. „Wie könnt ihr euch nur so verunstalten, Mädels?“, heißt es da.
Da werden Gespräche zitiert, wo „schöne Frauen“ vorbeilaufen, mit langen Beinen und und und…und dann diese SHORTS! Wie könnt ihr euch das nur antun? Warum? Schlimm anzusehen.
Das Highlight, wodurch es dieses Armutszeugnis von Fashion-Blogs in meine kleine ironische Feminismus-Ecke geschafft hat ist aber folgende Aussage: die High Waist Shorts würden der perfekt Schutz sein gegen Vergewaltiger! Wenn frau die tragen würde, bräuchte sie auch keine Angst mehr zu haben, auf der Straße belästigt zu werden. Niemand würde eine solche Modesünde erregend finden…
WHAT THE FUCKING FUCK?!
Das heißt, wenn ich auf der Straße mit diesen Händen unter dem Rock zu kämpfen habe, sollte ich es schätzen und dankbar sein? Danke, dass ihr meine Weiblichkeit gebührend anerkennt. Danke, dass ihr meinen Körper feiert. Gütige Göttin…
Tja, und so schließen sich zahlreiche Anhänger*innen diesem US-Russ-Textchen an, posten JA’s und AMEN’s. Fügen hinzu: und die langen Hosen mit hoher Taille sind auch Sch****! Dann kommen Frauen, die Röcke mit hohem Bund posten und liebäugelnd fragen: und was ist mit denen? Worauf die nettgemeinten Triebtäter zustimmend nicken: die sind okay (was wohl heißt: in dem könntest du nachts im Park zum Opfer werden! Freu dich!). . .
Bitte verzeiht mir meinen Zynismus. Ich finde sexuelle Gewalt NICHT und UNTER KEINEN UMSTÄNDEN hinnehmbar. Es gibt keine ENTSCHULDIGUNG. Kein JA-ABER und erst recht nicht das VICTIM BLAMING! Wenn aber selbst das nicht mehr reicht, sondern Frauen (und natürlich, verzeiht, liebe alle-Sternchen-wirklich-alle*) auch noch die belästigungs-fördernden Klamotten raussuchen sollen, um sich das „okay“ der Perversen und zutiefst Gestörten einzuholen…das sprengt meinen Ironieradar in 1000 Stücke.

Weniger dramatisch aber auch ein bisschen traurig ist das nächste Sommerthema: der BH.
Ich habe den Dingern abgeschworen. Mit 12 und 13 konnte ich es kaum erwarten, meinen ersten, schönen, spitzenbesetzen BH anzulegen. Ich habe lange gewartet: in der sechsten Klasse waren meine Brüste so sichtbar, dass selbst die 11-jährigen Jungs danach langten. Über ein B-Körbchen kam ich niemals hinaus, aber die Neugier und das — was sonst — gängige Schönheitsideal, die sich räkelnden Schönheiten in reizenden Dessous. Ja, ich wollte auch mal so sein. Weil ich dachte, ich muss.
Meine Mutter war nie die Sorte Frau, die viel Wert auf exklusive Unterwäsche legte. Und darum dauerte es ECHT lange, bis ich mich traute, welche für mich einzufordern.
Ab der 7. bis zum Abi war mein Schrank voll von ihnen: in pink, in gepunktet, mit und ohne Träger. Es schien, nicht mehr möglich, ohne einen BH rauszugehen. Ich habe mich nie gefragt: kommst du nicht auch ohne zurecht? Denn, meine lieben C, D, E-Körbchen und vor allem alle darüber hinaus: mit A oder B war es zumindest für mich jederzeit möglich, BH-los rauf und runter zu springen, ohne dass meine Brust schneller oben oder unten wäre.
Klar, BHs können schön formen und dem manchen so unangenehmen Nippelalarm vorbeugen. Jede darf das selbst entscheiden. Ein besseres Tragegefühl, Sicherheit und was es noch so für Gründe geben kann.
Die meisten nehmen dabei den Trägersalat besonders im Sommer wohlwollend hin. Oder stellen sich die oft hoffnungslose Frage: welchen BH krieg ich unter dieses Kleid? Sieht man in diesem Ausschnitt meinen Balconette? Hab ich auch mal. Dabei lag die Antwort doch barbusig auf der Hand: geh einfach ohne!
Jetzt bin ich seit etwa 3 Jahren ohne BH unterwegs. Mal im Top, mal im Bandeau. Ich möchte keiner Frau*, selbst mit AA oder AAA Körbchen, nicht das Tragen eines BHs absprechen. Ich bin für Chancengleichheit. Aber ich spreche mich ausdrücklich für die Befreiung des Geistes aus. Denn neulich traf ich mich mit meiner guten Freundin. Sie liegt irgendwo zwischen den ersten Buchstaben des Brust-Alphabets. Ohne einen BH sah ich sie noch nie. Sie erzählte mir ihre Geschichte der 40-Grad-Tage: zu Hause war’s unerträglich, draußen – noch schlimmer. Drinnen quengelte das Kind, und der Mann drängte zum Einkauf. Weil auch 5-minütiges Duschen nichts half, hoffte die Familie auf ein laues Lüftchen und verließ ihre Wohnung im Berliner Norden. Weil die Hitze sie träge gemacht hatte, oder weil die Erinnerung a la Festplatte angeschmolzen war, vergaß meine Freundin ihren BH. Naja, so halb: sie merkte es, hätte die Chance eines Nachtrags, und ließ es bleiben.
So, wie die junge Mutter mir das erzählte, klang die Geschichte nach einer Heldinnen-Story: die Überwindung der BeHerrschung. Ihr Mann bemerkte den Fehler – pardon – das Fehlen erst auf der Straße. Er war überrascht. Und er fragte nach: oha! Und: Gott sei Dank. Er lobte! Guter Mann!
Beim Zuhören freute ich mich irgendwie mit, obwohl ich mir auch bescheuert vorkam. Ich hätte sie schütteln sollen und sagen: Liebchen! Du bist super in Form! Es sind 40 Grad! Lass die beiden frei! Atme durch! Entkomme dem Zwang! Warum denn auch nicht?
Aber sie war wohl auch seit Halb-Kinder-Tagen so fixiert auf das weibliche Muss, die BH-Pflicht. Und schließen möchte ich mit einem Zitat, das am schwarzen Brett der Erziehungswissenschaften das Zettelmeer ziert:
SOLLTE ES NICHT WAHLFREIHEIT UND NICHT WALHPFLICHT HEIßEN?

