Emanzipation von jungen Menschen mit Migrations-Erfahrung?

Mich beschäftigt heute auf seltsam-anhängliche Art und Weise die folgende Frage: WIE läuft der Abgrenzungs- und Individualisierungsprozess bei jugendlichen MigrantInnen ab?

Genauso stur, störrisch, besserwisserisch – sprich: prä-, mitten-drin- und postpubertär wie bei allen anderen derselben Altersgruppe? Das ist sicher eine schnelle und einfache Lösung des Problems. Damit hatte sich das sonst auch für mich stets erübrigt.
Doch führt frau sich nur eins, zwei Fakten vor Augen, verliert die Erklärung an Kraft:

1. Der bei „Einheimischen“ mit der Pubertät einhergehende Wunsch, sich selbstständiger und individueller zu verhalten ist wahrscheinlich auch Migrationserfahrenen bekannt. Aber dieses schlichte „Neues ausprobieren“ (Reisen, andere Kulturen sehen und erleben usw.) hat für junge Menschen der beiden oben erwähnten Gruppen eine unterschiedliche Bedeutung. Während deutsche Jugendliche so etwas wie Hobby-Fernweh verspüren – und ich lobe ganz unironisch den Wunsch vieler Deutschen mit unbekannten Traditionen und Sitten in live-Kontakt zu treten! Das ist wunderbar! Ich würde mir gern davon eine grooooße Scheibe abschneiden, wenn ich darf!!  – können Migranten-Kinder häufig wenig damit anfangen. Sie pendeln mental zwischen zwei Kulturen, zwei Nationen, zwei Welten. Sich da auf viele neue einzulassen und unbeschwert den Rest der Welt zu entdecken,  kann eine ernst zu nehmende Barriere darstellen.

2. Sich Gruppen zugehörig zu fühlen. Sich vom Main Stream abzugrenzen. Ob nun als Hip HopperIn, Geek, Grufti, Barbie, Ken… die Entscheidung sei jeder/jedem selbst gegönnt (es gibt so viele weitere definitiv NICHT neutrale Kategorien – ich entschuldige mich für alle! Seien sie hier nur des explorativen Zweckes wegen angeschnitten…). Fakt ist aber auch, dass MigrantInnen hierzulande bereits einer solchen Minderheitengruppe angehören. Per Zuzug sozusagen. Schwupps – und die Exklusivität des Migranten-Status wurde meine, deine, seine und unsere.

3. Ob Migranten-Jugendliche es selbst wollen oder durch das sie umgebende Umfeld zu diesem Wunsch bewegt und erzogen werden, a la political correctness, ist fraglich. Aber als gern gehörtes und noch gerner gesehenes Ziel von jungen MigrantInnen gilt die gesellschaftliche Integration. „Sie/Er hat sich aber gut hier integriert!“, „Gute Sprachkenntnisse sind eine gute Voraussetzung für eine gelungene Integration!“, „Die Basis sind soziale Kontakte mit einheimischen Kindern und Jugendlichen!“… Na, sind das nicht allseits bekannte Sätze?!

Als ich heute den ganzen Tag vor mich hin grübelte, kamen mir diese drei Dinge doch sehr plausibel vor. Ich denke nicht, dass damit das gesamte Potenzial dieser Analyse ausgeschöpft ist. Aber es ist ein Anfang, oder?

Wenn ich an mich denke, dann habe ich mit meiner Identitätsfindung immer noch zu kämpfen. Ich ordne mich nun seit über 20 Jahren und habe – Gott sei dank! – die Pubertätsjahre hinter mir. Dennoch: theoretisch interessiere ich mich durchaus für Neues. Für Menschen. Für Gebräuche und Kulturen. Für ihre Historizität. Aber ich komme nicht umher diese Erfahrungen immer in einen Kontext zu setzen: in meinen Migrationskontext.
Auch als ich mich in jüngeren Jahren von den „öden Erwachsenen“ abseilen wollte, fiel mir der Richtungswechsel schwer. Denn ich war immer schon in der kleinen Gruppe der „Russen“ verortet. Ohne dass ich Einfluss darauf hätte, wurde mir diese Identität zugeschrieben und ich nahm sie bewusst oder unbewusst an. Gab es einen Weg, diese Fremdzuweisung zu umgehen? Ich denke nicht. Ich denke, es ist ein reziproker Prozess – aber das geht hier jetzt zu weit.

Letzten Endes möchte ich den Gedanken festhalten, dass der Emanzipationsprozess von jungen MigrantInnen ein ebenso komplexer wenn nicht sogar um ein paar Details komplexerer ist, als ihn alle Adoleszente dieser Erde ohnehin durchlaufen. Und ihm gebührt ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, ein bisschen mehr Gedanken-Spielraum. Dieses „schnelle Abtun“ und Behaupten, alle Jugendliche wären gleich rebellisch und ungebändigt ist ebenso falsch, wie die übrigen Klischees … wir trinken nicht alle sooo viel Vodka, oder singen das immer-gleiche Kalinka-Liedchen vor uns hin 😉

Think about it

❤ KF

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