Feministisches Frühlingserwachen und adoleszente Sommernachtsträume

So, wie ich hier daher schreibe, muss es nach einem einheitlichen, in sich stimmigen Bild aussehen: eine, die es wissen will und muss. Eine, die früh für die weibliche Solidarität kämpfte. Eine, die auf den Tisch haute, Rosa verachtete und vielleicht sogar die eine oder andere Protestaktion startete.
Leider falsch. Ich korrigiere und oute mich, früher in einem anderen Team mitgespielt zu haben. Bevor es zu dieser Niederschrift hier kam, ordnete ich meine Gedanken. Ein Jahr bis heute. Wie soll ich alles unter einen Hut bringen? Vielleicht wie Lynda Birke, Feministin und Biologin: wearing two hats?
Mich plagten Schuldgefühle. Zuletzt bei einem Klassentreffen des Abiturjahrgangs. In meinen früh-erwachsenen Jahren dominierte ich. Ich führte Mädchen und kämpfe gegen andere. Ich war überkritisch – mit mir selbst nur heimlich, mit anderen umso offener. Ich scheute mich nicht vor Gemeinheiten, nicht vor Beleidigungen und auch nicht vor selbstgesetzten Bewertungen. Unter dem Label meines Namens wurde gleich mehrere, mich begleitende Freundinnen bezeichnet. Sie fügten sich meinen Ideen und Idealen, mal mehr mal sehr viel weniger freiwillig.
Ich verurteile „leichte“ Altersgenossinnen auf dem Schulhof und wollte doch gleichzeitig mehr männliche Aufmerksamkeit. Egal wie. Ich trug wenig. Eigentlich immer. Im Frühling war ich die erste im Mini. Je kürzer, desto ich.
Göttin sei Dank! – heute kann ich drüber schmunzeln. Die regelmäßig schockierten Gesichter: die Bauch- und Beinfreiheit, die Spitzenunterwäsche. Die Sprüche: wie haben deine Eltern dich so rausgelassen? Zieh dir doch bitte etwas drüber!
Ach ja, und im Endeffekt bin ich selbst ein bisschen verstört: hatte ich doch mit dem Großteil der Jungs meiner Klasse irgendwie irgendwas am Laufen. Und von manchen Verehrer_innen erfuhr ich erst nach dem Abi.
Für manche vielleicht die ganz normale Pubertät. Für andere Horror und Feind jedes Feminismus. Darum auch meine Schuldgefühle: hätte ich überhaupt das Recht die großen emanzipativen Themen für mich zu beanspruchen? Müsste ich nicht erst eine Beichte ablegen?
Aber weil wir Feministinnen uns gern Negatives und Benachteiligtes wieder positiv aneignen und Chancen der Krisen nutzen, wäre hier wohl die beste Gelegenheit dafür. Ich habe nicht aufgehört darüber nachzudenken und ich wollte es noch weniger bei diesem Sackgassen-Dilemma meiner Fiesheit belassen. Also dachte ich weiter. War ich doch so gar nicht feministisch? War da wirklich nichts Empowerndes an mir und meinen Aktionen?
Doch! Und wie ! Und ich bin mir sicher, dass wer sucht, die findet! Wenn ich einen genaueren Blick auf die Schulzeit werfe, war ich nie das schwache Mädchen. Im Sport nahm ich es locker mit den Jungs auf, war sogar oft besser. Für meine Freundinnen setzte ich mich bedingungslos ein. Ungerechtigkeiten – außer denen, die ich selbst in die Welt setzte – ging ich gut und gerne an. Zum Beispiel mit Lehrenden und ungerechten Noten. Die Idee einer höheren Weiblichkeit – so esoterisch das auch klingt – war mir immer nahe. Naturnähe und ein Leben in ihrer Nähe und im Einklang mit ihr. Ökofeminismus war mir schon in ganz frühen Jahren vertraut, auch wenn der Begriff erst viel später Sinn machte. Zu Hause gab es das stereotypische Mädchen-Junge-Ding nicht: mein Bruder war der kleine Weiche, und ich die große Harte. Die, die alles organisiert, plant und umsetzt. Leistung war mein Steckenpferd: in der Schule und im Alltag. Vielleicht sogar viel zu sehr, ich gebe es zu: meine Mutter pflegte es zu sagen, dass von meinem Brüderchen nicht so gute Noten erwartet, wie von mir…weil er ein Junge ist. Dass da ein „WEIL“ dahinter steckte, hat sie wahrscheinlich erst mit meinem heutigen Studium richtig durchdacht. „Weil DU als JUNGE auch ohne zu gute Noten durchkommst“. Übrigens hat mein Bruder mit durchgehend etwas schlechteren Noten DASSELBE Abi gemacht wie ich… „WEIL er ein JUNGE ist!“.

