Taten statt Worte: Eine Tochter tut, was sie tun … muss 

Liebe Leser*innen,liebe Interessierte und Begeisterte, 

liebe Kritiker*innen und Skeptiker*innen, 

kurzum: liebe Alle, die meinen Blog in den Weiten des Internets ausfindig machten, lasen und wiederkehrten, 

Euch allen möchte ich Danke sagen – nicht abschließend, sondern zwischenstationär…

Und a propos stationär: es gibt einen, nicht unfeministischen Grund, warum ich verstummt bin, warum meine Finger nicht zu ihren geliebten Tasten fanden. Naja, Kontakt gab es schon, der war aber meist viel weniger euphorisch und erst recht nicht ganz so optimistisch.

Meine geliebte Mama hat Krebs.

Das ist auch schon die Message. Aber der Rattenschwanz an Konsequenzen, an Abstürzen und Aufschwüngen ist kaum in gewohnt ironische Worte zu fassen. 

Seit etwa 6 Monaten lebe ich den von mir selbst oft bemängelten Klischee-Horror: 

Sie: die starke, unabhängige, alleinerziehende, migrantische Frau, Aktivistin, Helferin, Freundin und natürlich MUTTER.

Ich: ihre älteste Tochter, auch stark und unabhängig, auch aktivistisch und progressiv — 

Überfordert? Ängstlich? Verzweifelt? Verloren? Hilflos? AHNUNGSLOS? 

Das alles fiel von Beginn ihres Leidenswegs flach. Ich hatte zu wirken, zu funktionieren und ich tue es immer noch. 

Als mein Bruder „zerbrach“, wurde ich zu einem 150%-Mensch; nein; zur 200%-Tochter. 

Ich weinte einmal. Als die Diagnose verkündet wurde: ich saß am Rande ihres Krankenhausbetts und hielt mich an ihrem Knie fest. Und ich weinte, zusammen mit ihr. 

10 Minuten ging das. Ab der 11. ratterte bereits mein Kopf: wohin schreiben, wen anrufen, an wen wenden, was übernehmen. Und ganz zentral: wie sie beschützen? Vor dieser Welt, die ihr DAS angetan hatte? Vor all diesen Menschen, die sie nicht schätzten, die ihre Empathie und Mühe missbrauchten. 

Seit dieser 11. Minute erlebte ich Horrortage. Und ich hasse es fast, das so zu beschreiben. Denn den eigentlichen Horror erlebte ja SIE. 

7 Stunden OP, 

30 Tage Intensivstation, 

3 kollabierte Rückfälle 

6 Monate Chemo

… 

24 Stunden Angst

Diese Bilanz kann noch nicht ganz ad acta gelegt werden. Denn auch heute bin ich hier, neben ihr, währen ihr die Chemie literweise in die Halsvene gespritzt wird. 

Ich war jeden Tag da,

Ich habe alles übernommen: die Arbeit, den Außenkontakt, das halbe Leben. 

Ich wusch, ich fütterte, ich pflegte, ich beruhigte sie. Ich putzte ihr die Zähne, ich gebe ihr Spritzen, ich las ihr vor.

Meine Mama liegt da, und ich fühle mich so zerbrechlich. Aber zerbrechen ist keine Option. Zerbrechen ist wohl was für Söhne… 

Ein bisschen Ironie ist hoffentlich erlaubt.

Es ist, wie es hunderte und tausende Feminist*innen so oft beschrieben haben: die Töchter, die ihre Eltern pflegen; die Frauen, die Sorgearbeit leisten. Eine Arbeit, die viel mehr erfordert, als es die, vor dem PC zu sitzen tut. Eine Arbeit, die für selbstverständlich gehalten und als natürlich weibliche abgetan wird. 

Sie ist es nicht. Weder natürlich, noch weiblich, noch umsichtbar. 

Ich fühle mich bestärkter denn je für Feminismus loszuziehen, für eine gerechtere Welt zu kämpfen, zu sprechen und eine solche zu entwerfen! 

Der Kampf meiner Mutter um ihr Leben ist Ansporn der stärksten Sorte: der emotionalen. 

