Von Affen und Menschen(kindern)

Weil es das letzte Mal schon so lustig war, gibt es hier gleich die nächste Geschichte von philosophierenden Kindern.

Thema des Tages: die Rangordnung des Menschen innerhalb der Natur (ich weiß, ich weiß, es ist eine Fangfrage für alle, die über 18 sind und vielleicht ein bisschen auf Gebieten der Naturphilosophie und Wissenschaftskritik bewandert sind…ergo: so viele werden’s nicht sein).

TeilnehmerInnen: Kinder etwas vor und etwas nach ihrer ersten Lebensdekade an Jahren.

Nun ja, alles fing damit an, dass ich – nicht ganz eigennützig – in den Exkurs einer (scheinbar) natürlichen Ordnung der Welt eintauchte. Es ging um die Entstehung von Flora und Fauna, die ersten Einzeller und die Entwicklung des Lebens im Wasser und an Land. Sprich, alle heute gültigen wissenschaftlichen Ansätze der Evolution klangen in wenigen Sätzen der kurzen Unterrichtsstunde an. Schließlich mündete mein Monolog in der Abstammung des Menschen vom Affen – alles noch ganz harmlos, nicht wahr?

Dann eine Überraschungsfrage (von mir): Findet ihr es richtig, dass der Mensch sich an die Spitze der Evolution stellt und meint, er und auch sie könne frei über die übrige Natur verfügen. Seine und ihre Vormachtstellung würde es ihm und ihr erlauben, Tiere als untergeordnete Sklaven zu behandeln, von taubstummen Pflanzen ganz zu schweigen?
Es war mir bewusst, dass ich mit einer solch drastisch formulierten Frage, das Mitleid der Kinder provozieren würde. Die meisten Kinder springen auf „Tierliebe“ an und reagieren auf Ungerechtigkeit bzgl. unserer animalischen FreundInnen mit glänzenden Kulleraugen.
Ein lautes „NEEEEIN!“ folgte und ein Gemurmel und Gejauchze übertönte mein Nachfragen. Ich griff durch – wie immer mit einem „Stop! Wir müssen das jetzt näher erläutern!“ Alle hatten daraufhin die Möglichkeit, sich zu erklären. War waren ihre Gründe, so bewegt zu reagieren? Warum war es falsch von mir zu behaupten, der Mensch wäre ChefIn der Tiere, der Pflanzen, der Welt?

Schüler Nummer 1 sagte laut, dass es schlichtweg FALSCH wäre. Dann etwas leiser, nach mehreren sinnentleerten „WEIL’s“ , ein Argumentationsversuch: es wäre falsch, weil der Menschen und Tiere doch auf einem Level, einem Niveau seien.

Schülerin Nummer 2 fügte an: es sei falsch, wie Tiere doch ebenso Lebewesen wären, wie Menschen und darum KÖNNE man und frau nicht über sie verfügen. Andernfalls müsste es doch andersrum genau so möglich sein?!

Schülerin Nummer 3 sagte letztlich, dass wir alle gleich seien, und gleichberechtigt, was unser Leben in der Natur und mit der Natur angeht. Sie stellte fest, dass doch selbst Bäume leben würden und der Mensch alles Leben zu schützen habe – gerade weil es und sie sich für „intelligenter“ als die anderen Lebewesen hält.

Mein Versuch, Kindern die soziale Konstruktionstheorie schlüssig darzustellen, fand Zuspruch und sogar teilweises Verständnis.

Der Unterricht fuhr fort mit der Diskussion über „Essen“ vs. „Fressen“. Auf meine Frage, warum wir Menschen meinen, Tiere würden „fressen“ müssen und Menschen dagegen „essen“, kamen sofort Beispiele der fleischreißenden Löwen, die mit ihren massiven Gebissen die zarte Gazelle zerlegten. Darum würden Tiere fressen, weil es immer brutal und schmutzig erfolgt.
Menschen seien reiner, zivilisierter, wie wir es gern all zu schnell nennen…

Ich: Aber was ist mit kleinen Mäusen? Was ist mit dem Igel, der sich am Fallobst bedient? Was ist mit dem Eichhörnchen und den Bucheckern und Eicheln? Selbst die jagende Katze, die still und leise und ganz ohne Blutbad und Massaker kleinen Vögeln den Gar ausmacht? Sind das die „Bestien“, die „fressen“ – also auf verwerflichste und unreinste Weise Chaos und Verderben anrichten? Denn genau so schilderten die Kleinen mir den Unterschied zur menschlichen Esskultur.

