Feminismus kennt kein Aber…

Ich bin Feministin, ohne wenn und ohne aber. Ich weiß, ich weiß, das ist etwas, was sicherlich schon deutlich geworden ist.
Trotzdem gibt es für mich keinen Status quo, keinen Ist-Zustand und keine Stagnation. Zu konservieren gibt es nichts. Alles ist in einem Wandel, einem ständigen Fluss – auch der Feminismus – mein Feminismus und unser.

In den letzten Tagen dachte ich viel über den Satz einer sehr engen und langjährigen Freundin aus Schultagen nach. Sie sagte: „Wie kannst du nur so ruhig weiter mit mir befreundet sein, wenn ich doch genau das Gegenteil will und tue, als DU für richtig hältst?“

Das Gegenteil bedeutet: christ-demokratische Nähe, Jura, High Heels, viele „erste Dates“ inklusive Mann zahlt und der dringliche Wunsch nach einer Haus und Garten Familienidylle, mit Verdiener-Gatte, herzallerliebste Kinderchen und meine Freundin am Herd mit Schürze und roten Lippen. Trotz Intellekt, harten Studienjahren, Bundestag und einem goldgepflastertem Karriereweg nach ganz Oben.

Sie setzt auf Luxus und Sicherheit. Sie selbst hatte das nie, noch hatte ihre alleinerziehende Mutter das. Und: sie sagt zu mir Dinge wie: „Wenn ich nur den Richtigen finde, schmeiß ich alles hin und werde Hausfrau und Mutter!“

Wir kennen uns so lange, über 10 Jahre. Zusammen haben wir vieles durchgemacht, uns geliebt und gehasst, gelästert und gekämpft – miteinander und gegen. Schule, Pubertät, erste Liebe. Alles unmittelbar zusammen. Unsere ersten Jobs hatten wir zusammen, wir zogen durch Clubs, ließen uns Drinks ausgeben und tanzten mit unseren 18 in Call Girl Manier.
Wir hatten Spaß, wir waren diese Mädchen, die alles ausprobieren, sich testen und die Grenzen. Sehr oft wurden wir verletzt – meist verbal (naja, ich in meiner Radikalität bekam auch schon mal richtig Schläge von Männern in Clubs. Heute sträuben sich mir die Haare, damals dachte ich nur „Wie gemein!“ und weinte ein paar Tränen um nächstes Wochenende wieder weiter zu machen)

Wir diskutierten die „großen Fragen“ über Männer und Frauen, über Verrat und Betrug. Wir tauschten Erfahrungen aus und verglichen insgeheim unsere Vorlieben und Liebhaber.

Im Grunde tun wir das heute auch. Nur tun wir das Meiste jetzt bewusst. Meine Freundin trägt Kaschmir-Pulli und speist in teuren Restaurants – weil sie’s kann, weil sie’s will! Gut so.

Ich trage lieber Katzen-Print-Shirt, esse kein Fleisch mehr (es sei denn, ich könnte ein selbst aufgezogenes Schäfchen oder Hühnchen eigenhändig töten…wird so bald nicht passieren) und diskutiere an jeder Ecke über … ja, immer noch über Männer*, Frauen* und Intersektionalität (meine Mutter hat längst die Krise und mein Bruder nennt sich Feminist).

Ich weiß jetzt, dass die Schläge im Club, die Grabscherei in der Bahn oder die Verbote meines ehemaligen Chefs, Kleider zur Arbeit zu tragen nicht nur „kleine Macken“ dieser Herren waren, sondern dass diesen Aktionen tiefgreifende  Machtstrukturen, Sexismus und androzentrische Weltansichten inhärent sind.
Meine Freundin weiß das auch. Sie möchte aber nicht kämpfen. Sie will geliebt werden und sucht sich ihre Freunde so aus, dass die o.g. Situationen vorher ausgeschlossen werden können. Sie hofft auf jeden Fall immer wieder. Mit Verrat, Betrug und Ablehnung kämpft sie trotzdem.

So viel erstmal zu uns beiden.

Ich finde nicht, dass wir so verschieden sind. Wir sind beide starke, unabhängige Frauen auf dem Weg. Wir wollen unsere Wünsche und Hoffnungen erfüllt sehen. Wir wollen sie SELBST erfüllen.
Das gute an meiner Freundin ist, dass sie nicht so eine ist, die sagt „Ich bin keine Feministin, aber…“ Sie sagt es eigentlich gar nicht. Sie will für die Männer nicht radikal sein. Nun ja, das trennt uns. Aber ich kenne sie – sie setzt auf ihr Image, die möchte die Hepburn-Lady sein, sie will bezirzen und sehnt sich ein bisschen nach den 50ies-Diven. Weil sie es noch nicht erlebt hat. Meine These: Familie lässt sich nicht testen. Ehe muss man und frau wagen. Und dann sehen. Viele meinen, das sei das einzig Richtige, Wichtige und Mögliche. Mal schauen, wie es aussieht, wenn es DA ist – jeden Tag, 24 Stunden :).