❤ KF

Feministisches Frühlingserwachen und adoleszente Sommernachtsträume

So, wie ich hier daher schreibe, muss es nach einem einheitlichen, in sich stimmigen Bild aussehen: eine, die es wissen will und muss. Eine, die früh für die weibliche Solidarität kämpfte. Eine, die auf den Tisch haute, Rosa verachtete und vielleicht sogar die eine oder andere Protestaktion startete.
Leider falsch. Ich korrigiere und oute mich, früher in einem anderen Team mitgespielt zu haben. Bevor es zu dieser Niederschrift hier kam, ordnete ich meine Gedanken. Ein Jahr bis heute. Wie soll ich alles unter einen Hut bringen? Vielleicht wie Lynda Birke, Feministin und Biologin: wearing two hats?
Mich plagten Schuldgefühle. Zuletzt bei einem Klassentreffen des Abiturjahrgangs. In meinen früh-erwachsenen Jahren dominierte ich. Ich führte Mädchen und kämpfe gegen andere. Ich war überkritisch – mit mir selbst nur heimlich, mit anderen umso offener. Ich scheute mich nicht vor Gemeinheiten, nicht vor Beleidigungen und auch nicht vor selbstgesetzten Bewertungen. Unter dem Label meines Namens wurde gleich mehrere, mich begleitende Freundinnen bezeichnet. Sie fügten sich meinen Ideen und Idealen, mal mehr mal sehr viel weniger freiwillig.
Ich verurteile „leichte“ Altersgenossinnen auf dem Schulhof und wollte doch gleichzeitig mehr männliche Aufmerksamkeit. Egal wie. Ich trug wenig. Eigentlich immer. Im Frühling war ich die erste im Mini. Je kürzer, desto ich.
Göttin sei Dank! – heute kann ich drüber schmunzeln. Die regelmäßig schockierten Gesichter: die Bauch- und Beinfreiheit, die Spitzenunterwäsche. Die Sprüche: wie haben deine Eltern dich so rausgelassen? Zieh dir doch bitte etwas drüber!
Ach ja, und im Endeffekt bin ich selbst ein bisschen verstört: hatte ich doch mit dem Großteil der Jungs meiner Klasse irgendwie irgendwas am Laufen. Und von manchen Verehrer_innen erfuhr ich erst nach dem Abi.
Für manche vielleicht die ganz normale Pubertät. Für andere Horror und Feind jedes Feminismus. Darum auch meine Schuldgefühle: hätte ich überhaupt das Recht die großen emanzipativen Themen für mich zu beanspruchen? Müsste ich nicht erst eine Beichte ablegen?
Aber weil wir Feministinnen uns gern Negatives und Benachteiligtes wieder positiv aneignen und Chancen der Krisen nutzen, wäre hier wohl die beste Gelegenheit dafür. Ich habe nicht aufgehört darüber nachzudenken und ich wollte es noch weniger bei diesem Sackgassen-Dilemma meiner Fiesheit belassen. Also dachte ich weiter. War ich doch so gar nicht feministisch? War da wirklich nichts Empowerndes an mir und meinen Aktionen?
Doch! Und wie ! Und ich bin mir sicher, dass wer sucht, die findet! Wenn ich einen genaueren Blick auf die Schulzeit werfe, war ich nie das schwache Mädchen. Im Sport nahm ich es locker mit den Jungs auf, war sogar oft besser. Für meine Freundinnen setzte ich mich bedingungslos ein. Ungerechtigkeiten – außer denen, die ich selbst in die Welt setzte – ging ich gut und gerne an. Zum Beispiel mit Lehrenden und ungerechten Noten. Die Idee einer höheren Weiblichkeit – so esoterisch das auch klingt – war mir immer nahe. Naturnähe und ein Leben in ihrer Nähe und im Einklang mit ihr. Ökofeminismus war mir schon in ganz frühen Jahren vertraut, auch wenn der Begriff erst viel später Sinn machte. Zu Hause gab es das stereotypische Mädchen-Junge-Ding nicht: mein Bruder war der kleine Weiche, und ich die große Harte. Die, die alles organisiert, plant und umsetzt. Leistung war mein Steckenpferd: in der Schule und im Alltag. Vielleicht sogar viel zu sehr, ich gebe es zu: meine Mutter pflegte es zu sagen, dass von meinem Brüderchen nicht so gute Noten erwartet, wie von mir…weil er ein Junge ist. Dass da ein „WEIL“ dahinter steckte, hat sie wahrscheinlich erst mit meinem heutigen Studium richtig durchdacht. „Weil DU als JUNGE auch ohne zu gute Noten durchkommst“. Übrigens hat mein Bruder mit durchgehend etwas schlechteren Noten DASSELBE Abi gemacht wie ich… „WEIL er ein JUNGE ist!“.

