Vom Neid der männlichen Einheimischen auf die weiblichen Ausländischen

Als Freud von Penisneid der Damen gegenüber ihren männlichen Gegenspielern sprach, gab er der umgekehrten Perspektive nur wenig Raum. Ich erlebe es sehr oft – um nicht zu sagen ZU oft. Männer, die einen sonderbaren Neid gegenüber Frauen hegen. Doch hier endet es nicht. Ich möchte vom Neid „einheimischer“ Männer gegenüber „ausländischen“ Frauen sprechen.

Bevor ich mich auslasse und aufrege, bevor ich mit Verurteilungen um mich schmeiße BITTE ich ausdrücklich um ein wenig Verständnis und natürlich um die gewisse Prise Ironie, auf die ich nur immer und immer wieder verweisen kann! Ich bin durchaus im Klaren darüber, dass meine Erfahrungen nicht globaler Natur sind und – liebe Männer aller Ethnien – IHR könnt auch anders! Genau wie wir Frauen (bzw. ich als eine dieser Sorte) ebenfalls keine unbeschriebenen Allesrichtigmacherinnen sind.

Ich habe mich dennoch mir selbst gegenüber verpflichtet, Aktualitäten meines Lebens aufzugreifen. Das ist eine brennend heiße Neuigkeit, die mich zuerst sprudeln ließ vor Wut und Enttäuschung, aber mittlerweile bin ich zurück im Modus des Zynismus und schreibe das mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, ganz nach dem Motto: „Wer nicht will der hat schon – und verpasst das Beste!“ .

Zu weit ausholen will ich nicht, denn das kostet alle Denk- und Lesezeit und lenkt ab vom eigentlich brisanten. Wichtig für das allgemeine Vorwissen ist mein way of struggle, meine Leidensgeschichte, die mich seit Schultagen verfolgt: die brutale, oft übertriebene  Kritik an meinen Schriften. Meine Arbeiten wurden und werden seit eh und je von „Autoritäten“ auseinandergenommen und mal verbal mal schriftlich regelrecht vernichtet. Sicher werden einige genau jetzt denken: kein Wunder! Nun ja, ich bin stets der Meinung gewesen, dass über Geschmack unendlich streiten lässt und Stile variieren dürfen und sollen. Wer ließt immer dasselbe? Und: warum darf ich meinen Stil, wenn man ihn so nennen kann, nicht behalten und verteidigen? Ich darf. Das habe ich entschieden und stecke seit dem fleißig meine „Bestanden“ oder „Ausreichend“  ein, schlucke meine Stolz runter und mache beim nächsten Mal wieder alles so wie immer :)…

