Kein graues Mäuschen

Vielleicht passe ich nicht in die aufregenden Statistiken und Umfragen. Vielleicht habe ich zu viel gedacht, gesehen und gefühlt. Vielleicht haut mich das Bisschen Grau-Schattierung nicht gleich aus den Socken. Und vielleicht ist ein bisschen Haut und Haue gar nicht so verwerflich – im gegenseitigen Einverständnis.

Vielleicht.

Bei einem bin ich mir aber absolut sicher (nachdem ich aus Recherchezwecken und Selbstexperiment allein in höchst konzentrierter Sitzhaltung 50 Shades of Grey gesehen habe): meine Identifikationsfigur ist Christian Grey. Dazu bekenne ich mich gern.
Diese verwunderliche und irgendwie spannend-überraschende Erkenntnis trieb mich aber in kürzester Zeit in brutal-verzwickte Gedankenlabyrinthe: was heißt dieses Rausfallen aus der Statistik? Wenn Frauen sich danach sehen, einen dominanten Mann, der weiß, was er wie haben will (und besonders, wie er DICH haben will), an ihrer Seite zu haben, ist das nach ein paar erhitzten Gemütern okay. Da wird diskutiert: ist der Feminismus dahin? Haben wir denn alle umsonst gekämpft? Was nützt uns das Gender-Mainstreaming-Gedöns, wenn die Ladies am Ende doch wieder in diese alte, passive Unterwerfungsrolle schlüpfen?

Die Antwort der BDSM-er_innen wäre sicher softer: jeder/m ihr/sein Fetisch! Alles kann, nichts muss. Alles Verhandlungssache. Gegenseitiges Vertrauen und strikte Regelbefolgung – darum geht es. Geschlecht kommt danach. Es gibt ja schließlich genug dominante weibliche Personen in der Sphäre und passive (submissive) Männer.

Ich stimme zu. Regeln sind wichtig, besonders wenn es um die gegenseitige Wunschbefriedigung, Erfüllung geht.

Nun bin ich keine BDSM-erin. Dass ich ein paar Eckpunkte kenne, liegt nicht zuletzt an meiner Lektüre von Clarisse Thorns hübschen Büchern. Sie ist die Expertin.
Trotzdem steht das fest: Christian Grey ist total mein Fall. Seine, für viele abnorme oder soziopathische, Art entspricht der meinen. Für mich gab es keinen Moment, in dem ich mich in die weibliche Hauptrolle der Anastasia Steele fühlte. Ihr Denken, ihr Handeln war für mich eher naiv und klischeehaft. Er – sicher nicht stereotypfrei – war für mich nachvollziehbar, ansprechend. Nicht im attraktiven Sinn, nicht als potenzieller Partner. Sondern als Identifikationsfigur.

Ich könnte es gut sein lassen. Und einfach weiter an meinen Gender-Theorien nagen. Wenn da nicht dieses störende Etwas geblieben wäre: warum finde ich es nicht unproblematisch, sich mit Mr. Grey als Frau zu identifizieren? Ich horchte in mich hinein.

Es ist so:
Ich war immer schon ein eher besitzergreifendes, kontrollliebendes Kind. Ich kontrollierte alles: das Spielen, die Verteilung von Spielzeug, stellte Regeln auf und sorgte dafür, dass mein jüngerer Bruder und meine Freund_innen sie befolgten. Wenn das nicht klappte, war es mein Verlust. Meine Niederlage.
Ich fuhr trotzdem gut damit. Es war eben mein Charakter, meine Art. Aber dann kam die Pubertät. Diese draufgängerische dominante Herangehensweise war plötzlich scheinbar unweiblich. Ich sah, wie die Jungs „weiblichere“ Mädchen umgarnten. Natürlich konnte ich mir das erklären: die Jungs im selben Alter haben selbst noch massig Selbstfindungsprobleme. Männlichkeitsideale sind auch nicht so leicht zu erreichen. Und: sie müssen erst gesucht und bestätigt werden. Am besten sieht man sie in Abgrenzung. Zu „anderen“ Jungs („den Falschen“) und Mädchen eben.
Aber wie es so schön-schrecklich ist mit Geschlechterklischees, man kann sie kennen und dennoch reinfallen. Und ich fing an, an meiner neuen passiveren Rolle zu feilen: ein bisschen weniger strenge Töne, weniger Kontrolle…
Dann ging es los. Das „starke“ Geschlecht traute sich an mich heran. Und ich war happy. Für ein paar Monate.
Denn was mir nicht klar war bei der Erkundung meines subalternen Ichs: das Wahre sucht sich ein Ventil.
In meinen ersten Beziehungen dachte ich, alles unter Kontrolle halten zu können und immer (nachts wie tags) das brave, unterwürfige Mädchen spielen zu können. Ein solches, das Hilfe braucht und die starken Arme des edlen Ritters. Nun, es scheiterte nicht nur am Ritter. Denn Passivität ist so gar nicht mein Fall.
Es scheiterte. Aus heutiger Sicht war es ein Glücksfall. Aber ich steckte mitten im Dilemma: werde ich mich ganz bewusst gegen das Weiblichkeitsideal entscheiden und mein dominantes Ich entfesseln? Klingt eigentlich einfach. Das spielte sich allerdings bevor ich mich zum Feminismus bekennen konnte.
Was mit einer dominanten Frau einherkommt, ist zwangsläufig ein verändertes Rollenverständnis in weiteren Verbindungen. Ich fragte mich, welchen Partner ich mir an meiner Seite wünsche. Und auch das war klar: er müsste mich dennoch dominieren können. Aber meine Persönlichkeit würde keinen solchen Partner ertragen. Ich bin schließlich die mit den Zügeln in der Hand. So kam es auch meistens. Ich kontrollierte, ich organisierte und wenn jemand es tat, dann war ich es: ich überraschte. Für die meisten Männer war das schwierig. Denn sie sahen sich oft schnell entmannt und erwarteten von mir „gutes Benehmen“, zumindest „unter Leuten“. Für mich ist auch das nichts :).
Wie sollte ich nun all meine Vorlieben vereinen? Ein Traum wäre es, einen Partner zu finden, der das versteht. Das ist aber auch der schwerste Weg.
Also kam ich langsam einer Teillösung nahe: eine gewisse Dominanz könnte ich wohl zur partiell zulassen, gerade da, wo eben nicht dieses „unter Leuten“ stattfindet.
Und da war sie – die Lösung meiner Ansprüche!