Nun, weiter im Text: ich HABE diese Klamotten getragen und ich wurde oft dafür belächelt oder beurteilt. Manchmal sogar belästigt. Wieder sagte meine Mutter, sie könne nicht mehr ruhig mit mir die Straße entlang  laufen, weil die ganzen Männer mich anstarrten. Aber ich zog es durch. Heute bewundere ich meinen Mut. So, wie ich damals tags und nachts Bahn fuhr und einkaufen ging, würde ich heute auf dem einzigen Prinzip nicht tun: Aufmerksamkeit vermeiden. Frau kommt einfach ruhiger durch den Alltag, wenn nicht 3/4 ihres Körpers nackt sind und der mit den hohen Hacken bei mit 1,80m nicht gerade unscheinbar ist. Mutig ja. Aber nicht nur das: ich war überzeugt, dass ich das Recht dazu habe und dass Klamotten keine Einladung für nichts sind!
Auch wenn ich manchmal mit zweierlei Maß gemessen hatte, waren die Jungsgeschichten nicht gänzlich unemanzipativ. Das ist sicher Auslegungssache. Aber ich fand und finde noch immer: eine Frau darf selbstbestimmt mit ihrer Sexualität umgehen. Und so tat ich es auch. Nicht jeder meiner adoleszenten Lover war ein lang ersehnter Traumprinz. Ich unterschied sehr wohl zwischen Verliebtheit, wenn das Herz flattert und alle Körperhaare sich aufrichten – simultan. Und zwischen dem anderen Gefühl des Verlangens, der jugendlichen Neugier, der Lust auf Abenteuer. Ich wusste, dass keiner meiner Experimentierpartner lange dicht halten würde und früher oder später so manches unnette Wort auf mich treffen würde. Aber ich wusste: ich halte das aus. Weil es mir das wert war. Nach meinen wenigen intensiven liebeserfüllten „festen“ Beziehungen bin ich heute noch mehr an dem Punkt als damals: für die Freiheit, für die freie Wahl und gegen die Fesseln der Monogamie. Warum sich nicht für das „Konzept“ entscheiden, was am besten zu mir – dir – uns passt?
Ich bin längst nicht am Ende meiner feministischen Retrospektiven. Aber vielleicht lohnt sich an dieser Stelle ein Zwischenfazit:

A) Wir können ALLE zu JEDEM Zeitpunkt anfangen, emanzipative Ziele und Hoffnungen zu entwickeln und zu verfolgen. Nicht die Vergangenheit allein entscheidet. Aber sie prägt natürlich und sie macht uns zu denen, die wir sind. Es lohnt sich also nicht, in den Fehlern zu verharren.

Obwohl diese pubertären Jahre uns prägend erscheinen und wichtig für die Bildung unserer Persönlichkeit heute, waren es doch hormonexplosive Zeiten. Emotionen kochten hoch und auch wir waren den (normativen) Einflüssen unserer Umwelt ausgesetzt. Wir lernten viel, aber nicht kritisch zu sein, nicht sensibel zu reflektieren, nicht uns und Zustände infrage zu stellen. Weil es ein schulischen RICHTIG und FALSCH gab. Wie viel selbst erworbenen Feminismus kann man_frau da erwarten? Und wenn ich gerade dabei bin: wer von uns hätte es gewagt, auch wenn er_sie es gewollte hätte, auf kreative und geschlechtersensible Weise einen Aufsatz zu schreiben? A la Bürger*innen, Schüler_innen oder BanknachbarInnen.

B) Die positive (Um)Deutung aus der heutigen Perspektive ist ein Geschenk und eine Chance. Ich habe meine Schuldgefühle neu interpretiert. Ich habe darin sogar eine Menge „Gutes“ gefunden, aus dem ich schöpfen kann. Hätte ich diese Erfahrungen nicht gemacht, wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Und ich LIEBE meinen heutigen Standpunkt. Ich bin froh und weiß um meinen privilegierten Zustand und Zugang zu Wissen, zu reichen Quellen, und bewundernswerten Dozent_innen.

