Weltmeisterschaftliche Rückansichten

Da philosophiert frau sich den Mund fusselig und schreibt sich die Finger wund – und braucht doch nur wieder den Fernsehen einzuschalten, um die gewohnte Ladung dualistischer Geschlechterklischees in ihrer „natürlichsten“ Form zu bekommen…

Warum ich mich so aufrege? Das sei doch alles längst bekannt und wer‘s nicht sehen will, soll gefälligst weg vom Mainstream-TV kommen… Ja, ja, ja das weiß ich alles. Meine Rage gilt auch nicht dem Alteingesessenen Sexismus in Telenovela, Nachmittags-Talk und Promi-Gerüchteküche. Nein, es sind noch weniger die netten Musikvideos unserer lieben vor sich hin rappenden Genossen B. oder S., M., oder 50-paar-Zerquetschte-Punkt!

Meine heutige Empörung widme ich voll und ganz den unschuldigsten aller TV-Reportagen: den ach so neutral-meinenden Berichten aus aller Welt. Und da wir uns derzeit in einer schrecklich-sportlichen Zeit befinden, kommen besonders viele dieser Filmchen aus dem Gastgeber(innen)land Brasilien: Sonne, Strand, Meer…Land der Schönheits-OPs, Land der Samba, Land der schönen Reichen und der Armen, Land der Extreme…und Land der Pos?!
Das sind einige der Klischeevorstellungen, die auch ohne der bewegten Live-Streams bei sämtlichen Zuschauenden bereits angelegt zu sein scheinen.
Die hohe Kunst des Fernsehjournalismus reiht sich da einfach ein, statt diesem stereotypischen Gewusel einen Riegel vorzusetzen oder hey, noch besserer Vorschlag: ein neues Bild zu erzeugen, das weniger engstirnig und rassistisch-anmutend ist?

Nun ja, da dies nicht geschieht, führe ich kurz an, was ich meine: gestern (am Tag, an dem mir endgültig der Kragen platzte) sah ich ganze 3! Solcher netten Berichte. Ob öffentlich rechtlich oder privat: als hätten sich alle ReporterInnen dieses Landes verschworen.
Das Fatale an der Sache ist, dass alle diese Brasilien-Aufnahmen als harmlose Urlaubsempfehlungen daherkommen und meist Phrasen in sich bergen, die nach „Paradies“ oder „endlosen Landschaften, wunderbaren Welten und purer Erholung“  klingen. Von Cocktails am Strand, Shoppingtour durch die romantischen Gassen oder nächtlichen Tanzleidenschaftauslebungen ist die Rede. Wir werden scheinbar nur eingeladen, dieses Traumland zu erkunden. Darum bedarf es HIER einer ernsthaften INTERVENTION! Denn die Bilder, die einhergehen mit diesem dumpfen und dennoch betörenden Gequatsche, sind alles andere als „neutral-natürlich“. Meine kleine Liste hilft EUCH vielleicht, selbst das zu sehen, was ich sehe – wenn es nicht lange vor mir schon passiert ist:

1. Der binäre Gendercode ist stets präsent: Frauen und Männer werden meist – im Interview oder „von der Seite“ getrennt gezeigt. Da sind die sich räkelnden Mädels, die sportlich aktiven Jungs. Die Brüste, die Bizepse (ist das die Mehrzahl?). Die Schenkel, die Waden…
Wogegen so manche/r FeminstIn seit Jahrzehnten versucht anzukommen, wird hier einmal mehr als die NATUR dargestellt. JA – DAR-GE-STELLT!! Denn wir wissen doch alle: GESCHLECHERKLISCHEES entsprangen nicht Mütterchen Natur, sondern unserem Köpfchen…ach nein, nicht unbedingt UNSEREM, eher ihrem – dem der männlichen Konstrukteure!

2. GANZ GANZ GRENZWERTIG sind die Naturaufnahmen, bei denen die Kamera von den Bergen über zum Meer schwingt, dann am Strand ankommt und SCHWUPP!!! …landet der Fokus wie durch Geisterhand – ganz NATÜRLICH – bei der Hinteransicht von zwei oder drei jungen Frauen. Und als wäre das nicht schon Klischee genug, umfängt der Ausschnitt LEDIGLICH den PO dieser Damen. Wer braucht schon den Kopf, wenn er/sie diesen TRAUMA**** haben kann??
Diese in meinen tränenden feministischen Augen äußerst prekäre Darstellung lässt die ewig-und-drei-Tage-alte Diskussion über Natur vs. Kultur, Weiblichkeit vs. Männlichkeit, Emotion vs. Power auferstehen. Die Gleichsetzung des weiblichen Körpers mit der natürlichen Landschaft führt zum Ergebnis, welches zu gern von den bürgerlichen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts postuliert wurde: die Frau bedarf der Domestizierung seitens des Mannes, denn sie ist es, welche die fruchtbare Erde VERKÖRPERT und GEPFLÜGT und BEACKERT werden muss…
Dreimal dürft ihr raten, wer den Pflug in der Hose(ntasche) hat?

