Von Vorbildern und Vorlagen

Ich hasse Vorlagen. Also, Blaupausen. Kopien. Plagiate. Nachmachereien.

Und weil mich dieses Gefühl heute wieder eingeholt hat, hole ich – wie so oft – in der tiefen russischen Kindheit aus.
Mit 3 bekam ich mein erstes ernst zu nehmendes Malbuch. Aus-mal-buch.
Meine russische Eltern in den frühen Neunzigern waren ziemlich verbissen, wenn es um die kreative Frühentwicklung ging. Es wurde getöpfert, schön-geschrieben (ja, mit 3 schon), sich ästhetisch gegeben und noch ästhetischer angezogen. Gemalt wurde auch.
Ich malte Aquarelle, Buntstiftbilder und leckte Filzstifte an, wenn die ihren Geist unter meinen zarten Kinderhänden aufgaben. Im Gegensatz zu allem anderen von mir Verlangten, malte ich gern. Mit Lust und Leidenschaft. Warum dann dieses amateurhafte Mal-Buch? Mein früher Hass hatte zwei Gesichter: zum einen fühlte ich mich in meiner eigenen Expressivität eingeschränkt. Schließlich MUSST du dem, was so ein Mal-Buch hergibt bedingungslos folgen. Oder danebenmalen, über den Rand. Dieses Vergehen könnte ich mir niemals leisten. Ich war brav und ordentlich, korrekt und regelachtend.
Zum anderen gab es die neidische Seite: da konnte jemand so schöne Bilder malen, die mich scheinbar aus diesem Buch heraus auslachten. Sie schienen zu sagen: Du kannst das nicht! Gib es auf!
Und ich hasste es auch aufzugeben.
Das Aus-Mal-Buch und ich wurden keine Freundinnen. Ich zerstörte es nicht, ich legte es erhobenen Hauptes weg. Wie gut, dass in einem Jahr mein Bruder kam und die Gräueltaten, denen ich mich versagte, nachholte. Also über den Rand und so.
Die Zeit lief und ich lernte tatsächlich dazu. Noch nicht Mal-Buch-reif, aber zum Beispiel tierisch erkennbar: die Katze, der Elefant, das Eichhörnchen (das mich am längsten beschäftigte mit seinem buschigen, schwer erfassbaren Puschelschwanz).
Dann kam mein Vater mit diesen schwarzen Schreibmaschinenkohlebögen. Wenn man darunter ein weißes Blatt legte und über das ganze dann ein Buch, eine Zeitschrift, ein Bild Eurer Wahl, das dann umrandete, kam eine vollwertige Kopie dieser VORLAGE auf dem weißen Blatt an. Eine selbstkopierte Ausmalseite. Eine perfekte Kopie.
Technisch war ich davon gefesselt: endlich könnte ich das aufs Papier bringen, was es noch nicht gab. Zumindest nicht gemalt. Ich würde keinem Mal-Buch folgen, sondern selbst eins machen.
In ein paar Tagen wurde mir klar: ich hasse Blaupausen. Das war wieder so ein Fake, ein Betrug an mir selbst. Wann immer ich mich selbst anlüge – auch noch heute – streikt etwas in mir. Das Kohledingsdapapier musste weg.
In der Schule dasselbe Szenario: diese vorgefertigten Basteleien. Statt Phantasie brauchte es nur ein wenig Scheren-Geschick und eine feine Klebetechnik. Und fertig waren sie, die Bären-, Stern- oder Laternenklone. Malten wir ein a) Aquarium, b) einen Winterwald oder c) einen Gewitterhimmel, hingen hinterher 25 identische Arbeiten. Mich wundert es, wie meine Klassenkamerad_innen es damals schafften, Phrasen wie „Ohh, deins sieht aber schön aus“ oder „Welches findest du am besten?“ von sich zu geben und sie völlig ernst zu meinen.
Sich selbst zu entfalten war selten möglich. Und wenn, war auch das mit einer Vorlage verbunden, an die sich seltsamerweise alle am Ende doch zu halten schienen. Der frühe Drang zum Kopieren. Eine Sozialisationsgeschichte mit Konditionierungsfolge.
Das „Abmalen“ wurde zum Ziel und zum Vergehen zugleich. Nachmachen war erwünscht und verpönt.
Martha Nussbaum schreibt, dass Neid und Nacheifern nahe Verwandte seien. Neid geht einfach mit ein bisschen mehr Schadenfreude einher und Nacheifern kann sogar motivieren. Ihr Beispiel sind Schulkinder. Die einen sind neidisch auf die guten Noten der anderen und hassen sie dafür. Sie verurteilen deren Erfolg, ohne positive Konsequenz für sich oder die Rival_innen. Die nacheifernden Kids bewundern die guten Noten der anderen und sehnen sich danach, auch in dieser Liga mitzumischen. Darum könnte es sogar sein, dass sich die Nacheiferer mehr anstrengen, um mehr zu erreichen. Ziemlich banal, und ziemlich ideal(-typisch).
Frau Nussbaum vergisst natürlich auch die Eifersucht nicht, die ebenso in die schrecklich nette Familie der Neid’s gehört.