Jedes Potenzial ist nutzbar, brauchbar und wunderbar! Ich hoffe, mein kleiner Ausflug back to the past erfüllt ein bisschen was an Zweck und sagt das, was ich sagen will: es gibt keinen stagnierenden Zustand. Unser Dasein ist ein Prozess. Und unsere Einstellungen und Prämissen sind es ebenso. Nur wer einst eine Idee gut fand, muss und kann auch gar nicht immer und ewig auf und in diesen verharren. Das, was in der Schule galt ist in der Uni nicht mehr haltbar und erst recht nicht im Berufsalltag. Ich bin keine Verfechterin von Linearität und Wachstumsentwicklungsphantasien. Gern gestehe ich, dass die Anhäufung von Erfahrungen durchaus mit dem Alter erfolgt… so viel zu meiner „Altersweisheit“ mit 27 :)…

❤ KF

Willenlos? Was will der bloß? PUA-Vorurteile, Misogynie und andere Verwirrungen

Julien Blanc. Wem der Name in diesen Tagen nichts sagt, hier ein kurzer Steckbrief: Pickup-Artist, in seinen Kreisen kein unbekannter, „Verführungskünstler“, Coach. Und seit Neustem auch Hass-Objekt der feministisch-aktivistischen Community. Julien tourt schon das ganze Jahr durch die Welt (war u.a. auch in Europa unterwegs; München, Amsterdam, Zürich…) und versammelt in jeder Großstadt, in der er Station macht, hunderte von Anhängern. Die zahlen 3000 Dollar/Euro um dem Mann zu lauschen, der vermeintlich jede Frau „rumkriegt“ und seine Methode jedem Willigen beibringen kann. Für das gewisse Kleingeld.
Nun, dabei bleibt es nicht. Julien lässt des Öfteren Parolen a la „… and you will rape them all“ verlauten. Seine Strategie scheint in der besonders misogynen Interaktion zu liegen – ignorier sie, überfordere sie, hintergeh sie. Ab und an zeigt Julien in seinen Youtube-Videos in eindeutigen Bewegungen wie sich dieses Überrumpeln von fremden Frauen auf der Straße gestaltet.

Julien ist ein End-Zwanziger (würde ich schätzen), eigentlich ganz sympathisch und kann überzeugend sein. Das können viele. Vor allem diejenigen, die irgendeiner Coaching-Tätigkeit nachgehen.

Die Pickup-Szene wird schnell vorverurteilt: Frauenhasser, die jedes weibliche Wesen bis in die Haarspitzen zu erschüttern versuchen. Je schöner sie ist, desto tiefer soll sie fallen.

Kennen wir alles. Kenne ICH alles. Ich habe mich lange genug mit dem Konzept bzw. der Subkultur (und ich finde schon, dass die PUAs so bezeichnet werden dürfen) befasst, um auch sagen zu können: Juliens Mainstream-Botschaften orientieren sich durch und durch an THE GAME von Neil Strauss. Er war es, der als nerdiger Journalist die PUA-Szene eroberte und mit seinem Bestseller ein Zeichen setzte.
Aber nicht für Frauenhass. Nein, für einen Blickwinkelwechsel auf die scheinbar harten und unnahbaren PUAs. All sie waren und sind es manchmal immer noch, verletzliche zarte Blümchen, die von der Einen oder Anderen oder ihnen Allen etwas hart fallen gelassen wurden. Herzen wurden gebrochen, Hoffnungen zerstört. Ventile, die wir für die Verarbeitung finden, können sich unterscheiden, nicht wahr? Das heißt nicht, dass wir anfangen sollten, einander gegenseitig in den Boden zu trampeln. Und: nicht jeder PUA ist von Frauen auseinander genommen worden.

Manche versuchen ihre Liebe zu finden. Ihre – also die eine lebenslange, seelenverwandte Liebe. Ich denke mir das nicht aus – alles Originalvokabular aus den teils psychologisch, evolutionistisch oder soziologisch angereicherten Theorieansätzen der Subkultur-Jungs (meistens Jungs zumindest).

Ich schweife mal wieder ab. Die PUAs bringen mich öfters ins gedankliche Abseits, sorry.

Julien Blanc war also in Australien auf Welttournee und wurde promt von Aktivist_innen von #TakeDownJulienBlanc und der Polizei des Landes verwiesen. So einfach kann‘s manchmal gehen. Da aber schlechte PR besser ist als keine, feiert die PUA-Community ihren Meister nur noch mehr. Das kennt man doch eigentlich von den meisten provokanten Aktionen: Barbie-Dream-House in Berlin, Pussy Riot in der Kirche oder zwiespältigen sexistischen Werbeaktionen a la Tequila als „Dosen-Öffner“ oder „Polylike“ und ihr „Du willst es doch auch“ und und und …

Dabei geht alles ziemlich schnell: soziale Netzwerke machen es uns und ihnen leicht, Gleichgesinnte zu akquirieren.