Alternativlos sozusagen. 

Ich liebe sie und ich habe diese Pflicht. Das sagt mir mein Gefühl. Sie ist hier allein. Sie wanderte aus. Sie tat ALLES für uns. 

Die Ärzt*innen sagen, die Ursprünge liegen noch in den Schwangerschaften und Geburten. Ereignisse, ohne die wir nicht auf der Welt wären. Und ohne die sie womöglich in bester Gesundheit verbliebe. Ich sage ja, das Leben ist auch sehr ironisch. 

Wie könnte ich mich nicht um sie kümmern? 

Ich tue es aber nicht nur aufgrund meiner „Natur“. Ich tue es, weil ich weiß, dass es ihr hilft. Dass sie sich geborgen fühlt, dass sie sich entspannt und ganz auf sich konzentriert. 

Lange – wenn nicht schon immer – ein Problem für sie: sie gab immer alles für andere. Tat unmögliche Dinge, damit es Menschen besser haben. Mit ihrer Krankheit sind sie verschwunden. Es ist ja nichts mehr zu holen. 

Auch das, feministisch brisant. Sie fand, sie habe als Frau nicht das Recht, egoistisch zu sein. Sie akzeptierte diese an sie gelegte, und doch nicht zu passen scheinende „Natur“. Sorgende Mutter, liebe Ehefrau, passives Weibchen unterwegs, um es Männern recht zu machen (und so ab und zu gelobt und bewundert zu werden). 

Jetzt lernt sie es neu: sich selbst zu zentrieren, egozentrisch zu sein. Den eigenen Willen ohne einen höheren moralischen Zweck durchzusetzen, bei dem Menschenmassen dahinter stehen. Diesmal ist sie allein – und gerade auf diesem Lernweg begleite ich sie (ich habe schon früh den Egoismus verherrlicht, spätestens seit es meinen spielzeug-kaputtmachenden Bruder gibt). 

Ich bin heute zum ersten Mal in der Position etwas zu geben. Manchmal ist es mein Rat und manchmal ist es nur meine Präsenz, manchmal ist es meine Hand und manchmal mein Organisations- und Kommunikationsgeschick. Es sind die kleinen Dinge, deren Summe den Sinn ausmacht. So leicht hatte sich mir Mathematik noch nie präsentiert… 

Es gäbe noch viel zu erzählen. Aber die klare, aber hochkonzentrierte Infusionsflüssigkeit neigt sich dem Ende zu. Gleich noch anziehen, ins Taxi und ab auf die Couch. Nicht für mich – aber das ist okay. 

Sie soll nur „gesund“ werden, mein Feminismus in Wort und Schrift gönnt sich die Pause, während seine praktische Schwester jeden Tag handelt, forscht, und wirkt und wirkt und wirkt… 

KF

Heiße Höschen, hohe Taillen und jede Menge Sommerschäden

Besser etwas zu spät, als gar nicht. Ich melde mich mit DEEEEM feministischen Aufreger-Thema des Sommers. Ein Dauerbrenner. Und doch: die Netzfeminist*innen toben. Seit Wochen. Gerade als das Thermometer die 40-Grad-Marke brach, brannten auch ein paar Sicherungen durch. Bei Schulleiter*innen im ganzen Land. Der Blitz hatte mal wieder die Mädchen getroffen.

HOTPANTS-VERBOT!

