„Das musst du teilen!“

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern wie meine Mutter mir immer und immer wieder mantra-artig einredete: „Du musst das mit deinem Bruder teilen!“ Oder „Das ist für euch, teilt es untereinander auf!“
Heute zucke ich immer noch zusammen, bei diesen Bildern in meinem Kopf. Da bekommt man mal DIE Lieblingsfruchtgummis, DAS Lieblingseis oder ausnahmsweise eine Cola – und BÄÄM! darf sie nicht allein genießen. So richtig egoistisch, richtig und ausgiebig, ohne Rücksicht auf Verluste. In meinem Fall war das eher die hortende Freude: ich ließ gern mal das „gute Zeug“ liegen um länger etwas davon zu haben. Wie wunderbar war es auch am nächsten Tag zu wissen, da oben im Regal warten das süße und seltene Glück auf mich.
Nun ja, es kam tatsächlich nicht oft zu diesem Traum von Glücksgefühl. Denn ich musste ja teilen. Und um ganz sicher zu sein, dass mein Anteil auch wirklich mir zukommt, musste der sofort vertilgt werden.
Was lernte ich daraus: teilen ist nicht so richtig meins!
Ein weiteres Teilungs-Trauma machte es dann komplett. An meinem 5. Geburtstag kam ich mit der niegelnagelneuen Barbiefälschung „sold in Russia“ in den Kindergarten. Nicht um anzugeben, sondern um mit den anderen zu spielen, die ihre auch dabei hatten. Das war eben so: es gab nicht den Barbieüberfluss wie bei meinen deutschen Freundinnen später, die ihre unausgepackten geschenkten Puppen in ihren Schränken stapelten. Meine geschenkte Barbie war gerade aus ihrem Karton geschlüpft, hatte noch ungewaschene glänzende Haare und war – wie ich schon sagte – reinstes Kinderglück! Eine meiner Gespielinnen fragte mich damals, ob wir nicht für einen Tag tauschen sollten? Am nächsten Tag würden wir uns sowieso wieder am selben Ort treffen und zurücktauschen. Da ich damals noch ziemlich sozial unterwegs war und an das Teil-doch-mit-den-anderen-Muss dachte, stimmte ich zu. Was konnte über Nacht schon geschehen?
Sehr viel. Leider. Abgesehen davon, dass meine Mutter mir zu Hause kräftig die Leviten las, kam meine Puppe zurück wie nach zwei-drei 100-Grad-Koch-Waschgängen inklusive Chlorspülung. Glänzende Haare gab es keine mehr. Stattdessen zierten den Kopf viele große Knoten, die nicht nur unkämmbar waren, sondern aussahen, als hätte die Hitze sie zusammengeschweißt.
Das war genug!
Teilen wurde zum Hasswort. Ich wusste, ich bewege mich da auf gefährlichem Terrain. Das Verwerfen oder Verachten gesellschaftlicher Erwartungen fiel mir lange schwer. Es war klar, dass mich seeehr viele Familienkonflikte erwarteten und dass mein heulender kleiner Bruder sein Übriges dazu tun würde. Doch ich blieb dabei: sobald ich selbstständig etwas kaufen könnte, würde ich NICHT MEHR TEILEN!
Es begann mit den Tütchen voller Süßigkeiten nur für mich und hörte auf bei wunderbar-teuren Stiften (das Heiligste für mich im Alter von 6-12).
Während der Pubertät und danach hatte ich noch ein paar Mal das „Vergnügen“ mich von meinem Rechthaben zu überzeugen. Ab und an gab ich mir einen Ruck, wenn Freundinnen sich etwas zum Anziehen borgen wollten. Ich dachte: ach komm, die tun das doch auch für dich, wenn du fragst! Ich fragte aber nie… nur für die Akte! Wie meine wahrsagerischen Kräfte es prophezeiten waren die Klamotten hin, wenn ich sie zurückbekam. Wenn!
Vielleicht liegt es an mir, vielleicht bekomme ich einfach nur das, wovor es mir am meisten graust. Fakt ist aber, ich kann es nur dann kontrollieren, wenn ich es verhindere. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich löste „kritische“ Situationen damit, dass ich etwas doppelt kaufte: Bücher, Getränke oder das immer noch gern gegessene Süße. Um nicht zu teilen und doch nicht ganz so asozial zu sein.