Ich will auf keinen der Züge aufspringen, obschon ich das Engagement von #TakeDownJulienBlanc bewundere und ehre und achte!

Meine Gründe sind teils untermauert durch meine leichte Pro-Neigung und nicht die totale Ablehnung der PUAs. Clarisse Thorne schrieb das Buch „Confessions of a Pickup-Artist Chaser“, in der SIE, die Feministin, die PUAs „jagt“. Sie trifft viele der Großen und führt sehr offensive und durchaus feministisch zu vereinbarende Gespräche. Sex-positiv ist wahrscheinlich der gemeinsame Nenner, den Clarisse mit den PUAs findet.
Auch THE GAME lese ich gern. Es gibt dort so viel zu entdecken: menschliche Ups und Downs, Liebe, Hass und Intrigen. Geschlechterstudien at their best. Ich bin durchaus in der Lage misogyne Passagen reflektiert zu lesen und sie zu deuten. Den Frauenhass per se habe ich nie allein stehen sehen.

Auch Julien ist – abgesehen von seinen ab und an entgleisenden Aussagen und Schemata – ist aktivistisch unterwegs. Er ermutigt schüchterne, enttäuschte und unwissende Männer, auf Frauen zuzugehen, sie anzusprechen und Selbstbewusstsein zu tanken. JA, es geschieht manchmal auf etwas aggressive Weise und JA, er sieht sich als DEN BESTEN überhaupt (anders würden nicht so viele zu seinen Vorstellungen kommen). Das PUA-Geschäft lebt nun einmal davon, dass „Erfolge“ offen präsentiert werden.

Aber zur „Vergewaltigung“ hat er nicht aufgerufen. Und: Liebe, Ehe, Tradition spielen auch eine Rolle.
Jeder kann jedes mögliche Ziel verfolgen. Kinder und Familie gründen wollen und nicht jede Erstbeste auf der Straße in seine „Höhle“ schleppen. Evolution ist halt DAS TOP-Thema der PUAs.
Mit sprachlich-manipulativen Spielchen, wie dem NLP, versucht es auch Julien auf seine Anhänger Einfluss zu nehmen. Z.B. wiederholt er Phrasen und Wortfolgen in Videos und Vorträgen, unterstreicht Worte mit gezielter Gestik und rundet das perfekt-überzeugende Bild von sich als Meister ab. Ich mag ihn irgendwie. Ich finde ihn spannend, als Mensch, als Untersuchungsobjekt. Ich objektifiziere jetzt einfach mal auch.

Und seien wir ehrlich: Frauen werden auf jedem zweiten Plakat zum Sex-Objekt. Ihre Körper dienen als Projektionsfläche für Schokolade, Bier oder Hustenbonbon. In Küchen und Bädern des Möbelkatalogs sind hübsche Frauen ein Muss – am besten halbnackt und jung.

Glaubt man und frau da tatsächlich, dass die paar PUAs noch mehr am Selbstwert der Heute-Frauen rütteln können? Viele Feminist*innen regen sich im Netz auf. Frauen schreiben verzweifelt, von einem PUA aufs Korn genommen worden zu sein. Nach der ersten Nacht war es vorbei. Die brutalen Aufrissmaschen würden traumatisieren…

Ich mache mich nicht lustig. Ich bin nur ironisch. Natürlich fühle ich auch mit, mit all den herzgebrochenen Verlassenen, Betrogenen und Hintergangenen.

Aber dafür braucht es nicht immer einen Pickup-Artist. Das können auch „Normalos“. Und: ihr könnt das auch. Es ist eine Einbahnstraße, Gefühle zu verletzen und Träume zu zerstören. Denkt einmal zurück: gab es nicht schon mal den Kerl, der euch sehr gern hatte. Für euch war er nur Freund oder schlimmer – nicht einmal das?

Am SCHLIMMSTEN ist für mich das allgemeine VICTIMIZING, das bei all dem vor sich geht.

1. Von Frauen, die sich über die PUAs und deren „Faxen“ beklagen und sich zu einem Opfer stilisieren.

2. Von Kritiker*innen, die die PUA-Maschen verteufeln und meinen, Frauen würden dadurch zu Objekten und persönlichkeitsleeren Gefäßen – sprich: zu passiven Opfern.

Und genau dieses zu Opfern-machen, die Tat- und Ratlosigkeit von Frauen, ihre passive Art werden hier doch nur als Stereotype noch mehr bestätigt!
Wer sagt, dass SIE sich dem PUA hingeben muss? Wer sagt, dass ER sie zu etwas ZWINGT? Ja, etwas arrogant können die Jungs schon mal daherkommen. Und ja, sie können SIE ignorieren, sie mit „Spielchen“ in Schach halten und sozusagen nicht ruhig schlafen zu lassen – genau wie jeder Mann, jede Freundin, jede Schwester oder Mutter. Der ganz normale Sozial-Wahnsinn, der Alltag und das Leben.