Wer in zu kurzen Höschen zum Unterricht kommt, bekommt zur Strafe ein übergroßes T-Shirt(Kleid) übergestülpt. Jetzt, wo seit ein paar Tagen Schmuddelwetter und eher herbstliche Temperaturen herrschen, ist auch die Debatte ein bisschen ruhiger geworden. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass Ferien sind und die Lehrenden sich diese „Kurz-Geschichten“ nicht länger ansehen müssen. Puh…
Ich will dieses hitzige Ping-Pong-Spiel nicht noch mehr befeuern. Es wurde so viel gesagt und mit so viel – sorry – Mist um sich geschmissen, dass ihn hier (auch ironisch) zu reproduzieren, daneben greifen würde.
Mädchen schon in d er Grundschule zum Sex-Objekt zu stilisieren, sie wissen zu lassen: hey, ihr verführt (mit 7,8,9 oder 10 Jahren) schon eure Umgebung. Nehmt Rücksicht! Sonst…ja was sonst?
Ein T-Shirt zu tragen, was hässlich und groß ist. Who cares? Manche machten sich das sogar zum Wettbewerb. Hätte ich auch so gemacht. In der Schule hatte ich manchmal gar nichts an. Hotpants und bauchfrei. Mancher Lehrer ließ ab und an mal einen Kommentar raus. Guckte auch mal in den Ausschnitt. Diese schwarzen Schafe…ich weiß. Selbst das war damals nicht okay!! Oder eher: das ist es heute. Damals probierten wir viel aus, reizten Grenzen und übertraten sie. Aber meine Klamotten sind doch nicht ich?!

Aber zurück zu meinem eigentlichen Plan: Euch etwas themennahes und –verwandtes zu erzählen.
Zum einen muss ich es kurz loswerden:
DEUTSCHE BEZEICHNUNGEN FÜR KLEIDUNGSSTÜCKE SIND MANCHMAL ECHT DA-NE-BEN!

