Feministisches Frühlingserwachen und adoleszente Sommernachtsträume

So, wie ich hier daher schreibe, muss es nach einem einheitlichen, in sich stimmigen Bild aussehen: eine, die es wissen will und muss. Eine, die früh für die weibliche Solidarität kämpfte. Eine, die auf den Tisch haute, Rosa verachtete und vielleicht sogar die eine oder andere Protestaktion startete.
Leider falsch. Ich korrigiere und oute mich, früher in einem anderen Team mitgespielt zu haben. Bevor es zu dieser Niederschrift hier kam, ordnete ich meine Gedanken. Ein Jahr bis heute. Wie soll ich alles unter einen Hut bringen? Vielleicht wie Lynda Birke, Feministin und Biologin: wearing two hats?
Mich plagten Schuldgefühle. Zuletzt bei einem Klassentreffen des Abiturjahrgangs. In meinen früh-erwachsenen Jahren dominierte ich. Ich führte Mädchen und kämpfe gegen andere. Ich war überkritisch – mit mir selbst nur heimlich, mit anderen umso offener. Ich scheute mich nicht vor Gemeinheiten, nicht vor Beleidigungen und auch nicht vor selbstgesetzten Bewertungen. Unter dem Label meines Namens wurde gleich mehrere, mich begleitende Freundinnen bezeichnet. Sie fügten sich meinen Ideen und Idealen, mal mehr mal sehr viel weniger freiwillig.
Ich verurteile „leichte“ Altersgenossinnen auf dem Schulhof und wollte doch gleichzeitig mehr männliche Aufmerksamkeit. Egal wie. Ich trug wenig. Eigentlich immer. Im Frühling war ich die erste im Mini. Je kürzer, desto ich.
Göttin sei Dank! – heute kann ich drüber schmunzeln. Die regelmäßig schockierten Gesichter: die Bauch- und Beinfreiheit, die Spitzenunterwäsche. Die Sprüche: wie haben deine Eltern dich so rausgelassen? Zieh dir doch bitte etwas drüber!
Ach ja, und im Endeffekt bin ich selbst ein bisschen verstört: hatte ich doch mit dem Großteil der Jungs meiner Klasse irgendwie irgendwas am Laufen. Und von manchen Verehrer_innen erfuhr ich erst nach dem Abi.
Für manche vielleicht die ganz normale Pubertät. Für andere Horror und Feind jedes Feminismus. Darum auch meine Schuldgefühle: hätte ich überhaupt das Recht die großen emanzipativen Themen für mich zu beanspruchen? Müsste ich nicht erst eine Beichte ablegen?
Aber weil wir Feministinnen uns gern Negatives und Benachteiligtes wieder positiv aneignen und Chancen der Krisen nutzen, wäre hier wohl die beste Gelegenheit dafür. Ich habe nicht aufgehört darüber nachzudenken und ich wollte es noch weniger bei diesem Sackgassen-Dilemma meiner Fiesheit belassen. Also dachte ich weiter. War ich doch so gar nicht feministisch? War da wirklich nichts Empowerndes an mir und meinen Aktionen?
Doch! Und wie ! Und ich bin mir sicher, dass wer sucht, die findet! Wenn ich einen genaueren Blick auf die Schulzeit werfe, war ich nie das schwache Mädchen. Im Sport nahm ich es locker mit den Jungs auf, war sogar oft besser. Für meine Freundinnen setzte ich mich bedingungslos ein. Ungerechtigkeiten – außer denen, die ich selbst in die Welt setzte – ging ich gut und gerne an. Zum Beispiel mit Lehrenden und ungerechten Noten. Die Idee einer höheren Weiblichkeit – so esoterisch das auch klingt – war mir immer nahe. Naturnähe und ein Leben in ihrer Nähe und im Einklang mit ihr. Ökofeminismus war mir schon in ganz frühen Jahren vertraut, auch wenn der Begriff erst viel später Sinn machte. Zu Hause gab es das stereotypische Mädchen-Junge-Ding nicht: mein Bruder war der kleine Weiche, und ich die große Harte. Die, die alles organisiert, plant und umsetzt. Leistung war mein Steckenpferd: in der Schule und im Alltag. Vielleicht sogar viel zu sehr, ich gebe es zu: meine Mutter pflegte es zu sagen, dass von meinem Brüderchen nicht so gute Noten erwartet, wie von mir…weil er ein Junge ist. Dass da ein „WEIL“ dahinter steckte, hat sie wahrscheinlich erst mit meinem heutigen Studium richtig durchdacht. „Weil DU als JUNGE auch ohne zu gute Noten durchkommst“. Übrigens hat mein Bruder mit durchgehend etwas schlechteren Noten DASSELBE Abi gemacht wie ich… „WEIL er ein JUNGE ist!“.

Nun, weiter im Text: ich HABE diese Klamotten getragen und ich wurde oft dafür belächelt oder beurteilt. Manchmal sogar belästigt. Wieder sagte meine Mutter, sie könne nicht mehr ruhig mit mir die Straße entlang  laufen, weil die ganzen Männer mich anstarrten. Aber ich zog es durch. Heute bewundere ich meinen Mut. So, wie ich damals tags und nachts Bahn fuhr und einkaufen ging, würde ich heute auf dem einzigen Prinzip nicht tun: Aufmerksamkeit vermeiden. Frau kommt einfach ruhiger durch den Alltag, wenn nicht 3/4 ihres Körpers nackt sind und der mit den hohen Hacken bei mit 1,80m nicht gerade unscheinbar ist. Mutig ja. Aber nicht nur das: ich war überzeugt, dass ich das Recht dazu habe und dass Klamotten keine Einladung für nichts sind!
Auch wenn ich manchmal mit zweierlei Maß gemessen hatte, waren die Jungsgeschichten nicht gänzlich unemanzipativ. Das ist sicher Auslegungssache. Aber ich fand und finde noch immer: eine Frau darf selbstbestimmt mit ihrer Sexualität umgehen. Und so tat ich es auch. Nicht jeder meiner adoleszenten Lover war ein lang ersehnter Traumprinz. Ich unterschied sehr wohl zwischen Verliebtheit, wenn das Herz flattert und alle Körperhaare sich aufrichten – simultan. Und zwischen dem anderen Gefühl des Verlangens, der jugendlichen Neugier, der Lust auf Abenteuer. Ich wusste, dass keiner meiner Experimentierpartner lange dicht halten würde und früher oder später so manches unnette Wort auf mich treffen würde. Aber ich wusste: ich halte das aus. Weil es mir das wert war. Nach meinen wenigen intensiven liebeserfüllten „festen“ Beziehungen bin ich heute noch mehr an dem Punkt als damals: für die Freiheit, für die freie Wahl und gegen die Fesseln der Monogamie. Warum sich nicht für das „Konzept“ entscheiden, was am besten zu mir – dir – uns passt?
Ich bin längst nicht am Ende meiner feministischen Retrospektiven. Aber vielleicht lohnt sich an dieser Stelle ein Zwischenfazit:

A) Wir können ALLE zu JEDEM Zeitpunkt anfangen, emanzipative Ziele und Hoffnungen zu entwickeln und zu verfolgen. Nicht die Vergangenheit allein entscheidet. Aber sie prägt natürlich und sie macht uns zu denen, die wir sind. Es lohnt sich also nicht, in den Fehlern zu verharren.