***

Ich halte über-über-überhaupt nichts von Eifersucht. Das habe ich schon öfter betont. Nicht im Sinne von „ich höre gar nicht zu la-la-la“, sondern für mich, als emotionale Regung. Ich streite Eifersucht nicht ab. Ich akzeptiere ihre Existenz. Nur verurteile ich sie gern mal und noch gerner nehme ich sie auseinander – analytisch-hosentaschen-psychologisch.
Ebenso ihre Mutter, den Neid und den halb-so-missratenen Bruder Nacheifer.

***

Wohin uns diese Geschichte führt? Zurück zum Ausgangspunkt: warum ich Vorlagen hasse.
Der Kreis schließt sich (zumindest in meinen heutigen wirren Sonntagsgedanken). Wie oft wird dieser Tage über „gute“ und „schlechte“ Vorbilder gesprochen. Diese vermeintlich sexistische und unzumutbare Modellsendung, der neue alte Hang zum XL-Model, die Akne-entblößenden Youtube-Mädels. Diese role models hätten Verantwortung. Sie müssten sich schämen/trauen/zurückhalten/(usw usw). Vorbilder scheinen gut und schlecht zu wirken. Uns herausfordern, unterstützen und auch mal ins Verderben stürzen. Klar, die allerersten Vorbilder sehen uns am Tag eins nach der Geburt und schütteln mit Rassel und Milchpumpe über unserem Kinderbettchen. Was diese Leute machen, machen wir gerne nach. „Ganz natürlich“.
Dann kommen die peers, die Klassenfreund_innen, die Volleyballmitstreiter_innen.
Wir lernen voneinander indem wir kopieren. Wir versuchen es zumindest. Die Grenze zwischen Neid und Ich-will-so-sein-wie-sie ist gaaaaaaanz schweeeer nachzuziehen.
Wofür, frage ich, brauchen wir dann diese Vor-Bilder? Die uns sehr viel öfter traurig machen. Denn auch wenn es heißt, dass besser Kopiertes dem schlechten selbst Gemachten vorzuziehen ist, zeigt das wahre Leben, dass wir NIEMALS „so-sein-werden“, wie jemand anders. Nicht mal die Barbie-Frauen, die aufgehört haben zu zählen, wie oft das Skalpell sie ihrem Vor-Bild aus Plastik näherbrachte.
Wenn ich heute noch male, spüre ich es sofort: ich hasse Vor-lagen. Es wäre so leicht etwas zu googlen. Ein Foto. Ein Vor-Bild. Abmalen. Fertig. Ich tue es nicht. Stattdessen gilt bei mir auch nach fast-nicht-bestandenen Arbeiten: ich mache es lieber selbst schlecht, als gut zu kopieren. Sturköpfig, aber ehrlich. Ich hasse ganz einfach Vor-Lagen. „Lies doch mal eine andere Arbeit, damit du weißt, wie das geht“. Nö.
Vom Malen breitete sich dieses Hate-Phänomen auf das Schreiben aus. Ein Soziologiedozent von mir sagte mal am Anfang meines Studiums, er hätte mit der Zeit den Schreibstil seines Lieblingstheoretikers übernommen. Pah! Als ob DAS möglich wäre!

Und so bin ich überzeugt: dass wir dazu getrimmt werden, Vor-bilder und Vor-lagen zu nutzen und zu brauchen. Es ist ein Problem, das bei näherem Hinsehen ein selbstgemachtes ist. Es hindert uns an der freien Entfaltung. Es beschneidet unsere Kreativität und sperrt unsere eigene Phantasie in „richtig“ oder „falsch“ Boxen. Aber die sind nicht so fest verschlossen, wie man glaubt. Ein kleiner Sturz genügt, und alles fällt heraus. Was nun? Ich sage: öfter mal fallen lassen!


