„Dear society,…

…please change!“ Zum Equal Pay Day heute ein kleines Stoßgebet an die Göttin des gleichen Lohns. Und um ganz effizient zu sein, ist mir heute nach einem kleinen Themenüberschlag. Ihnen gemein ist (abgesehen vom allgemeinen feminismusfeindlichen Gezeter) ihr Appell an die Gesetzgeberin.

Dialog von heute Morgen. MoMa-Moderator Mitri Sirin fragt Manuela Schwesig nach dem Sinn ihres Bestrebens nach gleichem Lohn für Frauen und Männer. Es sei schließlich die Gesellschaft, die sich ändern sollte. Soll den Menschen tatsächlich noch mehr Zwang zugemutet werden? Nützt ein Gesetz top-down irgendjemand irgendetwas. Frau Schwesig lächelt, lobt den Mindestlohn und die Frauenquote und sagt: Das schaffen wir auch noch.

Das ist kein Bekenntnis für oder gegen unsere Frau Familienministerin. Und Herrn Sirin will ich auch nicht verteufeln. Vor ihm gab es einen wesentlich publikumsabschreckenderen Kollegen.
ABER mich stört dieser Dialog in seiner Substanz. Immer und immer wieder ertönt dieser Schuldspruch gegenüber der Gesellschaft. Entweder zu liberal, zu beengt, zu stur, zu facebook, zu FDP…
DA DRIN sollte sich was tun! SIE soll sich nicht so haben. IHRE Normen haben sich zu wandeln. Und niemand scheint sich darin zu verorten, wenn sie oder er von DER Gesellschaft spricht. Schon mal dran gedacht: YOU’RE PART OF IT.

Dennoch ist die Frage auch für mich legitim und nicht leicht zu lösen: brauchen wir mehr Gesetze? Solche, um der Gesellschaft etwas auf die Sprünge zu helfen…vielleicht ihr in den Hintern zu treten (und mit ihr gemeinsam auch ein paar ganz bestimmten Akteur_innen auf ihrer Bühne).

Eine gewisse Zeit-Redakteurin Frau H. schrieb letzte Woche von der „wahnsinnigen Sensibilität“ in Bezug auf die sexuelle Belästigungsdebatte, der nach jede_r Zweite am Arbeitsplatz schon mal belästigt wurde. Gern hätte ich hier mein Allheilmittels-Argument hingeworfen, kein Wunder, es schreibt ein Mann! Aber bei der Zeit werden jetzt öfter frauenkritische Artikel von ebensolchen verfasst. Ich sage: ihr habt mich zur teils entschärft ;).
Aber (anzüglichen) Witz beiseite: Frau H. hat es echt noch nicht gerafft und äußert sich auf arrogante und ignorante Weise. Diese vermeintlichen Opfer sexualisierter Gewalt seien mittlerweile zu sensibel. Sie sollten sich doch einfach wehren und sagen „Hey, Stopp!“ oder auch mal „Hände weg!“. Die Landesantidiskriminierungsstelle ist für sie eine große Peace&Love-Party, die Frieden für alle will. Frau H. sagt dazu: „Aber rätselhaft bleibt doch, was die Minderheitenprobleme trans- und intersexueller Personen mit der angeblich massenweisen Belästigung am Arbeitsplatz zu tun haben“. Wenn man nämlich findet, alle Menschen seien zwar vor dem Gesetz gleich, von Gleichberechtigung aber keine Rede sein kann, wo ist da der Zusammenhang? Noch mehr schöne Phrasen sind z.B. „klinisch verzagt“ klingender Begriff intersexuell und mein Favorit auf Platz eins:
„DIESE GENDERUTOPISCH AUFGEMOTZTE PROSA“ der Antidiskriminierungsstelle. Für Frau A. unverständlich, was „Gleiches Recht – jedes Geschlecht“ mit trans*, inter* und allen anderen zu tun haben könnte… Vielleicht sollte sie bei o.g. Stelle vorbeigehen und sich mit den Mitarbeiter_innen dort über Geschlechtergerechtigkeit unterhalten?
Es geht in diesem Artikel, neben der Hypersensibilität unserer Gesellschaft, um das scheinbare Verlangen nach mehr Regeln. Grusel-Endpunkt: sie zieht Foucault ein, der sich wohl im Grabe umdrehen dürfte bei ihren leicht §$%&*-phoben Bemerkungen (bitte Beliebiges einsetzen). Die Öffentlichkeit soll sensibilisiert werden statt das souveräne selbstbestimmte Rechtssubjekt hervortreten zu lassen. Statt zu kämpfen (für das Recht), wird gesäuselt. Ein bisschen Feministin ist sie vielleicht, denn ein nostalgischer Seufzer findet sich inmitten des Beschuldigungschaos: die Emanzipationsjahre der 60er hätten ideologisch was zu bieten gehabt.
Sie meint „Jeder Einzelne – jede Einzelne“ könne sich einfach hinstellen und verkünden: „Ich will. – Ich will nicht.“ Uff… Schön, dass es bei Ihnen klappt, liebe Frau H.
Die Gefahr einer sexuellen Belästigung sei heraufbeschworen und Menschen würden nur dazu angeregt werden, sich zu beschweren. Und zum Schluss, wie durch Zauberhand, kommen plötzlich illegal Arbeitende Frauen und Männer als die eigentlichen Opfer zur Sprache. Was genau uns die Autorin mitteilen wollte, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Eins ist aber gewiss: Frau H.s Blick ist nun mal nicht der einzige. Wenn sie eine der glücklichen Frauen ist, die niemals mit diesen Problemen zusammenstieß, schön. Das wünsche ich allen. Ob Frau* oder Mann*.
Allerdings kann sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz (und sonst wo) nicht als ein eingebildetes, übertriebenes und fast schon ausgedachtes Phänomen abgetan werden. Natürlich liegen dem tieferführende Faktoren zugrunde. Und hierarchiefrei wird kein utopisches Großraumbüro sein. Ach ja, und wer sagt, welche Menschen von welchen wann belästigt werden? Frau H. scheint zu wissen, dass trans* und inter* Personen gar nicht zu den Betroffenen gehören. Was für ein Schwachsinn.