Die 50 Shades Konstellation ist ein Klischee. Ein Bild, was passt. Ein herrischer Herr und eine hörige Frau. Ich könnte auch an die Debatten anknüpfen, die sich mit diesem Gesellschaftsbild befassen, mit den Fragen nach der Gültigkeit einer solchen Paarstruktur für den Mainstream, und, ich könnte es gegen den „Pop-Feminismus“ abwägen.
Tue ich aber nicht. Es ist eine persönliche Geschichte. Ein Einblick in meine Welt der Gedanken, in meine Persönlichkeitsfindung und ständige Suche. Ich fühle mich immer noch nicht ganz wohl in meiner Rolle – vielleicht habe ich deshalb gar nicht die Lust, einen neuen Partner in dieses explosive Gemisch einzuweisen. Theoretisch weiß ich, dass es okay ist, dass es richtig ist, so zu sein. Dominant. Aktiv. Emanzipativ! Ich bin es im Alltag. Ich bin es „unter Leuten“ und ich bin es für mich, jetzt gerade beim Denken und Schreiben (was man sicherlich der gefühlt einer Million Tippfehlen ansieht und anfühlt). Aber die Empirie ist anders: noch kein Mann hat mich so verkraftet. Auch nicht in meiner persönlichen Tag-Nacht-Jekyll-und-Hyde-Lösung. Die Trennung zwischen dem täglichen Leben und meiner oft zynischen, meist durch und durch sarkastischen Art und dem Loslassen-können und für ein paar Stunden in der Woche „dominiert“ zu werden, um dem ein Ventil ist auch noch nicht ganz ausgereift. Denn ich fühle mich dadurch gespalten. Und ich will doch nur, dass mein Kern mit der Hülle verschmilzt.
Für Christian Grey ist das leichter. Er ist ein Mann und widerspricht nicht der gesellschaftlichen Erwartung. Allerhöchstens muss er sich die Schmerz-Tränen von Ms. Steele gefallen lassen. Jeder bleibt in seiner (Geschlechter-)Rolle.
Für mich bedeutet das ein ständiges Umdenken und mich selbst bestärken: es ist okay, Du bist gut so, wie Du bist! Eine dominante Frau, die Kontrolle liebt und Waschlappen-tum hasst. Die Suche geht weiter – und Mr. Grey inspiriert mich, ein bisschen…

❤ KF

Advertisements

Talk about it – her – him – them – us

“Can the subaltern speak?” fragte schon Gayatri Chakravorty Spivak. Ihr und anderen Postkolonialist_innen folgend, stellt sich diese Frage in sämtlichen gesellschatlichen Wissenschaften und öffentlichen Debatten.

Und dann gibt es die Soziologie. Ich als studierte Soziologin spreche es aus: Soziolog_innen sind zwischendurch auch arrogant. Auf streng methodisch-korrekte Art und Weise. Die Soziologie ist da, um Fragen zu beantworten. Besonders diese kritischen Minderheiten-Majoritäten-Fragen. Statistiken sind ihre heiligen Schriften (und Tabellen). Sich so allmächtig zu fühlen hat durchaus seinen Reiz. Darum ist es nicht einfach zu Beginn eines solchen Studiums den Durchblick zu erhalten. Klingt doch alles ganz gut, das mit dem „Durchschnitts-Mensch“ und den messerscharf getrennten Kategorien…

Bei mir dauerte es etwa drei Semester bis ich wusste, hier stimmt was nicht. Hier fehlt was. Das Gewissen? Die nötige, ebenso wissenschaftlich-korrekte Selbstreflexivität? Die Intersektionalität? Das letzte wird sich gern soziologisch auf die Fahne geschrieben.