3. Aus den vorhergehenden Punkten folgend sollten die Interviews kritischer beäugt werden. Die Fragen, welche meist darum kreisen „Welche Frauen sind die schönsten?“ oder „Was tut ihr um euch fit und schön zu halten?“ sind ja wohl keine random-Fälle!? Zumindest müssen die Frauen, die hier befragt werden inklusive ihres Gesichts gezeigt werden…
Deswegen sind die Antworten nicht weniger dichotom oder rassistisch, nicht weniger durchtränkt von Sexismus.
Wem RAPE-CULTURE nichts sagt, sollte einmal kurz googlen. Der Missbrauchs-Diskurs, der sich mit den sexuellen Übergriffen auf meist weibliche Opfer befasst, hat es in sich. Er ist höchstbrisant in den USA vertreten, aber auch in Deutschland wird nach und nach dazu debattiert. Darin heißt es oft, dass Frauen selbst schuld seien, dass sie verführen würden und sich gefälligst nicht so aufreizend kleiden sollten, wenn sie nicht auf Belästigung aus wären…
Ich weiß, das ist traurig, dumm und menschenunwürdig. But still… es ist heute oft so, dass Täter* genau das behaupten, wenn es um das WARUM? geht.
Genau da lehnen sich viele der Berichte an, wenn brasilianische Frauen als Reinkarnation der reinsten Lustobjekte beschrieben werden oder sich selbst beschreiben müssen. Sexy hin oder her, aber was ist mit Sextourismus? Was ist mit Minderjährigen? Ach ja, ich vergaß – alles was zählt, ist ja die Äußerlichkeit, da es immer warm ist und viel nackte Haut gezeigt wird…

Es ist zum verzweifeln, aber ich bin nicht bereit es aufzugeben – also bitte merken:

GENDER-KLISCHEES sind KEINE NATÜRLICH GEWACHSENE TATSACHE!

FRAUEN bestehen nicht nur aus den Einzelteilen ihres Körpers (Männer übrigens auch).

NATUR VERSUS KULTUR ist lange hinfällig! Denn 1. Dichotomie reicht nicht aus, um so komplexe Wesen(heiten) wie uns Menschen zu beschreiben. Und 2. F*** PATRIARCHY ;)!

❤ KF

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Von Affen und Menschen(kindern)

Weil es das letzte Mal schon so lustig war, gibt es hier gleich die nächste Geschichte von philosophierenden Kindern.

Thema des Tages: die Rangordnung des Menschen innerhalb der Natur (ich weiß, ich weiß, es ist eine Fangfrage für alle, die über 18 sind und vielleicht ein bisschen auf Gebieten der Naturphilosophie und Wissenschaftskritik bewandert sind…ergo: so viele werden’s nicht sein).

TeilnehmerInnen: Kinder etwas vor und etwas nach ihrer ersten Lebensdekade an Jahren.

Nun ja, alles fing damit an, dass ich – nicht ganz eigennützig – in den Exkurs einer (scheinbar) natürlichen Ordnung der Welt eintauchte. Es ging um die Entstehung von Flora und Fauna, die ersten Einzeller und die Entwicklung des Lebens im Wasser und an Land. Sprich, alle heute gültigen wissenschaftlichen Ansätze der Evolution klangen in wenigen Sätzen der kurzen Unterrichtsstunde an. Schließlich mündete mein Monolog in der Abstammung des Menschen vom Affen – alles noch ganz harmlos, nicht wahr?

Dann eine Überraschungsfrage (von mir): Findet ihr es richtig, dass der Mensch sich an die Spitze der Evolution stellt und meint, er und auch sie könne frei über die übrige Natur verfügen. Seine und ihre Vormachtstellung würde es ihm und ihr erlauben, Tiere als untergeordnete Sklaven zu behandeln, von taubstummen Pflanzen ganz zu schweigen?
Es war mir bewusst, dass ich mit einer solch drastisch formulierten Frage, das Mitleid der Kinder provozieren würde. Die meisten Kinder springen auf „Tierliebe“ an und reagieren auf Ungerechtigkeit bzgl. unserer animalischen FreundInnen mit glänzenden Kulleraugen.
Ein lautes „NEEEEIN!“ folgte und ein Gemurmel und Gejauchze übertönte mein Nachfragen. Ich griff durch – wie immer mit einem „Stop! Wir müssen das jetzt näher erläutern!“ Alle hatten daraufhin die Möglichkeit, sich zu erklären. War waren ihre Gründe, so bewegt zu reagieren? Warum war es falsch von mir zu behaupten, der Mensch wäre ChefIn der Tiere, der Pflanzen, der Welt?

