Der feine Unterschied: Russische Frauen, hier und da

Wie ich es schon in meiner Selbstbeschreibung ausführlichst beschrieb, versuche ich seit Jahren dieses Geschreibe zu umgehen und es mir mit allen Mitteln zu verbieten. Aber bei Verboten ist so eine Sache: je weniger frau bekommt, desto mehr will sie…
[…]

Die letzten zwei Tage in diesem wechselwarmen Hauptstadtapril machten es mir wieder einmal schwer, DAS nicht zu tun und der traten die Lawine los! Ich MUSS einfach!

Worum es geht? Um russische Frauen. Ich nehme es mir raus über sie und uns zu schreiben und bitte alle um ein Fünkchen Verständnis und ein Augenzwinkern beim Lesen. Meine verallgemeinerte Szenerie soll Euch zum Hinsehen und Nachdenken anregen und nicht globale Debatten untermauern oder erschüttern.

Ich hatte die Ehre mal wieder an einem internationalen Seminar teilzunehmen. International war es, weil daran Menschen aus der Welt teilnahmen, die alle ein Ziel vereint: Kindern aus zweisprachigen Familien im Ausland die russische Mutter- oder Vatersprache beizubringen. Nicht nur einzutrichtern sondern emotional mit den neuesten psychologischen Tricks in die kleinen Köpfe einzupflanzen und so die Kleinen unbemerkt zum Russischsprechen zu animieren.

Erstaunlicher Fakt Nummer 1:

Es waren NUR Frauen, die an diesem endlosen runden Tisch beisammen saßen. Frauen, die alle irgendwie pädagogisch involviert sind. Ich muss leider zugeben, dass unter ihnen viele Pseudo-Lehrerinnen oder Erzieherinnen waren, die sich mit ihrem Schildchen an der Brust überschwänglich professionell vorkamen und ihr in die Höhe ragendes Kinn vor Stolz fast in die nächste Etage ragten… Aber auch ich war nicht unbedingt als Profi dort. Als OUTSIDER WITHIN wie es im feministischen Empirismus gerne betitelt wird.

Erstaunlich war, dass alle renommierten Wissenschaftlerinnen und Verlegerinnen, die dieses Seminar mit ihren Reden und Präsentationen füllten, Frauen waren! Professorinnen der Moskauer Uni, die die ganze Welt bereisten und so herrlich (sorry, für den Androzentrismus-Hauch, für Wortkreationen al á „damen-lich“ ist es hier noch zu früh, aber ich verspreche, sie kommen!) locker drauf waren. Keine Arroganz, keine tot-gebügelten Blazer und Hosenanzüge, keine strikte „Ich und keine sonst“- Attitüde… Kurz: keine Alpha-Weibchen-Selbstdarstellung.

Erstaunlicher Fakt Nummer 2:

Ich knüpfe an: kein Alpha-Verhalten, das die sonst erwartete und erfahrene Arroganz aufgreift und in die Welt trägt. Versteht mich nicht falsch, ich LIEBE selbstbewusste, ehrgeizige und standfeste Frauen in Führungspositionen. Doch im aktuellen Deutschland gibt es dazu – wie jede/r sicher hier und da gehört hat – zahlreiche Stimmen. Und die sind nicht so unproblematisch wie der Auftritt der Wissens-Frauen bei dem Seminar.
A – die gehasste und geliebte Mutter und Hausfrau
B – die mit Männern um den Job konkurrierende Business-Woman
C – die „Ich kann doch einfach alles vereinen weil wir im 21. Jh. leben und läääängst alle Trennungen hinter un haben“ – Idealistin
und vielleicht auch D – die feministische Welt-Verbesserungs-Denkerin, die für die meisten zu wenig Wind in den Flügeln hat, um mehr als Gedanken zu äußern… (uff, bei der Selbstkritik muss ich kurz schnaufen)

Ich als migrantische Feministin, die ihr Leben größtenteils in Berlin verbracht hat, kenne eben diese Typen und das Bisschen, was in den Grauzonen drumherum angesiedelt ist. Aber Russland scheint da anders zu sein. Eine SCHANDE, dass ich das erst jetzt verstehe.

Erstaunlicher Fakt Nummer 3:

Ich knüpfe wieder an: RUSSISCHE FRAUEN haben FEMINISMUS im Blut (vielleicht ja wegen dem noch nicht ausgewaschenen Sozialismus?).

Aber kurz zu meiner Verteidigung: ich bin keine Patriotin. Ich liebe die russische Seele, die russische Natur und die abstrakte Vorstellung vom Zaren-Russland, von Tschechovs und Puschkins, von Dostojewskis und Tolstojs Phantasien und romantischen Geschichten. Da bin ich sicher nicht die einzige und viele Nicht-MigrantInnen teilen diese Vorstellung oder eine, die sich daran anlehnt. Von russischen Menschen, von der dortigen Mentalität und Politik habe ich mich noch nie wirklich mitreißen lassen. Es gibt Zellen meines Körpers, die durch und durch russisch sind und solche, die vor deutscher (bitte verzeiht die Klischees, aber hey! sie sind real ;)! ) Pünktlichkeit und Gründlichkeit strotzen. Und sowieso bin ich kein Fan von dieser dichotomen Teilung zwischen zwei Kulturen.