Nun, weiter im Text: ich HABE diese Klamotten getragen und ich wurde oft dafür belächelt oder beurteilt. Manchmal sogar belästigt. Wieder sagte meine Mutter, sie könne nicht mehr ruhig mit mir die Straße entlang  laufen, weil die ganzen Männer mich anstarrten. Aber ich zog es durch. Heute bewundere ich meinen Mut. So, wie ich damals tags und nachts Bahn fuhr und einkaufen ging, würde ich heute auf dem einzigen Prinzip nicht tun: Aufmerksamkeit vermeiden. Frau kommt einfach ruhiger durch den Alltag, wenn nicht 3/4 ihres Körpers nackt sind und der mit den hohen Hacken bei mit 1,80m nicht gerade unscheinbar ist. Mutig ja. Aber nicht nur das: ich war überzeugt, dass ich das Recht dazu habe und dass Klamotten keine Einladung für nichts sind!
Auch wenn ich manchmal mit zweierlei Maß gemessen hatte, waren die Jungsgeschichten nicht gänzlich unemanzipativ. Das ist sicher Auslegungssache. Aber ich fand und finde noch immer: eine Frau darf selbstbestimmt mit ihrer Sexualität umgehen. Und so tat ich es auch. Nicht jeder meiner adoleszenten Lover war ein lang ersehnter Traumprinz. Ich unterschied sehr wohl zwischen Verliebtheit, wenn das Herz flattert und alle Körperhaare sich aufrichten – simultan. Und zwischen dem anderen Gefühl des Verlangens, der jugendlichen Neugier, der Lust auf Abenteuer. Ich wusste, dass keiner meiner Experimentierpartner lange dicht halten würde und früher oder später so manches unnette Wort auf mich treffen würde. Aber ich wusste: ich halte das aus. Weil es mir das wert war. Nach meinen wenigen intensiven liebeserfüllten „festen“ Beziehungen bin ich heute noch mehr an dem Punkt als damals: für die Freiheit, für die freie Wahl und gegen die Fesseln der Monogamie. Warum sich nicht für das „Konzept“ entscheiden, was am besten zu mir – dir – uns passt?
Ich bin längst nicht am Ende meiner feministischen Retrospektiven. Aber vielleicht lohnt sich an dieser Stelle ein Zwischenfazit:

A) Wir können ALLE zu JEDEM Zeitpunkt anfangen, emanzipative Ziele und Hoffnungen zu entwickeln und zu verfolgen. Nicht die Vergangenheit allein entscheidet. Aber sie prägt natürlich und sie macht uns zu denen, die wir sind. Es lohnt sich also nicht, in den Fehlern zu verharren.

Obwohl diese pubertären Jahre uns prägend erscheinen und wichtig für die Bildung unserer Persönlichkeit heute, waren es doch hormonexplosive Zeiten. Emotionen kochten hoch und auch wir waren den (normativen) Einflüssen unserer Umwelt ausgesetzt. Wir lernten viel, aber nicht kritisch zu sein, nicht sensibel zu reflektieren, nicht uns und Zustände infrage zu stellen. Weil es ein schulischen RICHTIG und FALSCH gab. Wie viel selbst erworbenen Feminismus kann man_frau da erwarten? Und wenn ich gerade dabei bin: wer von uns hätte es gewagt, auch wenn er_sie es gewollte hätte, auf kreative und geschlechtersensible Weise einen Aufsatz zu schreiben? A la Bürger*innen, Schüler_innen oder BanknachbarInnen.

B) Die positive (Um)Deutung aus der heutigen Perspektive ist ein Geschenk und eine Chance. Ich habe meine Schuldgefühle neu interpretiert. Ich habe darin sogar eine Menge „Gutes“ gefunden, aus dem ich schöpfen kann. Hätte ich diese Erfahrungen nicht gemacht, wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Und ich LIEBE meinen heutigen Standpunkt. Ich bin froh und weiß um meinen privilegierten Zustand und Zugang zu Wissen, zu reichen Quellen, und bewundernswerten Dozent_innen.

Jedes Potenzial ist nutzbar, brauchbar und wunderbar! Ich hoffe, mein kleiner Ausflug back to the past erfüllt ein bisschen was an Zweck und sagt das, was ich sagen will: es gibt keinen stagnierenden Zustand. Unser Dasein ist ein Prozess. Und unsere Einstellungen und Prämissen sind es ebenso. Nur wer einst eine Idee gut fand, muss und kann auch gar nicht immer und ewig auf und in diesen verharren. Das, was in der Schule galt ist in der Uni nicht mehr haltbar und erst recht nicht im Berufsalltag. Ich bin keine Verfechterin von Linearität und Wachstumsentwicklungsphantasien. Gern gestehe ich, dass die Anhäufung von Erfahrungen durchaus mit dem Alter erfolgt… so viel zu meiner „Altersweisheit“ mit 27 :)…