Schüler Nummer 1 sagte laut, dass es schlichtweg FALSCH wäre. Dann etwas leiser, nach mehreren sinnentleerten „WEIL’s“ , ein Argumentationsversuch: es wäre falsch, weil der Menschen und Tiere doch auf einem Level, einem Niveau seien.

Schülerin Nummer 2 fügte an: es sei falsch, wie Tiere doch ebenso Lebewesen wären, wie Menschen und darum KÖNNE man und frau nicht über sie verfügen. Andernfalls müsste es doch andersrum genau so möglich sein?!

Schülerin Nummer 3 sagte letztlich, dass wir alle gleich seien, und gleichberechtigt, was unser Leben in der Natur und mit der Natur angeht. Sie stellte fest, dass doch selbst Bäume leben würden und der Mensch alles Leben zu schützen habe – gerade weil es und sie sich für „intelligenter“ als die anderen Lebewesen hält.

Mein Versuch, Kindern die soziale Konstruktionstheorie schlüssig darzustellen, fand Zuspruch und sogar teilweises Verständnis.

Der Unterricht fuhr fort mit der Diskussion über „Essen“ vs. „Fressen“. Auf meine Frage, warum wir Menschen meinen, Tiere würden „fressen“ müssen und Menschen dagegen „essen“, kamen sofort Beispiele der fleischreißenden Löwen, die mit ihren massiven Gebissen die zarte Gazelle zerlegten. Darum würden Tiere fressen, weil es immer brutal und schmutzig erfolgt.
Menschen seien reiner, zivilisierter, wie wir es gern all zu schnell nennen…

Ich: Aber was ist mit kleinen Mäusen? Was ist mit dem Igel, der sich am Fallobst bedient? Was ist mit dem Eichhörnchen und den Bucheckern und Eicheln? Selbst die jagende Katze, die still und leise und ganz ohne Blutbad und Massaker kleinen Vögeln den Gar ausmacht? Sind das die „Bestien“, die „fressen“ – also auf verwerflichste und unreinste Weise Chaos und Verderben anrichten? Denn genau so schilderten die Kleinen mir den Unterschied zur menschlichen Esskultur.

Nächster Einwand von mir, um die Kinder endgültig in die Verwirrung zu stürzen: Denkt doch einmal an eure kleineren Geschwister, Nichten, Neffen und alle Babys, die euch einfallen: diese kleinen menschlichen Geschöpfe  – haben sie erst begonnen sich außerhalb der mütterlichen Brust futtertechnisch zu bedienen – sind alles andere als rein-lich. Bei einer Trefferquote von etwa 2 zu 10, was das Befördern einer Löffelladung Kartoffelbrei anbelangt, fällt es leicht das kleine Gesichtchen vorzustellen, nachdem es die übrigen 8 Löffel abbekam. Und wenn dann die Tomatensauce ins Spiel kommt…schmeißt die Wachmaschine an ;)…

Meine Kleinen lachten und stimmten natürlich zu (ich manipulativer Lehrkörper). Plötzlich war fressen und essen zum untrennbaren und eher in sich zusammenfließenden Einheitsbrei geworden, um das Babyfutter wieder aufzugreifen.

Ich näherte mich meinem Fazit. Aber ich hatte noch eine Kleinigkeit im Ärmel, die ich unbedingt auf die Kleinen ausschütten wollte. Bis zu diesem Zeitpunkt war uns klar, dass
1) wir Menschen nicht einfach so behaupten dürften, dass wir über allen anderen Lebewesen stehen – denn wir sind nicht weniger und nicht mehr als Teil dieser Natur und eine Trennung macht überhaupt nichts für uns (ich muss das einfach anfügen, denn DUALISMUS WIE NATUR –KULTUR SUCKS!).
2) aus dieser sinnlosen Trennung entspringen weitere sinnlose Trennungen, die suggerieren, Tiere würden schmutzig, unrein, brutal und blutrünstig sein, wenn sie jagen, wenn sie eigentlich nur überleben! Der Mensch mit seinen Löffelchen und Gäbelchen, seinen Tellerchen und Tässchen, wäre da GAAAAANZ weit drüber und könnte sein (auf Bäumen wachsendes) Steak in klitzeklitze-Stückchen geschnitten sauer und ordentlich verzehren.
Ihr wisst schon, worauf ich hinaus will.