Obwohl diese pubertären Jahre uns prägend erscheinen und wichtig für die Bildung unserer Persönlichkeit heute, waren es doch hormonexplosive Zeiten. Emotionen kochten hoch und auch wir waren den (normativen) Einflüssen unserer Umwelt ausgesetzt. Wir lernten viel, aber nicht kritisch zu sein, nicht sensibel zu reflektieren, nicht uns und Zustände infrage zu stellen. Weil es ein schulischen RICHTIG und FALSCH gab. Wie viel selbst erworbenen Feminismus kann man_frau da erwarten? Und wenn ich gerade dabei bin: wer von uns hätte es gewagt, auch wenn er_sie es gewollte hätte, auf kreative und geschlechtersensible Weise einen Aufsatz zu schreiben? A la Bürger*innen, Schüler_innen oder BanknachbarInnen.

B) Die positive (Um)Deutung aus der heutigen Perspektive ist ein Geschenk und eine Chance. Ich habe meine Schuldgefühle neu interpretiert. Ich habe darin sogar eine Menge „Gutes“ gefunden, aus dem ich schöpfen kann. Hätte ich diese Erfahrungen nicht gemacht, wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Und ich LIEBE meinen heutigen Standpunkt. Ich bin froh und weiß um meinen privilegierten Zustand und Zugang zu Wissen, zu reichen Quellen, und bewundernswerten Dozent_innen.

Jedes Potenzial ist nutzbar, brauchbar und wunderbar! Ich hoffe, mein kleiner Ausflug back to the past erfüllt ein bisschen was an Zweck und sagt das, was ich sagen will: es gibt keinen stagnierenden Zustand. Unser Dasein ist ein Prozess. Und unsere Einstellungen und Prämissen sind es ebenso. Nur wer einst eine Idee gut fand, muss und kann auch gar nicht immer und ewig auf und in diesen verharren. Das, was in der Schule galt ist in der Uni nicht mehr haltbar und erst recht nicht im Berufsalltag. Ich bin keine Verfechterin von Linearität und Wachstumsentwicklungsphantasien. Gern gestehe ich, dass die Anhäufung von Erfahrungen durchaus mit dem Alter erfolgt… so viel zu meiner „Altersweisheit“ mit 27 :)…

❤ KF

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Bad Russian

Eine weise und zugegebenermaßen manchmal angsteinflößende Frau und Dozentin sagte uns einst: normative Titel und Thesen sind okay, solange frau sich dieser bewusst ist und sie auch als solche markant reflektiert.
Reflexion ist das Zauberwort der Gender Studies. Und auch ich liebe es, tagein tagaus vor mich hin zu reflektieren. Niemals hätte ich in der 4. Klasse beim Radfahrunterricht und der dazugehörigen Sachkunde-Theorie gedacht, dass ich einmal zum menschlichen Reflektor mutieren würde.
Aber Spaß und ironische Prise bei Seite: es geht um etwas Ernstes – um Russ_innen. Wahrscheinlich müsste ich sogar auf jegliche Gendergerechtigkeit verzichten und „Russen“ sagen. So ernst ist es.
Zwei Situationen in den letzten zehn Tagen haben mich wütend, traurig und ganz besonders schrecklich: beschämt gestimmt. Es ist offiziell: ich schäme mich für meine Landsleute.
Nicht für alle natürlich, nur für die „Bad Russians“. Achtung! Normativität! Vorsicht! Wertung!
Wer schlecht und wer gut ist, darf und soll jede_r selbst gern entscheiden, es leben, es träumen und naja, klar, auch mal darüber reden. Schlecht finde ich dagegen, wenn so Kinder erzogen werden, wenn neue „Bad’s“ rekrutiert und akquiriert werden. Wenn Propaganda zur Norm wird. Zur Heteronorm.
Denn dann ist es nicht mehr dieses „Man wird das ja wohl noch sagen dürfen!“. Es ist Ausschluss. Es ist Diskriminierung. Und es ist Folter.
Ein wirklich bewundernswerter Verein „Quarteere e.V.“, der sich gegen Homophobie und für Menschenrechte einsetzt initiierte mit Amnesty International eine kleine Uni-Film-Session. Wir sahen „They hate me in vain“ von Yulia Matsiy. Sie – eine russische Aktivistin, die in Italien lebt (notgedrungen, so schätze ich) und 2013 diese Dokumentation über junge, russische LGBTIQ*-Christ_innen gedreht hat. Es gab keine Triggerwarnung und mein Gendergespür sagte mir, dass die nach dem Film dringend von einigen eingefordert wird. Der Inhalt ist hart. Nichts für zarte traditionelle Gemüter und besonders schwer für Betroffene. Mich überrollten Wellen von glühender Scham, von Hass aufs eigene Volk, dann wieder Scham und dann irgendwann setzte die Taubheit ein. Als meine Begleitung und ich den Hörsaal verließen, waren wir stumm. Zwei Russ_innen, zwei Deutsche, zwei In-Betweens. Wir liefen nebeneinander her und wussten nicht, wie wir anfangen sollten. Womit und warum?
Dann brach es aus uns heraus. Ich begann. Ich sagte: „Ich schäme mich so für mein Land“. Aber natürlich meinte ich die „Bad Russians“. Heute – nach knapp einer Woche – knabbere ich immer noch an diesem Gefühlstsunami. Ich liebe Mütterchen Russland. Ich kann nicht anders, wirklich. Wenn ich russische Folklore sehe/höre/spüre/schmecke, singt meine russische Seele. So ist es! Ich bin längst keine Russin mehr, ich bin auch keine Deutsche. Das übliche Spiel in uns, die wir hierzulande aufwachsen und (!!!) dieses Privileg hoch und heilig sprechen.

