Talk about it – her – him – them – us

“Can the subaltern speak?” fragte schon Gayatri Chakravorty Spivak. Ihr und anderen Postkolonialist_innen folgend, stellt sich diese Frage in sämtlichen gesellschatlichen Wissenschaften und öffentlichen Debatten.

Und dann gibt es die Soziologie. Ich als studierte Soziologin spreche es aus: Soziolog_innen sind zwischendurch auch arrogant. Auf streng methodisch-korrekte Art und Weise. Die Soziologie ist da, um Fragen zu beantworten. Besonders diese kritischen Minderheiten-Majoritäten-Fragen. Statistiken sind ihre heiligen Schriften (und Tabellen). Sich so allmächtig zu fühlen hat durchaus seinen Reiz. Darum ist es nicht einfach zu Beginn eines solchen Studiums den Durchblick zu erhalten. Klingt doch alles ganz gut, das mit dem „Durchschnitts-Mensch“ und den messerscharf getrennten Kategorien…

Bei mir dauerte es etwa drei Semester bis ich wusste, hier stimmt was nicht. Hier fehlt was. Das Gewissen? Die nötige, ebenso wissenschaftlich-korrekte Selbstreflexivität? Die Intersektionalität? Das letzte wird sich gern soziologisch auf die Fahne geschrieben.

Was ich meine, zeigt sich in der Praxis. Neulich war ich bei der Vorstellung einer Studie, die von einem soziologischen Büro durchgeführt wurde. Der Leiter: ein Doktor.
Die Frage, schön zweideutig: es geht um Einwohner_innen eines berühmt-berüchtigten Berliner Bezirks, ihre Diskriminierungserfahrungen und die mediale Repräsentanz dieses Stadtteils.
Die Antwort klar: besonders Frauen und Mädchen mit einem Kopftuch oder weiterer Verschleierung fühlen sich diskriminiert. Das ist intersektional – weil Frauen und Religion und so.

Methodisch sicherten sich die Studienverantwortlichen bestens ab: Grundgesamtheit abgebildet – check. Qualitative Expert_inneninterviews – check, quantitative Befragungen – check.
Und auch sonst gibt es durchführungstechnisch wenig auszusetzen. Sie handeln nach dem Soziologie-Handbuch, wie es am Semester 1 gelehrt wird. Prämisse: nur wenn ihr euch an die Vorgaben haltet, gibt’s die Repräsentativität, das höchste Gut der Soziolog_innen.

Ein klitzekleines Problem gibt es trotzdem. Es heißt nicht umsonst „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Hinter den Auftraggeber_innen stecken natürlich politische Interessen und Ziele. Da wäre die kritische Haltung religiösen Symbolen gegenüber. In öffentlichen Institutionen und Ämtern soll es „neutral“ bleiben. Ergo: die Damen mit Kopftuch sind es nicht. Sie sind „belastet“.
Ich korrigiere mich: es gibt nicht nur ein Problem. Bei der Vorstellung ist keine Frau dabei, die Kopftuch trägt. Nur eine türkeistämmige Psychologin. Am Rand. Ein häufiges Bild: „biodeutsche“ Männer sprechen über Migrant_innen. Sie sprechen für sie und dagegen. Und irgendwie scheint es niemandem aufzufallen. Vielleicht, weil auch das Publikum ähnlich aufgestellt ist.

Ich falle nun mal nicht auf als Migrantin. Ich trage keine sichtbaren (religiösen) Symbole. Als Migrantin würde aber auch ich mir etwas komisch vorkommen, für diese betuchten Frauen  zu sprechen. Selbst in informellen Debatten. Und hier geht es ernst zu, es geht um Politik und um Entscheidungen. Da wird verhandelt, ob nicht ein Gesetz her muss, Kopftücher und Schleier zu verbieten – in bestimmten Berufen. Die Kopftuchdebatte an Schulen ist ja deutschlandweit bekannt.

Die Soziologie hält sich da schön raus: wir sind neutral, bitteschön! Genau das verkauft diese Disziplin als objektiv.

Ich spreche hier oft darüber: über Objektivität, die keine ist, die überdacht werden sollte. Über Methoden, die nicht einfach nur korrekt angewandt „gute“ Ergebnisse produzieren. Wer wird befragt und wer sagt die Wahrheit? Wer fällt raus und wer gibt den Auftrag? Und überhaupt: wer fragt, wer schreibt, wer designt die Fragebögen?

Nicht unser Bier – sagten die Soziolog_innen in meinem Studium. Warum sich die Nerven und die Zeit rauben. Da gibt’s diese Regeln und wir folgen. Das sich selbst wiederherstellende Klischee genau dadurch auszeichnen, dass sie durch Wiederholung bestätigt werden, wird höchstens theoretisch kurz markiert. Dann hat es der und der Soziologe gesagt, gedacht und postuliert. Punkt. Soziologische Theorie ist ohnehin so ein Fach, das einem amputierten Körperteil gleicht: es ist manchmal spürbar in der Praxis, aber eigentlich gar nicht empirisch vorhanden.

Die Berliner Studie hat Einfluss. Er wird nicht neutral bleiben. Er wird konkret sein und die Studie seine Grundlage. Frauen und Mädchen, die ein Kopftuch tragen und mit Benachteiligungen zusammenstoßen, seien sie real oder gefühlt, verbal oder körperlich (für mich ist all das nicht klar trennbar, aber soziologisch geht das), werden besprochen. Sie werden kategorisiert, bemitleidet und angewiesen. Männer seien viel weniger betroffen, von der Diskriminierung. Man müsse was tun.

Das Sprechen über – das sprechen im Namen von Gruppen, von Einzelnen, von Anderen – ist ein umstrittenes Unterfangen. Es ist natürlich auch unvermeidbar im öffentlichen Diskurs. Dennoch schaffen es linkere Debatten es, alle Erwähnten einzubeziehen, einzuladen und für sich sprechen zu lassen. Es kann sein, dass diese Menschen das Gesagte bejahen, zustimmen und kein Veto einlegen. Umso besser. Aber ihre Chance zählt.

Und die Soziologie, die kann sich endlich mal ein Scheibchen davon abschneiden. Notfalls nochmal Intersektionalität und Transdisziplinarität im Soziologielexikon nachschlagen :).

❤ KF

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s