KF

Persönliches zum Öffentlichen

Ich bin ein solches Mädchen: ich muss immer und überall das stille Örtchen aufsuchen. Ich trinke eben viel Wasser und meine Blase hält nicht so viel aus, wie ich.
Das ist ja eigentlich auch in Ordnung.
In Deutschland ist es wunderbar. Und würde ich es mit Russland vergleichen (weil ich das kann – bei anderen Ländern lasse ich Einheimischen den kritischen Vortritt), gäbe es wenig zu meckern. Meine Mutter lernt immer noch um. Sie erzählte mir, wie sie es chronisch krampfhaft vermied, unterwegs zu trinken. Beim Einkaufen, beim Hin- und Herfahren. Trinken ging nur a) auf Arbeit, b) zu Hause. Sie hatte Angst. Denn draußen zu müssen, kann nicht nur unbequem sein, sondern auch gefährlich. Für Frauen im Gebüsch oder im Hinterhof ist die Pinkel-Situation nicht gerade rosig.
Vielleicht besuchen sich Russ_innen so gern. In den eigenen vier Wänden ist es wenigstens sicher, dass frau es rechtzeitig ins Bad schafft. Da stellte sich nicht die Frage „Wie sieht’s da aus“ sondern „Gibt’s eine Alternative zum Gebüsch“.
Es gibt unzählige feministische Zwischenrufe und Kummerkästen – hier – die Männer* beneiden (weil: im Stehen pinkeln, überall und jederzeit) oder Verbesserungen für Frauen* fordern (weil: vieeeel mehr zu machen von monatlichem Ärgernis bis Babywickeln). Für mich ist jeder dieser Beiträge ein Segen! Ich freue mich, dass ENDLICH darüber gesprochen wird. Endlich wird ausgesprochen, was sonst im Stillen verbleibt. Nur weil es ein solches Örtchen sein soll, muss nicht darüber geschwiegen werden. Oder?
Und jetzt ein kurzer Trip in die Kindheit: wer war mit Euch auf der Toilette? Bis zu einem gewissen Alter war es doch die Mutter. Mütter nehmen auch heute meiner Erfahrung nach ihre Kids mit aufs WC.
Ich habe einiges zu sagen und habe mir ausnahmsweise mal eine Struktur überlegt, die ich jetzt schon härtestens vernachlässige. Also erst mal eine Einordnung meines kritischen O-Tons:

1. Ich denke an Goffman (mal wieder). Er beschrieb die „Restrooms“ der 50er, wo Frauen sich zu zweit oder in Grüppchen zurückzogen. Das gehörte für ihn zum weiblichen Rollenmuster. In einem solchen Restroom, einem Chill-out-Raum, einem Schmink-und-Rauch-Salon, einem WC, einem Klatsch-und-Tratsch-Zimmer war es gemütlich, sauber und so angenehm, dass frau sich da auch gerne aufhielt. In welchem vielbesuchten Café gibt’s das heute?

Klar wäre der Einwand berechtigt, es gäbe eben doch so hübsche, neue, gut geplante und luxuriöse Toiletten. In Clubs zum Beispiel. Oder in Hotels. In Schicki-Micki-Restaurants. Manchmal sogar in „easy going“ Hipster-Cafes. Das ist jetzt eine subjektive Sicht auf Berlins Mitte und seinen Rand. Vielleicht sollte man einen Tumblr starten mit fotografischen Zeugnissen von besonders gelungenen und besonders…naja, un-ansehnlichen Exemplaren.

2. Meine These: würde frau sich zuerst das stille Örtchen einer öffentlichen Einrichtung ansehen bzw. ein solches besuchen, würde sie es sich häufig anders überlegen. Und: nicht in diesem Lokal speisen, trinken, tanzen. Mir ginge es so. Nur leider besucht frau das WC erst wenn die Not groß ist.

3. Und warum zur Hölle heißt es NOTdurft? Es ist doch keine Not! Es ist das natürlichste Bedürfnis. Es ist das humanste am Menschen. Das Lebensnotwendigste. Die NOT wäre GROß, wenn diese „NOTdurft“ eben NICHT verrichtet werden könnte. Also WARUM!?

