Gute Frauen, schlechte „Frauen“ – vom paradoxen Wert der Weiblichkeit

Mittwochnachmittag. In der Straßenbahn.
Es ist voll und ich hasse es. Darum vermeide ich, so gut es in Berlin nur geht, Menschenmassen im Feierabendverkehr. Aber an diesem besagten Mittwoch hoffte ich kurzzeitig sogar, dass noch mehr Leute zusteigen, damit ich folgende Situation nicht SO LAUTSTARK mitbekomme:

Drei Typen, alle um die 24, weiß und eigentlich fast typisch für Prenzlberg. Einer ist „Sportler“, einer der „Coole“ und der andere…ja beinahe „Schwiegermutters Liebling“ in Hemd und Weste.
Sie stehen in der Mitte der Bahn und sprechen ziemlich laut über Frauen. (Und ich schreibe jetzt nicht über dieses ‚Männer lästern nicht‘-Syndrom. Das darf an selber Stelle in der Bahn stehen bleiben.)Frauen, das heißt konkret, wer welche behalten sollte und wessen ‚Freundin‘ zu welcher Praktik was zu sagen hat.
Besonders der in Hemd und Weste posaunt seine „Wer L…n will, muss b…n können“-Parolen heraus. So geht es hin und her. Es wird klar ausgesprochen, wer zu Hause was zu bieten hat oder warum bald „Fremdgehen“ angesagt ist. Denn – siehe obere Parole – es sei legitim, wenn frau sich weigert …

Bis dahin nicht weiter überraschend. Ich habe solche Proleten-Talks schon häufig mitbekommen oder sogar dabei mitgemischt. Was mich fast zur Intervention bewegt hat, war das, wohin das Gespräch der drei Frauen-Unfreunde schließlich führte. Fließend kamen sie auf einen gemeinsamen Bekannten zu sprechen. Ich zitiere: „Ach, meinst du den Fetten?“ „Ja, genau, der ist echt fett…“
Das Übergewicht war aber bei weitem nicht das einzige Problem, das der Bekannte hatte. Es gab irgendwie viel an seinem Verhalten „das letzte Mal“ auszusetzen. Dieses hatte den Dreien nicht zugesprochen und so wurde der übergewichtige junge Mann zur „PUSSY“!

Pussy fiel zum ersten, zum zweiten und auch zum dritten Mal. Es hatte sich eine Pussy-Lawine losgerissen, und alles, was mit diesem Bekannten zusammenhing, war Pussyverhalten: seine Feigheit, sein Nichteinhalten von irgendwelchen Versprechungen und natürlich: sein Aussehen.

Mein Kopf dampfe schon und vielleicht schauten die Drei darum ein wenig verwirrt in meine Richtung. Gott sei Dank musste ich bald aussteigen und war doch so wütend.

Es hätte nicht viel gebracht, wenn ich eine feminist lesson an den Tag gelegt hätte. Wahrscheinlich hätten sie es auch nicht gleich begriffen, dass es nicht um ihr unfaires Hinter-dem-Rücken-Gerede geht. Auf dem Weg nach der Straßenbahn ordnete ich meine Gedanken: was war denn nun der schlimmste Punkt auf der Liste?

WIE KANN MAN FRAUEN „LIEBEN“ UND IHREN „NAMEN“ ALS BELEIDIGUNG VERWENDEN?

In ganz einfacher Form ist es nämlich genau das: die Abwertung dessen, was man am meisten liebt. Wie kann die Frau und ihr Geschlecht – die Mutter, die Schwester, die Geliebte – als erste Wahl für Abwertung und Beleidigung dienen?

Es ist ein unter Feminist_innen bekanntes Thema: die Abwertung der Frau und weiblicher Attribute. Jungen ärgern sich schon auf dem Schulhof, wenn sie als „Mädchen“ bezeichnet werden. Irgendwann heißt es, „schwul“ zu sein, sich also als Teenie-Junge zu feminin zu verhalten, zu bewegen und so weiter, wäre schlimm. Effeminierte Männer – nicht okay! Bei Frauen ist „Eier haben“ oder dominant sein nicht damit zu vergleichen.

Und hier wären wir. In der Straßenbahn, wo hetero-Jungs einander ihre Coolness beweisen. Mal wieder und leider auf Kosten der Frauen. Denn, was sie überhaupt nicht reflektieren, ist die Tragweite solcher Handlungen und der Bilder, die beim Aussprechen in den Köpfen entstehen.
Die eine „Pussy“ = gut, die andere „Pussy“ = gaaaanz übel? Das geht nicht. Und dennoch ist dieses Paradoxon Alltag.