Warum? Na weil HOTPANTS doch schon sehr viel intendieren. Im Russischen haben wir nur Shorts. Shorts sind kurze Hosen. Oder nicht? Also: Jeansshorts, Boxershorts oder Badeshorts. Also wenn kurze Hosen schon mit dem Adjektiv „hot“ sprich „heiß“ versehen werden, weißt das nicht unbedingt auf das heiße Sommerwetter hin, bei dem frau oder man sich dieses Kleidungsstücks bedient.
Vielleicht sind Kylie Minogues Gold-Pantys so ein Zwischenfall, sexy und aufreizend. Aber auch dabei gilt: jeder ihre eigene Wahl! Ob Gold oder Glitzer, Pailletten oder Leder. Kurze Hosen sind super!
Seit es die kurzen Hosenschwestern regulär zu kaufen gibt – und frau sie sich nicht selber basteln muss, stieß ich genauso regulär Freudenschreie aus. Endlich nicht den Tücken der Miniröcke ausgesetzt sein! Ich lieb(t)e kurze Röckchen und Kleidchen, seeehr kurze waren mir am liebsten. Aber ich merkte auch schnell diesen Druck. Immer musst du aufpassen. Immer richtig sitzen um bloß nicht die Gemüter erregen. Ich habe hier schon von meinen traumatischen Erfahrungen berichtet, wie ich in U- und S-Bahn unangenehmst „überrascht“ wurde, indem mir unbekannte Mitfahrer ihre Hände unter meine kurzen Röcke steckten…
Nun, und damit sind Shorts natürlich ein Segen! Es ist luftig und frisch und verhindert doch das Hand-unter-Rock-Intermezzo. Ich LIEBE kurze Hosen.
Und mal ehrlich: als es in der letzten Woche weder tags- noch nachtsüber unter 25 Grad kalt wurde, war es mir SCHNURZ, ob meine „HOT PANTS“ jemand ins Auge hüpfen. Hauptsache ich konnte mir die Hitze ein wenig erträglicher machen.
Unangenehme Situationen hatte ich lange nicht mehr. Vielleicht liegt das am Thema Nummer zwei, das ich heute niederschreiben möchte: eine Russisch-Amerikanische-Seximus-Freundschaft.
Wer von euch meinte, Russ*innen und US-Amerikaner*innen hätten nur Beef und keinerlei Gemeinsamkeiten, täuscht sich SEHR!
Auch für mich war das ein bisschen seltsam und verstörend. Denn wie auch die Mädchen, waren Frauen hier die Leidtragenden. Naja, manche Frau* hat auch da mitgemischt, wobei die sicherlich den Schrägstrich-Troll verdient hat.
Freundes-Freunde posteten diese Woche über Facebook einen Link einer russichen Pop-Kultur-Forum-Seite, wo ein Autor sich über die ach so grässlichen, Augenkrebs-auslösenden High Waist Shorts an den Pranger stellt. Eigentlich ist es weniger die kurze Klamotte selbst, es sind ihre Trägerinnen.
Während die Seite auf Russisch ist, verweist der Autor dauernd auf ein US-Äquivalent, postet Instagram-Bilder von jungen Frauen oder Katalogfotos von asos und Co. Auf ihnen sind immer wieder hübsche, cis-Fashion-Girls zu sehen, Models, Taylor Swift. Allen gemein sind die High Waist Shorts, die sie draußen und auf der Bühne tragen. Dazu gibt’s ein paar Zitate von US-Hatern, die sich mit dem Diss des russischen „Mode-Kritikers“ verflechten.
Die Frauen, die die kurzen Hosen mit hoher Taille tragen werden beleidigt. Schlicht und direkt. „Wie könnt ihr euch nur so verunstalten, Mädels?“, heißt es da.
Da werden Gespräche zitiert, wo „schöne Frauen“ vorbeilaufen, mit langen Beinen und und und…und dann diese SHORTS! Wie könnt ihr euch das nur antun? Warum? Schlimm anzusehen.
Das Highlight, wodurch es dieses Armutszeugnis von Fashion-Blogs in meine kleine ironische Feminismus-Ecke geschafft hat ist aber folgende Aussage: die High Waist Shorts würden der perfekt Schutz sein gegen Vergewaltiger! Wenn frau die tragen würde, bräuchte sie auch keine Angst mehr zu haben, auf der Straße belästigt zu werden. Niemand würde eine solche Modesünde erregend finden…
WHAT THE FUCKING FUCK?!
Das heißt, wenn ich auf der Straße mit diesen Händen unter dem Rock zu kämpfen habe, sollte ich es schätzen und dankbar sein? Danke, dass ihr meine Weiblichkeit gebührend anerkennt. Danke, dass ihr meinen Körper feiert. Gütige Göttin…
Tja, und so schließen sich zahlreiche Anhänger*innen diesem US-Russ-Textchen an, posten JA’s und AMEN’s. Fügen hinzu: und die langen Hosen mit hoher Taille sind auch Sch****! Dann kommen Frauen, die Röcke mit hohem Bund posten und liebäugelnd fragen: und was ist mit denen? Worauf die nettgemeinten Triebtäter zustimmend nicken: die sind okay (was wohl heißt: in dem könntest du nachts im Park zum Opfer werden! Freu dich!). . .
Bitte verzeiht mir meinen Zynismus. Ich finde sexuelle Gewalt NICHT und UNTER KEINEN UMSTÄNDEN hinnehmbar. Es gibt keine ENTSCHULDIGUNG. Kein JA-ABER und erst recht nicht das VICTIM BLAMING! Wenn aber selbst das nicht mehr reicht, sondern Frauen (und natürlich, verzeiht, liebe alle-Sternchen-wirklich-alle*) auch noch die belästigungs-fördernden Klamotten raussuchen sollen, um sich das „okay“ der Perversen und zutiefst Gestörten einzuholen…das sprengt meinen Ironieradar in 1000 Stücke.