Was ich meine, zeigt sich in der Praxis. Neulich war ich bei der Vorstellung einer Studie, die von einem soziologischen Büro durchgeführt wurde. Der Leiter: ein Doktor.
Die Frage, schön zweideutig: es geht um Einwohner_innen eines berühmt-berüchtigten Berliner Bezirks, ihre Diskriminierungserfahrungen und die mediale Repräsentanz dieses Stadtteils.
Die Antwort klar: besonders Frauen und Mädchen mit einem Kopftuch oder weiterer Verschleierung fühlen sich diskriminiert. Das ist intersektional – weil Frauen und Religion und so.

Methodisch sicherten sich die Studienverantwortlichen bestens ab: Grundgesamtheit abgebildet – check. Qualitative Expert_inneninterviews – check, quantitative Befragungen – check.
Und auch sonst gibt es durchführungstechnisch wenig auszusetzen. Sie handeln nach dem Soziologie-Handbuch, wie es am Semester 1 gelehrt wird. Prämisse: nur wenn ihr euch an die Vorgaben haltet, gibt’s die Repräsentativität, das höchste Gut der Soziolog_innen.

Ein klitzekleines Problem gibt es trotzdem. Es heißt nicht umsonst „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Hinter den Auftraggeber_innen stecken natürlich politische Interessen und Ziele. Da wäre die kritische Haltung religiösen Symbolen gegenüber. In öffentlichen Institutionen und Ämtern soll es „neutral“ bleiben. Ergo: die Damen mit Kopftuch sind es nicht. Sie sind „belastet“.
Ich korrigiere mich: es gibt nicht nur ein Problem. Bei der Vorstellung ist keine Frau dabei, die Kopftuch trägt. Nur eine türkeistämmige Psychologin. Am Rand. Ein häufiges Bild: „biodeutsche“ Männer sprechen über Migrant_innen. Sie sprechen für sie und dagegen. Und irgendwie scheint es niemandem aufzufallen. Vielleicht, weil auch das Publikum ähnlich aufgestellt ist.

Ich falle nun mal nicht auf als Migrantin. Ich trage keine sichtbaren (religiösen) Symbole. Als Migrantin würde aber auch ich mir etwas komisch vorkommen, für diese betuchten Frauen  zu sprechen. Selbst in informellen Debatten. Und hier geht es ernst zu, es geht um Politik und um Entscheidungen. Da wird verhandelt, ob nicht ein Gesetz her muss, Kopftücher und Schleier zu verbieten – in bestimmten Berufen. Die Kopftuchdebatte an Schulen ist ja deutschlandweit bekannt.

Die Soziologie hält sich da schön raus: wir sind neutral, bitteschön! Genau das verkauft diese Disziplin als objektiv.

Ich spreche hier oft darüber: über Objektivität, die keine ist, die überdacht werden sollte. Über Methoden, die nicht einfach nur korrekt angewandt „gute“ Ergebnisse produzieren. Wer wird befragt und wer sagt die Wahrheit? Wer fällt raus und wer gibt den Auftrag? Und überhaupt: wer fragt, wer schreibt, wer designt die Fragebögen?

Nicht unser Bier – sagten die Soziolog_innen in meinem Studium. Warum sich die Nerven und die Zeit rauben. Da gibt’s diese Regeln und wir folgen. Das sich selbst wiederherstellende Klischee genau dadurch auszeichnen, dass sie durch Wiederholung bestätigt werden, wird höchstens theoretisch kurz markiert. Dann hat es der und der Soziologe gesagt, gedacht und postuliert. Punkt. Soziologische Theorie ist ohnehin so ein Fach, das einem amputierten Körperteil gleicht: es ist manchmal spürbar in der Praxis, aber eigentlich gar nicht empirisch vorhanden.

Die Berliner Studie hat Einfluss. Er wird nicht neutral bleiben. Er wird konkret sein und die Studie seine Grundlage. Frauen und Mädchen, die ein Kopftuch tragen und mit Benachteiligungen zusammenstoßen, seien sie real oder gefühlt, verbal oder körperlich (für mich ist all das nicht klar trennbar, aber soziologisch geht das), werden besprochen. Sie werden kategorisiert, bemitleidet und angewiesen. Männer seien viel weniger betroffen, von der Diskriminierung. Man müsse was tun.

Das Sprechen über – das sprechen im Namen von Gruppen, von Einzelnen, von Anderen – ist ein umstrittenes Unterfangen. Es ist natürlich auch unvermeidbar im öffentlichen Diskurs. Dennoch schaffen es linkere Debatten es, alle Erwähnten einzubeziehen, einzuladen und für sich sprechen zu lassen. Es kann sein, dass diese Menschen das Gesagte bejahen, zustimmen und kein Veto einlegen. Umso besser. Aber ihre Chance zählt.

Und die Soziologie, die kann sich endlich mal ein Scheibchen davon abschneiden. Notfalls nochmal Intersektionalität und Transdisziplinarität im Soziologielexikon nachschlagen :).

❤ KF