Es kommt nicht oft vor, dass ich universitär Landsmenschen über den Weg laufe. In den Gender Studies sind sie an höchstens zwei Händen abzuzählen. Bedauerlich, ja. Das zeigt aber auch mein Dilemma: ich will etwas tun! Denn es bestätigt sich in der russischsprachigen Diaspora genau dieses Bild: Gender Studies – nein danke! Ideologie! Homo-Angriff! Zerstörung der Familienwerte! So ähnlich, wie die besorgten Eltern in BaWü, nur aggressiver und – a la russe – siegessicher!
Es ist das Dilemma meines Lebens. Ich kann es nicht verstehen, wie Menschen andere Menschen dafür hassen können, dass sie anders leben. Und: warum sie sie bestrafen wollen. Bekehren oder heilen. Wenn sie doch gar nicht davon betroffen sind?
Die Gesetze gegen homosexuelle Propaganda (die bei öffentlichem Händchenhalten von gleichgeschlechtlichen Paaren beginnt) sind allen sicherlich ein Begriff. Sie sind auch der Grund, warum „They hate me in vain“ nicht in Russland gezeigt werden darf. Verstoß gegen das Gesetz. Auch Amnesty muss sich zurückziehen – wegen Gefährdung der Verfassung.
Im Film sind Demütigungen des Alltags zu sehen: 13-jährige Jungs, die von größeren geschlagen werden, die T-Shirts mit brutalen Outing-Parolen angezogen bekommen und damit durch die Straßen gejagt werden, junge Männer, die auf offener Straße lächerlich gemacht werden – auf die menschenunwürdigste Weise… Diese Privataufnahmen sind im russischen „Facebook“-Abklatsch vk.com allen zugänglich. Sie sollen bekehren und abschrecken. Es sind selbsternannte „Schwulenheiler“ oder „Retter“, die glauben, etwas Gutes zu tun. Manche sogar im Namen Gottes. (Als wenn in ihrem_seinen Namen nicht schon genug Unheil über die Welt gebracht wird)
Und da gibt es natürlich die Aktivist_innen, die heimlich aber sicher LGBTIQ*-Gottesdienste abhalten, an denen ALLE teilnehmen dürfen. Mütter, die zusammen eine Tochter aufziehen. Transindente Menschen, die sich offen im Café zeigen und sehr, sehr viele Demonstrant_innen. Sie verdienen Anerkennung. Klar! Aber sie sind so wenige und sie leben so gefährlich. Zum Hass auf Schwule und Lesben, auf „Abweichler_innen“ und „Kranke“, kommt der Fremdenhass, der Rassismus. Gnade der_dem, die für sich zwei der verhassten Kategorien beanspruchen…
Da waren gerade mal drei Tage vergangen, die Taubheit war noch deutlich spürbar: was tun? Was liegt in meiner Macht? Russland gilt als sicheres Land und Asyl aufgrund der sexuellen Orientierung in Deutschland zu bekommen ist fast aussichtslos. Einfacher sei es in Spanien und Kanada, meinen die Expert_innen bei der Filmsession…
…drei Tage also, und die nächste Gesichts-Klatsche. Ein junges befreundetes Paar, er etwa 30, sie um die 22, schwanger im etwa 4. Monat. Er seit etwa 13 Jahren hier, sie kürzlich eingeflogen. Aus Russland. Verheiratet. Selbstständige Unternehmer_innen. Tüchtig. Talentiert. Intolerant. Bei einem wunderbaren Fest, das den ersten Geburtstag eines kleinen Sonnenscheins würdigt, dessen Begehren noch auf Mama und Papa beschränkt ist, haben sich die beiden Tüchtig-Intoleranten geoutet. Als schwerst homophob.
Ich möchte nicht wörtlich reproduzieren, was BEIDE zu schwul lebenden Menschen sagten, wie sie sie bezeichneten. Was ich aber sagen werde, ist deren „Hauptsache er (auf den Bauch zeigend) wird keine Schwuchtel“. Autsch. Krank wäre das. Gegen die Natur. Menschen sind da, um sich zu vermehren. Noch autscher.
„Gehet hin und mehret euch“ übrigens verweist weder auf eine Ehe, noch auf eine monogame Partnerschaft, noch auf Mutter- und Vaterrollenbestimmungen. Und: es verweist erst recht nicht auf Sexualität. Vermehren kann ich mich auch wenn ich Frauen liebe. Punkt.
Von moderner Wissenschaft, Reproduktionsmedizin und so weiter fange ich gar nicht erst an. Die ist doch gottgewollt? Von der Natur? Weil: Mensch -> Gehirn -> Entwicklung -> Neuentdeckung?
Ich bin übrigens auch im Aus gelandet bei diesen Tüchtigen: ich will keine Kinder – GEGEN DIE NATUR! Peitsch.
Was mich am meisten ärgert, ist dass diese beiden hier leben und arbeiten. Ihre Kundschaft, ihre Käufer_innen leben geschätzt zu mindestens 50% nicht traditionell. Es geht um Hipster-Lifestyle und den leben nicht immer nur die Erzkonservativen. Oder? Ich erlaube mir auch hier ein bisschen Wertung und Spekulation und bitte mir nicht zuzustimmen, wenn es nicht einleuchtend erscheint. Für das Paar ist es egal, wer kauft, solange das Geld fließt. Mit Homosexualität konfrontiert zu werden – ein No-Go!
Als diese Szenerie vor sich ging, schweifte ich plötzlich ab. Ich sah ihr Kind, das immer nur Homo-Hass mitbekommt. Falsch sei es und unmöglich für sie/ihn! Wenn gerade dieses Kind sich doch anders fühlt,anders ist als seine Eltern, wird es dann zu ihnen kommen damit? Wo holt es sich Rat? Wo Beistand? Wie kann dieses Kind sich „richtig“ und „gut“ fühlen, wenn seine Eltern doch solche „Bad Russians“ sind?…

❤ KF

Von Vorbildern und Vorlagen

Ich hasse Vorlagen. Also, Blaupausen. Kopien. Plagiate. Nachmachereien.