Ich plädiere selbst für gegenseitigen Respekt, für Ehrlichkeit und Solidarität – transdisziplinär und –geschlechtlich. Vielleicht würden das nicht alle PUAs unterschreiben, aber durchaus einige.

Und Mädels – wir sind doch nicht passiv?! Wir wissen doch, was wir wollen: ein Abenteuer ist auch mit einem PUA noch eins. Pickup-Artisterie ist eine „Pseudo-kunst“, die nichts gegen Euren Willen tut oder Euch willenlos. Ihr habt immer etwas zu sagen und wenn ihr schon mal was von solchen Männern gehört habt, dann reicht es auch, dass ihr es im Kopf behaltet. Nicht jeder potenzielle „Pickupper“ ist gut und letzten Endes hat jeder auch eine Persönlichkeit, einen Charakter. Selbst der beste PUA-Guru wird nicht immer seinen „Kern“ verbergen können. Wen’s interessiert, kann sich mal mit Mystery’s Geschichte beschäftigen (Spoiler: wie ich schon sagte: zarte Blümchen).

Also:

Aktivismus JA!
Feminist*innen vereint JA!
Pickup-Hass als Antwort auf deren „Frauenhass“ naajaaa… es war noch nie gut, das eine Übel mit einem größeren ausmerzen zu wollen.

Übrigens: Pickup-Artists können auch Feministen (-EN!) sein! Links, sex-positiv und frauen-hochachtungsvoll-liebend. Vielleicht schon mal zu sehr 😉 – Kategorien sind da, um infrage gestellt zu werden!

❤ KF

Wer hat ein „Gender-Problem“?

Donnerstag. Ein interdisziplinäres Seminar irgendwo zwischen Physik, Psychologie und Philosophie. Zwei Professorinnen aus Natur- und Kulturwissenschaft. Scheinbar das perfekte Rezept für wunderbar-ausschweifende Diskussionen und hyper-open-minded people.
So ist es. Fast. Die Runde beginnt bei Mädels aus dem queer-theoretischen Milieu und einer multi-kulti-intersektionalen Gesinnung. Dort, wo sie endet ist kein so toleranter Ort. Genauer: es ist keine solche „Position“. Ein überaus straighter Mann, dessen Heterostatus ihm sehr wohl abzulesen ist, sitzt ebenso mit am runden Tisch dieser Geschichte. Ich bin irgendwo mittig und vernehme diese typische „Hahn im Korb“-Stimmung, die ab der ersten Stunde Funken sprüht. Ganz amüsant, denke ich zunächst. Denn der Typ macht einen durchaus kompetenten Eindruck, kommt er doch ebenso aus dem Medien- und KuWi-Wesen. Er studiert bereits ein Weilchen, 14 Semester sofern mich meine Erinnerung nicht täuscht.
Dass mir diese Kleinigkeit entfallen sein könnte, liegt aber nicht daran, dass es ein Informations-Übermaß in den ersten Semesterwochen gab. Nein, es liegt am netten Herren, der unser weiblich-dominiertes Seminar mit seinen „wertvollen“ Gedanken beehrt.

Wir von den Gender Studies sind ja für unsere Toleranz bekannt und auch die überwiegend gewaltfreie Diskussionskultur, die alle inklusiv behandelt und jede_R/M ein Recht auf ihre_/seine Meinung lässt.

Im beschriebenen Kurs bin ich die einzige Gender-Studierende – aber nicht die einzige Feministin!

Es wird viel geredet, viel gelesen und noch mehr gedacht. Schnell kommt es zu sich überlappenden Interessensfeldern, schließlich wird uns hier viel Spielraum und Mitbestimmungsrecht zugesprochen. Wir gestalten praktisch selbst, erschaffen und intervenieren. Die Freude meinerseits ist ungetrübt.

Bis…ja bis unser einziger Herr der Dinge sich folgende Aussage erlaubt: als eine Professorin ihn nach seinem Ziel des Kurses fragt  und scherzhaft hinzufügt, ihm als „Quotenmann“ würden auch „Gender-Fragen“ naheliegen können…
Ein fataler Fehler!

Denn der Mann der Quote ist so gar nicht der emanzipierte Enthusiast. Ohne sich eine Sekunde Zeit zum kritischen Reflektieren zu nehmen (wie wir von den Gender Studies es gerne mal anraten – vor allem den queer-entfernten bis latent homophoben) lässt er diese Phrase verlauten:

„MIT GENDER HAB ICH EH EIN PROBLEM!… ALSO KEIN GENDER!“

WTH?

Was soll das bitte bedeuten? „Gender-Problem“? Er sitzt da mit 20 Frauen* zusammen und hat ein „Gender-Problem“? Er studiert „etwas mit Medien“ und hat ein „Gender-Problem“? Was soll das?

Ich meine, klar, „die Medien“ sagen auch, Frauen*quoten seien hinderlich für Land und Wirtschaft oder „Social Freezing“ sei die Lösung für alle Repro-Sorgen der weiblichen Belegschaft. Aber hey! Ein „Gender-Problem“???

