Göttinnen der Meere

Sie treiben auf dem Wasser um abzutreiben. Plakativ, aber treffend. Als Göttinnen, als Engel nehme nicht nur ich die Frauen rund um die Holländerin Rebecca Gomperts.
Ihr Aktivismus ist provokativ, innovativ und demonstrativ. Auf einem Schiff fahren die Frauen raus aufs Meer, in rechtsfreie Zonen, wo sie Frauen die Abtreibungspille(n) verabreichen. Frauen, die verzweifelt sind. Frauen, die in Ländern leben, wo Abreibungen illegal sind.

1412792178

Vessel = Schiff, Kessel, Behälter, Gefäß.

Vessel wirkt lange nach. Das Bild des „Abtreibungsschiffes“ verschwimmt zum Bild des mütterlichen Bauches, dem Gefäß des Lebens und doch ein leerer Behälter.
Als Engel, ja fast Madonnen werden die Aktivistinnen von Frauen aus der ganzen Welt per Port und Mail angefleht.

Für Gegner_innen (und nein, nicht nur in ultrakonservativen Teilen dieser Erde) sind die Feministinnen Todesengel. Sirenen, die Unheil bringen. Mörderinnen. Verbrecherinnen.
Natürlich gibt es das eine oder andere Klischee. Saudi-Arabien, wo Frauen zum Teil nicht ohne männliche Begleitung und unverhüllt in die Öffentlichkeit dürfen, ist ein solches. Ausschließlich Männer, die die Vessel-Frauen in die Enge treiben, fast übergriffartig mit Schildern und Geschrei gegen die Abreibungen protestieren.
Aber Irland, Portugal, Polen…

Rebecca traut sich in Portugal sogar ins Fernsehen. Sie legt sich mit allen an. Mit ihren Kolleg_innen schult sie andere Frauen* und Aktivist_innen. Sie bringt ihnen bei, dass das Herbeiführen einer Abstoßung durch bestimmte Medikamente möglich ist, die frei im jeweiligen Land in Apotheken zu haben sind. Und das ohne jeglichen Verdacht. Sie erklären, wie ungewollt Schwangere die Pillen zu nehmen haben – bis zu 20 Stück in 3-Stunden-Intervallen. Sie beruhigen: Ärzte könnten im Nachhinein nicht nachvollziehen, ob es eine „reguläre“ unerwartete Fehlgeburt war oder nicht.

Als Feministin ist für mich immer schon klar: ich bin ABSOLUT und ohne FRAGE  für die Legalisierung von Abtreibungen! Ohne WENN und ohne ABER.
Aber nach Vessel kommen sie wieder, diese ewigen Fragen: geht Feminismus auch in Pro-Life-Version? Ist Pro-Choice die einzige Option? Geht beides? Und wo ist dann die Kirche, Religion und Emanzipation? Schweeeeeere Kost.
… [an dieser Stelle erspare ich mein Gedanken-Ping-Pong und komme zum Ergebnis]
Feminismus ist pro-Frau, davon gehe ich einfach mal aus. Auch pro-Mann und pro-EveryBODY. Und somit ist Feminismus auch für die Entscheidungsfreiheit über den eigenen Körper. Ob Trans*, Inter* oder „just for fun“-Beauty-OP: jede_r darf, soll, kann selbst über sich verfügen. Das Leben im Körper einer Frau* ist zunächst und an allererster Stelle ein Teil IHRES Körpers und SIE darf darüber verfügen.
Von den Kindern die durch Vergewaltigungen und andere gewaltvolle Übergriffe entstehen ganz zu schweigen. Bei vielen Themenbereichen ist die „Mein Feminismus, Dein Feminismus“ für mich nicht nachvollziehbar – je mehr, desto besser! Aber Abtreibungen: there’s just one right way! Für Ideologiekritik stehe ich gern zur Verfügung. Ich weiß, dass es sehr viel Gegenwind gibt – nicht erst seit Vessel!

Nun. Leider kamen die Vessel-Frauen nicht bis nach Russland. Und da ich das russische Blut in meinen Adern fließen höre, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken bei dem Gedanken. Ich begann die Recherche.

Hier ein paar Fakten über das heutige „liberale“ MÜTTERCHEN Russland:

– seit den 50ern waren Abreibungen quasi legal. Die Frauen unserer Müttergeneration hatten fast alle (die ich kenne) mindestens eine Abtreibung – Sowjetsystem sei Dank! Scheinbar war die produktiv arbeitende Frau wichtiger als eine, die „andauernd“ be- und verhindert ist durch Schwangerschaft und Erziehung… ich nehme mir mal eben kurz das Recht auf Wertung.