Nächster Einwand von mir, um die Kinder endgültig in die Verwirrung zu stürzen: Denkt doch einmal an eure kleineren Geschwister, Nichten, Neffen und alle Babys, die euch einfallen: diese kleinen menschlichen Geschöpfe  – haben sie erst begonnen sich außerhalb der mütterlichen Brust futtertechnisch zu bedienen – sind alles andere als rein-lich. Bei einer Trefferquote von etwa 2 zu 10, was das Befördern einer Löffelladung Kartoffelbrei anbelangt, fällt es leicht das kleine Gesichtchen vorzustellen, nachdem es die übrigen 8 Löffel abbekam. Und wenn dann die Tomatensauce ins Spiel kommt…schmeißt die Wachmaschine an ;)…

Meine Kleinen lachten und stimmten natürlich zu (ich manipulativer Lehrkörper). Plötzlich war fressen und essen zum untrennbaren und eher in sich zusammenfließenden Einheitsbrei geworden, um das Babyfutter wieder aufzugreifen.

Ich näherte mich meinem Fazit. Aber ich hatte noch eine Kleinigkeit im Ärmel, die ich unbedingt auf die Kleinen ausschütten wollte. Bis zu diesem Zeitpunkt war uns klar, dass
1) wir Menschen nicht einfach so behaupten dürften, dass wir über allen anderen Lebewesen stehen – denn wir sind nicht weniger und nicht mehr als Teil dieser Natur und eine Trennung macht überhaupt nichts für uns (ich muss das einfach anfügen, denn DUALISMUS WIE NATUR –KULTUR SUCKS!).
2) aus dieser sinnlosen Trennung entspringen weitere sinnlose Trennungen, die suggerieren, Tiere würden schmutzig, unrein, brutal und blutrünstig sein, wenn sie jagen, wenn sie eigentlich nur überleben! Der Mensch mit seinen Löffelchen und Gäbelchen, seinen Tellerchen und Tässchen, wäre da GAAAAANZ weit drüber und könnte sein (auf Bäumen wachsendes) Steak in klitzeklitze-Stückchen geschnitten sauer und ordentlich verzehren.
Ihr wisst schon, worauf ich hinaus will.

Und das große Finale: Kinder, wir dürfen auch nicht vergessen, dass diese klare Trennung von Tieren und Menschen ohnehin schwierig ist. Denn WIR ALLE waren einmal Affen…
 
                                               WAS? ICH WAR ABER KEIN AFFE?
                                               ICH KANN MICH AUCH NICHT ERINNERN, DASS ICH EIN AFFE WAR!
                                               ICH WAR KEEEEEEIN AFFE!!! *

(*Es ist schön und gut, dass wir alle gleich sind aber Tiere sind demnach dennoch keine Menschen, ergo es gibt Unterschiede im gegenseitigen Verhalten zueinander, ergo hier setzt bereits diese versteckte Distanzierung und vielleicht die Intoleranz ein, die so sehr inkorporiert ist, dass sie nur schwer identifiziert werden kann. Denn so sehr viele von uns – und das betrifft natürlich nicht nur meine kleinen noch Lernenden – sprechen sich FÜR Minderheiten aus, FÜR Gleichberechtigung. Es gibt viele Männer, die meinen, Frauen unterstützen zu wollen. Wird einem dieser Männer dann mal eine „weibliche“ Eigenschaft an den Kopf geworfen oder er gar als „Mädchen“ bezeichnet werden, ist es mit der Gleichstellung etc. vorbei und jedes Förder-Engagement vergessen…)

❤ KF

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