Und hier wären wir wieder, bei den Gesetzen und den Regeln. Frau H. meint, noch mehr Regeln sind schlichtweg der falscheste Weg von allen. Alle sollten selber denken. Selbstkontrolle.

Ich sage: Regeln, die für eine geschlechtergerechte, gleichberechtigte Gesellschaft sprechen, die IHR im Wandel helfen und IHRE Partizipient_innen unterstützen, tun gut. Ob gleicher Lohn für gleiche Arbeit – ohne Kompromisse und ohne Schuldzuweisung an die Frauen („Jaja, wählen die doch selbst diese Billig-Care-Berufe!“) oder eine besser etablierte Regulierung bzgl. sexualisierter Gewalt (die übrigens nicht immer nur das Busen-Anstarren oder Po-Antatschen, Witzereißen oder Porno-Bildchen umfassen, sondern Sexismus in all seinen intersektionalen Formen beinhalten kann).

Ein „Liebe Gesellschaft, bitte wandle dich!“ reicht nun mal nicht immer. Lasst uns ihr die Hand reichen und wenn wir schon mal dabei sind, auch einander (in genderutopischer Prosa oder Rosa :P)!


KF

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Feminismus united

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Frisch vom Frauen*Kampftag heute in Berlin! Eine einzige feministische Party, aber auch ernste Worte und harte Wahrheiten! An Euch alle: Frauen* vereinigt Euch zum Internationalen Frauen*tag am 8. März! Es sollen fast 4000 Demonstrant_innen dem emanzipativen Ruf gegen Sexismus, Rassismus und patriarchale Strukturen gefolgt sein! Wow wow wow! ❤ KF

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Göttinnen der Meere

Sie treiben auf dem Wasser um abzutreiben. Plakativ, aber treffend. Als Göttinnen, als Engel nehme nicht nur ich die Frauen rund um die Holländerin Rebecca Gomperts.
Ihr Aktivismus ist provokativ, innovativ und demonstrativ. Auf einem Schiff fahren die Frauen raus aufs Meer, in rechtsfreie Zonen, wo sie Frauen die Abtreibungspille(n) verabreichen. Frauen, die verzweifelt sind. Frauen, die in Ländern leben, wo Abreibungen illegal sind.

