Taten statt Worte: Eine Tochter tut, was sie tun … muss 

Liebe Leser*innen,liebe Interessierte und Begeisterte, 

liebe Kritiker*innen und Skeptiker*innen, 

kurzum: liebe Alle, die meinen Blog in den Weiten des Internets ausfindig machten, lasen und wiederkehrten, 

Euch allen möchte ich Danke sagen – nicht abschließend, sondern zwischenstationär…

Und a propos stationär: es gibt einen, nicht unfeministischen Grund, warum ich verstummt bin, warum meine Finger nicht zu ihren geliebten Tasten fanden. Naja, Kontakt gab es schon, der war aber meist viel weniger euphorisch und erst recht nicht ganz so optimistisch.

Meine geliebte Mama hat Krebs.

Das ist auch schon die Message. Aber der Rattenschwanz an Konsequenzen, an Abstürzen und Aufschwüngen ist kaum in gewohnt ironische Worte zu fassen. 

Seit etwa 6 Monaten lebe ich den von mir selbst oft bemängelten Klischee-Horror: 

Sie: die starke, unabhängige, alleinerziehende, migrantische Frau, Aktivistin, Helferin, Freundin und natürlich MUTTER.

Ich: ihre älteste Tochter, auch stark und unabhängig, auch aktivistisch und progressiv — 

Überfordert? Ängstlich? Verzweifelt? Verloren? Hilflos? AHNUNGSLOS? 

Das alles fiel von Beginn ihres Leidenswegs flach. Ich hatte zu wirken, zu funktionieren und ich tue es immer noch. 

Als mein Bruder „zerbrach“, wurde ich zu einem 150%-Mensch; nein; zur 200%-Tochter. 

Ich weinte einmal. Als die Diagnose verkündet wurde: ich saß am Rande ihres Krankenhausbetts und hielt mich an ihrem Knie fest. Und ich weinte, zusammen mit ihr. 

10 Minuten ging das. Ab der 11. ratterte bereits mein Kopf: wohin schreiben, wen anrufen, an wen wenden, was übernehmen. Und ganz zentral: wie sie beschützen? Vor dieser Welt, die ihr DAS angetan hatte? Vor all diesen Menschen, die sie nicht schätzten, die ihre Empathie und Mühe missbrauchten. 

Seit dieser 11. Minute erlebte ich Horrortage. Und ich hasse es fast, das so zu beschreiben. Denn den eigentlichen Horror erlebte ja SIE. 

7 Stunden OP, 

30 Tage Intensivstation, 

3 kollabierte Rückfälle 

6 Monate Chemo

… 

24 Stunden Angst

Diese Bilanz kann noch nicht ganz ad acta gelegt werden. Denn auch heute bin ich hier, neben ihr, währen ihr die Chemie literweise in die Halsvene gespritzt wird. 

Ich war jeden Tag da,

Ich habe alles übernommen: die Arbeit, den Außenkontakt, das halbe Leben. 

Ich wusch, ich fütterte, ich pflegte, ich beruhigte sie. Ich putzte ihr die Zähne, ich gebe ihr Spritzen, ich las ihr vor.

Meine Mama liegt da, und ich fühle mich so zerbrechlich. Aber zerbrechen ist keine Option. Zerbrechen ist wohl was für Söhne… 

Ein bisschen Ironie ist hoffentlich erlaubt.

Es ist, wie es hunderte und tausende Feminist*innen so oft beschrieben haben: die Töchter, die ihre Eltern pflegen; die Frauen, die Sorgearbeit leisten. Eine Arbeit, die viel mehr erfordert, als es die, vor dem PC zu sitzen tut. Eine Arbeit, die für selbstverständlich gehalten und als natürlich weibliche abgetan wird. 

Sie ist es nicht. Weder natürlich, noch weiblich, noch umsichtbar. 

Ich fühle mich bestärkter denn je für Feminismus loszuziehen, für eine gerechtere Welt zu kämpfen, zu sprechen und eine solche zu entwerfen! 

Der Kampf meiner Mutter um ihr Leben ist Ansporn der stärksten Sorte: der emotionalen. 

Alternativlos sozusagen. 

Ich liebe sie und ich habe diese Pflicht. Das sagt mir mein Gefühl. Sie ist hier allein. Sie wanderte aus. Sie tat ALLES für uns. 

Die Ärzt*innen sagen, die Ursprünge liegen noch in den Schwangerschaften und Geburten. Ereignisse, ohne die wir nicht auf der Welt wären. Und ohne die sie womöglich in bester Gesundheit verbliebe. Ich sage ja, das Leben ist auch sehr ironisch. 

Wie könnte ich mich nicht um sie kümmern? 

Ich tue es aber nicht nur aufgrund meiner „Natur“. Ich tue es, weil ich weiß, dass es ihr hilft. Dass sie sich geborgen fühlt, dass sie sich entspannt und ganz auf sich konzentriert. 

Lange – wenn nicht schon immer – ein Problem für sie: sie gab immer alles für andere. Tat unmögliche Dinge, damit es Menschen besser haben. Mit ihrer Krankheit sind sie verschwunden. Es ist ja nichts mehr zu holen. 

Auch das, feministisch brisant. Sie fand, sie habe als Frau nicht das Recht, egoistisch zu sein. Sie akzeptierte diese an sie gelegte, und doch nicht zu passen scheinende „Natur“. Sorgende Mutter, liebe Ehefrau, passives Weibchen unterwegs, um es Männern recht zu machen (und so ab und zu gelobt und bewundert zu werden). 

Jetzt lernt sie es neu: sich selbst zu zentrieren, egozentrisch zu sein. Den eigenen Willen ohne einen höheren moralischen Zweck durchzusetzen, bei dem Menschenmassen dahinter stehen. Diesmal ist sie allein – und gerade auf diesem Lernweg begleite ich sie (ich habe schon früh den Egoismus verherrlicht, spätestens seit es meinen spielzeug-kaputtmachenden Bruder gibt). 

Ich bin heute zum ersten Mal in der Position etwas zu geben. Manchmal ist es mein Rat und manchmal ist es nur meine Präsenz, manchmal ist es meine Hand und manchmal mein Organisations- und Kommunikationsgeschick. Es sind die kleinen Dinge, deren Summe den Sinn ausmacht. So leicht hatte sich mir Mathematik noch nie präsentiert… 

Es gäbe noch viel zu erzählen. Aber die klare, aber hochkonzentrierte Infusionsflüssigkeit neigt sich dem Ende zu. Gleich noch anziehen, ins Taxi und ab auf die Couch. Nicht für mich – aber das ist okay. 

Sie soll nur „gesund“ werden, mein Feminismus in Wort und Schrift gönnt sich die Pause, während seine praktische Schwester jeden Tag handelt, forscht, und wirkt und wirkt und wirkt… 

KF

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4 Gedanken zu “Taten statt Worte: Eine Tochter tut, was sie tun … muss 

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