Was kann MAN(N) tun?
Ich überspringe mal den RESPEKT-VOR-FRAUEN-Appell, denn der ist ein MUSS!

Jedes Wort ist auch eine Aktion. Jede Phrase ist eine Handlung. Wenn es doch mal eine Beleidigung sein muss, darf Schimpfen die Geschlechterebene verlassen. Und ansonsten kann auf Kraftausdrücke ohnehin vollständig verzichtet werden – Abreagieren hat heutzutage viele Techniken!


KF

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Lasterhafte Schwester

Ich habe eine Freundin, der dieser Titel gewidmet ist: Lasterhafte Schwester.

„Lasterhaft = frivol, schamlos, genusssüchtig, unzüchtig, sittenlos, unanständig, sündhaft…“

Für mich ist lasterhaft kein negatives Wort. Es ist keine Sünde, denn an die glaube ich ohnehin nicht. Spirituell ist es dennoch. Meine Freundin ist auch ein sehr glaubensverteidigender Mensch. Schon früh bekam sie die geballte Ladung Religion („Opium des Volkes“!) aus dem Elternhaus mit. Kirche war eine der wenigen Freizeitbeschäftigungen, die ihr gewährt wurden. Fuhren die Mädels und ich im Sommer zum See – sie durfte nicht mit („sündhaft!“). Feierte jemand von uns Geburtstag, war sie selten dabei – und wenn, dann war das Zeitlimit auf allerspätestens 18.00 Uhr gesetzt. Mit 13, mit 14 und auch noch mit 16 waren diese Auflagen aktuell.
Dann kam der Bruch und meine Freundin wurde zur emanzipiertesten Frau, die ich kenne gleich nach meiner Mutter.
Sie schmiss das Abi, wurde Krankenschwester (trotz Hassfach Chemie und Zweithassfach Bio) und fand ihre Erfüllung in sinnlichen Tänzen. Sie arbeitet heute sozusagen mit Körpern fremder und mit ihrem eigenen. Kirche blieb in ihrem Leben, aber sie rückte in die Peripherie und machte das Zentrum frei für Neues.
Die Eltern meiner Freundin mussten sich an das neue befreite Ich der jungen Frau erst gewöhnen. Und mit gewöhnen meine ich streiten, verbieten, leiden und schließlich damit abfinden. Bis heute gibt es viele ungelöste Verwirrungen in dieser Familie. Klar, dass meine Freundin den Plan ins Auge fasste, dass in ihrer eigenen Familie alles anders werden würde.
Und da wären wir auch schon beim Thema: Familienplanung. Trotz der neugewonnenen liberalen Lebensweise, hält meine Freundin immer noch an den Werten und Tugenden ihrer strengen Erziehung fest. Eine davon ist lebenslange Monogamie, Sex nur mit Liebe und völlige Erfüllung im Partner – der „zweiten Hälfte“ ihrer selbst. Ein Märchen, wenn ihr mich fragt.
Sie fragt mich übrigens tatsächlich oft. Um Rat, um Beistand. Manchmal glaube ich, dass es ihr besser geht, wenn ich ihr von meiner verqueren Weltansicht berichte. Meine Ideen und vielleicht auch Ideologien von der freien Liebe, der toleranten Polyamorie und Beziehungen, die funktionieren, ohne den/die andere/n BESITZEN zu wollen.
Weil sie an der Erfüllung ihres Traums aktiv und täglich arbeitet, gab es ziemlich viele Schüsse in den Ofen. Einige waren witzig, andere trafen sie so unerwartet und waren so schmerzhaft, dass ich ihren Lebensmut infrage stellte – zeitweise.
Nach jedem Schlussstrich – nach jeder erneuten kleinen Befreiung gab es eine Regenerationszeit. In der war sie nicht das „leichte Mädchen“ und „wollte keine Beziehung“. Nein, meine Freundin kam immer und immer wieder zurück zum Pfad der Hoffnung, ihre „Komplementärfarbe“ zu finden. Einen Mann, der stark genug wäre, sie nicht nur anzunehmen sondern zu unterstützen. Ein Mann, der standfest wäre und doch zu abschweifenden Träumereien mit ihr bereit.
Dabei vergaß sie gern, dass sie eine SEHR selbstständige Frau ist. Sie renoviert selbst, mit ihren zarten Händen baut sie Badezimmermöbel oder bringt Heizungen an. Sie treibt Sport und wenn sie tanzt, dann ist JEDE/R davon fasziniert. Kurz: sie kann einfach ALLES, was der Alltag so bietet. Den Glühlampen-eindreh-Kerl braucht sie ganz einfach nicht. Und sie vergisst, dass ein All-inclusive-Paket eben nur das ist, ein Titel für eine Reise, einen Hotelaufenthalt oder ein Buffet. Es ist kein Mensch, schon gar nicht ein traditionsbewusster Mann, der seiner klischeehaften Rolle gerecht werden will.