Soo, und jetzt zum Neid. Ich nenne es Neid, weil ich meine, es ist ein geläufiges Wort. Aber es ich bin gegen eine strikte Definition von Gefühlen und Gefühlskomplexen. Ich bin auch keine Psychologin, aber dass jede/r Gefühle unterschiedlich empfindet und sie gleichzeitig identisch bezeichnet, beobachte ich häufig.
Neid ist sicher kein schönes Gefühl. Schon unter Kindern kann Neid zu Wutausbrüchen, Heulattacken und meist nicht nur verbaler Gewalt untereinander führen. Später wird Neid unter Freunden, Freundinnen zum beliebten Lästergrund  und „Ich bin nicht länger deine bff!“- Ankündigungen. Bei all dem ist Neid erst einmal Phänomen, das nur auf das Haben-Wollen verweist. Jemand wird beneidet, weil er oder sie etwas hat, besonders aussieht etc. – kurz: ich will es aber ich bekomme es nicht und daran ist die oder der EignerIn schuld.
Neid wird zum interdependenten Gefühl, wenn weitere Faktoren hinzukommen. Hier ist Neid nicht mehr unter „Gleichgesinnten“ zu suchen, sondern zwischen Neider und Beneideter/-m unterschiedlicher Kategorien. Das soll hier keine soziologische Aufstellung horizontaler Zugehörigkeiten werden. Ich hoffe, es wird deutlich, was ich mit interdependentem Neid meine. In meinem derzeitigen Fall ist der Neider eine akademisch höhergestellte männliche einheimische Person, deren Wirk- und Machbereich definitiv über dem von mir liegt.
Man könnte meinen, ein salopp gesagt übergestellter, klassisch dominanter Mann sich nicht scheren dürfte, was so eine kleine russischstämmige Studentin denkt und fühlt… Oder anders: seine Selbstüberzeugung dürfte in diesem Bild wesentlich mehr Platz einnehmen, als die Selbstzweifel oder die ach so beliebten Minderwertigkeitskomplexe?!
Aaaaaber falsch gedacht! Diese Person ist gerade dabei mich in meiner weiblich-unterwürfigen Position nicht nur märchenhaft zu benachteiligen. Mehr noch: es wird mir mein Migrantinnenstatus unter die Nase gerieben. Deutsch – das könnte ich nicht. Grammatik – keine Chance! Sprachstil – NO GO! Es geht mal wieder um eine Arbeit. Sie wurde vor vielen Monaten zur Publikation freigegeben und schien im Kasten zu sein. Keine Nachfragen, keine Kritik. Na, auf jeden Fall fast! Alles war klar und ich wunderte mich schon, wie ich ohne den besagten wrecking ball der WissenschaftlerInnen auskam. Und jetzt kommt die Abrissbirne mit einer Extremverspätung doch. Aber das hindert sie nicht daran, sich mit besonderer Härte in die stabilen Wände meines Geschreibes zu rammen…  Frei nach der Cyrus-Metaphorik, wo wir doch schon im Hier und Heute sind.

Dieser einheimische Mann lässt nun keine Gelegenheit aus, mich immer und immer wieder auf meine ausländische Herkunft hinzuweisen. Nicht als Privileg (obwohl es in der Arbeit GENAU darum geht!). Als Migrantin habe ich gewisse Einsichten in die russische „Subkultur“ unserer Hauptstadt. Ich arbeite seit vielen Jahren tagein tagaus mit Russischsprachigen zusammen, höre deren Geschichten, sehe deren Kinder und Enkelkinder aufwachsen und habe ganz einfach ein anderes Wissen bezüglich meiner Landsmenschen. Alle Ziele und Fragen der Arbeit aufzuzählen wäre zu viel. Wichtig ist nur: alles war ok, und ist jetzt – mit Einschalten des interdependenten Neids – nicht mehr. Versteht mich richtig, dieser Mensch war noch nie besonders „auf Augenhöhe“ mit mir. Trotz seiner ständigen Bekundungen, er läge Wert auf eine barrierefreie Kommunikation ohne Titelschranken oder Ängsten vor akademischen Graden. Das war mir Recht, aber ich hätte auch nichts gegen Respekt. Gegenseitig.

Natürlich kann man und frau jetzt sagen: was will die denn? Wenn die schreibt wie ein Huhn mit der Klaue (ein russisches Sprichwort, das ich so natürlich nicht in meiner Arbeit verwendet habe ;)!) .

Es geht aber gar nicht um eine SOLCHE Kritik. Um keine adäquat begründete, in Ruhe besprochene und angeleitete Kritik. Es geht auch nicht um die Chance, die professionell eingeräumt werden sollte, Dinge zu ändern. Die Arbeit, die längst hätte publiziert sein müssen, wurde nicht nur auseinandergenommen mit den übelsten – akademisch ausufernden – Beleidigungen  sondern wurde einer Hilfskraft zur Überarbeitung gegeben. Ohne mein Wissen. Ohne eine Chance das selbst zu übernehmen. Diese „Überarbeitung“ wurde mir von diesem einheimischen Akademiker mit den Worten präsentiert: „Ihre Fassung was in keinster Weise für die Veröffentlichung geeignet!“

Aus 20 Seiten wurden 8 und aus farbenfroher Schilderung, konkreten Darstellungen und feinfühligen Analysen, wurden sperrige Sätze, kantige Formulierungen und Kürzungen, die den Inhalt nicht nur verzerrten sondern ganz einfach falsch im Raum stehen ließen. Von den Fehlern auf grammatischer Ebene, die der erwähnte Akademiker mir gerne vorwirft, schweige ich lieber ganz.