Und das große Finale: Kinder, wir dürfen auch nicht vergessen, dass diese klare Trennung von Tieren und Menschen ohnehin schwierig ist. Denn WIR ALLE waren einmal Affen…
 
                                               WAS? ICH WAR ABER KEIN AFFE?
                                               ICH KANN MICH AUCH NICHT ERINNERN, DASS ICH EIN AFFE WAR!
                                               ICH WAR KEEEEEEIN AFFE!!! *

(*Es ist schön und gut, dass wir alle gleich sind aber Tiere sind demnach dennoch keine Menschen, ergo es gibt Unterschiede im gegenseitigen Verhalten zueinander, ergo hier setzt bereits diese versteckte Distanzierung und vielleicht die Intoleranz ein, die so sehr inkorporiert ist, dass sie nur schwer identifiziert werden kann. Denn so sehr viele von uns – und das betrifft natürlich nicht nur meine kleinen noch Lernenden – sprechen sich FÜR Minderheiten aus, FÜR Gleichberechtigung. Es gibt viele Männer, die meinen, Frauen unterstützen zu wollen. Wird einem dieser Männer dann mal eine „weibliche“ Eigenschaft an den Kopf geworfen oder er gar als „Mädchen“ bezeichnet werden, ist es mit der Gleichstellung etc. vorbei und jedes Förder-Engagement vergessen…)

❤ KF

Sisterhood, Lilith oder: Wie ich die Yeah-Yeah-Erfahrung machte und die Macht der Gruppe zu spüren bekam

Wem Sisterhood wie eine feministische Abwandlung des Gangster-Jargons vorkommt – so schlimm wird’s nicht ;)! Obwohl sich durchaus Verbindungen herauslesen lassen.
Wer von euch an Schwerter a la „Nonne“ oder „Krankenpflegerin“ denkt, auch diejenigen seinen entwarnt: es ist nicht so, und doch gibt es Gemeinsamkeiten…

Was ist nun diese Sisterhood? Nun, wie es oft vorkommt, wurde mir die Ehre zuteil, mich in die Theorieansätze eine feministischen Autorin einzulesen. Die Besonderheit diesmal: sie hat sich nicht nur dem Ökofeminismus, dem Judentum und dem damit verbundenen politischen Engagement verpflichtet – sie ist auch noch THEOLOGIN!
Kurz: sie ist feministische Theologin.

„Und DAS soll zusammen gehen? In den 1970ern? Nieeeemals!“

Diese Fragen und gleichzeitige Antworten plagten mich, während ich die Lektüre Wort für Wort und Satz für Satz herunterschlang und meinen Augen nicht traute.
Die Rede ist von Judith Plaskow, einer Aktivistin, die sich stark machte für den Feminismus und vor allem die „weibliche Erfahrung“ zu ihren Steckenpferd wurde.

Aber es geht mir nicht darum, jemandem die biografischen Hintergründe dieser Person schmackhaft zu machen. Es ist auch nicht so, dass ich SO überwältigt war, dass ich mir all ihre Publikationen aneignete, noch ehe ich mit dem eigentlichen Text durch war.

Nein, es geht um etwas anderes: die Gruppenerfahrung! Wem das zu ausgelutscht vorkommt, kann sich gern abwenden. Denn auch mir schien dieses ewige „Hilfe zur Selbsthilfe“ ein längst überholtes Modell zu sein. In Zeiten des WWW lässt sich in jedem zweiten Online-Forum eine Support-Gruppe finden bzw. noch schneller eine eigene aufbauen. Und mal ganz im Ernst: was tue ich hier gerade?

Ich fand es lächerlich, schwach, ja fast bemitleidenswert, wenn Menschen meinen, nicht genug Selbstvertrauen zu haben um mit Rauchen oder Ähnlichem aufzuhören. Oder Krankheitserfahrungen zu verarbeiten, zusammen zu nähen oder über Tipps zu Kindererziehung zu fachsimpeln… HORROVORSTELLUNG für eine ultra-ego-Einzelkämpferin, wie mich.

Wie es der Zufall, das Schicksal, die Göttinnen es wollten, war es wohl an der Zeit, dass ich eines Besseren belehrt werde. Und ich bin fast sentimental-froh darüber.
Aus logistischen, finanziellen und organisatorisch gescheiterten Gründen fand ich mich in einer Gruppe von jungen Frauen wieder, die KEIN gemeinsames Ziel hatten, KEINE sonstigen Äquivalenzen oder sich DAS freiwillig angetan hätten. Es sollte ursprünglich um jede von uns im Einzelnen gehen: Beratung, Profiling, Persönlichkeitsanalyse – alles, was zum heute so angesagten Berufscoaching gehört. Da die o.g. Knappheiten auftraten, mussten wir gruppiert verarbeitet werden.