Wo war ich? JA! Lasterhaft.

Warum nun für diese Schwester plötzlich genau dieses Wort gebraucht wird? Es kam dieser Tag – HALLELUJAH! – an dem sie ihre „Lady on the street“ in den „freak“  verwandelte. Da war dieser Typ, der eine enorme Anziehungskraft auf sie ausübte. Er war ein sehr großer und starker Mann, der trotzdem jünger war, als sie. Er hatte viel erlebt, war aber dennoch beruflich deutlich weniger weit gekommen, als sie. Er hatte seine kleinen Unsicherheiten und Päckchen aus vergangenen Tagen – aber die Triebe siegten. Auch die meiner Freundin, die stets predigte, dass das sexuelle Verausgaben nichts für den Menschen täte. Es wäre sinnlos, schamlos und bliebe nicht frei von Konsequenzen. Ob nun Ruf oder persönliches Selbstwertgefühl – alles wäre in Gefahr, würde frau sich durch die Stadt … grasen. Außerdem wäre körperliche Nähe ohne eine wahre, innige Verbindung nichts und hätte kein Recht auf alleinige Existenz… Es gibt sehr, sehr viele solcher Gespräche. Das letzte ist nicht so lange her.
Und da sitzt, wie aus genau diesem o.g. NICHTS, meine Freundin mit leuchtenden Augen vor mir. Sie leuchten nicht verliebt, noch nicht. Sie leuchten vor Freude, vor Ausgelassenheit. Und was mich besonders umhaut, sie leuchten ohne Reue. Sie erfreuen sich an der „Sünde“. Ja, meine Freundin hat sich auf eine rein körperliche Beziehung eingelassen. Ja, es ist nicht DIESER MANN DER SIE UNTERSTÜTZT DURCH DICK UND DÜNN. Und JA! Es macht trotzdem Spaß. Während sie mir das erzählt, muss ich selbst lachen und klopfe mir ein bisschen auf die Schulter – gedanklich. Ich habe ihr so oft schon in derselben Weise von meinen Abenteuern berichtet und sie zog nicht selten ihren Schuh aus und haute mich – nicht immer gedanklich!
Da saßen wir nun, beide froh, beide gelassen und beide voller lasterhafter Vorsätze und Erinnerungen. Es gab nur kurz diesen Augenblick, an dem ich dachte, ihr ein „siehst DU! Ich habe es DIR doch gesagt!!“ zuzustecken. Aber wozu? Sie hat ihre Antwort. Und die lautet nicht: ab jetzt bin ich ein böses Mädchen. Es ist eine wichtige Erfahrung. Eine Erweiterung des Horizontes. Sicher wird diese Geschichte nicht zu ihrem Märchen. Vielleicht wird sie sogar einige tiefe Kratzer verursachen. Für jetzt ist meine Freundin voller Endorphine, voller Liebe – der Liebe zu sich, zum eigenen Körper und die Freuden, die er ihr bereitet – gerade mit Hilfe eines zweiten.

❤ KF

„Kluges Kind“

„Ich habe schon verstanden, dass du klug bist“, sagte er zu mir. Ich könne nun mit den schlauen Worten aufhören und zum „normalen“ Redefluss wechseln. Er hätte mehrmals googlen müssen. Ich hätte Worte erfunden und „verortet“ gäbe es nicht…

Das ist ein kleiner Auszug aus einem Gespräch im Rahmen meiner Recherchen zu Online-Dating und Dating-Apps. Es ist alles wahr, jaja.

Mein Gesprächspartner war ein Endzwanziger, sportbegeistert und „selbstbewusst“ , nach eigener Beschreibung. Wobei das Selbstbewusstsein sich wohl überwiegend über seinen Selfie-Wahn erstreckt. Klischee-Schublade auf – ganz hübsch aber nicht ganz so intelligent, ganz gewiss ohne das gewisse Etwas, dafür umso mehr Sex-Drive – Klischee-Schublade zu.