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Vessel = Schiff, Kessel, Behälter, Gefäß.

Vessel wirkt lange nach. Das Bild des „Abtreibungsschiffes“ verschwimmt zum Bild des mütterlichen Bauches, dem Gefäß des Lebens und doch ein leerer Behälter.
Als Engel, ja fast Madonnen werden die Aktivistinnen von Frauen aus der ganzen Welt per Port und Mail angefleht.

Für Gegner_innen (und nein, nicht nur in ultrakonservativen Teilen dieser Erde) sind die Feministinnen Todesengel. Sirenen, die Unheil bringen. Mörderinnen. Verbrecherinnen.
Natürlich gibt es das eine oder andere Klischee. Saudi-Arabien, wo Frauen zum Teil nicht ohne männliche Begleitung und unverhüllt in die Öffentlichkeit dürfen, ist ein solches. Ausschließlich Männer, die die Vessel-Frauen in die Enge treiben, fast übergriffartig mit Schildern und Geschrei gegen die Abreibungen protestieren.
Aber Irland, Portugal, Polen…

Rebecca traut sich in Portugal sogar ins Fernsehen. Sie legt sich mit allen an. Mit ihren Kolleg_innen schult sie andere Frauen* und Aktivist_innen. Sie bringt ihnen bei, dass das Herbeiführen einer Abstoßung durch bestimmte Medikamente möglich ist, die frei im jeweiligen Land in Apotheken zu haben sind. Und das ohne jeglichen Verdacht. Sie erklären, wie ungewollt Schwangere die Pillen zu nehmen haben – bis zu 20 Stück in 3-Stunden-Intervallen. Sie beruhigen: Ärzte könnten im Nachhinein nicht nachvollziehen, ob es eine „reguläre“ unerwartete Fehlgeburt war oder nicht.

Als Feministin ist für mich immer schon klar: ich bin ABSOLUT und ohne FRAGE  für die Legalisierung von Abtreibungen! Ohne WENN und ohne ABER.
Aber nach Vessel kommen sie wieder, diese ewigen Fragen: geht Feminismus auch in Pro-Life-Version? Ist Pro-Choice die einzige Option? Geht beides? Und wo ist dann die Kirche, Religion und Emanzipation? Schweeeeeere Kost.
… [an dieser Stelle erspare ich mein Gedanken-Ping-Pong und komme zum Ergebnis]
Feminismus ist pro-Frau, davon gehe ich einfach mal aus. Auch pro-Mann und pro-EveryBODY. Und somit ist Feminismus auch für die Entscheidungsfreiheit über den eigenen Körper. Ob Trans*, Inter* oder „just for fun“-Beauty-OP: jede_r darf, soll, kann selbst über sich verfügen. Das Leben im Körper einer Frau* ist zunächst und an allererster Stelle ein Teil IHRES Körpers und SIE darf darüber verfügen.
Von den Kindern die durch Vergewaltigungen und andere gewaltvolle Übergriffe entstehen ganz zu schweigen. Bei vielen Themenbereichen ist die „Mein Feminismus, Dein Feminismus“ für mich nicht nachvollziehbar – je mehr, desto besser! Aber Abtreibungen: there’s just one right way! Für Ideologiekritik stehe ich gern zur Verfügung. Ich weiß, dass es sehr viel Gegenwind gibt – nicht erst seit Vessel!

Nun. Leider kamen die Vessel-Frauen nicht bis nach Russland. Und da ich das russische Blut in meinen Adern fließen höre, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken bei dem Gedanken. Ich begann die Recherche.

Hier ein paar Fakten über das heutige „liberale“ MÜTTERCHEN Russland:

– seit den 50ern waren Abreibungen quasi legal. Die Frauen unserer Müttergeneration hatten fast alle (die ich kenne) mindestens eine Abtreibung – Sowjetsystem sei Dank! Scheinbar war die produktiv arbeitende Frau wichtiger als eine, die „andauernd“ be- und verhindert ist durch Schwangerschaft und Erziehung… ich nehme mir mal eben kurz das Recht auf Wertung.