Weniger dramatisch aber auch ein bisschen traurig ist das nächste Sommerthema: der BH.
Ich habe den Dingern abgeschworen. Mit 12 und 13 konnte ich es kaum erwarten, meinen ersten, schönen, spitzenbesetzen BH anzulegen. Ich habe lange gewartet: in der sechsten Klasse waren meine Brüste so sichtbar, dass selbst die 11-jährigen Jungs danach langten. Über ein B-Körbchen kam ich niemals hinaus, aber die Neugier und das — was sonst — gängige Schönheitsideal, die sich räkelnden Schönheiten in reizenden Dessous. Ja, ich wollte auch mal so sein. Weil ich dachte, ich muss.
Meine Mutter war nie die Sorte Frau, die viel Wert auf exklusive Unterwäsche legte. Und darum dauerte es ECHT lange, bis ich mich traute, welche für mich einzufordern.
Ab der 7. bis zum Abi war mein Schrank voll von ihnen: in pink, in gepunktet, mit und ohne Träger. Es schien, nicht mehr möglich, ohne einen BH rauszugehen. Ich habe mich nie gefragt: kommst du nicht auch ohne zurecht? Denn, meine lieben C, D, E-Körbchen und vor allem alle darüber hinaus: mit A oder B war es zumindest für mich jederzeit möglich, BH-los rauf und runter zu springen, ohne dass meine Brust schneller oben oder unten wäre.
Klar, BHs können schön formen und dem manchen so unangenehmen Nippelalarm vorbeugen. Jede darf das selbst entscheiden. Ein besseres Tragegefühl, Sicherheit und was es noch so für Gründe geben kann.
Die meisten nehmen dabei den Trägersalat besonders im Sommer wohlwollend hin. Oder stellen sich die oft hoffnungslose Frage: welchen BH krieg ich unter dieses Kleid? Sieht man in diesem Ausschnitt meinen Balconette? Hab ich auch mal. Dabei lag die Antwort doch barbusig auf der Hand: geh einfach ohne!
Jetzt bin ich seit etwa 3 Jahren ohne BH unterwegs. Mal im Top, mal im Bandeau. Ich möchte keiner Frau*, selbst mit AA oder AAA Körbchen, nicht das Tragen eines BHs absprechen. Ich bin für Chancengleichheit. Aber ich spreche mich ausdrücklich für die Befreiung des Geistes aus. Denn neulich traf ich mich mit meiner guten Freundin. Sie liegt irgendwo zwischen den ersten Buchstaben des Brust-Alphabets. Ohne einen BH sah ich sie noch nie. Sie erzählte mir ihre Geschichte der 40-Grad-Tage: zu Hause war’s unerträglich, draußen – noch schlimmer. Drinnen quengelte das Kind, und der Mann drängte zum Einkauf. Weil auch 5-minütiges Duschen nichts half, hoffte die Familie auf ein laues Lüftchen und verließ ihre Wohnung im Berliner Norden. Weil die Hitze sie träge gemacht hatte, oder weil die Erinnerung a la Festplatte angeschmolzen war, vergaß meine Freundin ihren BH. Naja, so halb: sie merkte es, hätte die Chance eines Nachtrags, und ließ es bleiben.
So, wie die junge Mutter mir das erzählte, klang die Geschichte nach einer Heldinnen-Story: die Überwindung der BeHerrschung. Ihr Mann bemerkte den Fehler – pardon – das Fehlen erst auf der Straße. Er war überrascht. Und er fragte nach: oha! Und: Gott sei Dank. Er lobte! Guter Mann!
Beim Zuhören freute ich mich irgendwie mit, obwohl ich mir auch bescheuert vorkam. Ich hätte sie schütteln sollen und sagen: Liebchen! Du bist super in Form! Es sind 40 Grad! Lass die beiden frei! Atme durch! Entkomme dem Zwang! Warum denn auch nicht?
Aber sie war wohl auch seit Halb-Kinder-Tagen so fixiert auf das weibliche Muss, die BH-Pflicht. Und schließen möchte ich mit einem Zitat, das am schwarzen Brett der Erziehungswissenschaften das Zettelmeer ziert:
SOLLTE ES NICHT WAHLFREIHEIT UND NICHT WALHPFLICHT HEIßEN?