Zum krönenden Abschluss sollte diese Hilfskraft auch noch AutorIn meines Textes werden, da diese ja fleißig daran gefeilt hätte und ihre/seine Arbeit gebührend honoriert werden sollte…
ARGH….!! Wenn ich darüber nachdenke, muss ich immer wieder die Zähne zusammenbeißen.

Meine Wut kanalisierte ich also in die Re-Analyse. Ich las die Texte gegeneinander, die Urfassung von mir und die hübsch-hässliche Version der/des HelferIn. Es tat weh. Bei jedem einzelnen Satz blutete mein Herz. Ich war noch NIE so voller Selbstüberzeugung, was mein selbst-fabriziertes Niederschreiben angeht. Plötzlich fand ich alles, was ich sagte wundervoll und klanglich betörend im Vergleich zum f—-trockenen Gequatsche dieser helfenden Hand.

Ohne mich bin zum Schluss zu quälen fasste ich den Entschluss, meine überflüssige Energie hier auszulassen. Es ist gemein. Und es ist unfair. Und vor allem… ES IST MENSCHLICH!

Aber es ist ein Phänomen, welches beachtet werden sollte! Oftmals werden Hierarchien nicht ausreichend tiefgreifend erfasst und dekonstruiert. Das heißt, wann immer ein solches Normalo-Alltags-Gefühl auftaucht – sei es beim Neider oder bei der Beneideten – wird es schnell identifiziert und abgetan. Dabei lohnt sich diese Betrachtung der Wechselwirkung. Eigenschaften, die uns als Menschen ausmachen, spielen in der alltäglichen Kommunikation DIE entscheidende Rolle. Wenn man mal von den rationalen Geben-und-Nehmen-Gründen und dem kapitalistischen Austausch und Gewinn und Verlust absieht, kommt man und frau schnell zur INTERSEKTIONALITÄT, die uns ALLE in unserem Tun und Lassen strukturiert.

Dass ich als Migrantin über zwei Muttersprachen frei verfügen kann, eine dritte ebenfalls mitschwingt. Dass ich Fuß gefasst habe im wissenschaftlichen Betrieb hierzulande und mit „Einheimischen“ nicht nur mithalte, sondern einige überholt habe. Dass ich nicht nur mit der peer group konkurriere, sondern auch mal mit darüber hinaus reichend…

All DAS ist für die einen ein Grund zur Akzeptanz und frohen Zusammenarbeit. Und für andere ein Grund, mich mit allen Mitteln auf den migrantischen Boden der Tatsachen zurückzuholen. Nämlich den, dass DAS gar nicht sein DARF! Weil es unlogisch ist. Weil es nicht mein Land, nicht meine Sprache ist, nicht mein Milieu, nicht meine Sphäre, nicht mein Wirkkreis…
Autsch…
Über meine Ansicht, dass ich diesem festen Boden nie entflohen bin und stets kritisch mit mir und meiner Umwelt umgehe und keinesfalls jemanden die Show stehlen will, wird nicht gesprochen. Auch nicht darüber, dass mir vieles schwer fällt und auch ich kämpfe. Nicht weniger und nicht mehr als Einheimische. Und überhaupt finde dich diese Trennung von UNS und EUCH krankhaft und schlichtweg BESCHEUERT!! Das Wir kann in meinen Augen so zusammengesetzt werden, wie es jeder/-m gefällt und vor allem, wie es sich richtig für alle anfühlt.

So zähle ich alle möglichen Nationalitäten, Sexualitäten, Kulturalitäten, Altersgruppen u.ä. zu meinem WIR. Und hier geboren oder nicht – das ist mir vollkommen egal.

Um das männlich-einheimische Neidischsein abzurunden: ich gebe nicht auf! Auch wenn ich diese Person nicht belehren kann und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht umstimme, so habe ich es A) hier mit Euch geteilt und B) erhalte ich mir meinen russisch-überragenden Stolz (fürs Klischee ;)!! ).

KF ❤ 

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