– wie man und frau und noch viel stärker alle dazwischen merken, ist Russland nicht gerade weltoffener geworden seit 1991. Es heißt, nach Zusammenbruch der UdSSR war es vorbei mit der Erlaubnis. Und dann kam auch die ominöse Staat-Kirche-Liaison. Die Aktivist_innen der Pro-Choice-Fraktion sind zwar auch in Russland und auch heute laut, aber sie haben es schwer. Das strenge Mütterchen Russland mag es gar nicht dulden, wenn es emanzipatorischen Protest und unzufriedene Bürger_innen auf die Straßen ihrer Städte treibt. Und Väterchen Putins Ego wird auch angekratzt! Nein, nein, nein. Böser Feminismus (aus dem Westen). Es ist ja so: was irgendwie queer, emanzipiert, kreativ daherkommt, hat sich damit im Westen angesteckt. Diese Deutung hat nicht nur Russland für sich gepachtet, es gibt ein paar andere, die uns hier (ja, ich schließe mich ein) als traditions-gefährdende unsittliche Produzent_innen (des Wissens) sehen. Ein bisschen schäme ich mich ja, aber es ist noch nicht alles verloren…

Und sonst?
Schaut Euch Vessel an! Echt! www.womenonwaves.org

Was ich gelernt hab (Spoiler-artigkeit):

– Abtreibung geht echt länger als ich mir vorgestellt hab mit Pillen – 2!
– die Liste mit den Pillen, die den nötigen Wirkstoff haben ist LANG! Die Namen unterscheiden sich, aber es ist nur eine Frage der Kenntnis, einen Abbruch der Schwangerschaft herbeizuführen! Wow!!
– trotzdem: so eine Abstoßung ist kein ‚Kinderspiel‘ (verzeiht mir den makabren Vergleich), Krämpfe, Fieber, starke Blutungen, Übelkeit uns mehr davon
– u.a. durch das Engagement der Women on Waves wurde in Portugal das Abtreibungsgesetz gelockert
– in einigen afrikanischen, europäischen, südamerikanischen und asiatischen Ländern wurden viele Multiplikator_innen von den Women on Waves gecoacht; Beratungsstellen wurden eingerichtet, die ungewollt Schwangeren die nötigen Infos zu den Abtreibungspillen erteilen
à Informationen „verteilen“ ist in den meisten Ländern nicht verboten und der Akt an sich – solange er nicht öffentlich wird – bleibt nur der Schwangeren bekannt…

Für mich bleiben die Women on Waves, wie sich die Aktivist_innen nennen, Göttinnen, Engel und Madonnen. Für atheistische und säkulare Leser_innen: Retterinnen, Helfer_innen, Freund_innen.
Was diese (wenigen) Frauen weltweit in wenigen Jahren bewegt haben, ist unglaublich. Umso mehr verstehe ich, dass es so manche Medien und Gegner_innen nur zu gern verbergen würden. Abtreibung bleibt ein heikles Thema, auch in Deutschland (wo sie btw auch illegal ist, aber nicht bestraft wird, weshalb jede Frau*, die abtreibt, kriminell ist…ich liebe ja das Rechtssystem).

Feminist_innen verbündet Euch: Pro-Choice! Immerhin war das WAHLRECHT eine der ersten und bedeutendsten Errungenschaften von feministischem Engagement. Die WAHLmöglichkeit muss es auch bei Abtreibungen geben!


KF

Sports-Geist und -Körper

Übermorgen ist meteorologischer Frühlingsanfang. Ganz Berlin ist im Fitness-Wellness-Fieber. Wir wollen ja auch die Spiele. Olympia liegt in der Luft. Selbst der Fernsehturm brennt für den Wettkampf.
Diese Ultra-Mega-Sport-Events sind natürlich ein Meisterwerk von kapitalistischen Verstrickungen. Berlin gewinnt dadurch wirtschaftlich viel. Image, Ansehen,  noch mehr Touries. Darauf könnte ich auch rumhacken. Aber das ist es nicht. Es ist eine wesentlich persönlichere Geschichte des Sports, die mich in diesen Tagen täglich einholt. Ich habe noch immer Angst überholt zu werden – von meinem eigenen Geist.