❤ KF

Feministisches Frühlingserwachen und adoleszente Sommernachtsträume

So, wie ich hier daher schreibe, muss es nach einem einheitlichen, in sich stimmigen Bild aussehen: eine, die es wissen will und muss. Eine, die früh für die weibliche Solidarität kämpfte. Eine, die auf den Tisch haute, Rosa verachtete und vielleicht sogar die eine oder andere Protestaktion startete.
Leider falsch. Ich korrigiere und oute mich, früher in einem anderen Team mitgespielt zu haben. Bevor es zu dieser Niederschrift hier kam, ordnete ich meine Gedanken. Ein Jahr bis heute. Wie soll ich alles unter einen Hut bringen? Vielleicht wie Lynda Birke, Feministin und Biologin: wearing two hats?
Mich plagten Schuldgefühle. Zuletzt bei einem Klassentreffen des Abiturjahrgangs. In meinen früh-erwachsenen Jahren dominierte ich. Ich führte Mädchen und kämpfe gegen andere. Ich war überkritisch – mit mir selbst nur heimlich, mit anderen umso offener. Ich scheute mich nicht vor Gemeinheiten, nicht vor Beleidigungen und auch nicht vor selbstgesetzten Bewertungen. Unter dem Label meines Namens wurde gleich mehrere, mich begleitende Freundinnen bezeichnet. Sie fügten sich meinen Ideen und Idealen, mal mehr mal sehr viel weniger freiwillig.
Ich verurteile „leichte“ Altersgenossinnen auf dem Schulhof und wollte doch gleichzeitig mehr männliche Aufmerksamkeit. Egal wie. Ich trug wenig. Eigentlich immer. Im Frühling war ich die erste im Mini. Je kürzer, desto ich.
Göttin sei Dank! – heute kann ich drüber schmunzeln. Die regelmäßig schockierten Gesichter: die Bauch- und Beinfreiheit, die Spitzenunterwäsche. Die Sprüche: wie haben deine Eltern dich so rausgelassen? Zieh dir doch bitte etwas drüber!
Ach ja, und im Endeffekt bin ich selbst ein bisschen verstört: hatte ich doch mit dem Großteil der Jungs meiner Klasse irgendwie irgendwas am Laufen. Und von manchen Verehrer_innen erfuhr ich erst nach dem Abi.
Für manche vielleicht die ganz normale Pubertät. Für andere Horror und Feind jedes Feminismus. Darum auch meine Schuldgefühle: hätte ich überhaupt das Recht die großen emanzipativen Themen für mich zu beanspruchen? Müsste ich nicht erst eine Beichte ablegen?
Aber weil wir Feministinnen uns gern Negatives und Benachteiligtes wieder positiv aneignen und Chancen der Krisen nutzen, wäre hier wohl die beste Gelegenheit dafür. Ich habe nicht aufgehört darüber nachzudenken und ich wollte es noch weniger bei diesem Sackgassen-Dilemma meiner Fiesheit belassen. Also dachte ich weiter. War ich doch so gar nicht feministisch? War da wirklich nichts Empowerndes an mir und meinen Aktionen?
Doch! Und wie ! Und ich bin mir sicher, dass wer sucht, die findet! Wenn ich einen genaueren Blick auf die Schulzeit werfe, war ich nie das schwache Mädchen. Im Sport nahm ich es locker mit den Jungs auf, war sogar oft besser. Für meine Freundinnen setzte ich mich bedingungslos ein. Ungerechtigkeiten – außer denen, die ich selbst in die Welt setzte – ging ich gut und gerne an. Zum Beispiel mit Lehrenden und ungerechten Noten. Die Idee einer höheren Weiblichkeit – so esoterisch das auch klingt – war mir immer nahe. Naturnähe und ein Leben in ihrer Nähe und im Einklang mit ihr. Ökofeminismus war mir schon in ganz frühen Jahren vertraut, auch wenn der Begriff erst viel später Sinn machte. Zu Hause gab es das stereotypische Mädchen-Junge-Ding nicht: mein Bruder war der kleine Weiche, und ich die große Harte. Die, die alles organisiert, plant und umsetzt. Leistung war mein Steckenpferd: in der Schule und im Alltag. Vielleicht sogar viel zu sehr, ich gebe es zu: meine Mutter pflegte es zu sagen, dass von meinem Brüderchen nicht so gute Noten erwartet, wie von mir…weil er ein Junge ist. Dass da ein „WEIL“ dahinter steckte, hat sie wahrscheinlich erst mit meinem heutigen Studium richtig durchdacht. „Weil DU als JUNGE auch ohne zu gute Noten durchkommst“. Übrigens hat mein Bruder mit durchgehend etwas schlechteren Noten DASSELBE Abi gemacht wie ich… „WEIL er ein JUNGE ist!“.