Und weil mich dieses Gefühl heute wieder eingeholt hat, hole ich – wie so oft – in der tiefen russischen Kindheit aus.
Mit 3 bekam ich mein erstes ernst zu nehmendes Malbuch. Aus-mal-buch.
Meine russische Eltern in den frühen Neunzigern waren ziemlich verbissen, wenn es um die kreative Frühentwicklung ging. Es wurde getöpfert, schön-geschrieben (ja, mit 3 schon), sich ästhetisch gegeben und noch ästhetischer angezogen. Gemalt wurde auch.
Ich malte Aquarelle, Buntstiftbilder und leckte Filzstifte an, wenn die ihren Geist unter meinen zarten Kinderhänden aufgaben. Im Gegensatz zu allem anderen von mir Verlangten, malte ich gern. Mit Lust und Leidenschaft. Warum dann dieses amateurhafte Mal-Buch? Mein früher Hass hatte zwei Gesichter: zum einen fühlte ich mich in meiner eigenen Expressivität eingeschränkt. Schließlich MUSST du dem, was so ein Mal-Buch hergibt bedingungslos folgen. Oder danebenmalen, über den Rand. Dieses Vergehen könnte ich mir niemals leisten. Ich war brav und ordentlich, korrekt und regelachtend.
Zum anderen gab es die neidische Seite: da konnte jemand so schöne Bilder malen, die mich scheinbar aus diesem Buch heraus auslachten. Sie schienen zu sagen: Du kannst das nicht! Gib es auf!
Und ich hasste es auch aufzugeben.
Das Aus-Mal-Buch und ich wurden keine Freundinnen. Ich zerstörte es nicht, ich legte es erhobenen Hauptes weg. Wie gut, dass in einem Jahr mein Bruder kam und die Gräueltaten, denen ich mich versagte, nachholte. Also über den Rand und so.
Die Zeit lief und ich lernte tatsächlich dazu. Noch nicht Mal-Buch-reif, aber zum Beispiel tierisch erkennbar: die Katze, der Elefant, das Eichhörnchen (das mich am längsten beschäftigte mit seinem buschigen, schwer erfassbaren Puschelschwanz).
Dann kam mein Vater mit diesen schwarzen Schreibmaschinenkohlebögen. Wenn man darunter ein weißes Blatt legte und über das ganze dann ein Buch, eine Zeitschrift, ein Bild Eurer Wahl, das dann umrandete, kam eine vollwertige Kopie dieser VORLAGE auf dem weißen Blatt an. Eine selbstkopierte Ausmalseite. Eine perfekte Kopie.
Technisch war ich davon gefesselt: endlich könnte ich das aufs Papier bringen, was es noch nicht gab. Zumindest nicht gemalt. Ich würde keinem Mal-Buch folgen, sondern selbst eins machen.
In ein paar Tagen wurde mir klar: ich hasse Blaupausen. Das war wieder so ein Fake, ein Betrug an mir selbst. Wann immer ich mich selbst anlüge – auch noch heute – streikt etwas in mir. Das Kohledingsdapapier musste weg.
In der Schule dasselbe Szenario: diese vorgefertigten Basteleien. Statt Phantasie brauchte es nur ein wenig Scheren-Geschick und eine feine Klebetechnik. Und fertig waren sie, die Bären-, Stern- oder Laternenklone. Malten wir ein a) Aquarium, b) einen Winterwald oder c) einen Gewitterhimmel, hingen hinterher 25 identische Arbeiten. Mich wundert es, wie meine Klassenkamerad_innen es damals schafften, Phrasen wie „Ohh, deins sieht aber schön aus“ oder „Welches findest du am besten?“ von sich zu geben und sie völlig ernst zu meinen.
Sich selbst zu entfalten war selten möglich. Und wenn, war auch das mit einer Vorlage verbunden, an die sich seltsamerweise alle am Ende doch zu halten schienen. Der frühe Drang zum Kopieren. Eine Sozialisationsgeschichte mit Konditionierungsfolge.
Das „Abmalen“ wurde zum Ziel und zum Vergehen zugleich. Nachmachen war erwünscht und verpönt.
Martha Nussbaum schreibt, dass Neid und Nacheifern nahe Verwandte seien. Neid geht einfach mit ein bisschen mehr Schadenfreude einher und Nacheifern kann sogar motivieren. Ihr Beispiel sind Schulkinder. Die einen sind neidisch auf die guten Noten der anderen und hassen sie dafür. Sie verurteilen deren Erfolg, ohne positive Konsequenz für sich oder die Rival_innen. Die nacheifernden Kids bewundern die guten Noten der anderen und sehnen sich danach, auch in dieser Liga mitzumischen. Darum könnte es sogar sein, dass sich die Nacheiferer mehr anstrengen, um mehr zu erreichen. Ziemlich banal, und ziemlich ideal(-typisch).
Frau Nussbaum vergisst natürlich auch die Eifersucht nicht, die ebenso in die schrecklich nette Familie der Neid’s gehört.

***

Ich halte über-über-überhaupt nichts von Eifersucht. Das habe ich schon öfter betont. Nicht im Sinne von „ich höre gar nicht zu la-la-la“, sondern für mich, als emotionale Regung. Ich streite Eifersucht nicht ab. Ich akzeptiere ihre Existenz. Nur verurteile ich sie gern mal und noch gerner nehme ich sie auseinander – analytisch-hosentaschen-psychologisch.
Ebenso ihre Mutter, den Neid und den halb-so-missratenen Bruder Nacheifer.

***

Wohin uns diese Geschichte führt? Zurück zum Ausgangspunkt: warum ich Vorlagen hasse.
Der Kreis schließt sich (zumindest in meinen heutigen wirren Sonntagsgedanken). Wie oft wird dieser Tage über „gute“ und „schlechte“ Vorbilder gesprochen. Diese vermeintlich sexistische und unzumutbare Modellsendung, der neue alte Hang zum XL-Model, die Akne-entblößenden Youtube-Mädels. Diese role models hätten Verantwortung. Sie müssten sich schämen/trauen/zurückhalten/(usw usw). Vorbilder scheinen gut und schlecht zu wirken. Uns herausfordern, unterstützen und auch mal ins Verderben stürzen. Klar, die allerersten Vorbilder sehen uns am Tag eins nach der Geburt und schütteln mit Rassel und Milchpumpe über unserem Kinderbettchen. Was diese Leute machen, machen wir gerne nach. „Ganz natürlich“.
Dann kommen die peers, die Klassenfreund_innen, die Volleyballmitstreiter_innen.
Wir lernen voneinander indem wir kopieren. Wir versuchen es zumindest. Die Grenze zwischen Neid und Ich-will-so-sein-wie-sie ist gaaaaaaanz schweeeer nachzuziehen.
Wofür, frage ich, brauchen wir dann diese Vor-Bilder? Die uns sehr viel öfter traurig machen. Denn auch wenn es heißt, dass besser Kopiertes dem schlechten selbst Gemachten vorzuziehen ist, zeigt das wahre Leben, dass wir NIEMALS „so-sein-werden“, wie jemand anders. Nicht mal die Barbie-Frauen, die aufgehört haben zu zählen, wie oft das Skalpell sie ihrem Vor-Bild aus Plastik näherbrachte.
Wenn ich heute noch male, spüre ich es sofort: ich hasse Vor-lagen. Es wäre so leicht etwas zu googlen. Ein Foto. Ein Vor-Bild. Abmalen. Fertig. Ich tue es nicht. Stattdessen gilt bei mir auch nach fast-nicht-bestandenen Arbeiten: ich mache es lieber selbst schlecht, als gut zu kopieren. Sturköpfig, aber ehrlich. Ich hasse ganz einfach Vor-Lagen. „Lies doch mal eine andere Arbeit, damit du weißt, wie das geht“. Nö.
Vom Malen breitete sich dieses Hate-Phänomen auf das Schreiben aus. Ein Soziologiedozent von mir sagte mal am Anfang meines Studiums, er hätte mit der Zeit den Schreibstil seines Lieblingstheoretikers übernommen. Pah! Als ob DAS möglich wäre!

Und so bin ich überzeugt: dass wir dazu getrimmt werden, Vor-bilder und Vor-lagen zu nutzen und zu brauchen. Es ist ein Problem, das bei näherem Hinsehen ein selbstgemachtes ist. Es hindert uns an der freien Entfaltung. Es beschneidet unsere Kreativität und sperrt unsere eigene Phantasie in „richtig“ oder „falsch“ Boxen. Aber die sind nicht so fest verschlossen, wie man glaubt. Ein kleiner Sturz genügt, und alles fällt heraus. Was nun? Ich sage: öfter mal fallen lassen!