Meine Eltern sind Leistungssportler_innen. Sie waren es, um ganz ehrlich zu sein. Alle beide, jaja. Und zusammen mit der kommunistisch-sozialistischen Erziehung ergibt das einen hochexplosiven Ideologie-Cocktail, der aus der Brust, ins Babyfläschchen und bis in jedes Klümpchen des mitttägigen Grießbreis hineindiffundierte.
Das Problem: seit ich mit vier meinen Bruder im Leben begrüßen durfte, war ich irgendwie … öfter mal gereizt. Meine aggressive Art offenbarte sich ausschließlich zuhause. Es war meine Achillesferse. Ich der Schule: gut! Hausarbeiten: gut! Eltern helfen: sehr gut! Freund_innen: supergut! Bruder: aghhhh!!
Tatsächlich bin ich noch heute mit der Aufarbeitung dieser emotional undurchsichtigen Zeit beschäftigt. Oberflächlich betrachtet, schien mein kleiner Blutsverwandter der Sündenbock zu  sein. Für alles. Dabei klagte ich ihn nicht an sondern löste es gleich, mit Gewalt. Einfach und schnell.

Was hat das mit Sport und Geist und Sportsgeist zu tun. Es kommt.

Mein Vater war einer von der Sorte: für ihn gab es sportlich nur Alles oder Nichts. Ich hatte keine Ahnung, ob er selbst jemals etwas gewonnen hatte. Weil ich körperlich gute Voraussetzungen hatte, musste spätestens ich es nachholen. Alle Wettkämpfe, Sprint, Leichtathletik, Langlauf, Schwimmen – er pushte mich! Immer mit vor der Partie, feuerte er mich so an (inklusive Vor- und Nachbereitung), dass es mich schüttelte vor Angst. Wahrscheinlich war ich darum so schnell. Und ich gewann auch schon mal. Wenn nicht – und es Platz 2 – dann gab es zwei Gründe: 1. Die anderen haben Fehler gemacht, meine Bahn versperrt etc. , 2. Meine Technik… Das war immer schlimmer.

Bei meinem Bruder griff all das nicht. Der brauchte meistens nur einen Tag vorher an den Wettkampf zu denken, bekam daraufhin Bauchkrämpfe und blieb eine Woche zu Hause. Krank.

Bei mir hingegen wuchs die Panik mit jedem Jahr. Wie das so schön unschön ist, nähert frau sich der Pubertät, die bei mir eher zum Nachteil meiner Sportlichkeit ausfiel. Ich hatte zwar Kraft, aber ich nahm zumindest so viel zu, dass z.B. Weitsprung nicht mehr sooo perfekt klappte. Schwimmen – no way und Laufen blieb als einzige große Stärke.

In dieser Zeit kam meine Mutter ins Spiel. Sie hatte sich ein bisschen emanzipiert vom Sportdrill meines Vaters. Als Gymnastik- und Aerobic-Leiterin nahm sie mich unter ihre Fittiche.
Ihr Rezept war: Sport als Stress- und Frustabbau. Sie fand, mir würde es helfen, mich auszupowern. Um meinen Bruder nicht zu hauen. Keine Energie – keine Aggression. Tja, falsch.

Und vielleicht bin nur ich so. Vielleicht. Aber wenn es nur eine weitere Person gibt, Eltern, Kinder, beides, die mit der Aufarbeitung etwas früher beginnen, ja, vielleicht hilft das Euch.

Obwohl es scheint, dass das bisschen Gymnastik keinen Wettkampfcharakter aufweist, fand ich ihn. Diesmal im Rennen: ich gegen mich. Chancenlos. Denn meinen Geist habe ich bis heute nicht geschafft zu überlisten, fair oder unfair.
Ich machte also diese Power-Aerobic-Musik-Gymnastik und wann immer es ein bisschen zog, in der Seite stach, im Kopf pochte, wurde ich immer wütender. Auf mich, ja. Auf meinen Körper, der nicht so wollte, wie er sollte. Es gab doch nur Gewinnen oder Nichts.

