Persönliches zum Öffentlichen

Ich bin ein solches Mädchen: ich muss immer und überall das stille Örtchen aufsuchen. Ich trinke eben viel Wasser und meine Blase hält nicht so viel aus, wie ich.
Das ist ja eigentlich auch in Ordnung.
In Deutschland ist es wunderbar. Und würde ich es mit Russland vergleichen (weil ich das kann – bei anderen Ländern lasse ich Einheimischen den kritischen Vortritt), gäbe es wenig zu meckern. Meine Mutter lernt immer noch um. Sie erzählte mir, wie sie es chronisch krampfhaft vermied, unterwegs zu trinken. Beim Einkaufen, beim Hin- und Herfahren. Trinken ging nur a) auf Arbeit, b) zu Hause. Sie hatte Angst. Denn draußen zu müssen, kann nicht nur unbequem sein, sondern auch gefährlich. Für Frauen im Gebüsch oder im Hinterhof ist die Pinkel-Situation nicht gerade rosig.
Vielleicht besuchen sich Russ_innen so gern. In den eigenen vier Wänden ist es wenigstens sicher, dass frau es rechtzeitig ins Bad schafft. Da stellte sich nicht die Frage „Wie sieht’s da aus“ sondern „Gibt’s eine Alternative zum Gebüsch“.
Es gibt unzählige feministische Zwischenrufe und Kummerkästen – hier – die Männer* beneiden (weil: im Stehen pinkeln, überall und jederzeit) oder Verbesserungen für Frauen* fordern (weil: vieeeel mehr zu machen von monatlichem Ärgernis bis Babywickeln). Für mich ist jeder dieser Beiträge ein Segen! Ich freue mich, dass ENDLICH darüber gesprochen wird. Endlich wird ausgesprochen, was sonst im Stillen verbleibt. Nur weil es ein solches Örtchen sein soll, muss nicht darüber geschwiegen werden. Oder?
Und jetzt ein kurzer Trip in die Kindheit: wer war mit Euch auf der Toilette? Bis zu einem gewissen Alter war es doch die Mutter. Mütter nehmen auch heute meiner Erfahrung nach ihre Kids mit aufs WC.
Ich habe einiges zu sagen und habe mir ausnahmsweise mal eine Struktur überlegt, die ich jetzt schon härtestens vernachlässige. Also erst mal eine Einordnung meines kritischen O-Tons:

1. Ich denke an Goffman (mal wieder). Er beschrieb die „Restrooms“ der 50er, wo Frauen sich zu zweit oder in Grüppchen zurückzogen. Das gehörte für ihn zum weiblichen Rollenmuster. In einem solchen Restroom, einem Chill-out-Raum, einem Schmink-und-Rauch-Salon, einem WC, einem Klatsch-und-Tratsch-Zimmer war es gemütlich, sauber und so angenehm, dass frau sich da auch gerne aufhielt. In welchem vielbesuchten Café gibt’s das heute?

Klar wäre der Einwand berechtigt, es gäbe eben doch so hübsche, neue, gut geplante und luxuriöse Toiletten. In Clubs zum Beispiel. Oder in Hotels. In Schicki-Micki-Restaurants. Manchmal sogar in „easy going“ Hipster-Cafes. Das ist jetzt eine subjektive Sicht auf Berlins Mitte und seinen Rand. Vielleicht sollte man einen Tumblr starten mit fotografischen Zeugnissen von besonders gelungenen und besonders…naja, un-ansehnlichen Exemplaren.

2. Meine These: würde frau sich zuerst das stille Örtchen einer öffentlichen Einrichtung ansehen bzw. ein solches besuchen, würde sie es sich häufig anders überlegen. Und: nicht in diesem Lokal speisen, trinken, tanzen. Mir ginge es so. Nur leider besucht frau das WC erst wenn die Not groß ist.

3. Und warum zur Hölle heißt es NOTdurft? Es ist doch keine Not! Es ist das natürlichste Bedürfnis. Es ist das humanste am Menschen. Das Lebensnotwendigste. Die NOT wäre GROß, wenn diese „NOTdurft“ eben NICHT verrichtet werden könnte. Also WARUM!?