Darum solls nicht gehen. Ich möchte den armen Kern nicht verurteilen oder gar sein soziales Umfeld schlecht machen. So ist es im anonymen Netz: es treffen eben Menschen aufeinander, die im „wahren“ Leben immer aneinander vorbei gehen würden. Wahrscheinlich sogar mit einem leicht verzogenen Gesicht – beiderseits!

Mir liegt etwas ganz anderes am Herzen. Nämlich diese Sichtweise, die für selbstverständlich gehalten wird. Eine Frau sagt ein paar kluge Sätze, von denen der Mann anscheinend keine Ahnung hat. Er sieht das aber völlig anders. Für ihn war das ein Versuch, ihm zu imponieren. Ein weibliches Peacock-Manöver, das sein Übriges getan hat und abgestellt werden kann. Weil er es will.

Mich erinnert dieses Bild an jenes, wo Erwachsene zu (ihren) Kindern sprechen. „Ja, ja, du bist ein kluges Kind!…Und jetzt geh und spiel mit deinen Freunden!“ *Kopf-tätschel*
Arghhh… Oder?
Schon bei Kindern ist diese Geste nicht besonders wertvoll in Bezug auf das erzieherische Moment.
Bei Männern die Frauen in ebensolcher Form vertrösten graut es mir so richtig.
Das ist natürlich nicht nur meine Sicht, sondern spiegelt den Inhalt zahlreicher Studien und Theorieansätze wider: Frauen wurden oft und gern zum schwachen Geschlecht gezählt und mit Kindern gleichgestellt. Sie wären naiv, verspielt, sensibel und bedurften des starken Mannes, der ihnen beisteht. Der Kindsvergleich umfasste innere wie äußere Attribute; schwache Knochen wie mangelnde Intelligenz. Und wer kennt es nicht, das Kindchenschema…?
An den Kräfteakt des Gebärens, an die 24-stündige Arbeit in und um den Haushalt, die Fürsorge, die Instandhaltung des gesamten Heims wie der Gesundheit aller seiner Mitglieder wurde nicht gedacht. Sie wurde einfach ausgeblendet – wozu die „Daten verzerren“?

Dass heute viele Mädchen bessere Noten schreiben und Frauen auf dem Sprung sind, brauche ich nicht zu beweisen. Es stimmt.

Dass es bei vielen Männern noch nicht angekommen ist, dass eine Frau nicht nur klug sein kann, sondern klüger sein darf, verstimmt mich. Ja, wir haben mit den Geschlechterrollen zu leben und auch mal zu kämpfen. Ja, die meisten Paare stehen auf diesem Grund: ein höherpositionierter Mann und eine Frau mit geringerer Bildung. Bei AkademikerInnen sind beide höchstens auf demselben Level. Selten sind Professorinnen mit Frisören zusammen, oder Managerinnen mit Einzelhandelskaufmännern.
Aber das heißt doch nicht, dass es keine intelligenten Frauen gibt. Nein, das ist die falsche Formulierung. Es heißt nicht, dass Frau ihre intellektuelle Ader vor dem Mann verbergen muss, um attraktiv zu wirken.
NEIN – liebe Frauen – bitte! TUT ES NICHT!
Ihr seid doch KLUG – findet einen besseren WEG, der euch BEIDE WÜRDIGT!

Ich wusste nach den ersten Sätzen, die er schrieb, wie der Rammler … Hase … läuft. Ich gestehe auch gern, dass ich gerne so rede wie ich schreibe und umgekehrt. Einfache Sprache ist ein Segen, doch wozu habe ich den Wortschatz, den ich habe (!! Und mir mühevoll als zweite Muttersprache einverleibt habe!!)? Ich liebe es, Dinge beim Namen zu nennen. Wenn ich „verorten“ meine, dann meine ich es. Synonyme finden? Okay, wie wäre es mit „positionieren“ oder „situieren“?
Ich wage eine Vorhersage: mein Fußballjunge hätte auch dabei Dr. Google konsultiert.

Meinen Spaß an der Sache hat er mir nicht genommen. Eigentlich hat er mich sehr zum Lachen gebracht. Ob er Humor hat? Aber JAAA! 😀
„Man sagt mir nach, ich wär‘ humorvoll und man hätte mit mir viel zu lachen!“
Ich dankte ihm für den Hinweis und verabschiedete mich mit zwei Worten, die er hoffentlich nicht nachzuschlagen brauchte: Mach’s gut!


KF