Man könnte meinen, als ich komplett selbst entscheiden konnte, was ich mache (dann lief ich, machte sämtliche Work-outs, Fitness-Studios), wäre ich frei. Niemand könnte mich kontrollieren. Auch das: falsch! Ich tat es. Anscheinend brauche ich gar keine Gegner_innen. Die einzige Gegnerin, gegen die ich immer antreten werde, bin ich.

Die kleine traurige Geschichte hat ein Fazit.

Jetzt, wo alle frühjahrsbedingt joggen und hecheln und die Fitnessverträge auffrischen, möchte ich sagen: bitte tut es freiwillig! Für und mit Euch und Eurem Geist im Einklang. Wie küchen- oder eher bolzplatz-philosophisch das auch klingt, Sport kann ein Segen sein. Er kann entspannen, empowern, auspowern, verjüngen und ganz einfach fit und gesund halten.

Und dafür das ganze Geschreibe?! Ja, weil: mir ist erst in diesen Tagen klar geworden, dass es nicht so einfach ist, als „Erwachsene“ zu sagen, ich lasse meine „Kindheit“ hinter mir. Nur weil ich nicht von meinen Eltern bevormundet werde, reicht es oft nicht aus zu sagen: jetzt mache ich es anders! Die jahrelange Erfahrung ist doch oft tiefer, als in die oberste Hautschicht gesickert. Und so kommen vieeeleeee neue Fragen dazu. Viele Freund_innen von mir tun genau das, sie „machen es jetzt anders“. Ich komme nun nicht umher ums Hinterfragen: really?

Also, an alle Sport-Freund_innen und -Feind_innen, an Viel- und Wenigläufer_innen, an Olympia-Fans und -Verbanner_innen: habt Spaß bei dem, was ihr (nicht) tut und tut es vor allem freiwillig! Das ist immer noch die beste Strategie zur Gelassenheit.

❤ KF

Feminismus kennt kein Aber…

Ich bin Feministin, ohne wenn und ohne aber. Ich weiß, ich weiß, das ist etwas, was sicherlich schon deutlich geworden ist.
Trotzdem gibt es für mich keinen Status quo, keinen Ist-Zustand und keine Stagnation. Zu konservieren gibt es nichts. Alles ist in einem Wandel, einem ständigen Fluss – auch der Feminismus – mein Feminismus und unser.

In den letzten Tagen dachte ich viel über den Satz einer sehr engen und langjährigen Freundin aus Schultagen nach. Sie sagte: „Wie kannst du nur so ruhig weiter mit mir befreundet sein, wenn ich doch genau das Gegenteil will und tue, als DU für richtig hältst?“

Das Gegenteil bedeutet: christ-demokratische Nähe, Jura, High Heels, viele „erste Dates“ inklusive Mann zahlt und der dringliche Wunsch nach einer Haus und Garten Familienidylle, mit Verdiener-Gatte, herzallerliebste Kinderchen und meine Freundin am Herd mit Schürze und roten Lippen. Trotz Intellekt, harten Studienjahren, Bundestag und einem goldgepflastertem Karriereweg nach ganz Oben.

Sie setzt auf Luxus und Sicherheit. Sie selbst hatte das nie, noch hatte ihre alleinerziehende Mutter das. Und: sie sagt zu mir Dinge wie: „Wenn ich nur den Richtigen finde, schmeiß ich alles hin und werde Hausfrau und Mutter!“

Wir kennen uns so lange, über 10 Jahre. Zusammen haben wir vieles durchgemacht, uns geliebt und gehasst, gelästert und gekämpft – miteinander und gegen. Schule, Pubertät, erste Liebe. Alles unmittelbar zusammen. Unsere ersten Jobs hatten wir zusammen, wir zogen durch Clubs, ließen uns Drinks ausgeben und tanzten mit unseren 18 in Call Girl Manier.
Wir hatten Spaß, wir waren diese Mädchen, die alles ausprobieren, sich testen und die Grenzen. Sehr oft wurden wir verletzt – meist verbal (naja, ich in meiner Radikalität bekam auch schon mal richtig Schläge von Männern in Clubs. Heute sträuben sich mir die Haare, damals dachte ich nur „Wie gemein!“ und weinte ein paar Tränen um nächstes Wochenende wieder weiter zu machen)

Wir diskutierten die „großen Fragen“ über Männer und Frauen, über Verrat und Betrug. Wir tauschten Erfahrungen aus und verglichen insgeheim unsere Vorlieben und Liebhaber.