Was mich also erstaunt, ist dass russische Frauen ALLES zu schaffen scheinen und nicht erst darüber debattieren. Das führt mich zum

Erstaunlichen Fakt Nummer 4:

FEMINISMUS ist nicht gleich FEMINISMUS! Was Laien gern in einen Topf werfen und es hinterher auch noch mit Dreck bedecken ist nicht alles DERSELBE MIST!

NEIN NEIN NEIN

Ich erkläre mich gern: hier in Deutschland ist feministische Literatur des heutigen Tages meist die aus dem US-amerikanischen Raum. Sie wird kritisch gelesen, gern zitiert und gilt als zeitgemäß. Ich schließe mich dieser Ansicht auch an. Viele der AutorInnen haben GROSSES geleistet und die Rolle der Frau aber auch die Rechte der LGBTIs ENORM gestärkt, weil thematisiert und identifiziert.
Dabei scheint alles zu passen: die US-AutorInnen schreiben, die deutschen AkademikerInnen, InteressentInnen, AnhängerInnen etc. lesen und erkennen sich und andere wieder! Dann schreiben auch sie, greifen auf, zitieren und es entsteht das leicht vorstellbare Geflecht der Publikationen. Schwierig wird es durch den Lieblingsgedanken der Migration. Alle westlichen Menschen fließen zu einem Großen und Ganzen zusammen. Alle Frauen. Geografisch schwach wie ich bin, nehme ich russische Frauen jetzt einfach mal unter die Fittiche der West-Welt.
Familie, Kinder, Ehe, Küche und ja, sogar Kirche stecken die russischen Frauen gern in die Aktentasche, während sie sich auf zur Arbeit machen. Schönes Bild. Jaaa, etwas zu viel der Idylle. Aber dennoch: ich verfolge die russische Medienkultur ein wenig und stelle fest, Russland ist weit davon entfernt, dieselben Interessen seitens gender-orientierter AktivistInnen zum allen sichtbaren Thema zu machen. Anfangs fügte ich mich dem rückschrittlichen Bild vom homophoben Russland und allem, was dazu gehört: DU tanzt aus der Reihe? NIEMAND tanzt hier aus der Reihe! und ALLES ist behandelbar oder zumindest zu behandeln.

Aber jetzt dämmert mir die überaus weitreichende feministische Einstellung meiner osteuropäischen oder west-asiatischen Heimat: Frauen TRAGEN unser Mütterchen Russland auf ihren mal schmaleren, mal breiteren Schultern!
Und sie tun es nicht nur still für sich. Männer wissen das. Es ist gemein und traurig, aber ich liebe es zu erwähnen: Männersterblichkeit in Russland. Wer macht alles, wenn der Mann weg, tot oder Säufer ist? STOPP! Es ist ÜBERSPITZT und ich liebe auch russische Männer – alle! Aber es geht hier um uns, liebe Frauen also Obacht!

Also Fazit und erstaunlicher Fakt Nummer 5:

Russische Frauen und westlicher Feminismus sind NICHT ein- und dasselbe! Sie sind nicht einfach übertragbar und darum auch schwer kommunizierbar. Denn russische Frauen würden sich wahrscheinlich wehren und sich nicht alle gleich mit dem Feminismus-Slogan brüsten, sie würden sagen, sie sind gerne Frau, mit allen weiblichen Reizen, die dazu gehören. Sie würden sagen, sie möchten von Männern ge-gentlemaned zu werden, höfiert zu werden, zart berührt zu werden und BLOSS nicht mit harter Arbeit beladen! Ist ein Mann in der Nähe, würde die russische Frau vielleicht sogar zur personifizierten Schwäche mutieren. Aber die russische Frau ist ein sehr starkes Stück, die auch mit Stöckelschuhen, mit 7 cm roten Lacknägeln und Satinstrümpfen Umzugskisten tragen kann, ihre Stimme erheben und – ohne es sich und anderen vorzuhalten – ihre Stellung behaupten kann.

Darum meine Hochachtung und mein innerster, aufrichtigster Respekt an die russischen Frauen. Solche, die wie die Profis in den letzten zwei Tagen von ihren Erkenntnissen, Erfahrungen und Ergebnissen erzählten und kein bisschen überheblich waren – obwohl sie dürften. Sie haben viel erreicht und sind noch nicht am Ende. Neben Kindern, EnkelInnen, Weltreisen und Forschungsaufgaben, schaffen sie es so unbeschwert von Hinz und Kunz (oder wie war das doch gleich?) zu erzählen.

Ganz ohne der Bekennung zum Feminismus, ohne ein „Ich vor euch allen“ und ohne einer demonstrativen Abgrenzung von männlichen Genossen.

Ist das was? Ich finde ja!

KF ❤

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