Sisterhood, Lilith oder: Wie ich die Yeah-Yeah-Erfahrung machte und die Macht der Gruppe zu spüren bekam

Wem Sisterhood wie eine feministische Abwandlung des Gangster-Jargons vorkommt – so schlimm wird’s nicht ;)! Obwohl sich durchaus Verbindungen herauslesen lassen.
Wer von euch an Schwerter a la „Nonne“ oder „Krankenpflegerin“ denkt, auch diejenigen seinen entwarnt: es ist nicht so, und doch gibt es Gemeinsamkeiten…

Was ist nun diese Sisterhood? Nun, wie es oft vorkommt, wurde mir die Ehre zuteil, mich in die Theorieansätze eine feministischen Autorin einzulesen. Die Besonderheit diesmal: sie hat sich nicht nur dem Ökofeminismus, dem Judentum und dem damit verbundenen politischen Engagement verpflichtet – sie ist auch noch THEOLOGIN!
Kurz: sie ist feministische Theologin.

„Und DAS soll zusammen gehen? In den 1970ern? Nieeeemals!“

Diese Fragen und gleichzeitige Antworten plagten mich, während ich die Lektüre Wort für Wort und Satz für Satz herunterschlang und meinen Augen nicht traute.
Die Rede ist von Judith Plaskow, einer Aktivistin, die sich stark machte für den Feminismus und vor allem die „weibliche Erfahrung“ zu ihren Steckenpferd wurde.

Aber es geht mir nicht darum, jemandem die biografischen Hintergründe dieser Person schmackhaft zu machen. Es ist auch nicht so, dass ich SO überwältigt war, dass ich mir all ihre Publikationen aneignete, noch ehe ich mit dem eigentlichen Text durch war.

Nein, es geht um etwas anderes: die Gruppenerfahrung! Wem das zu ausgelutscht vorkommt, kann sich gern abwenden. Denn auch mir schien dieses ewige „Hilfe zur Selbsthilfe“ ein längst überholtes Modell zu sein. In Zeiten des WWW lässt sich in jedem zweiten Online-Forum eine Support-Gruppe finden bzw. noch schneller eine eigene aufbauen. Und mal ganz im Ernst: was tue ich hier gerade?

Ich fand es lächerlich, schwach, ja fast bemitleidenswert, wenn Menschen meinen, nicht genug Selbstvertrauen zu haben um mit Rauchen oder Ähnlichem aufzuhören. Oder Krankheitserfahrungen zu verarbeiten, zusammen zu nähen oder über Tipps zu Kindererziehung zu fachsimpeln… HORROVORSTELLUNG für eine ultra-ego-Einzelkämpferin, wie mich.

Wie es der Zufall, das Schicksal, die Göttinnen es wollten, war es wohl an der Zeit, dass ich eines Besseren belehrt werde. Und ich bin fast sentimental-froh darüber.
Aus logistischen, finanziellen und organisatorisch gescheiterten Gründen fand ich mich in einer Gruppe von jungen Frauen wieder, die KEIN gemeinsames Ziel hatten, KEINE sonstigen Äquivalenzen oder sich DAS freiwillig angetan hätten. Es sollte ursprünglich um jede von uns im Einzelnen gehen: Beratung, Profiling, Persönlichkeitsanalyse – alles, was zum heute so angesagten Berufscoaching gehört. Da die o.g. Knappheiten auftraten, mussten wir gruppiert verarbeitet werden.

Nach einem ersten kritischen Beschnuppert stellten wir schon während der ersten Stunde fest, dass wir uns mögen. Nicht auf diese „BEST FRIENDS FOR EVER EVER…“-Weise. Nicht mit Telefonnummer austauschen, nicht mit „Wir sollten uns zum Kaffee treffen“ oder dem unbedingt zusammen ausgehen wollen. Ganz und gar nicht – und dazu stehe ich.
Die Verbindung, die in der eigentlich so schweren Luft in dem klitzekleinen Räumchen wahrzunehmen war, hatte einen unbekannten Empowerment-Charakter. Ja, Empowerment.
Empowerment – dieses gruselige englische Wort ist keines, zu dem ich (die anderen Teilnehmerinnen übrigens auch nicht) gerne greife. Aber es gibt nun wirklich keine gute Übertragung. Fast bin ich wieder bei Judith Plaskow…noch ein bisschen!

Je länger wir also in diesem Coaching-Raum hockten, desto mehr fühlten wir uns gut miteinander. Gut, das heißt irgendwo zwischen geborgen, verstanden, angenommen, reflektiert, toleriert und akzeptiert. Vielleicht trifft auch diese Aufzählung es nicht ganz. Aber es ist eben so, dass jede von uns wusste, es geht ihr um sich und dennoch war wir offen (genug), uns aufeinander einzulassen. Obwohl es nicht vorausgesetzt wurde. Und obwohl wir vorher alle unsere leichte Aversion solcher „Zusammenkünfte“ laut äußerten. Oder unsere Abneigung gegenüber Team-Plays.

