„Dear society,…

…please change!“ Zum Equal Pay Day heute ein kleines Stoßgebet an die Göttin des gleichen Lohns. Und um ganz effizient zu sein, ist mir heute nach einem kleinen Themenüberschlag. Ihnen gemein ist (abgesehen vom allgemeinen feminismusfeindlichen Gezeter) ihr Appell an die Gesetzgeberin.

Dialog von heute Morgen. MoMa-Moderator Mitri Sirin fragt Manuela Schwesig nach dem Sinn ihres Bestrebens nach gleichem Lohn für Frauen und Männer. Es sei schließlich die Gesellschaft, die sich ändern sollte. Soll den Menschen tatsächlich noch mehr Zwang zugemutet werden? Nützt ein Gesetz top-down irgendjemand irgendetwas. Frau Schwesig lächelt, lobt den Mindestlohn und die Frauenquote und sagt: Das schaffen wir auch noch.

Das ist kein Bekenntnis für oder gegen unsere Frau Familienministerin. Und Herrn Sirin will ich auch nicht verteufeln. Vor ihm gab es einen wesentlich publikumsabschreckenderen Kollegen.
ABER mich stört dieser Dialog in seiner Substanz. Immer und immer wieder ertönt dieser Schuldspruch gegenüber der Gesellschaft. Entweder zu liberal, zu beengt, zu stur, zu facebook, zu FDP…
DA DRIN sollte sich was tun! SIE soll sich nicht so haben. IHRE Normen haben sich zu wandeln. Und niemand scheint sich darin zu verorten, wenn sie oder er von DER Gesellschaft spricht. Schon mal dran gedacht: YOU’RE PART OF IT.

Dennoch ist die Frage auch für mich legitim und nicht leicht zu lösen: brauchen wir mehr Gesetze? Solche, um der Gesellschaft etwas auf die Sprünge zu helfen…vielleicht ihr in den Hintern zu treten (und mit ihr gemeinsam auch ein paar ganz bestimmten Akteur_innen auf ihrer Bühne).

Eine gewisse Zeit-Redakteurin Frau H. schrieb letzte Woche von der „wahnsinnigen Sensibilität“ in Bezug auf die sexuelle Belästigungsdebatte, der nach jede_r Zweite am Arbeitsplatz schon mal belästigt wurde. Gern hätte ich hier mein Allheilmittels-Argument hingeworfen, kein Wunder, es schreibt ein Mann! Aber bei der Zeit werden jetzt öfter frauenkritische Artikel von ebensolchen verfasst. Ich sage: ihr habt mich zur teils entschärft ;).
Aber (anzüglichen) Witz beiseite: Frau H. hat es echt noch nicht gerafft und äußert sich auf arrogante und ignorante Weise. Diese vermeintlichen Opfer sexualisierter Gewalt seien mittlerweile zu sensibel. Sie sollten sich doch einfach wehren und sagen „Hey, Stopp!“ oder auch mal „Hände weg!“. Die Landesantidiskriminierungsstelle ist für sie eine große Peace&Love-Party, die Frieden für alle will. Frau H. sagt dazu: „Aber rätselhaft bleibt doch, was die Minderheitenprobleme trans- und intersexueller Personen mit der angeblich massenweisen Belästigung am Arbeitsplatz zu tun haben“. Wenn man nämlich findet, alle Menschen seien zwar vor dem Gesetz gleich, von Gleichberechtigung aber keine Rede sein kann, wo ist da der Zusammenhang? Noch mehr schöne Phrasen sind z.B. „klinisch verzagt“ klingender Begriff intersexuell und mein Favorit auf Platz eins:
„DIESE GENDERUTOPISCH AUFGEMOTZTE PROSA“ der Antidiskriminierungsstelle. Für Frau A. unverständlich, was „Gleiches Recht – jedes Geschlecht“ mit trans*, inter* und allen anderen zu tun haben könnte… Vielleicht sollte sie bei o.g. Stelle vorbeigehen und sich mit den Mitarbeiter_innen dort über Geschlechtergerechtigkeit unterhalten?
Es geht in diesem Artikel, neben der Hypersensibilität unserer Gesellschaft, um das scheinbare Verlangen nach mehr Regeln. Grusel-Endpunkt: sie zieht Foucault ein, der sich wohl im Grabe umdrehen dürfte bei ihren leicht §$%&*-phoben Bemerkungen (bitte Beliebiges einsetzen). Die Öffentlichkeit soll sensibilisiert werden statt das souveräne selbstbestimmte Rechtssubjekt hervortreten zu lassen. Statt zu kämpfen (für das Recht), wird gesäuselt. Ein bisschen Feministin ist sie vielleicht, denn ein nostalgischer Seufzer findet sich inmitten des Beschuldigungschaos: die Emanzipationsjahre der 60er hätten ideologisch was zu bieten gehabt.
Sie meint „Jeder Einzelne – jede Einzelne“ könne sich einfach hinstellen und verkünden: „Ich will. – Ich will nicht.“ Uff… Schön, dass es bei Ihnen klappt, liebe Frau H.
Die Gefahr einer sexuellen Belästigung sei heraufbeschworen und Menschen würden nur dazu angeregt werden, sich zu beschweren. Und zum Schluss, wie durch Zauberhand, kommen plötzlich illegal Arbeitende Frauen und Männer als die eigentlichen Opfer zur Sprache. Was genau uns die Autorin mitteilen wollte, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Eins ist aber gewiss: Frau H.s Blick ist nun mal nicht der einzige. Wenn sie eine der glücklichen Frauen ist, die niemals mit diesen Problemen zusammenstieß, schön. Das wünsche ich allen. Ob Frau* oder Mann*.
Allerdings kann sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz (und sonst wo) nicht als ein eingebildetes, übertriebenes und fast schon ausgedachtes Phänomen abgetan werden. Natürlich liegen dem tieferführende Faktoren zugrunde. Und hierarchiefrei wird kein utopisches Großraumbüro sein. Ach ja, und wer sagt, welche Menschen von welchen wann belästigt werden? Frau H. scheint zu wissen, dass trans* und inter* Personen gar nicht zu den Betroffenen gehören. Was für ein Schwachsinn.

Und hier wären wir wieder, bei den Gesetzen und den Regeln. Frau H. meint, noch mehr Regeln sind schlichtweg der falscheste Weg von allen. Alle sollten selber denken. Selbstkontrolle.

Ich sage: Regeln, die für eine geschlechtergerechte, gleichberechtigte Gesellschaft sprechen, die IHR im Wandel helfen und IHRE Partizipient_innen unterstützen, tun gut. Ob gleicher Lohn für gleiche Arbeit – ohne Kompromisse und ohne Schuldzuweisung an die Frauen („Jaja, wählen die doch selbst diese Billig-Care-Berufe!“) oder eine besser etablierte Regulierung bzgl. sexualisierter Gewalt (die übrigens nicht immer nur das Busen-Anstarren oder Po-Antatschen, Witzereißen oder Porno-Bildchen umfassen, sondern Sexismus in all seinen intersektionalen Formen beinhalten kann).

Ein „Liebe Gesellschaft, bitte wandle dich!“ reicht nun mal nicht immer. Lasst uns ihr die Hand reichen und wenn wir schon mal dabei sind, auch einander (in genderutopischer Prosa oder Rosa :P)!


KF

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