Nach einem ersten kritischen Beschnuppert stellten wir schon während der ersten Stunde fest, dass wir uns mögen. Nicht auf diese „BEST FRIENDS FOR EVER EVER…“-Weise. Nicht mit Telefonnummer austauschen, nicht mit „Wir sollten uns zum Kaffee treffen“ oder dem unbedingt zusammen ausgehen wollen. Ganz und gar nicht – und dazu stehe ich.
Die Verbindung, die in der eigentlich so schweren Luft in dem klitzekleinen Räumchen wahrzunehmen war, hatte einen unbekannten Empowerment-Charakter. Ja, Empowerment.
Empowerment – dieses gruselige englische Wort ist keines, zu dem ich (die anderen Teilnehmerinnen übrigens auch nicht) gerne greife. Aber es gibt nun wirklich keine gute Übertragung. Fast bin ich wieder bei Judith Plaskow…noch ein bisschen!

Je länger wir also in diesem Coaching-Raum hockten, desto mehr fühlten wir uns gut miteinander. Gut, das heißt irgendwo zwischen geborgen, verstanden, angenommen, reflektiert, toleriert und akzeptiert. Vielleicht trifft auch diese Aufzählung es nicht ganz. Aber es ist eben so, dass jede von uns wusste, es geht ihr um sich und dennoch war wir offen (genug), uns aufeinander einzulassen. Obwohl es nicht vorausgesetzt wurde. Und obwohl wir vorher alle unsere leichte Aversion solcher „Zusammenkünfte“ laut äußerten. Oder unsere Abneigung gegenüber Team-Plays.

Es ging soweit, dass wir gegenseitig Schwächen zugaben, unsere Stärken erkannten und einander in der einzigartigen und individuell-positiven Gesinnung bestärkten. Wie ich es sagte: empowerten! Es ging gar nicht um die Lösung all unserer Probleme. Oder das „Über-den-Kopf-Streicheln“  und die Lobpreisung unserer Verdienste. Es war wie ein Schwellenzauber: mit dem Eintreten in diesen ominösen Raum wurden wir zu Komplizinnen, zu „Schwestern“ ein bisschen.

Und jetzt — Miss PLASKOW bitte:
Plaskow erzählte mir in ihrem 70er-Jahre-Aufsatz über ihre Erfahrung, die sie in ihren Frauengruppen machte. Sie nannte sie ihre „Sisterhood“. Die Besonderheit war der Werde-Prozess dieser „Schwesterlichkeit“: sie, als Feministin und Theologin war darauf aus, über theologische Erfahrungen zu sprechen und Frauen durch den Austausch zueinander kommen zu lassen.
ABER (und da ich selbst NULL mit Theologie am Hut hatte): Plaskow verbündete sich mit ALLEN Frauen, die sie traf und die Lust hatten, ihre Erfahrungen zu teilen. Dabei stand plötzlich die Theologie im Hintergrund und die vereinigenden Erfahrungen der häufig partiarchal unterdrückten Frauen vorne. Sie sagte, es war vollkommen gleich, ob die Frau(en) aus gläubigen Familien kamen oder aber gar keinen Bezug zur Religion hatten. Während sie sich austauschten und ihre Probleme offenbarten, erfuhren sie, dass SIE ALLE durch die ERFAHRUNGEN verbunden waren.

YEAH-YEAH-EXPERIENCE nennt Plaskow diese Art ihrer Interaktion. „Yeah, Yeah“ steht symbolisch für das Bejahen der Aussagen, das intensive Hören und Sprechen, ohne durch die Person hindurchzusehen. Ohne ein „Yes, but…“. Das soll nicht die Logik außer Sichtweite befördern. „Yes, but…“ ist immer mit einem Widerspruch, einem Gegenargument verbunden, welches in der analytischen Arbeit sicherlich von Vorteil ist (ja, ja, ist es ;D). Jedoch geht es Plaskow zunächst einmal darum, die „Sisterhood“ zu stärken und gemeinsam Ziele zu erreichen.
Denn, wie wir alle wissen, hatten und haben Frauen es häufig eeeetwaaaas schwerer an ihre Ziele zu kommen. Nicht nur das: selbst diese Ziele zu definieren ist schon ein Akt der Überwindung (von Grenzen, von Hürden, von Männern…).

Somit ist die Sisterhood und die Yeah-Yeah-Erfahrung darin eine für mich noch in der letzten Woche TOTAL abstrakte Schilderung von etwas, das ich extrem in Frage gestellt habe (Yes, but…!).