Frau* und man sieht es und fühlt es hoffentlich auch: ich bin ER-SCHÜTTERT!

Warum ich das HIER schreibe und nicht der netten „White-Straight-German-Healthy“-Hete einmal kräftig den Emanzipationsschuss verpasse (metaphorisch natürlich)? Kurz vor dem Lostippen hab ich mir diese Frage selbstverständlich auch gestellt, wie vor jedem Beitrag übrigens.
Warum hab ich mich nicht empört? Warum bin ich nicht aufgesprungen und habe lauthals „Stop“ gerufen? Viele Kritiker_innen werden mir das vorwerfen. Nach dem Motto, welchen Sinn hätten Gender Studies und Feminismus sonst, wenn Sexisten* und ähnlich Gesinnte weiter ihren Schabernack mit uns treiben könnten?

Einen GROOOOOOßEEEEN – sage ich!

1. Dass ich mir dieser Situation bewusst werden konnte, verdanke ich meinem Fachgebiet und meiner Fähigkeit der Selbst-Reflexion.
2. Ich habe noch viel Zeit mich – gesettled und gezielt – um mehr Verständnis zu bemühen. Denn der nette Kommilitone könnte Wissenslücken aufweisen – wie so viele seiner Gattung – und die werde ich aufspüren und zu schließen bemühen.
3. Bewusster Müßiggang statt impulsiver Überreaktion! Ich kann spontan auch mal komplett überschäumen…und verglühen. Ob ich damit den KLAREN VORURTEILEN über SELTSAME FRAUEN, die sich FEMINISTINNEN nennen und von denen er in der Uni bestimmt einen Sicherheitsabstand hält, entspreche, dürfte sich von selbst beantworten. Auch das habe ich im Verlauf meiner feministischen Bildung gelernt: was gut werden soll, braucht Zeit.

Zum textuellen Überschäumen habe ich mich nun dieses Mediums bedient. Zum verbalen Aufklärungsangriff nutze ich das ganze Semester, in dem ich durch be- und gewusste, gewitzte und unfehlbare Beiträge den unbewegten Mann zum Nachdenken animiere. Ganz egal, ob er zum Feminismus konvertiert oder bei seiner geradewegs-durch-die-Wand-Einstellung bleibt, kein Wort ist unnütz – kein Satz bleibt ungehört. Darauf setze ich – und damit hatte ich bislang immer Erfolg.

Erfolg ist, wenn Feminismus Gehör findet.

Erfolg ist, wenn gerade die privilegiertesten unter den Privilegiertesten einen Moment inne halten und sich fragen: „Geht es mir wirklich so gut in meiner Position?“

Wenn sie dann diese Frage mit „JA“ beantworten ist es ein kleiner Schritt – aber trotzdem einer FÜR das große F!


KF

Lasterhafte Schwester

Ich habe eine Freundin, der dieser Titel gewidmet ist: Lasterhafte Schwester.

„Lasterhaft = frivol, schamlos, genusssüchtig, unzüchtig, sittenlos, unanständig, sündhaft…“

Für mich ist lasterhaft kein negatives Wort. Es ist keine Sünde, denn an die glaube ich ohnehin nicht. Spirituell ist es dennoch. Meine Freundin ist auch ein sehr glaubensverteidigender Mensch. Schon früh bekam sie die geballte Ladung Religion („Opium des Volkes“!) aus dem Elternhaus mit. Kirche war eine der wenigen Freizeitbeschäftigungen, die ihr gewährt wurden. Fuhren die Mädels und ich im Sommer zum See – sie durfte nicht mit („sündhaft!“). Feierte jemand von uns Geburtstag, war sie selten dabei – und wenn, dann war das Zeitlimit auf allerspätestens 18.00 Uhr gesetzt. Mit 13, mit 14 und auch noch mit 16 waren diese Auflagen aktuell.
Dann kam der Bruch und meine Freundin wurde zur emanzipiertesten Frau, die ich kenne gleich nach meiner Mutter.
Sie schmiss das Abi, wurde Krankenschwester (trotz Hassfach Chemie und Zweithassfach Bio) und fand ihre Erfüllung in sinnlichen Tänzen. Sie arbeitet heute sozusagen mit Körpern fremder und mit ihrem eigenen. Kirche blieb in ihrem Leben, aber sie rückte in die Peripherie und machte das Zentrum frei für Neues.
Die Eltern meiner Freundin mussten sich an das neue befreite Ich der jungen Frau erst gewöhnen. Und mit gewöhnen meine ich streiten, verbieten, leiden und schließlich damit abfinden. Bis heute gibt es viele ungelöste Verwirrungen in dieser Familie. Klar, dass meine Freundin den Plan ins Auge fasste, dass in ihrer eigenen Familie alles anders werden würde.
Und da wären wir auch schon beim Thema: Familienplanung. Trotz der neugewonnenen liberalen Lebensweise, hält meine Freundin immer noch an den Werten und Tugenden ihrer strengen Erziehung fest. Eine davon ist lebenslange Monogamie, Sex nur mit Liebe und völlige Erfüllung im Partner – der „zweiten Hälfte“ ihrer selbst. Ein Märchen, wenn ihr mich fragt.
Sie fragt mich übrigens tatsächlich oft. Um Rat, um Beistand. Manchmal glaube ich, dass es ihr besser geht, wenn ich ihr von meiner verqueren Weltansicht berichte. Meine Ideen und vielleicht auch Ideologien von der freien Liebe, der toleranten Polyamorie und Beziehungen, die funktionieren, ohne den/die andere/n BESITZEN zu wollen.
Weil sie an der Erfüllung ihres Traums aktiv und täglich arbeitet, gab es ziemlich viele Schüsse in den Ofen. Einige waren witzig, andere trafen sie so unerwartet und waren so schmerzhaft, dass ich ihren Lebensmut infrage stellte – zeitweise.
Nach jedem Schlussstrich – nach jeder erneuten kleinen Befreiung gab es eine Regenerationszeit. In der war sie nicht das „leichte Mädchen“ und „wollte keine Beziehung“. Nein, meine Freundin kam immer und immer wieder zurück zum Pfad der Hoffnung, ihre „Komplementärfarbe“ zu finden. Einen Mann, der stark genug wäre, sie nicht nur anzunehmen sondern zu unterstützen. Ein Mann, der standfest wäre und doch zu abschweifenden Träumereien mit ihr bereit.
Dabei vergaß sie gern, dass sie eine SEHR selbstständige Frau ist. Sie renoviert selbst, mit ihren zarten Händen baut sie Badezimmermöbel oder bringt Heizungen an. Sie treibt Sport und wenn sie tanzt, dann ist JEDE/R davon fasziniert. Kurz: sie kann einfach ALLES, was der Alltag so bietet. Den Glühlampen-eindreh-Kerl braucht sie ganz einfach nicht. Und sie vergisst, dass ein All-inclusive-Paket eben nur das ist, ein Titel für eine Reise, einen Hotelaufenthalt oder ein Buffet. Es ist kein Mensch, schon gar nicht ein traditionsbewusster Mann, der seiner klischeehaften Rolle gerecht werden will.