– wie man und frau und noch viel stärker alle dazwischen merken, ist Russland nicht gerade weltoffener geworden seit 1991. Es heißt, nach Zusammenbruch der UdSSR war es vorbei mit der Erlaubnis. Und dann kam auch die ominöse Staat-Kirche-Liaison. Die Aktivist_innen der Pro-Choice-Fraktion sind zwar auch in Russland und auch heute laut, aber sie haben es schwer. Das strenge Mütterchen Russland mag es gar nicht dulden, wenn es emanzipatorischen Protest und unzufriedene Bürger_innen auf die Straßen ihrer Städte treibt. Und Väterchen Putins Ego wird auch angekratzt! Nein, nein, nein. Böser Feminismus (aus dem Westen). Es ist ja so: was irgendwie queer, emanzipiert, kreativ daherkommt, hat sich damit im Westen angesteckt. Diese Deutung hat nicht nur Russland für sich gepachtet, es gibt ein paar andere, die uns hier (ja, ich schließe mich ein) als traditions-gefährdende unsittliche Produzent_innen (des Wissens) sehen. Ein bisschen schäme ich mich ja, aber es ist noch nicht alles verloren…

Und sonst?
Schaut Euch Vessel an! Echt! www.womenonwaves.org

Was ich gelernt hab (Spoiler-artigkeit):

– Abtreibung geht echt länger als ich mir vorgestellt hab mit Pillen – 2!
– die Liste mit den Pillen, die den nötigen Wirkstoff haben ist LANG! Die Namen unterscheiden sich, aber es ist nur eine Frage der Kenntnis, einen Abbruch der Schwangerschaft herbeizuführen! Wow!!
– trotzdem: so eine Abstoßung ist kein ‚Kinderspiel‘ (verzeiht mir den makabren Vergleich), Krämpfe, Fieber, starke Blutungen, Übelkeit uns mehr davon
– u.a. durch das Engagement der Women on Waves wurde in Portugal das Abtreibungsgesetz gelockert
– in einigen afrikanischen, europäischen, südamerikanischen und asiatischen Ländern wurden viele Multiplikator_innen von den Women on Waves gecoacht; Beratungsstellen wurden eingerichtet, die ungewollt Schwangeren die nötigen Infos zu den Abtreibungspillen erteilen
à Informationen „verteilen“ ist in den meisten Ländern nicht verboten und der Akt an sich – solange er nicht öffentlich wird – bleibt nur der Schwangeren bekannt…

Für mich bleiben die Women on Waves, wie sich die Aktivist_innen nennen, Göttinnen, Engel und Madonnen. Für atheistische und säkulare Leser_innen: Retterinnen, Helfer_innen, Freund_innen.
Was diese (wenigen) Frauen weltweit in wenigen Jahren bewegt haben, ist unglaublich. Umso mehr verstehe ich, dass es so manche Medien und Gegner_innen nur zu gern verbergen würden. Abtreibung bleibt ein heikles Thema, auch in Deutschland (wo sie btw auch illegal ist, aber nicht bestraft wird, weshalb jede Frau*, die abtreibt, kriminell ist…ich liebe ja das Rechtssystem).

Feminist_innen verbündet Euch: Pro-Choice! Immerhin war das WAHLRECHT eine der ersten und bedeutendsten Errungenschaften von feministischem Engagement. Die WAHLmöglichkeit muss es auch bei Abtreibungen geben!


KF

Advertisements

5 Gedanken zu “Göttinnen der Meere

      1. Ich bezog mich auf meinen Kommentar von vor einigen Monaten. Ich weiß jetzt nicht, ob du denn aufgenommen hattest und weiß auch die Stelle nicht mehr. Ich habe dich in meinen Reproduktions-Blog verlinkt. Ok?
        Ich bin ein „einsamer Schreiber“, alldieweil ich nur einen Kontakt habe (Blog: http://erkenntnisethik.blogspot.de/). Bleib zäh…

      2. Ach, ich weiß jetzt, welchen Du meinst – klar, ich blicke noch nicht 100%ig durch bei WordPress auf dem Iphone ;)! Aber sonst: Genehmigung nachträglich erteilt, wenn auch noch nicht kommentiert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s