❤ KF

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Bad Russian

Eine weise und zugegebenermaßen manchmal angsteinflößende Frau und Dozentin sagte uns einst: normative Titel und Thesen sind okay, solange frau sich dieser bewusst ist und sie auch als solche markant reflektiert.
Reflexion ist das Zauberwort der Gender Studies. Und auch ich liebe es, tagein tagaus vor mich hin zu reflektieren. Niemals hätte ich in der 4. Klasse beim Radfahrunterricht und der dazugehörigen Sachkunde-Theorie gedacht, dass ich einmal zum menschlichen Reflektor mutieren würde.
Aber Spaß und ironische Prise bei Seite: es geht um etwas Ernstes – um Russ_innen. Wahrscheinlich müsste ich sogar auf jegliche Gendergerechtigkeit verzichten und „Russen“ sagen. So ernst ist es.
Zwei Situationen in den letzten zehn Tagen haben mich wütend, traurig und ganz besonders schrecklich: beschämt gestimmt. Es ist offiziell: ich schäme mich für meine Landsleute.
Nicht für alle natürlich, nur für die „Bad Russians“. Achtung! Normativität! Vorsicht! Wertung!
Wer schlecht und wer gut ist, darf und soll jede_r selbst gern entscheiden, es leben, es träumen und naja, klar, auch mal darüber reden. Schlecht finde ich dagegen, wenn so Kinder erzogen werden, wenn neue „Bad’s“ rekrutiert und akquiriert werden. Wenn Propaganda zur Norm wird. Zur Heteronorm.
Denn dann ist es nicht mehr dieses „Man wird das ja wohl noch sagen dürfen!“. Es ist Ausschluss. Es ist Diskriminierung. Und es ist Folter.
Ein wirklich bewundernswerter Verein „Quarteere e.V.“, der sich gegen Homophobie und für Menschenrechte einsetzt initiierte mit Amnesty International eine kleine Uni-Film-Session. Wir sahen „They hate me in vain“ von Yulia Matsiy. Sie – eine russische Aktivistin, die in Italien lebt (notgedrungen, so schätze ich) und 2013 diese Dokumentation über junge, russische LGBTIQ*-Christ_innen gedreht hat. Es gab keine Triggerwarnung und mein Gendergespür sagte mir, dass die nach dem Film dringend von einigen eingefordert wird. Der Inhalt ist hart. Nichts für zarte traditionelle Gemüter und besonders schwer für Betroffene. Mich überrollten Wellen von glühender Scham, von Hass aufs eigene Volk, dann wieder Scham und dann irgendwann setzte die Taubheit ein. Als meine Begleitung und ich den Hörsaal verließen, waren wir stumm. Zwei Russ_innen, zwei Deutsche, zwei In-Betweens. Wir liefen nebeneinander her und wussten nicht, wie wir anfangen sollten. Womit und warum?
Dann brach es aus uns heraus. Ich begann. Ich sagte: „Ich schäme mich so für mein Land“. Aber natürlich meinte ich die „Bad Russians“. Heute – nach knapp einer Woche – knabbere ich immer noch an diesem Gefühlstsunami. Ich liebe Mütterchen Russland. Ich kann nicht anders, wirklich. Wenn ich russische Folklore sehe/höre/spüre/schmecke, singt meine russische Seele. So ist es! Ich bin längst keine Russin mehr, ich bin auch keine Deutsche. Das übliche Spiel in uns, die wir hierzulande aufwachsen und (!!!) dieses Privileg hoch und heilig sprechen.

