Wer hat ein „Gender-Problem“?

Donnerstag. Ein interdisziplinäres Seminar irgendwo zwischen Physik, Psychologie und Philosophie. Zwei Professorinnen aus Natur- und Kulturwissenschaft. Scheinbar das perfekte Rezept für wunderbar-ausschweifende Diskussionen und hyper-open-minded people.
So ist es. Fast. Die Runde beginnt bei Mädels aus dem queer-theoretischen Milieu und einer multi-kulti-intersektionalen Gesinnung. Dort, wo sie endet ist kein so toleranter Ort. Genauer: es ist keine solche „Position“. Ein überaus straighter Mann, dessen Heterostatus ihm sehr wohl abzulesen ist, sitzt ebenso mit am runden Tisch dieser Geschichte. Ich bin irgendwo mittig und vernehme diese typische „Hahn im Korb“-Stimmung, die ab der ersten Stunde Funken sprüht. Ganz amüsant, denke ich zunächst. Denn der Typ macht einen durchaus kompetenten Eindruck, kommt er doch ebenso aus dem Medien- und KuWi-Wesen. Er studiert bereits ein Weilchen, 14 Semester sofern mich meine Erinnerung nicht täuscht.
Dass mir diese Kleinigkeit entfallen sein könnte, liegt aber nicht daran, dass es ein Informations-Übermaß in den ersten Semesterwochen gab. Nein, es liegt am netten Herren, der unser weiblich-dominiertes Seminar mit seinen „wertvollen“ Gedanken beehrt.

Wir von den Gender Studies sind ja für unsere Toleranz bekannt und auch die überwiegend gewaltfreie Diskussionskultur, die alle inklusiv behandelt und jede_R/M ein Recht auf ihre_/seine Meinung lässt.

Im beschriebenen Kurs bin ich die einzige Gender-Studierende – aber nicht die einzige Feministin!

Es wird viel geredet, viel gelesen und noch mehr gedacht. Schnell kommt es zu sich überlappenden Interessensfeldern, schließlich wird uns hier viel Spielraum und Mitbestimmungsrecht zugesprochen. Wir gestalten praktisch selbst, erschaffen und intervenieren. Die Freude meinerseits ist ungetrübt.

Bis…ja bis unser einziger Herr der Dinge sich folgende Aussage erlaubt: als eine Professorin ihn nach seinem Ziel des Kurses fragt  und scherzhaft hinzufügt, ihm als „Quotenmann“ würden auch „Gender-Fragen“ naheliegen können…
Ein fataler Fehler!

Denn der Mann der Quote ist so gar nicht der emanzipierte Enthusiast. Ohne sich eine Sekunde Zeit zum kritischen Reflektieren zu nehmen (wie wir von den Gender Studies es gerne mal anraten – vor allem den queer-entfernten bis latent homophoben) lässt er diese Phrase verlauten:

„MIT GENDER HAB ICH EH EIN PROBLEM!… ALSO KEIN GENDER!“

WTH?

Was soll das bitte bedeuten? „Gender-Problem“? Er sitzt da mit 20 Frauen* zusammen und hat ein „Gender-Problem“? Er studiert „etwas mit Medien“ und hat ein „Gender-Problem“? Was soll das?

Ich meine, klar, „die Medien“ sagen auch, Frauen*quoten seien hinderlich für Land und Wirtschaft oder „Social Freezing“ sei die Lösung für alle Repro-Sorgen der weiblichen Belegschaft. Aber hey! Ein „Gender-Problem“???

Frau* und man sieht es und fühlt es hoffentlich auch: ich bin ER-SCHÜTTERT!

Warum ich das HIER schreibe und nicht der netten „White-Straight-German-Healthy“-Hete einmal kräftig den Emanzipationsschuss verpasse (metaphorisch natürlich)? Kurz vor dem Lostippen hab ich mir diese Frage selbstverständlich auch gestellt, wie vor jedem Beitrag übrigens.
Warum hab ich mich nicht empört? Warum bin ich nicht aufgesprungen und habe lauthals „Stop“ gerufen? Viele Kritiker_innen werden mir das vorwerfen. Nach dem Motto, welchen Sinn hätten Gender Studies und Feminismus sonst, wenn Sexisten* und ähnlich Gesinnte weiter ihren Schabernack mit uns treiben könnten?

Einen GROOOOOOßEEEEN – sage ich!

1. Dass ich mir dieser Situation bewusst werden konnte, verdanke ich meinem Fachgebiet und meiner Fähigkeit der Selbst-Reflexion.
2. Ich habe noch viel Zeit mich – gesettled und gezielt – um mehr Verständnis zu bemühen. Denn der nette Kommilitone könnte Wissenslücken aufweisen – wie so viele seiner Gattung – und die werde ich aufspüren und zu schließen bemühen.
3. Bewusster Müßiggang statt impulsiver Überreaktion! Ich kann spontan auch mal komplett überschäumen…und verglühen. Ob ich damit den KLAREN VORURTEILEN über SELTSAME FRAUEN, die sich FEMINISTINNEN nennen und von denen er in der Uni bestimmt einen Sicherheitsabstand hält, entspreche, dürfte sich von selbst beantworten. Auch das habe ich im Verlauf meiner feministischen Bildung gelernt: was gut werden soll, braucht Zeit.

Zum textuellen Überschäumen habe ich mich nun dieses Mediums bedient. Zum verbalen Aufklärungsangriff nutze ich das ganze Semester, in dem ich durch be- und gewusste, gewitzte und unfehlbare Beiträge den unbewegten Mann zum Nachdenken animiere. Ganz egal, ob er zum Feminismus konvertiert oder bei seiner geradewegs-durch-die-Wand-Einstellung bleibt, kein Wort ist unnütz – kein Satz bleibt ungehört. Darauf setze ich – und damit hatte ich bislang immer Erfolg.

Erfolg ist, wenn Feminismus Gehör findet.

Erfolg ist, wenn gerade die privilegiertesten unter den Privilegiertesten einen Moment inne halten und sich fragen: „Geht es mir wirklich so gut in meiner Position?“

Wenn sie dann diese Frage mit „JA“ beantworten ist es ein kleiner Schritt – aber trotzdem einer FÜR das große F!


KF

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