Das ist eine lange Heranführung biographischer Art an das eigentliche Problem: die share economy!
Heute in aller Munde ist es doch wieder das alte neue Prinzip des kollektiven Organisierens und Verteilens.
Ich kenne das Kollektive nur zu gut. In Russland klang diese Art zu arbeiten nur langsam ab, nachdem es mit der Sowjetunion vorbei war. Dieses „Alles gehört allen“ verbunden mit meinen Erfahrungen war also nicht wirklich attraktiv für mich. Ich träume ja vom „Alles meins!“
Es ging nie um Luxus, oder das Mehr-als-die-anderen. Mir ging es um wenig, aber bitte individuell.

Heute ist es ein wiederaufblühender Trend. Car Sharing, Apartment Sharing, Bike Sharing, Dog Sharing, Bag Sharing, Designer Dresses Sharing, Werkzeug Sharing ;)… Sprich: alles kann geteilt warden, denn (und ich zitiere so ein Startup-Unternehmen, das dem Gemeinwohl zu dienen vermag) WHY OWN IT?

Tja, warum eigentlich? Wozu brauch ich z.B. täglich eine Bohrmaschine? So viele Löcher sind nicht zu bohren in meiner Einzimmerwohnung. Warum tue ich also nicht etwas Gutes und teile sie mit Bedürftigen? Eine durchaus sinnvolle Idee. Clever ist dabei, dass auch ich mir von anderen das Eine oder Andere leihen kann.

Uff, wenn da nicht meine Voreingenommenheiten wären. Was ist mit Hygiene? Was ist, wenn ich diese Bohrmaschine kaputt zurückbekomme? Kriege ich dann nur eine kleine Entschädigung? Oder bin ich kulant und sage „Macht nichts“? Wenn ich mir nur vorstelle, da schläft jemand eine Woche in meinem Bett. Kein Spiritus der Welt kriegt diese Gedanken aus meinem Kopf und der Matratze.
Wahh…und wenn ich mein Fahrrad teile und es doch genau jetzt in 5 Minuten plötzlich brauche? Dann ärgere ich mich und der Moment ist versaut.

Sicher, viele können das. Viele sind durch und durch Gutmenschen, soziale WohltäterInnen. Sie nehmen das mit dem Hygienischen nicht so eng. Manche verdienen Geld damit und andere freuen sich, dass es diese manchen gibt. Gut für sie.

Ich werde – solange ich noch irgendwie über die Runden komme – nicht zur aktiven Sharerin. So viel zum Teilen hätte ich nicht – materiell gesehen.

Meine Gedanken teile ich gerne (mit) – wer also ein paar neue braucht, kann sich gern bedienen. Und das mit dem Wiedergeben ist ohnehin nicht so termingebunden.

Aber Scherz beiseite. Teilen ist super, wenn es um mehr als nur das Bohren von Löchern  oder den Glamourauftritt im Gucci-Mini geht, den frau sich niemals leiten würde.

Was ist mit Kinderbetreuung? Was ist mit Pflege von alten und kranken Familienmitgliedern? Oder was ist mit den Repair Cafés – Treffen, bei denen HobbybastlerInnen und ProfielektrikerInnen kaputte Elektrogeräte reparieren, und das entgeltlos. Sie teilen ihr Wissen.

Ich wünsche mir eine kollektiv organisierte Kinderbetreuung, bei der sich Mütter und Väter abwechseln. Einen Gegenentwurf zu den fehlenden Kitaplätzen, den teilweise unzumutbaren Verhältnissen dort, fehlenden ErzieherInnen und und und.
Dasselbe gilt für die organisierte Pflege von Angehörigen. Ich weiß nicht, ob ich es über mich bringen würde oder könnte meine eigene Mutter irgendwo „auszuliefern“. Wenn ich aber nicht allein bin, mir verständnisvolle Menschen beistehen, die in derselben Situation sind? Könnten wir uns nicht diese „Arbeit“ teilen? Sozusagen als Protest und Empowerment in einem? Gegen die schlechten Einrichtungen oder deren unbezahlbare Alternativen und für einen Zusammenhalt, für Beistand und Unterstützung.

Diesem Teilen bin ich durchaus zugewandt. Dem Teilen von Wissen, von Kraft, von Energie, die unbedingt zu einer/einem zurückkommen wird – vielleicht sogar vervielfacht!

Und manchmal – aus feministischer Sicht – ist auch das (Mit)Teilen von Erfahrungen sehr viel wert! Das zeigt sich an den zahlreichen Frauengruppen zu Beginn der zweiten Welle der Frauenbewegung. Das Treffen, das Austauschen, das Miteinander und die Ähnlichkeit des Erlebten und Erfahrenen – trugen nicht unwesentlich zur Stärkung dieser Frauen bei und somit zum Vorstoß der Frauenrechte…

❤ KF

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