Heute meine ich, praktisch dieser Erfahrung näher gerückt zu sein.
Ich stoße hier bewusst nicht die Debatte an, die den Ökofeminismus aufspießt und als lange nicht ausreichend abtut. Ein Ansatz kann lange nicht alle Menschen und die mächtigen Strukturen unserer Gesellschaft dekonstruieren.
Es klingt einfach so verlockend – vor allem dann, wenn ich es am eigenen Leibe erfahren kann, oder?

Ich hebe mir die Kritik am Yeah-Yeah etc. für irgendwann auf oder lasse sie ganz.
Was ich unbedingt noch für sagenswert halte, ist Plaskows NEUE SCHÖPFUNGSGESCHICHTE:

Darin ist – um es sehr polemisch und sehr überspitzt anzureißen – Adam, ein unsicherer, von der Meinung anderer abhängiger Mann, der mit seinen Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hat. Eva, die ZWEITE Frau Adams ist trotz ihrer göttlich geplanten Unterwürfigkeit, neugierig zu erfahren, wie es ist, eine starke und selbstbewusste Frau zu sein.
Und LILITH, die ERSTE Frau Adams (die Plaskow und ihre Frauen zu ihrem Symbol erklären) flieht aus dem wohligen Garten Eden, weil sie es nicht erträgt von Adam als „Hilfskraft“ angesehen zu werden.
Mit einem Sprung lande ich am Ende des Aktes: Eva und Lilith verbünden sich, tauschen sich aus und beschließen, „die Sache selbst in die Hand zu nehmen“. Sie sollen den Garten Eden selbst für sich umgestalten und werden sich über ihre Macht, ihre Möglichkeiten und ihre eigenen Ideen bewusst.

Sie verschwestern sich!

Ein Hoch auf Lilith!

❤ KF

Visuell, materiell – vom Sehen und (nicht) anfassen Wollen

Als ich gestern meine gewohnte und kurze Straßenbahnstrecke zur Uni fuhr, kam mir ein Gedanke, den ich schon häufig hatte aber nie zu Papier brachte. Das heißt, ich denke seit vielen Jahren immer wieder daran. Und das wiederum heißt, dass es lange vor Blogzeiten zu dieser Art Denken kam: nämlich der Wahrnehmung von Menschen. Noch genauer von der Wirkung und Bewertung ihrer Körper. Auch von dem meinen. Und auch von denjenigen, die ich liebte, die ich begehrte, die ich aber auch schrecklich oder abschreckend fand. Weil es mir kaum gelingt, mich davon im Rush Hour Verkehr Berlins abzuhalten, andere Menschen anzuschauen, komme ich nicht um solche Gedanken herum. Obschon ich lange aufgehört habe, post-pubertär Vergleiche zu ziehen oder das täglich „othering“ zu betreiben, in dem ich möglichst gut wegzukommen versuchte.