Im Grunde tun wir das heute auch. Nur tun wir das Meiste jetzt bewusst. Meine Freundin trägt Kaschmir-Pulli und speist in teuren Restaurants – weil sie’s kann, weil sie’s will! Gut so.

Ich trage lieber Katzen-Print-Shirt, esse kein Fleisch mehr (es sei denn, ich könnte ein selbst aufgezogenes Schäfchen oder Hühnchen eigenhändig töten…wird so bald nicht passieren) und diskutiere an jeder Ecke über … ja, immer noch über Männer*, Frauen* und Intersektionalität (meine Mutter hat längst die Krise und mein Bruder nennt sich Feminist).

Ich weiß jetzt, dass die Schläge im Club, die Grabscherei in der Bahn oder die Verbote meines ehemaligen Chefs, Kleider zur Arbeit zu tragen nicht nur „kleine Macken“ dieser Herren waren, sondern dass diesen Aktionen tiefgreifende  Machtstrukturen, Sexismus und androzentrische Weltansichten inhärent sind.
Meine Freundin weiß das auch. Sie möchte aber nicht kämpfen. Sie will geliebt werden und sucht sich ihre Freunde so aus, dass die o.g. Situationen vorher ausgeschlossen werden können. Sie hofft auf jeden Fall immer wieder. Mit Verrat, Betrug und Ablehnung kämpft sie trotzdem.

So viel erstmal zu uns beiden.

Ich finde nicht, dass wir so verschieden sind. Wir sind beide starke, unabhängige Frauen auf dem Weg. Wir wollen unsere Wünsche und Hoffnungen erfüllt sehen. Wir wollen sie SELBST erfüllen.
Das gute an meiner Freundin ist, dass sie nicht so eine ist, die sagt „Ich bin keine Feministin, aber…“ Sie sagt es eigentlich gar nicht. Sie will für die Männer nicht radikal sein. Nun ja, das trennt uns. Aber ich kenne sie – sie setzt auf ihr Image, die möchte die Hepburn-Lady sein, sie will bezirzen und sehnt sich ein bisschen nach den 50ies-Diven. Weil sie es noch nicht erlebt hat. Meine These: Familie lässt sich nicht testen. Ehe muss man und frau wagen. Und dann sehen. Viele meinen, das sei das einzig Richtige, Wichtige und Mögliche. Mal schauen, wie es aussieht, wenn es DA ist – jeden Tag, 24 Stunden :).

Obwohl ich mir heute den Titel Feministin auf sämtliche Körperteile tätowieren würde (metaphorisch), hätte ich das in der Schule noch nicht getan. In der Schule in Geschichte, Sozialkunde, PW u.Ä. wird Feminismus kaum erwähnt und wenn, dann als radikale, negative Entwicklung, die zufällig und nebenbei das Frauenwahlrecht und SO VIELE ANDERE DISKRIMINIERUNGEN AUFDECKTEN UND BESEITIGTEN!

Und dennoch weiß ich heute, ich war schon früh feministisch unterwegs.

1. Als Kind hatte ich viele Jungsfreude, lief mit denen durch Wald und Wiese, verteidigte „unsere Straße“ vor „fremden“ Jungs und hatte sehr, sehr oft kein T-Shirt an (bis 7 oder 8 Jahren).

2. Stille, in sich gekehrte Mädchen, die schüchtern ihre Schleifchen im Haar richteten und niemals mit nach Draußen kamen konnten nicht viel mit mir anfangen. Ich war aktiv, progressiv und ja, auch mal aggressiv – im sportlich-fairen Stil.