Obwohl ich mir heute den Titel Feministin auf sämtliche Körperteile tätowieren würde (metaphorisch), hätte ich das in der Schule noch nicht getan. In der Schule in Geschichte, Sozialkunde, PW u.Ä. wird Feminismus kaum erwähnt und wenn, dann als radikale, negative Entwicklung, die zufällig und nebenbei das Frauenwahlrecht und SO VIELE ANDERE DISKRIMINIERUNGEN AUFDECKTEN UND BESEITIGTEN!

Und dennoch weiß ich heute, ich war schon früh feministisch unterwegs.

1. Als Kind hatte ich viele Jungsfreude, lief mit denen durch Wald und Wiese, verteidigte „unsere Straße“ vor „fremden“ Jungs und hatte sehr, sehr oft kein T-Shirt an (bis 7 oder 8 Jahren).

2. Stille, in sich gekehrte Mädchen, die schüchtern ihre Schleifchen im Haar richteten und niemals mit nach Draußen kamen konnten nicht viel mit mir anfangen. Ich war aktiv, progressiv und ja, auch mal aggressiv – im sportlich-fairen Stil.

3. Früh wurde mir klar, Frauen – als welche ich mich in Zukunft sah – haben eine „andere“ Funktion in der Gesellschaft um mich herum (nicht „othering-like“ sondern „special“). Frauen hatten Kenntnisse, die Männern fremd waren. Sie kannten Kräuter, die Schmerzen lindern, beruhigen, beleben. Sie konnten Zäune reparieren und kochen, Gäste empfangen und ein Feld voller Kartoffeln abernten. Ja, das Leben zwischen Dorf und Stadt in Russland um 1990 macht mir die Macht der Frauen deutlich. Meine Mutter und Oma waren meine Vorbilder und sind es heute!

4. Ich war durch und durch vernarrt in die Geschichte über Heilerinnen, Hexen, weisen Frauen, Göttinnen, Nymphen. Ohne hier den Essentialismus und Biologismus aufleben lassen zu wollen, dass Frauen „von Natur aus der Natur näher stehen“. Die Frauen, die ich kannte waren alle Mütter und hatten diese Güte in sich. Sie hatten die Kraft, sture, stumpfe und oft uneinsichtige Männer zu bändigen, zu umgarnen und standen über den Dingen. So schien es mir. Die Welt geht doch unter ohne diese FRAUEN!

5. In den Teen-Jahren stieß ich mich am Madonna-Hure-Dualismus. Ich selbst bin nicht stolz den reproduziert zu haben. Ich ging durch alle Phasen und schaffte es zu keiner Zeit, beides in mir zu vereinen. Bis mir ein Licht aufging: DAS GEHT AUCH NICHT! Und: das MUSS es nicht! Vom Versuch, ein „braves Mädchen“ zu sein bis hin zur sexuell entfesselten B**** kannte ich jede Rolle und keine passte für mich. Etwas stimmte an der Gesellschaft nicht.

6. Sorry, liebe Männer, aber viele von meinen Partnern über kurz oder lang schafften es nicht, ihr Ego im Zaum zu halten. Viele rennen bestimmt noch jetzt weg, wenn sie meinen Namen hören! Dass eine FRAU sie verlassen kann, weil SIE genug hat, dass können selbst „emanzipierte Herren“ nicht immer wegstecken.

7. Und last but noch least (wobei es noch viel mehr zu erzählen gibt und mir täglich neue Verbindungen in den Sinn kommen, die auf eine feministische Laufbahn verwiesen haben): in der 13. Klasse war auch ich auf der Suche nach dem richtigen Studienplatz. Was studieren? Wo studieren? Klar, ich wollte mein geliebtes Berlin nicht verlassen. Hab ich auch nicht.
GENDER STUDIES sprang mich förmlich an, als ich die Liste der Studiengänge der HU durchlas. Leider konnte ich die nur als Zweitfach im Bachelor wählen und mit einer Notlösung im Kernfach wollte ich nicht anfangen. Aber schon damals löste der Gedanke, mich mit Geschlecht und anderen Kategorien zu befassen Euphorie aus! Ich hatte Lust!!
Und: ich tat es! Zwar nach meinem Soziologie-B.A. aber dafür jetzt RICHTIG!

Fast täglich gibt es solche Situationen, wie die mit meiner Freundin oder Leuten, Russinnen und Russen, die mich nicht verstehen. Oder ich selbst als Russin muss mich in aller Breite rechtfertigen – pardon, erklären – wie ich als stolze Russin trotzdem Putins Anti-Schwulen-Gesetze toleriere? Diese Antwort ist leicht: GAR NICHT! Und ich gehe mit Aufklärung, mit Diskussionen und mit vieeeelen laaaangen Gesprächen an die Sache. Ich spreche mit Menschen. Ich erkläre. Ich werde niemals müde.

Auch mit meiner Freundin rede ich. Oft. Ich bestärke sie, Empowerment heißt das Zauberwort im Feminismus. Sisterhood.

Es gibt kein ABER für den Feminismus, es gibt nur Angst, Gesellschaftsdruck und männlich-dominierte Denkkontexte, die manchmal für die Mädels selbst nicht zu durchschauen sind, selbst wenn alles im eigenen Kopf stattfindet.
Ich entschleiere nicht, ich schlage einfach einen transparenten Vorhang vor statt der runtergelassenen dunklen Rollos.


KF

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