KF

Persönliches zum Öffentlichen

Ich bin ein solches Mädchen: ich muss immer und überall das stille Örtchen aufsuchen. Ich trinke eben viel Wasser und meine Blase hält nicht so viel aus, wie ich.
Das ist ja eigentlich auch in Ordnung.
In Deutschland ist es wunderbar. Und würde ich es mit Russland vergleichen (weil ich das kann – bei anderen Ländern lasse ich Einheimischen den kritischen Vortritt), gäbe es wenig zu meckern. Meine Mutter lernt immer noch um. Sie erzählte mir, wie sie es chronisch krampfhaft vermied, unterwegs zu trinken. Beim Einkaufen, beim Hin- und Herfahren. Trinken ging nur a) auf Arbeit, b) zu Hause. Sie hatte Angst. Denn draußen zu müssen, kann nicht nur unbequem sein, sondern auch gefährlich. Für Frauen im Gebüsch oder im Hinterhof ist die Pinkel-Situation nicht gerade rosig.
Vielleicht besuchen sich Russ_innen so gern. In den eigenen vier Wänden ist es wenigstens sicher, dass frau es rechtzeitig ins Bad schafft. Da stellte sich nicht die Frage „Wie sieht’s da aus“ sondern „Gibt’s eine Alternative zum Gebüsch“.
Es gibt unzählige feministische Zwischenrufe und Kummerkästen – hier – die Männer* beneiden (weil: im Stehen pinkeln, überall und jederzeit) oder Verbesserungen für Frauen* fordern (weil: vieeeel mehr zu machen von monatlichem Ärgernis bis Babywickeln). Für mich ist jeder dieser Beiträge ein Segen! Ich freue mich, dass ENDLICH darüber gesprochen wird. Endlich wird ausgesprochen, was sonst im Stillen verbleibt. Nur weil es ein solches Örtchen sein soll, muss nicht darüber geschwiegen werden. Oder?
Und jetzt ein kurzer Trip in die Kindheit: wer war mit Euch auf der Toilette? Bis zu einem gewissen Alter war es doch die Mutter. Mütter nehmen auch heute meiner Erfahrung nach ihre Kids mit aufs WC.
Ich habe einiges zu sagen und habe mir ausnahmsweise mal eine Struktur überlegt, die ich jetzt schon härtestens vernachlässige. Also erst mal eine Einordnung meines kritischen O-Tons:

1. Ich denke an Goffman (mal wieder). Er beschrieb die „Restrooms“ der 50er, wo Frauen sich zu zweit oder in Grüppchen zurückzogen. Das gehörte für ihn zum weiblichen Rollenmuster. In einem solchen Restroom, einem Chill-out-Raum, einem Schmink-und-Rauch-Salon, einem WC, einem Klatsch-und-Tratsch-Zimmer war es gemütlich, sauber und so angenehm, dass frau sich da auch gerne aufhielt. In welchem vielbesuchten Café gibt’s das heute?

Klar wäre der Einwand berechtigt, es gäbe eben doch so hübsche, neue, gut geplante und luxuriöse Toiletten. In Clubs zum Beispiel. Oder in Hotels. In Schicki-Micki-Restaurants. Manchmal sogar in „easy going“ Hipster-Cafes. Das ist jetzt eine subjektive Sicht auf Berlins Mitte und seinen Rand. Vielleicht sollte man einen Tumblr starten mit fotografischen Zeugnissen von besonders gelungenen und besonders…naja, un-ansehnlichen Exemplaren.

2. Meine These: würde frau sich zuerst das stille Örtchen einer öffentlichen Einrichtung ansehen bzw. ein solches besuchen, würde sie es sich häufig anders überlegen. Und: nicht in diesem Lokal speisen, trinken, tanzen. Mir ginge es so. Nur leider besucht frau das WC erst wenn die Not groß ist.

3. Und warum zur Hölle heißt es NOTdurft? Es ist doch keine Not! Es ist das natürlichste Bedürfnis. Es ist das humanste am Menschen. Das Lebensnotwendigste. Die NOT wäre GROß, wenn diese „NOTdurft“ eben NICHT verrichtet werden könnte. Also WARUM!?

4. Es gibt wirklich eine Diskrepanz zwischen Männer- und Frauen-WCs, wenn diese denn getrennt sind, und keine Unisextoiletten (Schönes Beispiel gibt’s im Schwulen* Museum). Bei Männern gibgs meistens Pissoirs und Kabinen. Bei Frauen nur Kabinen. Oder eine. Das ist unfair. Nicht nur zahlenmäßig. Mit Natur hat das nichts zu tun. Dann können Männer halt stehen. Kein Grund für Neid. Aber auch keiner für Diskriminierung.
Denn: Frauen haben OFT mehr zu „tun“ auf dem Klo. Es ist nicht immer eine Sache von 10 Sekunden. Wir wissen das, ihr wisst das – also?! Dann ist auch der Platz entscheidend. Nicht nur, dass es wirklich und wahrhaftig öfter vorkommt, dass Frauen* mit Sack und Pack unterwegs sind und sich samt Tasche erst entkleiden müssen und das schlichtweg nicht können. Fehlende Haken, mangelnder Platz. Blöd.
Und es gibt die Kinder(wagen).
Ganz im Ernst. Ich weine nie. Aber als kürzlich eine enge Freundin und Mutter eines Einjährigen mir erzählte, welche Horror-Toiletten-Erfahrung sie machen musste, füllten sich meine Augen bis zum Anschlag. Sie, unterwegs, allein mit Kinderwagen. Bezirksamt. Eines der vielen in Berlin. Sie muss mal. Was tun? Es gibt keine Chance das Söhnchen irgendwo zu lassen. Sie versucht, den Wagen mit in die Kabine zu schieben und scheitert. Die Behindertentoilette ist zu. Sie sucht eine Angestellte, fragt nach dem Schlüssel, erklärt die missliche Lage. Die Bezirksamtdame stellt sich quer: „Nö, Sie sind ja nicht behindert!“
WHAT THE FUUUCK?
Meine Mutter irrt in ihrer Verzweiflung umher bis sie auf noch eine Bezirksamtdame trifft, die ihr etwas mehr weibliche Solidarität entgegen bringt. Am Ende geht alles gut aus. Sie darf die große, barrierefreie Behindertentoilette nutzen. Mit dem Einwand der „ersten“ Dame: „Wenn ein Behinderter kommt, hole ich Sie da persönlich raus!“
Schrecklich. Ich werde jetzt der „ersten“ Dame nicht einen latenten Rassismus unterstellen. Aber entscheidet selbst. Meine Freundin spricht ein akzentreiches Deutsch, weil sie erst zwei Jahre hier wohnt. Hier stehen ja alle Kopf – wegen den Flüchtlingen.

Und ich hab auch eine WC-Geschichte: in meinem Stamm-Café ist seit Monaten (!!!) die Toilettentür defekt. Es gib ein kleines WC. Für Frauen* nur eine winzige Kabine, wo ich als relativ schmale Person (mit Tasche) mich reinquetschen muss. Seit Monaten hängt das Schild: Sorry, die Tür geht nicht richtig zu. Jetzt hat sich jemand dazu geäußert: „Wie wär’s mal mir Reparieren, wenn ich 4 Euro für meinen Kaffee zahle?“ Ach ja, und hat wohl auch gleich den halben Türrahmen rausgerissen. Damit es deutlicher wird: hier muss was passieren. Seit dem war ich nicht mehr da. Ich traue mich nicht dort zu trinken. Es könnte ja sein, dass ich auf Klo muss. Und das ist defekt. Und bei den Männern? Alles tip top mit Pissoir und intakter Kabinentür. Die (barrierefreie) Behindertenoption ist nicht vorhanden.