3. Früh wurde mir klar, Frauen – als welche ich mich in Zukunft sah – haben eine „andere“ Funktion in der Gesellschaft um mich herum (nicht „othering-like“ sondern „special“). Frauen hatten Kenntnisse, die Männern fremd waren. Sie kannten Kräuter, die Schmerzen lindern, beruhigen, beleben. Sie konnten Zäune reparieren und kochen, Gäste empfangen und ein Feld voller Kartoffeln abernten. Ja, das Leben zwischen Dorf und Stadt in Russland um 1990 macht mir die Macht der Frauen deutlich. Meine Mutter und Oma waren meine Vorbilder und sind es heute!

4. Ich war durch und durch vernarrt in die Geschichte über Heilerinnen, Hexen, weisen Frauen, Göttinnen, Nymphen. Ohne hier den Essentialismus und Biologismus aufleben lassen zu wollen, dass Frauen „von Natur aus der Natur näher stehen“. Die Frauen, die ich kannte waren alle Mütter und hatten diese Güte in sich. Sie hatten die Kraft, sture, stumpfe und oft uneinsichtige Männer zu bändigen, zu umgarnen und standen über den Dingen. So schien es mir. Die Welt geht doch unter ohne diese FRAUEN!

5. In den Teen-Jahren stieß ich mich am Madonna-Hure-Dualismus. Ich selbst bin nicht stolz den reproduziert zu haben. Ich ging durch alle Phasen und schaffte es zu keiner Zeit, beides in mir zu vereinen. Bis mir ein Licht aufging: DAS GEHT AUCH NICHT! Und: das MUSS es nicht! Vom Versuch, ein „braves Mädchen“ zu sein bis hin zur sexuell entfesselten B**** kannte ich jede Rolle und keine passte für mich. Etwas stimmte an der Gesellschaft nicht.

6. Sorry, liebe Männer, aber viele von meinen Partnern über kurz oder lang schafften es nicht, ihr Ego im Zaum zu halten. Viele rennen bestimmt noch jetzt weg, wenn sie meinen Namen hören! Dass eine FRAU sie verlassen kann, weil SIE genug hat, dass können selbst „emanzipierte Herren“ nicht immer wegstecken.

7. Und last but noch least (wobei es noch viel mehr zu erzählen gibt und mir täglich neue Verbindungen in den Sinn kommen, die auf eine feministische Laufbahn verwiesen haben): in der 13. Klasse war auch ich auf der Suche nach dem richtigen Studienplatz. Was studieren? Wo studieren? Klar, ich wollte mein geliebtes Berlin nicht verlassen. Hab ich auch nicht.
GENDER STUDIES sprang mich förmlich an, als ich die Liste der Studiengänge der HU durchlas. Leider konnte ich die nur als Zweitfach im Bachelor wählen und mit einer Notlösung im Kernfach wollte ich nicht anfangen. Aber schon damals löste der Gedanke, mich mit Geschlecht und anderen Kategorien zu befassen Euphorie aus! Ich hatte Lust!!
Und: ich tat es! Zwar nach meinem Soziologie-B.A. aber dafür jetzt RICHTIG!

Fast täglich gibt es solche Situationen, wie die mit meiner Freundin oder Leuten, Russinnen und Russen, die mich nicht verstehen. Oder ich selbst als Russin muss mich in aller Breite rechtfertigen – pardon, erklären – wie ich als stolze Russin trotzdem Putins Anti-Schwulen-Gesetze toleriere? Diese Antwort ist leicht: GAR NICHT! Und ich gehe mit Aufklärung, mit Diskussionen und mit vieeeelen laaaangen Gesprächen an die Sache. Ich spreche mit Menschen. Ich erkläre. Ich werde niemals müde.

Auch mit meiner Freundin rede ich. Oft. Ich bestärke sie, Empowerment heißt das Zauberwort im Feminismus. Sisterhood.

Es gibt kein ABER für den Feminismus, es gibt nur Angst, Gesellschaftsdruck und männlich-dominierte Denkkontexte, die manchmal für die Mädels selbst nicht zu durchschauen sind, selbst wenn alles im eigenen Kopf stattfindet.
Ich entschleiere nicht, ich schlage einfach einen transparenten Vorhang vor statt der runtergelassenen dunklen Rollos.


KF