Es kommt nicht oft vor, dass ich universitär Landsmenschen über den Weg laufe. In den Gender Studies sind sie an höchstens zwei Händen abzuzählen. Bedauerlich, ja. Das zeigt aber auch mein Dilemma: ich will etwas tun! Denn es bestätigt sich in der russischsprachigen Diaspora genau dieses Bild: Gender Studies – nein danke! Ideologie! Homo-Angriff! Zerstörung der Familienwerte! So ähnlich, wie die besorgten Eltern in BaWü, nur aggressiver und – a la russe – siegessicher!
Es ist das Dilemma meines Lebens. Ich kann es nicht verstehen, wie Menschen andere Menschen dafür hassen können, dass sie anders leben. Und: warum sie sie bestrafen wollen. Bekehren oder heilen. Wenn sie doch gar nicht davon betroffen sind?
Die Gesetze gegen homosexuelle Propaganda (die bei öffentlichem Händchenhalten von gleichgeschlechtlichen Paaren beginnt) sind allen sicherlich ein Begriff. Sie sind auch der Grund, warum „They hate me in vain“ nicht in Russland gezeigt werden darf. Verstoß gegen das Gesetz. Auch Amnesty muss sich zurückziehen – wegen Gefährdung der Verfassung.
Im Film sind Demütigungen des Alltags zu sehen: 13-jährige Jungs, die von größeren geschlagen werden, die T-Shirts mit brutalen Outing-Parolen angezogen bekommen und damit durch die Straßen gejagt werden, junge Männer, die auf offener Straße lächerlich gemacht werden – auf die menschenunwürdigste Weise… Diese Privataufnahmen sind im russischen „Facebook“-Abklatsch vk.com allen zugänglich. Sie sollen bekehren und abschrecken. Es sind selbsternannte „Schwulenheiler“ oder „Retter“, die glauben, etwas Gutes zu tun. Manche sogar im Namen Gottes. (Als wenn in ihrem_seinen Namen nicht schon genug Unheil über die Welt gebracht wird)
Und da gibt es natürlich die Aktivist_innen, die heimlich aber sicher LGBTIQ*-Gottesdienste abhalten, an denen ALLE teilnehmen dürfen. Mütter, die zusammen eine Tochter aufziehen. Transindente Menschen, die sich offen im Café zeigen und sehr, sehr viele Demonstrant_innen. Sie verdienen Anerkennung. Klar! Aber sie sind so wenige und sie leben so gefährlich. Zum Hass auf Schwule und Lesben, auf „Abweichler_innen“ und „Kranke“, kommt der Fremdenhass, der Rassismus. Gnade der_dem, die für sich zwei der verhassten Kategorien beanspruchen…
Da waren gerade mal drei Tage vergangen, die Taubheit war noch deutlich spürbar: was tun? Was liegt in meiner Macht? Russland gilt als sicheres Land und Asyl aufgrund der sexuellen Orientierung in Deutschland zu bekommen ist fast aussichtslos. Einfacher sei es in Spanien und Kanada, meinen die Expert_innen bei der Filmsession…
…drei Tage also, und die nächste Gesichts-Klatsche. Ein junges befreundetes Paar, er etwa 30, sie um die 22, schwanger im etwa 4. Monat. Er seit etwa 13 Jahren hier, sie kürzlich eingeflogen. Aus Russland. Verheiratet. Selbstständige Unternehmer_innen. Tüchtig. Talentiert. Intolerant. Bei einem wunderbaren Fest, das den ersten Geburtstag eines kleinen Sonnenscheins würdigt, dessen Begehren noch auf Mama und Papa beschränkt ist, haben sich die beiden Tüchtig-Intoleranten geoutet. Als schwerst homophob.
Ich möchte nicht wörtlich reproduzieren, was BEIDE zu schwul lebenden Menschen sagten, wie sie sie bezeichneten. Was ich aber sagen werde, ist deren „Hauptsache er (auf den Bauch zeigend) wird keine Schwuchtel“. Autsch. Krank wäre das. Gegen die Natur. Menschen sind da, um sich zu vermehren. Noch autscher.
„Gehet hin und mehret euch“ übrigens verweist weder auf eine Ehe, noch auf eine monogame Partnerschaft, noch auf Mutter- und Vaterrollenbestimmungen. Und: es verweist erst recht nicht auf Sexualität. Vermehren kann ich mich auch wenn ich Frauen liebe. Punkt.
Von moderner Wissenschaft, Reproduktionsmedizin und so weiter fange ich gar nicht erst an. Die ist doch gottgewollt? Von der Natur? Weil: Mensch -> Gehirn -> Entwicklung -> Neuentdeckung?
Ich bin übrigens auch im Aus gelandet bei diesen Tüchtigen: ich will keine Kinder – GEGEN DIE NATUR! Peitsch.
Was mich am meisten ärgert, ist dass diese beiden hier leben und arbeiten. Ihre Kundschaft, ihre Käufer_innen leben geschätzt zu mindestens 50% nicht traditionell. Es geht um Hipster-Lifestyle und den leben nicht immer nur die Erzkonservativen. Oder? Ich erlaube mir auch hier ein bisschen Wertung und Spekulation und bitte mir nicht zuzustimmen, wenn es nicht einleuchtend erscheint. Für das Paar ist es egal, wer kauft, solange das Geld fließt. Mit Homosexualität konfrontiert zu werden – ein No-Go!
Als diese Szenerie vor sich ging, schweifte ich plötzlich ab. Ich sah ihr Kind, das immer nur Homo-Hass mitbekommt. Falsch sei es und unmöglich für sie/ihn! Wenn gerade dieses Kind sich doch anders fühlt,anders ist als seine Eltern, wird es dann zu ihnen kommen damit? Wo holt es sich Rat? Wo Beistand? Wie kann dieses Kind sich „richtig“ und „gut“ fühlen, wenn seine Eltern doch solche „Bad Russians“ sind?…

❤ KF