Nicht okay! Nicht okay…


KF

P.S. Müssen wir uns wirklich diese Gedanken machen? Müssen wir uns wirklich fürchten? Vor dem Toilettengang? In der TU gibt es regelmäßig Übergriffe auf Frauen* in den WCs. Oft sind die Toiletten irgendwo tief unten oder hoch oben. Ohne Schutz. Ohne Hilfe. Wenn wir 4 Euro für den Kaffee zahlen, warum müssen wir dann verdreckte und defekte Toiletten in Kauf nehmen?
Und natürlich sollten wir uns auch an die eigene Nase fassen: wie gehen wir um mit den stillen Örtchen in fremden Lokalitäten? Denken wir an die Nächste?
Also Jungs* und Mädels*: SOLIDARITÄT muss bis zum Unsichtbaren reichen! Denn diese NOTDURFT ist eine Notwendigkeit und muss von allen gebührend gewürdigt werden – auch untereinander!

Kein graues Mäuschen

Vielleicht passe ich nicht in die aufregenden Statistiken und Umfragen. Vielleicht habe ich zu viel gedacht, gesehen und gefühlt. Vielleicht haut mich das Bisschen Grau-Schattierung nicht gleich aus den Socken. Und vielleicht ist ein bisschen Haut und Haue gar nicht so verwerflich – im gegenseitigen Einverständnis.

Vielleicht.

Bei einem bin ich mir aber absolut sicher (nachdem ich aus Recherchezwecken und Selbstexperiment allein in höchst konzentrierter Sitzhaltung 50 Shades of Grey gesehen habe): meine Identifikationsfigur ist Christian Grey. Dazu bekenne ich mich gern.
Diese verwunderliche und irgendwie spannend-überraschende Erkenntnis trieb mich aber in kürzester Zeit in brutal-verzwickte Gedankenlabyrinthe: was heißt dieses Rausfallen aus der Statistik? Wenn Frauen sich danach sehen, einen dominanten Mann, der weiß, was er wie haben will (und besonders, wie er DICH haben will), an ihrer Seite zu haben, ist das nach ein paar erhitzten Gemütern okay. Da wird diskutiert: ist der Feminismus dahin? Haben wir denn alle umsonst gekämpft? Was nützt uns das Gender-Mainstreaming-Gedöns, wenn die Ladies am Ende doch wieder in diese alte, passive Unterwerfungsrolle schlüpfen?

Die Antwort der BDSM-er_innen wäre sicher softer: jeder/m ihr/sein Fetisch! Alles kann, nichts muss. Alles Verhandlungssache. Gegenseitiges Vertrauen und strikte Regelbefolgung – darum geht es. Geschlecht kommt danach. Es gibt ja schließlich genug dominante weibliche Personen in der Sphäre und passive (submissive) Männer.

Ich stimme zu. Regeln sind wichtig, besonders wenn es um die gegenseitige Wunschbefriedigung, Erfüllung geht.

Nun bin ich keine BDSM-erin. Dass ich ein paar Eckpunkte kenne, liegt nicht zuletzt an meiner Lektüre von Clarisse Thorns hübschen Büchern. Sie ist die Expertin.
Trotzdem steht das fest: Christian Grey ist total mein Fall. Seine, für viele abnorme oder soziopathische, Art entspricht der meinen. Für mich gab es keinen Moment, in dem ich mich in die weibliche Hauptrolle der Anastasia Steele fühlte. Ihr Denken, ihr Handeln war für mich eher naiv und klischeehaft. Er – sicher nicht stereotypfrei – war für mich nachvollziehbar, ansprechend. Nicht im attraktiven Sinn, nicht als potenzieller Partner. Sondern als Identifikationsfigur.

Ich könnte es gut sein lassen. Und einfach weiter an meinen Gender-Theorien nagen. Wenn da nicht dieses störende Etwas geblieben wäre: warum finde ich es nicht unproblematisch, sich mit Mr. Grey als Frau zu identifizieren? Ich horchte in mich hinein.

Es ist so:
Ich war immer schon ein eher besitzergreifendes, kontrollliebendes Kind. Ich kontrollierte alles: das Spielen, die Verteilung von Spielzeug, stellte Regeln auf und sorgte dafür, dass mein jüngerer Bruder und meine Freund_innen sie befolgten. Wenn das nicht klappte, war es mein Verlust. Meine Niederlage.
Ich fuhr trotzdem gut damit. Es war eben mein Charakter, meine Art. Aber dann kam die Pubertät. Diese draufgängerische dominante Herangehensweise war plötzlich scheinbar unweiblich. Ich sah, wie die Jungs „weiblichere“ Mädchen umgarnten. Natürlich konnte ich mir das erklären: die Jungs im selben Alter haben selbst noch massig Selbstfindungsprobleme. Männlichkeitsideale sind auch nicht so leicht zu erreichen. Und: sie müssen erst gesucht und bestätigt werden. Am besten sieht man sie in Abgrenzung. Zu „anderen“ Jungs („den Falschen“) und Mädchen eben.
Aber wie es so schön-schrecklich ist mit Geschlechterklischees, man kann sie kennen und dennoch reinfallen. Und ich fing an, an meiner neuen passiveren Rolle zu feilen: ein bisschen weniger strenge Töne, weniger Kontrolle…
Dann ging es los. Das „starke“ Geschlecht traute sich an mich heran. Und ich war happy. Für ein paar Monate.
Denn was mir nicht klar war bei der Erkundung meines subalternen Ichs: das Wahre sucht sich ein Ventil.
In meinen ersten Beziehungen dachte ich, alles unter Kontrolle halten zu können und immer (nachts wie tags) das brave, unterwürfige Mädchen spielen zu können. Ein solches, das Hilfe braucht und die starken Arme des edlen Ritters. Nun, es scheiterte nicht nur am Ritter. Denn Passivität ist so gar nicht mein Fall.
Es scheiterte. Aus heutiger Sicht war es ein Glücksfall. Aber ich steckte mitten im Dilemma: werde ich mich ganz bewusst gegen das Weiblichkeitsideal entscheiden und mein dominantes Ich entfesseln? Klingt eigentlich einfach. Das spielte sich allerdings bevor ich mich zum Feminismus bekennen konnte.
Was mit einer dominanten Frau einherkommt, ist zwangsläufig ein verändertes Rollenverständnis in weiteren Verbindungen. Ich fragte mich, welchen Partner ich mir an meiner Seite wünsche. Und auch das war klar: er müsste mich dennoch dominieren können. Aber meine Persönlichkeit würde keinen solchen Partner ertragen. Ich bin schließlich die mit den Zügeln in der Hand. So kam es auch meistens. Ich kontrollierte, ich organisierte und wenn jemand es tat, dann war ich es: ich überraschte. Für die meisten Männer war das schwierig. Denn sie sahen sich oft schnell entmannt und erwarteten von mir „gutes Benehmen“, zumindest „unter Leuten“. Für mich ist auch das nichts :).
Wie sollte ich nun all meine Vorlieben vereinen? Ein Traum wäre es, einen Partner zu finden, der das versteht. Das ist aber auch der schwerste Weg.
Also kam ich langsam einer Teillösung nahe: eine gewisse Dominanz könnte ich wohl zur partiell zulassen, gerade da, wo eben nicht dieses „unter Leuten“ stattfindet.
Und da war sie – die Lösung meiner Ansprüche!