4. Es gibt wirklich eine Diskrepanz zwischen Männer- und Frauen-WCs, wenn diese denn getrennt sind, und keine Unisextoiletten (Schönes Beispiel gibt’s im Schwulen* Museum). Bei Männern gibgs meistens Pissoirs und Kabinen. Bei Frauen nur Kabinen. Oder eine. Das ist unfair. Nicht nur zahlenmäßig. Mit Natur hat das nichts zu tun. Dann können Männer halt stehen. Kein Grund für Neid. Aber auch keiner für Diskriminierung.
Denn: Frauen haben OFT mehr zu „tun“ auf dem Klo. Es ist nicht immer eine Sache von 10 Sekunden. Wir wissen das, ihr wisst das – also?! Dann ist auch der Platz entscheidend. Nicht nur, dass es wirklich und wahrhaftig öfter vorkommt, dass Frauen* mit Sack und Pack unterwegs sind und sich samt Tasche erst entkleiden müssen und das schlichtweg nicht können. Fehlende Haken, mangelnder Platz. Blöd.
Und es gibt die Kinder(wagen).
Ganz im Ernst. Ich weine nie. Aber als kürzlich eine enge Freundin und Mutter eines Einjährigen mir erzählte, welche Horror-Toiletten-Erfahrung sie machen musste, füllten sich meine Augen bis zum Anschlag. Sie, unterwegs, allein mit Kinderwagen. Bezirksamt. Eines der vielen in Berlin. Sie muss mal. Was tun? Es gibt keine Chance das Söhnchen irgendwo zu lassen. Sie versucht, den Wagen mit in die Kabine zu schieben und scheitert. Die Behindertentoilette ist zu. Sie sucht eine Angestellte, fragt nach dem Schlüssel, erklärt die missliche Lage. Die Bezirksamtdame stellt sich quer: „Nö, Sie sind ja nicht behindert!“
WHAT THE FUUUCK?
Meine Mutter irrt in ihrer Verzweiflung umher bis sie auf noch eine Bezirksamtdame trifft, die ihr etwas mehr weibliche Solidarität entgegen bringt. Am Ende geht alles gut aus. Sie darf die große, barrierefreie Behindertentoilette nutzen. Mit dem Einwand der „ersten“ Dame: „Wenn ein Behinderter kommt, hole ich Sie da persönlich raus!“
Schrecklich. Ich werde jetzt der „ersten“ Dame nicht einen latenten Rassismus unterstellen. Aber entscheidet selbst. Meine Freundin spricht ein akzentreiches Deutsch, weil sie erst zwei Jahre hier wohnt. Hier stehen ja alle Kopf – wegen den Flüchtlingen.

Und ich hab auch eine WC-Geschichte: in meinem Stamm-Café ist seit Monaten (!!!) die Toilettentür defekt. Es gib ein kleines WC. Für Frauen* nur eine winzige Kabine, wo ich als relativ schmale Person (mit Tasche) mich reinquetschen muss. Seit Monaten hängt das Schild: Sorry, die Tür geht nicht richtig zu. Jetzt hat sich jemand dazu geäußert: „Wie wär’s mal mir Reparieren, wenn ich 4 Euro für meinen Kaffee zahle?“ Ach ja, und hat wohl auch gleich den halben Türrahmen rausgerissen. Damit es deutlicher wird: hier muss was passieren. Seit dem war ich nicht mehr da. Ich traue mich nicht dort zu trinken. Es könnte ja sein, dass ich auf Klo muss. Und das ist defekt. Und bei den Männern? Alles tip top mit Pissoir und intakter Kabinentür. Die (barrierefreie) Behindertenoption ist nicht vorhanden.

Nicht okay! Nicht okay…


KF

P.S. Müssen wir uns wirklich diese Gedanken machen? Müssen wir uns wirklich fürchten? Vor dem Toilettengang? In der TU gibt es regelmäßig Übergriffe auf Frauen* in den WCs. Oft sind die Toiletten irgendwo tief unten oder hoch oben. Ohne Schutz. Ohne Hilfe. Wenn wir 4 Euro für den Kaffee zahlen, warum müssen wir dann verdreckte und defekte Toiletten in Kauf nehmen?
Und natürlich sollten wir uns auch an die eigene Nase fassen: wie gehen wir um mit den stillen Örtchen in fremden Lokalitäten? Denken wir an die Nächste?
Also Jungs* und Mädels*: SOLIDARITÄT muss bis zum Unsichtbaren reichen! Denn diese NOTDURFT ist eine Notwendigkeit und muss von allen gebührend gewürdigt werden – auch untereinander!

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