Weltmeisterschaftliche Rückansichten

Da philosophiert frau sich den Mund fusselig und schreibt sich die Finger wund – und braucht doch nur wieder den Fernsehen einzuschalten, um die gewohnte Ladung dualistischer Geschlechterklischees in ihrer „natürlichsten“ Form zu bekommen…

Warum ich mich so aufrege? Das sei doch alles längst bekannt und wer‘s nicht sehen will, soll gefälligst weg vom Mainstream-TV kommen… Ja, ja, ja das weiß ich alles. Meine Rage gilt auch nicht dem Alteingesessenen Sexismus in Telenovela, Nachmittags-Talk und Promi-Gerüchteküche. Nein, es sind noch weniger die netten Musikvideos unserer lieben vor sich hin rappenden Genossen B. oder S., M., oder 50-paar-Zerquetschte-Punkt!

Meine heutige Empörung widme ich voll und ganz den unschuldigsten aller TV-Reportagen: den ach so neutral-meinenden Berichten aus aller Welt. Und da wir uns derzeit in einer schrecklich-sportlichen Zeit befinden, kommen besonders viele dieser Filmchen aus dem Gastgeber(innen)land Brasilien: Sonne, Strand, Meer…Land der Schönheits-OPs, Land der Samba, Land der schönen Reichen und der Armen, Land der Extreme…und Land der Pos?!
Das sind einige der Klischeevorstellungen, die auch ohne der bewegten Live-Streams bei sämtlichen Zuschauenden bereits angelegt zu sein scheinen.
Die hohe Kunst des Fernsehjournalismus reiht sich da einfach ein, statt diesem stereotypischen Gewusel einen Riegel vorzusetzen oder hey, noch besserer Vorschlag: ein neues Bild zu erzeugen, das weniger engstirnig und rassistisch-anmutend ist?

Nun ja, da dies nicht geschieht, führe ich kurz an, was ich meine: gestern (am Tag, an dem mir endgültig der Kragen platzte) sah ich ganze 3! Solcher netten Berichte. Ob öffentlich rechtlich oder privat: als hätten sich alle ReporterInnen dieses Landes verschworen.
Das Fatale an der Sache ist, dass alle diese Brasilien-Aufnahmen als harmlose Urlaubsempfehlungen daherkommen und meist Phrasen in sich bergen, die nach „Paradies“ oder „endlosen Landschaften, wunderbaren Welten und purer Erholung“  klingen. Von Cocktails am Strand, Shoppingtour durch die romantischen Gassen oder nächtlichen Tanzleidenschaftauslebungen ist die Rede. Wir werden scheinbar nur eingeladen, dieses Traumland zu erkunden. Darum bedarf es HIER einer ernsthaften INTERVENTION! Denn die Bilder, die einhergehen mit diesem dumpfen und dennoch betörenden Gequatsche, sind alles andere als „neutral-natürlich“. Meine kleine Liste hilft EUCH vielleicht, selbst das zu sehen, was ich sehe – wenn es nicht lange vor mir schon passiert ist:

1. Der binäre Gendercode ist stets präsent: Frauen und Männer werden meist – im Interview oder „von der Seite“ getrennt gezeigt. Da sind die sich räkelnden Mädels, die sportlich aktiven Jungs. Die Brüste, die Bizepse (ist das die Mehrzahl?). Die Schenkel, die Waden…
Wogegen so manche/r FeminstIn seit Jahrzehnten versucht anzukommen, wird hier einmal mehr als die NATUR dargestellt. JA – DAR-GE-STELLT!! Denn wir wissen doch alle: GESCHLECHERKLISCHEES entsprangen nicht Mütterchen Natur, sondern unserem Köpfchen…ach nein, nicht unbedingt UNSEREM, eher ihrem – dem der männlichen Konstrukteure!

2. GANZ GANZ GRENZWERTIG sind die Naturaufnahmen, bei denen die Kamera von den Bergen über zum Meer schwingt, dann am Strand ankommt und SCHWUPP!!! …landet der Fokus wie durch Geisterhand – ganz NATÜRLICH – bei der Hinteransicht von zwei oder drei jungen Frauen. Und als wäre das nicht schon Klischee genug, umfängt der Ausschnitt LEDIGLICH den PO dieser Damen. Wer braucht schon den Kopf, wenn er/sie diesen TRAUMA**** haben kann??
Diese in meinen tränenden feministischen Augen äußerst prekäre Darstellung lässt die ewig-und-drei-Tage-alte Diskussion über Natur vs. Kultur, Weiblichkeit vs. Männlichkeit, Emotion vs. Power auferstehen. Die Gleichsetzung des weiblichen Körpers mit der natürlichen Landschaft führt zum Ergebnis, welches zu gern von den bürgerlichen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts postuliert wurde: die Frau bedarf der Domestizierung seitens des Mannes, denn sie ist es, welche die fruchtbare Erde VERKÖRPERT und GEPFLÜGT und BEACKERT werden muss…
Dreimal dürft ihr raten, wer den Pflug in der Hose(ntasche) hat?

3. Aus den vorhergehenden Punkten folgend sollten die Interviews kritischer beäugt werden. Die Fragen, welche meist darum kreisen „Welche Frauen sind die schönsten?“ oder „Was tut ihr um euch fit und schön zu halten?“ sind ja wohl keine random-Fälle!? Zumindest müssen die Frauen, die hier befragt werden inklusive ihres Gesichts gezeigt werden…
Deswegen sind die Antworten nicht weniger dichotom oder rassistisch, nicht weniger durchtränkt von Sexismus.
Wem RAPE-CULTURE nichts sagt, sollte einmal kurz googlen. Der Missbrauchs-Diskurs, der sich mit den sexuellen Übergriffen auf meist weibliche Opfer befasst, hat es in sich. Er ist höchstbrisant in den USA vertreten, aber auch in Deutschland wird nach und nach dazu debattiert. Darin heißt es oft, dass Frauen selbst schuld seien, dass sie verführen würden und sich gefälligst nicht so aufreizend kleiden sollten, wenn sie nicht auf Belästigung aus wären…
Ich weiß, das ist traurig, dumm und menschenunwürdig. But still… es ist heute oft so, dass Täter* genau das behaupten, wenn es um das WARUM? geht.
Genau da lehnen sich viele der Berichte an, wenn brasilianische Frauen als Reinkarnation der reinsten Lustobjekte beschrieben werden oder sich selbst beschreiben müssen. Sexy hin oder her, aber was ist mit Sextourismus? Was ist mit Minderjährigen? Ach ja, ich vergaß – alles was zählt, ist ja die Äußerlichkeit, da es immer warm ist und viel nackte Haut gezeigt wird…

Es ist zum verzweifeln, aber ich bin nicht bereit es aufzugeben – also bitte merken:

GENDER-KLISCHEES sind KEINE NATÜRLICH GEWACHSENE TATSACHE!

FRAUEN bestehen nicht nur aus den Einzelteilen ihres Körpers (Männer übrigens auch).

NATUR VERSUS KULTUR ist lange hinfällig! Denn 1. Dichotomie reicht nicht aus, um so komplexe Wesen(heiten) wie uns Menschen zu beschreiben. Und 2. F*** PATRIARCHY ;)!

❤ KF

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