Die 50 Shades Konstellation ist ein Klischee. Ein Bild, was passt. Ein herrischer Herr und eine hörige Frau. Ich könnte auch an die Debatten anknüpfen, die sich mit diesem Gesellschaftsbild befassen, mit den Fragen nach der Gültigkeit einer solchen Paarstruktur für den Mainstream, und, ich könnte es gegen den „Pop-Feminismus“ abwägen.
Tue ich aber nicht. Es ist eine persönliche Geschichte. Ein Einblick in meine Welt der Gedanken, in meine Persönlichkeitsfindung und ständige Suche. Ich fühle mich immer noch nicht ganz wohl in meiner Rolle – vielleicht habe ich deshalb gar nicht die Lust, einen neuen Partner in dieses explosive Gemisch einzuweisen. Theoretisch weiß ich, dass es okay ist, dass es richtig ist, so zu sein. Dominant. Aktiv. Emanzipativ! Ich bin es im Alltag. Ich bin es „unter Leuten“ und ich bin es für mich, jetzt gerade beim Denken und Schreiben (was man sicherlich der gefühlt einer Million Tippfehlen ansieht und anfühlt). Aber die Empirie ist anders: noch kein Mann hat mich so verkraftet. Auch nicht in meiner persönlichen Tag-Nacht-Jekyll-und-Hyde-Lösung. Die Trennung zwischen dem täglichen Leben und meiner oft zynischen, meist durch und durch sarkastischen Art und dem Loslassen-können und für ein paar Stunden in der Woche „dominiert“ zu werden, um dem ein Ventil ist auch noch nicht ganz ausgereift. Denn ich fühle mich dadurch gespalten. Und ich will doch nur, dass mein Kern mit der Hülle verschmilzt.
Für Christian Grey ist das leichter. Er ist ein Mann und widerspricht nicht der gesellschaftlichen Erwartung. Allerhöchstens muss er sich die Schmerz-Tränen von Ms. Steele gefallen lassen. Jeder bleibt in seiner (Geschlechter-)Rolle.
Für mich bedeutet das ein ständiges Umdenken und mich selbst bestärken: es ist okay, Du bist gut so, wie Du bist! Eine dominante Frau, die Kontrolle liebt und Waschlappen-tum hasst. Die Suche geht weiter – und Mr. Grey inspiriert mich, ein bisschen…

❤ KF

Talk about it – her – him – them – us

“Can the subaltern speak?” fragte schon Gayatri Chakravorty Spivak. Ihr und anderen Postkolonialist_innen folgend, stellt sich diese Frage in sämtlichen gesellschatlichen Wissenschaften und öffentlichen Debatten.

Und dann gibt es die Soziologie. Ich als studierte Soziologin spreche es aus: Soziolog_innen sind zwischendurch auch arrogant. Auf streng methodisch-korrekte Art und Weise. Die Soziologie ist da, um Fragen zu beantworten. Besonders diese kritischen Minderheiten-Majoritäten-Fragen. Statistiken sind ihre heiligen Schriften (und Tabellen). Sich so allmächtig zu fühlen hat durchaus seinen Reiz. Darum ist es nicht einfach zu Beginn eines solchen Studiums den Durchblick zu erhalten. Klingt doch alles ganz gut, das mit dem „Durchschnitts-Mensch“ und den messerscharf getrennten Kategorien…

Bei mir dauerte es etwa drei Semester bis ich wusste, hier stimmt was nicht. Hier fehlt was. Das Gewissen? Die nötige, ebenso wissenschaftlich-korrekte Selbstreflexivität? Die Intersektionalität? Das letzte wird sich gern soziologisch auf die Fahne geschrieben.

Was ich meine, zeigt sich in der Praxis. Neulich war ich bei der Vorstellung einer Studie, die von einem soziologischen Büro durchgeführt wurde. Der Leiter: ein Doktor.
Die Frage, schön zweideutig: es geht um Einwohner_innen eines berühmt-berüchtigten Berliner Bezirks, ihre Diskriminierungserfahrungen und die mediale Repräsentanz dieses Stadtteils.
Die Antwort klar: besonders Frauen und Mädchen mit einem Kopftuch oder weiterer Verschleierung fühlen sich diskriminiert. Das ist intersektional – weil Frauen und Religion und so.

Methodisch sicherten sich die Studienverantwortlichen bestens ab: Grundgesamtheit abgebildet – check. Qualitative Expert_inneninterviews – check, quantitative Befragungen – check.
Und auch sonst gibt es durchführungstechnisch wenig auszusetzen. Sie handeln nach dem Soziologie-Handbuch, wie es am Semester 1 gelehrt wird. Prämisse: nur wenn ihr euch an die Vorgaben haltet, gibt’s die Repräsentativität, das höchste Gut der Soziolog_innen.

Ein klitzekleines Problem gibt es trotzdem. Es heißt nicht umsonst „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Hinter den Auftraggeber_innen stecken natürlich politische Interessen und Ziele. Da wäre die kritische Haltung religiösen Symbolen gegenüber. In öffentlichen Institutionen und Ämtern soll es „neutral“ bleiben. Ergo: die Damen mit Kopftuch sind es nicht. Sie sind „belastet“.
Ich korrigiere mich: es gibt nicht nur ein Problem. Bei der Vorstellung ist keine Frau dabei, die Kopftuch trägt. Nur eine türkeistämmige Psychologin. Am Rand. Ein häufiges Bild: „biodeutsche“ Männer sprechen über Migrant_innen. Sie sprechen für sie und dagegen. Und irgendwie scheint es niemandem aufzufallen. Vielleicht, weil auch das Publikum ähnlich aufgestellt ist.

Ich falle nun mal nicht auf als Migrantin. Ich trage keine sichtbaren (religiösen) Symbole. Als Migrantin würde aber auch ich mir etwas komisch vorkommen, für diese betuchten Frauen  zu sprechen. Selbst in informellen Debatten. Und hier geht es ernst zu, es geht um Politik und um Entscheidungen. Da wird verhandelt, ob nicht ein Gesetz her muss, Kopftücher und Schleier zu verbieten – in bestimmten Berufen. Die Kopftuchdebatte an Schulen ist ja deutschlandweit bekannt.

Die Soziologie hält sich da schön raus: wir sind neutral, bitteschön! Genau das verkauft diese Disziplin als objektiv.

Ich spreche hier oft darüber: über Objektivität, die keine ist, die überdacht werden sollte. Über Methoden, die nicht einfach nur korrekt angewandt „gute“ Ergebnisse produzieren. Wer wird befragt und wer sagt die Wahrheit? Wer fällt raus und wer gibt den Auftrag? Und überhaupt: wer fragt, wer schreibt, wer designt die Fragebögen?

Nicht unser Bier – sagten die Soziolog_innen in meinem Studium. Warum sich die Nerven und die Zeit rauben. Da gibt’s diese Regeln und wir folgen. Das sich selbst wiederherstellende Klischee genau dadurch auszeichnen, dass sie durch Wiederholung bestätigt werden, wird höchstens theoretisch kurz markiert. Dann hat es der und der Soziologe gesagt, gedacht und postuliert. Punkt. Soziologische Theorie ist ohnehin so ein Fach, das einem amputierten Körperteil gleicht: es ist manchmal spürbar in der Praxis, aber eigentlich gar nicht empirisch vorhanden.

