Lasterhafte Schwester

Ich habe eine Freundin, der dieser Titel gewidmet ist: Lasterhafte Schwester.

„Lasterhaft = frivol, schamlos, genusssüchtig, unzüchtig, sittenlos, unanständig, sündhaft…“

Für mich ist lasterhaft kein negatives Wort. Es ist keine Sünde, denn an die glaube ich ohnehin nicht. Spirituell ist es dennoch. Meine Freundin ist auch ein sehr glaubensverteidigender Mensch. Schon früh bekam sie die geballte Ladung Religion („Opium des Volkes“!) aus dem Elternhaus mit. Kirche war eine der wenigen Freizeitbeschäftigungen, die ihr gewährt wurden. Fuhren die Mädels und ich im Sommer zum See – sie durfte nicht mit („sündhaft!“). Feierte jemand von uns Geburtstag, war sie selten dabei – und wenn, dann war das Zeitlimit auf allerspätestens 18.00 Uhr gesetzt. Mit 13, mit 14 und auch noch mit 16 waren diese Auflagen aktuell.
Dann kam der Bruch und meine Freundin wurde zur emanzipiertesten Frau, die ich kenne gleich nach meiner Mutter.
Sie schmiss das Abi, wurde Krankenschwester (trotz Hassfach Chemie und Zweithassfach Bio) und fand ihre Erfüllung in sinnlichen Tänzen. Sie arbeitet heute sozusagen mit Körpern fremder und mit ihrem eigenen. Kirche blieb in ihrem Leben, aber sie rückte in die Peripherie und machte das Zentrum frei für Neues.
Die Eltern meiner Freundin mussten sich an das neue befreite Ich der jungen Frau erst gewöhnen. Und mit gewöhnen meine ich streiten, verbieten, leiden und schließlich damit abfinden. Bis heute gibt es viele ungelöste Verwirrungen in dieser Familie. Klar, dass meine Freundin den Plan ins Auge fasste, dass in ihrer eigenen Familie alles anders werden würde.
Und da wären wir auch schon beim Thema: Familienplanung. Trotz der neugewonnenen liberalen Lebensweise, hält meine Freundin immer noch an den Werten und Tugenden ihrer strengen Erziehung fest. Eine davon ist lebenslange Monogamie, Sex nur mit Liebe und völlige Erfüllung im Partner – der „zweiten Hälfte“ ihrer selbst. Ein Märchen, wenn ihr mich fragt.
Sie fragt mich übrigens tatsächlich oft. Um Rat, um Beistand. Manchmal glaube ich, dass es ihr besser geht, wenn ich ihr von meiner verqueren Weltansicht berichte. Meine Ideen und vielleicht auch Ideologien von der freien Liebe, der toleranten Polyamorie und Beziehungen, die funktionieren, ohne den/die andere/n BESITZEN zu wollen.
Weil sie an der Erfüllung ihres Traums aktiv und täglich arbeitet, gab es ziemlich viele Schüsse in den Ofen. Einige waren witzig, andere trafen sie so unerwartet und waren so schmerzhaft, dass ich ihren Lebensmut infrage stellte – zeitweise.
Nach jedem Schlussstrich – nach jeder erneuten kleinen Befreiung gab es eine Regenerationszeit. In der war sie nicht das „leichte Mädchen“ und „wollte keine Beziehung“. Nein, meine Freundin kam immer und immer wieder zurück zum Pfad der Hoffnung, ihre „Komplementärfarbe“ zu finden. Einen Mann, der stark genug wäre, sie nicht nur anzunehmen sondern zu unterstützen. Ein Mann, der standfest wäre und doch zu abschweifenden Träumereien mit ihr bereit.
Dabei vergaß sie gern, dass sie eine SEHR selbstständige Frau ist. Sie renoviert selbst, mit ihren zarten Händen baut sie Badezimmermöbel oder bringt Heizungen an. Sie treibt Sport und wenn sie tanzt, dann ist JEDE/R davon fasziniert. Kurz: sie kann einfach ALLES, was der Alltag so bietet. Den Glühlampen-eindreh-Kerl braucht sie ganz einfach nicht. Und sie vergisst, dass ein All-inclusive-Paket eben nur das ist, ein Titel für eine Reise, einen Hotelaufenthalt oder ein Buffet. Es ist kein Mensch, schon gar nicht ein traditionsbewusster Mann, der seiner klischeehaften Rolle gerecht werden will.

Wo war ich? JA! Lasterhaft.

Warum nun für diese Schwester plötzlich genau dieses Wort gebraucht wird? Es kam dieser Tag – HALLELUJAH! – an dem sie ihre „Lady on the street“ in den „freak“  verwandelte. Da war dieser Typ, der eine enorme Anziehungskraft auf sie ausübte. Er war ein sehr großer und starker Mann, der trotzdem jünger war, als sie. Er hatte viel erlebt, war aber dennoch beruflich deutlich weniger weit gekommen, als sie. Er hatte seine kleinen Unsicherheiten und Päckchen aus vergangenen Tagen – aber die Triebe siegten. Auch die meiner Freundin, die stets predigte, dass das sexuelle Verausgaben nichts für den Menschen täte. Es wäre sinnlos, schamlos und bliebe nicht frei von Konsequenzen. Ob nun Ruf oder persönliches Selbstwertgefühl – alles wäre in Gefahr, würde frau sich durch die Stadt … grasen. Außerdem wäre körperliche Nähe ohne eine wahre, innige Verbindung nichts und hätte kein Recht auf alleinige Existenz… Es gibt sehr, sehr viele solcher Gespräche. Das letzte ist nicht so lange her.
Und da sitzt, wie aus genau diesem o.g. NICHTS, meine Freundin mit leuchtenden Augen vor mir. Sie leuchten nicht verliebt, noch nicht. Sie leuchten vor Freude, vor Ausgelassenheit. Und was mich besonders umhaut, sie leuchten ohne Reue. Sie erfreuen sich an der „Sünde“. Ja, meine Freundin hat sich auf eine rein körperliche Beziehung eingelassen. Ja, es ist nicht DIESER MANN DER SIE UNTERSTÜTZT DURCH DICK UND DÜNN. Und JA! Es macht trotzdem Spaß. Während sie mir das erzählt, muss ich selbst lachen und klopfe mir ein bisschen auf die Schulter – gedanklich. Ich habe ihr so oft schon in derselben Weise von meinen Abenteuern berichtet und sie zog nicht selten ihren Schuh aus und haute mich – nicht immer gedanklich!
Da saßen wir nun, beide froh, beide gelassen und beide voller lasterhafter Vorsätze und Erinnerungen. Es gab nur kurz diesen Augenblick, an dem ich dachte, ihr ein „siehst DU! Ich habe es DIR doch gesagt!!“ zuzustecken. Aber wozu? Sie hat ihre Antwort. Und die lautet nicht: ab jetzt bin ich ein böses Mädchen. Es ist eine wichtige Erfahrung. Eine Erweiterung des Horizontes. Sicher wird diese Geschichte nicht zu ihrem Märchen. Vielleicht wird sie sogar einige tiefe Kratzer verursachen. Für jetzt ist meine Freundin voller Endorphine, voller Liebe – der Liebe zu sich, zum eigenen Körper und die Freuden, die er ihr bereitet – gerade mit Hilfe eines zweiten.

❤ KF

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s