Heute sehe ich Menschen in ihrer Vielfältigkeit an. Es gibt Körper, die attraktiv auf mich wirken. Weibliche, männliche, nicht-weibliche, weiblich-männliche, männlich-weibliche und die, welche nicht in die binäre Struktur passen (wollen und müssen).
– – –
…eine kleine Abschweifung, bevor ich fortfahre: ich gehe davon aus, dass die meisten von uns irdischen Wesen der westlichen Welt (und vielleicht auch die anderer Himmelsrichtungen) ziemlich oft materiell ausgerichtet sind. Es wird Gutes wie weniger Gutes materiell ausgelegt und untermauert. Materialismus – das ist nicht abwertend gemeint. Natürlich wäre ich immer dazu geneigt, eine Kapitalismuskritik an den Tag zu legen, mich über die überbewerteten materialistischen Statussymbole alle Klassen und Schichten auszulassen oder mich für die stärkere Hinwendung zu „höheren“ weil „geistigen“ Werten einzusetzen. Das tue ich jetzt nicht. Denn dieser Exkurs ist nur so etwas wie eine Prämisse, um das Nachfolgende besser verstehen zu können. Ich meine zumindest, dass es dafür dienen könnte.
Bei dem Einwand, es wäre anders und Familie, Freunde, Vertrauen, Humor, Sicherheit etc. wären unser wertvollstes „Gut“ (diese Ironie sei mir verziehen), sage ich: Klar! Aber denkt frau und man etwas tiefer hinein, ist leicht festzustellen, dass diesen „Gütern“ ihr eigener Materialismus inhärent ist. Bei Diskussionen um Freunde und Familie rutschen wird schnell in Themengebiete, wie „Wer erbst was von wem? Und vor allem: wie viel davon?“ oder „Ich habe aber mehr ausgegeben bei ihrem/seinen Geburtstagsgeschenk!“ oder „Letztens geizten die doch auch!“ oder „Die läuft jetzt wie eine Kopie von mir/ihm/ihr rum!“ … Alles Reden und Denken um Prunk und Pracht, um Definitionsmerkmale einer/eines Jeder/Jeden machen für mich ihre materielle Un-Freiheit aus. Bei den bekannten „inneren Werten“ von Menschen, denen wir vertrauen, deren Humor wir schätzen oder bei denen wir uns in Sicherheit wägen. Ja auch hier finde ich den Materialitätsbezug offensichtlich. Denn prahlen wir nicht auch mal mit dem lustigen Freund, mit dem es immer Spaß macht, unterwegs zu sein – ein menschliches Statussymbol, dessen Schein uns mitnimmt und von der Seite anleuchtet? Oder das Vertrauen: wir „gewinnen“ es mit Taten, wir „verlieren“ es durch Handlungen, wir „nutzen“ es oder „bauen es auf“… ähm, ja. Hallo, Bruder Materialismus!
Na und wie verhält es sich mit Sicherheit? Safer Sex – ein Paradebeispiel, wo „Inneres“ und „Äußeres“ einander begegnen. Sicherheit spielt im Alltag beinahe ÜBERALL eine Rolle. Und niemand wird sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass Sicherheit ein rein geistiges, immaterielles Etwas ist, was nur im Reich der Gefühle herumspukt? Widersprüche sind willkommen.
– – –
Aber das soll, NOCHMAL, keine Materialismuskritik werden. Ganz im Gegenteil. Ich möchte meine Sicht der DINGE mit euch teilen:

Ich liebe Menschenkörper. Solche, die ICH als ästhetisch empfinde. Vor allem sind das Frauenkörper, die wohlproportioniert und vielleicht ein bisschen in den Mainstream der DaVinci-Maße passen. Ich bin mir dessen bewusst, dass es ein Ausgrenzungsprozess ist, der manche einschließt und manche eben aus. Aber ich bin auch nur ein Mensch und ich bin im Stande, diese Aussagen meinerseits zu reflektieren und habe damit auch nichts „Böses“ vor. Es ist nun mal so: mir gefallen Körper, die in ihren Proportionen „stimmig“ sind. Für MICH. Und Ende. Wir alle haben sicherlich unseren Geschmack. Das heißt aber nicht, dass die anderen weniger Wert haben. Sie sind nur eben auf der Attraktivitätsskala nicht an derselben Stelle. Zumal ich ohnehin ziemlich heterosexuell ausgerichtet bin – ohne auch hier zu exklusiv werden zu wollen ;).
Okay, zurück zum Wesentlichen: die Körper, an denen mein Blick haften bleibt. Nicht nur Frauenkörper schaffen das. Männer, die zugegebenermaßen ein bisschen „feminin“ sind, sprechen mich ebenso an. Nicht in ihrer Statur, sondern was z.B. ihre Körperbehaarung angeht, ihren Ausdruck, ihren Geruch und so weiter. Feminin ganz klar in ANFÜHRUNGZEICHEN! Denn ich empfinde sie nicht als „weiblich“ oder „fraulich“ oder oder… Das tut die Gesellschaft und leider bin ich hier und jetzt auf unsere geliebt-gehasste Sprache zurückzugreifen, die nun mal ein beschränktes Vokabular bietet. Bitte verzeiht! Liebe Männer, liebe Frauen, liebe * und liebe _! Bitte, bitte!