Wo war ich? JA! Lasterhaft.

Warum nun für diese Schwester plötzlich genau dieses Wort gebraucht wird? Es kam dieser Tag – HALLELUJAH! – an dem sie ihre „Lady on the street“ in den „freak“  verwandelte. Da war dieser Typ, der eine enorme Anziehungskraft auf sie ausübte. Er war ein sehr großer und starker Mann, der trotzdem jünger war, als sie. Er hatte viel erlebt, war aber dennoch beruflich deutlich weniger weit gekommen, als sie. Er hatte seine kleinen Unsicherheiten und Päckchen aus vergangenen Tagen – aber die Triebe siegten. Auch die meiner Freundin, die stets predigte, dass das sexuelle Verausgaben nichts für den Menschen täte. Es wäre sinnlos, schamlos und bliebe nicht frei von Konsequenzen. Ob nun Ruf oder persönliches Selbstwertgefühl – alles wäre in Gefahr, würde frau sich durch die Stadt … grasen. Außerdem wäre körperliche Nähe ohne eine wahre, innige Verbindung nichts und hätte kein Recht auf alleinige Existenz… Es gibt sehr, sehr viele solcher Gespräche. Das letzte ist nicht so lange her.
Und da sitzt, wie aus genau diesem o.g. NICHTS, meine Freundin mit leuchtenden Augen vor mir. Sie leuchten nicht verliebt, noch nicht. Sie leuchten vor Freude, vor Ausgelassenheit. Und was mich besonders umhaut, sie leuchten ohne Reue. Sie erfreuen sich an der „Sünde“. Ja, meine Freundin hat sich auf eine rein körperliche Beziehung eingelassen. Ja, es ist nicht DIESER MANN DER SIE UNTERSTÜTZT DURCH DICK UND DÜNN. Und JA! Es macht trotzdem Spaß. Während sie mir das erzählt, muss ich selbst lachen und klopfe mir ein bisschen auf die Schulter – gedanklich. Ich habe ihr so oft schon in derselben Weise von meinen Abenteuern berichtet und sie zog nicht selten ihren Schuh aus und haute mich – nicht immer gedanklich!
Da saßen wir nun, beide froh, beide gelassen und beide voller lasterhafter Vorsätze und Erinnerungen. Es gab nur kurz diesen Augenblick, an dem ich dachte, ihr ein „siehst DU! Ich habe es DIR doch gesagt!!“ zuzustecken. Aber wozu? Sie hat ihre Antwort. Und die lautet nicht: ab jetzt bin ich ein böses Mädchen. Es ist eine wichtige Erfahrung. Eine Erweiterung des Horizontes. Sicher wird diese Geschichte nicht zu ihrem Märchen. Vielleicht wird sie sogar einige tiefe Kratzer verursachen. Für jetzt ist meine Freundin voller Endorphine, voller Liebe – der Liebe zu sich, zum eigenen Körper und die Freuden, die er ihr bereitet – gerade mit Hilfe eines zweiten.

❤ KF