4. Es gibt wirklich eine Diskrepanz zwischen Männer- und Frauen-WCs, wenn diese denn getrennt sind, und keine Unisextoiletten (Schönes Beispiel gibt’s im Schwulen* Museum). Bei Männern gibgs meistens Pissoirs und Kabinen. Bei Frauen nur Kabinen. Oder eine. Das ist unfair. Nicht nur zahlenmäßig. Mit Natur hat das nichts zu tun. Dann können Männer halt stehen. Kein Grund für Neid. Aber auch keiner für Diskriminierung.
Denn: Frauen haben OFT mehr zu „tun“ auf dem Klo. Es ist nicht immer eine Sache von 10 Sekunden. Wir wissen das, ihr wisst das – also?! Dann ist auch der Platz entscheidend. Nicht nur, dass es wirklich und wahrhaftig öfter vorkommt, dass Frauen* mit Sack und Pack unterwegs sind und sich samt Tasche erst entkleiden müssen und das schlichtweg nicht können. Fehlende Haken, mangelnder Platz. Blöd.
Und es gibt die Kinder(wagen).
Ganz im Ernst. Ich weine nie. Aber als kürzlich eine enge Freundin und Mutter eines Einjährigen mir erzählte, welche Horror-Toiletten-Erfahrung sie machen musste, füllten sich meine Augen bis zum Anschlag. Sie, unterwegs, allein mit Kinderwagen. Bezirksamt. Eines der vielen in Berlin. Sie muss mal. Was tun? Es gibt keine Chance das Söhnchen irgendwo zu lassen. Sie versucht, den Wagen mit in die Kabine zu schieben und scheitert. Die Behindertentoilette ist zu. Sie sucht eine Angestellte, fragt nach dem Schlüssel, erklärt die missliche Lage. Die Bezirksamtdame stellt sich quer: „Nö, Sie sind ja nicht behindert!“
WHAT THE FUUUCK?
Meine Mutter irrt in ihrer Verzweiflung umher bis sie auf noch eine Bezirksamtdame trifft, die ihr etwas mehr weibliche Solidarität entgegen bringt. Am Ende geht alles gut aus. Sie darf die große, barrierefreie Behindertentoilette nutzen. Mit dem Einwand der „ersten“ Dame: „Wenn ein Behinderter kommt, hole ich Sie da persönlich raus!“
Schrecklich. Ich werde jetzt der „ersten“ Dame nicht einen latenten Rassismus unterstellen. Aber entscheidet selbst. Meine Freundin spricht ein akzentreiches Deutsch, weil sie erst zwei Jahre hier wohnt. Hier stehen ja alle Kopf – wegen den Flüchtlingen.

Und ich hab auch eine WC-Geschichte: in meinem Stamm-Café ist seit Monaten (!!!) die Toilettentür defekt. Es gib ein kleines WC. Für Frauen* nur eine winzige Kabine, wo ich als relativ schmale Person (mit Tasche) mich reinquetschen muss. Seit Monaten hängt das Schild: Sorry, die Tür geht nicht richtig zu. Jetzt hat sich jemand dazu geäußert: „Wie wär’s mal mir Reparieren, wenn ich 4 Euro für meinen Kaffee zahle?“ Ach ja, und hat wohl auch gleich den halben Türrahmen rausgerissen. Damit es deutlicher wird: hier muss was passieren. Seit dem war ich nicht mehr da. Ich traue mich nicht dort zu trinken. Es könnte ja sein, dass ich auf Klo muss. Und das ist defekt. Und bei den Männern? Alles tip top mit Pissoir und intakter Kabinentür. Die (barrierefreie) Behindertenoption ist nicht vorhanden.

Nicht okay! Nicht okay…


KF

P.S. Müssen wir uns wirklich diese Gedanken machen? Müssen wir uns wirklich fürchten? Vor dem Toilettengang? In der TU gibt es regelmäßig Übergriffe auf Frauen* in den WCs. Oft sind die Toiletten irgendwo tief unten oder hoch oben. Ohne Schutz. Ohne Hilfe. Wenn wir 4 Euro für den Kaffee zahlen, warum müssen wir dann verdreckte und defekte Toiletten in Kauf nehmen?
Und natürlich sollten wir uns auch an die eigene Nase fassen: wie gehen wir um mit den stillen Örtchen in fremden Lokalitäten? Denken wir an die Nächste?
Also Jungs* und Mädels*: SOLIDARITÄT muss bis zum Unsichtbaren reichen! Denn diese NOTDURFT ist eine Notwendigkeit und muss von allen gebührend gewürdigt werden – auch untereinander!