Diese Körper, eure und unsere, die ich schön finde, haben allerdings für mich ein großes Manko. Sie sind meist real. Und mit real meine ich materiell. Und mit materiell meine ich, sie sind meistens da, sie stehen neben mir in der Bahn, sie laufen vorbei oder sitzen an einem Tisch mit mir. Im schlimmsten Fall schweifen sie mich, berühren meinen Arm oder quetschen mich in der U-Bahn zwischen sich ein. Meine Alarmglocken läuten dann so laut in meinem Kopf, dass ich häufig schweißgebadet und mit pochendem Kopf hinausrenne und versuche, mich von dem Körperkontakt freizuschütteln.
Krank? Psycho? Wer weiß das schon. Es ist meine Erfahrung.
Nichtsdestotrotz liebe ich Körper. Ein Dilemma? Ich kann Körper wunderschön, berauschend, explosiv und überwältigend finden. Sie in meiner Nähe zu spüren, löst in mir dennoch Unbehagen aus.
Ich finde mich in dem Zwiespalt wieder, der sich am besten mit dem Visuellen darstellen lässt. Auf Fotos, auf Bildern finde ich Körper genau so, wie ich es beschrieben habe. Manchmal kann ich ein solches Bild minutenlang anstarren und jedes Detail immer wieder neu analysieren. Wie die Fingen sich in der Halbfaust biegen, wie sich die Sehnen am Hals zeigen, wenn sie zur Seite blickt, wie der Hosenbund gerade noch so fest geschnallt ist, damit nichts rutscht aber auch nichts einengt… Und solche Details, die nicht durch Worte zu erfassen sind: Härchen, Wimpern, Strähnchen, Nägel, Sichtbares und Angedeutetes… Körper sind wunderbar!
Wunderbar auf Papier. In Zeitschriften, online in s/w oder Farbe, inszeniert oder lebensecht, zielorientiert oder der freien Interpretation überlassen…
Ich sehe mir diese Bilder an und denke dabei oft das kurze Wörtchen WOW! Ich bin begeistert und angetan. Manchmal emotionale aufgewühlt, weil bestimmte Posen und Haltungen, Gesten und Mimiken etwas in mir auslösen. Aber live? No way!
Ich finde zum Beispiel Haare per se schrecklich. Haare, vor allem lange, sind eher abstoßend für mich. Nicht umsonst habe ich selbst mich bewusst für eine kürzere Version entschlossen. Denn dieser Ekel erstreckt sich auch auf meine – wenn auch dünnen, hellen – eigenen Haupthaare.
Haare auf Beinen, Brust oder an sonstigen Körperregionen machen mir Angst. Diese Ablehnung der materiellen (ergo: „anfassbaren“) Haare verfolgt mich bereits seit früher Kindheit und ist nachweislich kein Mitt-Zwanziger-Tick :P.

Soo, Haare sind bei weitem nicht die einzige Eigenschaft von lebenden Körpern, die mich eher abstößt, denn anzieht: Körperfunktionen, wie Eigengeruch, wie Nägelwachstum, wie Klamotten, die immer nicht ganz so frisch zu sein scheinen, wie Fotos es suggerieren. Oder die Haut mit ihrer Talgproduktion, die Schuhe, bei denen ich mich fragen muss, was sich drin befindet? Uff, wenn ich das jetzt aufzähle, finde ich mich ja selbst nicht mehr ganz knusper…
Aber ich hoffe, das zeigt worauf ich hinaus will: die ENORME Differenz zwischen der visuellen Darstellung und Ästhetik von Körpern und deren materieller Präsenz.
Genau solche Gedanken überkommen mich in den unterschiedlichsten Situationen. Am krassesten ist wohl das bekannte Beispiel, wenn ein geliebter Körper plötzlich anfängt zur Routine zu werden. Es wird zur täglichen Normalität und offenbart mit jedem heranbrechenden Tag mehr und mehr seiner normalen Eigenschaften. Das, was vorher ganz in Ordnung war und zu übersehen war, wird deutlich. Und deutlich heißt für mich nicht einfach akzeptabel oder tolerierbar. Ganz im Gegenteil: es wird abstoßend und ich würde diesen Körper am liebsten auf ein Bild verbannen, wo er konserviert wird und mich nicht mehr mit seinem Funktionieren belastet.
Sich kräuselnde Beinhaare – ahhh!! Schweißperlen auf der Stirn, die sich an die meine lehnt – hilfeee!!!

So geht es dann weiter und weiter. Naja, eigentlich geht es nicht weiter. Denn dann – und SPÄTESTENS DANN – ist alle Liebe vorbei. Sie ist es im Grunde vorher, denn wenn sich meine Augen dafür für aufnahmefähig erweisen, ist das ein sicheres Zeichen, dass der Hormoncocktail nachlässt.

Das ist nicht fair, ich weiß das. Und wenn sich jemand fragt, wie es sich mit meinem eigenen Körper verhält, der/dem sage ich: ähnlich! Nur ist unser Körper zu aller erst dafür da, um uns Bewegung und Aktion zu ermöglichen, wofür ich meinen vordergründig nutze. Und meine Vorliebe für Körperästhetik oder besser gesagt für ästhetische Körper, bezieht sich nicht auf Körper, die dem meinen ähneln. Es ist fast umgekehrt. Doch dazu vielleicht in einem der kommenden Posts mehr.

Das Ganze abrunden lässt sich durch den Ursprungstitel dieses Beitrags: vom Sehen und (nicht) anfassen Wollen. Ist das ein Widerspruch? Vielleicht. Ist er real möglich, JA! Ist er legitim? Wer weiß.

You shall decide on your own.

❤ KF