Es ging soweit, dass wir gegenseitig Schwächen zugaben, unsere Stärken erkannten und einander in der einzigartigen und individuell-positiven Gesinnung bestärkten. Wie ich es sagte: empowerten! Es ging gar nicht um die Lösung all unserer Probleme. Oder das „Über-den-Kopf-Streicheln“  und die Lobpreisung unserer Verdienste. Es war wie ein Schwellenzauber: mit dem Eintreten in diesen ominösen Raum wurden wir zu Komplizinnen, zu „Schwestern“ ein bisschen.

Und jetzt — Miss PLASKOW bitte:
Plaskow erzählte mir in ihrem 70er-Jahre-Aufsatz über ihre Erfahrung, die sie in ihren Frauengruppen machte. Sie nannte sie ihre „Sisterhood“. Die Besonderheit war der Werde-Prozess dieser „Schwesterlichkeit“: sie, als Feministin und Theologin war darauf aus, über theologische Erfahrungen zu sprechen und Frauen durch den Austausch zueinander kommen zu lassen.
ABER (und da ich selbst NULL mit Theologie am Hut hatte): Plaskow verbündete sich mit ALLEN Frauen, die sie traf und die Lust hatten, ihre Erfahrungen zu teilen. Dabei stand plötzlich die Theologie im Hintergrund und die vereinigenden Erfahrungen der häufig partiarchal unterdrückten Frauen vorne. Sie sagte, es war vollkommen gleich, ob die Frau(en) aus gläubigen Familien kamen oder aber gar keinen Bezug zur Religion hatten. Während sie sich austauschten und ihre Probleme offenbarten, erfuhren sie, dass SIE ALLE durch die ERFAHRUNGEN verbunden waren.

YEAH-YEAH-EXPERIENCE nennt Plaskow diese Art ihrer Interaktion. „Yeah, Yeah“ steht symbolisch für das Bejahen der Aussagen, das intensive Hören und Sprechen, ohne durch die Person hindurchzusehen. Ohne ein „Yes, but…“. Das soll nicht die Logik außer Sichtweite befördern. „Yes, but…“ ist immer mit einem Widerspruch, einem Gegenargument verbunden, welches in der analytischen Arbeit sicherlich von Vorteil ist (ja, ja, ist es ;D). Jedoch geht es Plaskow zunächst einmal darum, die „Sisterhood“ zu stärken und gemeinsam Ziele zu erreichen.
Denn, wie wir alle wissen, hatten und haben Frauen es häufig eeeetwaaaas schwerer an ihre Ziele zu kommen. Nicht nur das: selbst diese Ziele zu definieren ist schon ein Akt der Überwindung (von Grenzen, von Hürden, von Männern…).

Somit ist die Sisterhood und die Yeah-Yeah-Erfahrung darin eine für mich noch in der letzten Woche TOTAL abstrakte Schilderung von etwas, das ich extrem in Frage gestellt habe (Yes, but…!).

Heute meine ich, praktisch dieser Erfahrung näher gerückt zu sein.
Ich stoße hier bewusst nicht die Debatte an, die den Ökofeminismus aufspießt und als lange nicht ausreichend abtut. Ein Ansatz kann lange nicht alle Menschen und die mächtigen Strukturen unserer Gesellschaft dekonstruieren.
Es klingt einfach so verlockend – vor allem dann, wenn ich es am eigenen Leibe erfahren kann, oder?

Ich hebe mir die Kritik am Yeah-Yeah etc. für irgendwann auf oder lasse sie ganz.
Was ich unbedingt noch für sagenswert halte, ist Plaskows NEUE SCHÖPFUNGSGESCHICHTE:

Darin ist – um es sehr polemisch und sehr überspitzt anzureißen – Adam, ein unsicherer, von der Meinung anderer abhängiger Mann, der mit seinen Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hat. Eva, die ZWEITE Frau Adams ist trotz ihrer göttlich geplanten Unterwürfigkeit, neugierig zu erfahren, wie es ist, eine starke und selbstbewusste Frau zu sein.
Und LILITH, die ERSTE Frau Adams (die Plaskow und ihre Frauen zu ihrem Symbol erklären) flieht aus dem wohligen Garten Eden, weil sie es nicht erträgt von Adam als „Hilfskraft“ angesehen zu werden.
Mit einem Sprung lande ich am Ende des Aktes: Eva und Lilith verbünden sich, tauschen sich aus und beschließen, „die Sache selbst in die Hand zu nehmen“. Sie sollen den Garten Eden selbst für sich umgestalten und werden sich über ihre Macht, ihre Möglichkeiten und ihre eigenen Ideen bewusst.

Sie verschwestern sich!

Ein Hoch auf Lilith!

❤ KF

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s