Sports-Geist und -Körper

Übermorgen ist meteorologischer Frühlingsanfang. Ganz Berlin ist im Fitness-Wellness-Fieber. Wir wollen ja auch die Spiele. Olympia liegt in der Luft. Selbst der Fernsehturm brennt für den Wettkampf.
Diese Ultra-Mega-Sport-Events sind natürlich ein Meisterwerk von kapitalistischen Verstrickungen. Berlin gewinnt dadurch wirtschaftlich viel. Image, Ansehen,  noch mehr Touries. Darauf könnte ich auch rumhacken. Aber das ist es nicht. Es ist eine wesentlich persönlichere Geschichte des Sports, die mich in diesen Tagen täglich einholt. Ich habe noch immer Angst überholt zu werden – von meinem eigenen Geist.

Meine Eltern sind Leistungssportler_innen. Sie waren es, um ganz ehrlich zu sein. Alle beide, jaja. Und zusammen mit der kommunistisch-sozialistischen Erziehung ergibt das einen hochexplosiven Ideologie-Cocktail, der aus der Brust, ins Babyfläschchen und bis in jedes Klümpchen des mitttägigen Grießbreis hineindiffundierte.
Das Problem: seit ich mit vier meinen Bruder im Leben begrüßen durfte, war ich irgendwie … öfter mal gereizt. Meine aggressive Art offenbarte sich ausschließlich zuhause. Es war meine Achillesferse. Ich der Schule: gut! Hausarbeiten: gut! Eltern helfen: sehr gut! Freund_innen: supergut! Bruder: aghhhh!!
Tatsächlich bin ich noch heute mit der Aufarbeitung dieser emotional undurchsichtigen Zeit beschäftigt. Oberflächlich betrachtet, schien mein kleiner Blutsverwandter der Sündenbock zu  sein. Für alles. Dabei klagte ich ihn nicht an sondern löste es gleich, mit Gewalt. Einfach und schnell.

Was hat das mit Sport und Geist und Sportsgeist zu tun. Es kommt.

Mein Vater war einer von der Sorte: für ihn gab es sportlich nur Alles oder Nichts. Ich hatte keine Ahnung, ob er selbst jemals etwas gewonnen hatte. Weil ich körperlich gute Voraussetzungen hatte, musste spätestens ich es nachholen. Alle Wettkämpfe, Sprint, Leichtathletik, Langlauf, Schwimmen – er pushte mich! Immer mit vor der Partie, feuerte er mich so an (inklusive Vor- und Nachbereitung), dass es mich schüttelte vor Angst. Wahrscheinlich war ich darum so schnell. Und ich gewann auch schon mal. Wenn nicht – und es Platz 2 – dann gab es zwei Gründe: 1. Die anderen haben Fehler gemacht, meine Bahn versperrt etc. , 2. Meine Technik… Das war immer schlimmer.

Bei meinem Bruder griff all das nicht. Der brauchte meistens nur einen Tag vorher an den Wettkampf zu denken, bekam daraufhin Bauchkrämpfe und blieb eine Woche zu Hause. Krank.

Bei mir hingegen wuchs die Panik mit jedem Jahr. Wie das so schön unschön ist, nähert frau sich der Pubertät, die bei mir eher zum Nachteil meiner Sportlichkeit ausfiel. Ich hatte zwar Kraft, aber ich nahm zumindest so viel zu, dass z.B. Weitsprung nicht mehr sooo perfekt klappte. Schwimmen – no way und Laufen blieb als einzige große Stärke.

In dieser Zeit kam meine Mutter ins Spiel. Sie hatte sich ein bisschen emanzipiert vom Sportdrill meines Vaters. Als Gymnastik- und Aerobic-Leiterin nahm sie mich unter ihre Fittiche.
Ihr Rezept war: Sport als Stress- und Frustabbau. Sie fand, mir würde es helfen, mich auszupowern. Um meinen Bruder nicht zu hauen. Keine Energie – keine Aggression. Tja, falsch.

Und vielleicht bin nur ich so. Vielleicht. Aber wenn es nur eine weitere Person gibt, Eltern, Kinder, beides, die mit der Aufarbeitung etwas früher beginnen, ja, vielleicht hilft das Euch.

Obwohl es scheint, dass das bisschen Gymnastik keinen Wettkampfcharakter aufweist, fand ich ihn. Diesmal im Rennen: ich gegen mich. Chancenlos. Denn meinen Geist habe ich bis heute nicht geschafft zu überlisten, fair oder unfair.
Ich machte also diese Power-Aerobic-Musik-Gymnastik und wann immer es ein bisschen zog, in der Seite stach, im Kopf pochte, wurde ich immer wütender. Auf mich, ja. Auf meinen Körper, der nicht so wollte, wie er sollte. Es gab doch nur Gewinnen oder Nichts.

Man könnte meinen, als ich komplett selbst entscheiden konnte, was ich mache (dann lief ich, machte sämtliche Work-outs, Fitness-Studios), wäre ich frei. Niemand könnte mich kontrollieren. Auch das: falsch! Ich tat es. Anscheinend brauche ich gar keine Gegner_innen. Die einzige Gegnerin, gegen die ich immer antreten werde, bin ich.

Die kleine traurige Geschichte hat ein Fazit.

Jetzt, wo alle frühjahrsbedingt joggen und hecheln und die Fitnessverträge auffrischen, möchte ich sagen: bitte tut es freiwillig! Für und mit Euch und Eurem Geist im Einklang. Wie küchen- oder eher bolzplatz-philosophisch das auch klingt, Sport kann ein Segen sein. Er kann entspannen, empowern, auspowern, verjüngen und ganz einfach fit und gesund halten.

Und dafür das ganze Geschreibe?! Ja, weil: mir ist erst in diesen Tagen klar geworden, dass es nicht so einfach ist, als „Erwachsene“ zu sagen, ich lasse meine „Kindheit“ hinter mir. Nur weil ich nicht von meinen Eltern bevormundet werde, reicht es oft nicht aus zu sagen: jetzt mache ich es anders! Die jahrelange Erfahrung ist doch oft tiefer, als in die oberste Hautschicht gesickert. Und so kommen vieeeleeee neue Fragen dazu. Viele Freund_innen von mir tun genau das, sie „machen es jetzt anders“. Ich komme nun nicht umher ums Hinterfragen: really?

Also, an alle Sport-Freund_innen und -Feind_innen, an Viel- und Wenigläufer_innen, an Olympia-Fans und -Verbanner_innen: habt Spaß bei dem, was ihr (nicht) tut und tut es vor allem freiwillig! Das ist immer noch die beste Strategie zur Gelassenheit.

❤ KF