Die Berliner Studie hat Einfluss. Er wird nicht neutral bleiben. Er wird konkret sein und die Studie seine Grundlage. Frauen und Mädchen, die ein Kopftuch tragen und mit Benachteiligungen zusammenstoßen, seien sie real oder gefühlt, verbal oder körperlich (für mich ist all das nicht klar trennbar, aber soziologisch geht das), werden besprochen. Sie werden kategorisiert, bemitleidet und angewiesen. Männer seien viel weniger betroffen, von der Diskriminierung. Man müsse was tun.

Das Sprechen über – das sprechen im Namen von Gruppen, von Einzelnen, von Anderen – ist ein umstrittenes Unterfangen. Es ist natürlich auch unvermeidbar im öffentlichen Diskurs. Dennoch schaffen es linkere Debatten es, alle Erwähnten einzubeziehen, einzuladen und für sich sprechen zu lassen. Es kann sein, dass diese Menschen das Gesagte bejahen, zustimmen und kein Veto einlegen. Umso besser. Aber ihre Chance zählt.

Und die Soziologie, die kann sich endlich mal ein Scheibchen davon abschneiden. Notfalls nochmal Intersektionalität und Transdisziplinarität im Soziologielexikon nachschlagen :).

❤ KF

Du siehst gar nicht so aus…

…wie eine, die sich mit Frauenförderung und Gleichstellungsfragen beschäftigt!

Es ist einer dieser Tage. Einer dieser Fälle. Einer dieser Männer.

Erfolgreich, selbstbewusst und migrationsfrei.

Ich habe es allein meiner Dating-Neugier und wissenschaftlichen Reflexions-Gelüsten zu verdanken, dass ich Sätze, wie oben, zu hören bekomme. Denn eigentlich und im tiefsten Abgrund meines Herzens habe ich überhaupt kein Interesse an einer Beziehungsanbahnung. Und für beziehungslose, ungezogene Kurzbindungen brauche ich nicht die Mühe der Konversation. Das geht auch anders.

Da ich aber ein Herz für klischeebehaftete, sich gern mal selbst überschätzende Typen habe, erlebe ich diese unfeministischen Situationen. Für mich amüsant, für die Jungs ziemlich verstörend. Oder: überraschend!

Mittlerweise bin ich mir dessen bewusst – und sicherlich auch viele von EUCH – dass mein Äußeres zum Unterschätzen anregt. Besonders wenn es ums männliche Klientel geht, das ein paar Jährchen mehr auf dem Lebenskonto hat. Motto: „Die süße Blonde“. Tja, diese süße Blonde macht sich gern den Widerspiegelungs-Spaß und sagt zu. Wenn ihr fragt, kommt sie gern. Sie ist höflich und nett. Sie lässt es zu, dass ihr mit Sätzen, wie oben, an sie herantretet. Und dann: BÄM! Leider falsch geschätzt!

Ich habe es oft geschrieben, gesagt und gepredigt: ich will nicht bekehren! Ich begebe mich lediglich gern in Situationen, wo ich auf genau dieses berühmte Überraschungsmoment setzen kann. Mit Menschen, von denen ich vorher schon zu 99% weiß, dass sie nicht viel mit Feminismus und Frauenpower am Hut haben. Und weil ich nicht gern sofort auf stur schalte, sondern das Interesse und die Sympathie mir gegenüber anvisiere und sie hinterher nutze – zugunsten der Emanzipation und geistigen Spektrum-Erweiterung.

Dieses Mal sammelte ich die imaginären flirty „Pluspunkte“ im offenen Smalltalk. Keine Heuchelei, keine unnötigen Geheimnisse. Ich setze nicht gerne auf die femme-fatale-Karte. Ich bin einfach nur freundlich. Warum auch nicht? Schließlich gibt’s nicht gleich Grund fürs teasing und negging. Und irgendwann kommt der Moment, an dem sich mein Gegenüber so sicher fühlt, dass er diesen berühmten Fassungslos-Look anlegt: „Du bist Feministin? Das sieht man dir überhaupt nicht an. So wie du hier dasitzt und sprichst.“
Was genau ihn zum detektivischen Profi macht, der anhand von meinem Lachen, Erzählen, meinem casual Look, meiner Gestik (??) genau zu erkennen meint, dass ich „nicht feministisch“ aussehe – ich weiß es nicht.

Es steht wohl außer Frage, dass das „feministische Bild“ im Kopf dieses Manns ein völlig abstruses, von mir abweichendes sein muss. Und auch, dass mein „Outing“ nicht in dieses Bild passt. Und genau dieser Bruch ist mein Ziel. Eine Strategie. Nicht zum Täuschen oder Betrügen. Nein, ich möchte am köpfischen Klischeebild rütteln. Jetzt weiß ich: ich kann das! Ihr könnt das! Alle!! Es sind kleine Nuancen. Nutzt sie! Es gibt Menschen, die (so vorurteilsvoll die erst auch sein mögen) Sympathien für Euch hegen. Klar, kann man mit dem Vorschlaghammer durch die misogyne Wand. Oder, wir kehren es um. Wir setzen unsere Stärken ein, die uns als Frauen* ohnehin schon zugeschrieben werden. Natürlich nicht nur als Frauen – als die Person, die wir zu sein scheinen und als die wir gesehen und bewertet werden.

Ich kann nicht sagen, ob ich mich mit meiner scheinbar harmlosen Ausstrahlung abgefunden habe. Vielleicht färb ich mir einst meine Haare dunkler und spiele mit stilistischen Images. Des Experimentes wegen.
Vorerst nutze ich meine vermeintliche „kleine, süße“ Schwäche FÜR mich, FÜR Feminismus und FÜR die Intervention.

Ja, ich habe so viel Zeit und ja, ich will das und denke auch darüber nach. Es ist nicht nur Friede und Freude – es ist meine tiefgründigste Überzeugung, für die ich hier einstehe. Und nebenbei teile ich meine Gedanken mit Menschen, die sonst am Stammtisch am lautesten schreien (über die eine, die man sich klar gemacht hat oder die andere, die so klammert…). Heterosexuelle Matrix – what else?!

Ob mein Feminismus-Geständnis für eine schlagartige Flucht sorgte? Nein! Ganz im Gegenteil – es droht vielleicht sogar Fortsetzung :). Er weiß (mit all seinem büropausenpsychologischen Wissen) einfach noch nicht, dass mich keinerlei sexuelles Interesse antreibt. Und wenn er es erfährt, enden die Treffen. Bis dahin habe ich viel geteilt, viel verbreitet und vielleicht angeregt – im platonischen Sinne!

Do it! Arrogante Abfuhr kann jede_r! Warum nicht unser Potenzial nutzen, sammeln, bündeln und kanalisieren? Der Hammer kann auch später noch zum Einsatz kommen, für destruktives  Wändeeinreißen.

❤ KF