Nun, weiter im Text: ich HABE diese Klamotten getragen und ich wurde oft dafür belächelt oder beurteilt. Manchmal sogar belästigt. Wieder sagte meine Mutter, sie könne nicht mehr ruhig mit mir die Straße entlang  laufen, weil die ganzen Männer mich anstarrten. Aber ich zog es durch. Heute bewundere ich meinen Mut. So, wie ich damals tags und nachts Bahn fuhr und einkaufen ging, würde ich heute auf dem einzigen Prinzip nicht tun: Aufmerksamkeit vermeiden. Frau kommt einfach ruhiger durch den Alltag, wenn nicht 3/4 ihres Körpers nackt sind und der mit den hohen Hacken bei mit 1,80m nicht gerade unscheinbar ist. Mutig ja. Aber nicht nur das: ich war überzeugt, dass ich das Recht dazu habe und dass Klamotten keine Einladung für nichts sind!
Auch wenn ich manchmal mit zweierlei Maß gemessen hatte, waren die Jungsgeschichten nicht gänzlich unemanzipativ. Das ist sicher Auslegungssache. Aber ich fand und finde noch immer: eine Frau darf selbstbestimmt mit ihrer Sexualität umgehen. Und so tat ich es auch. Nicht jeder meiner adoleszenten Lover war ein lang ersehnter Traumprinz. Ich unterschied sehr wohl zwischen Verliebtheit, wenn das Herz flattert und alle Körperhaare sich aufrichten – simultan. Und zwischen dem anderen Gefühl des Verlangens, der jugendlichen Neugier, der Lust auf Abenteuer. Ich wusste, dass keiner meiner Experimentierpartner lange dicht halten würde und früher oder später so manches unnette Wort auf mich treffen würde. Aber ich wusste: ich halte das aus. Weil es mir das wert war. Nach meinen wenigen intensiven liebeserfüllten „festen“ Beziehungen bin ich heute noch mehr an dem Punkt als damals: für die Freiheit, für die freie Wahl und gegen die Fesseln der Monogamie. Warum sich nicht für das „Konzept“ entscheiden, was am besten zu mir – dir – uns passt?
Ich bin längst nicht am Ende meiner feministischen Retrospektiven. Aber vielleicht lohnt sich an dieser Stelle ein Zwischenfazit:

A) Wir können ALLE zu JEDEM Zeitpunkt anfangen, emanzipative Ziele und Hoffnungen zu entwickeln und zu verfolgen. Nicht die Vergangenheit allein entscheidet. Aber sie prägt natürlich und sie macht uns zu denen, die wir sind. Es lohnt sich also nicht, in den Fehlern zu verharren.

Obwohl diese pubertären Jahre uns prägend erscheinen und wichtig für die Bildung unserer Persönlichkeit heute, waren es doch hormonexplosive Zeiten. Emotionen kochten hoch und auch wir waren den (normativen) Einflüssen unserer Umwelt ausgesetzt. Wir lernten viel, aber nicht kritisch zu sein, nicht sensibel zu reflektieren, nicht uns und Zustände infrage zu stellen. Weil es ein schulischen RICHTIG und FALSCH gab. Wie viel selbst erworbenen Feminismus kann man_frau da erwarten? Und wenn ich gerade dabei bin: wer von uns hätte es gewagt, auch wenn er_sie es gewollte hätte, auf kreative und geschlechtersensible Weise einen Aufsatz zu schreiben? A la Bürger*innen, Schüler_innen oder BanknachbarInnen.

B) Die positive (Um)Deutung aus der heutigen Perspektive ist ein Geschenk und eine Chance. Ich habe meine Schuldgefühle neu interpretiert. Ich habe darin sogar eine Menge „Gutes“ gefunden, aus dem ich schöpfen kann. Hätte ich diese Erfahrungen nicht gemacht, wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Und ich LIEBE meinen heutigen Standpunkt. Ich bin froh und weiß um meinen privilegierten Zustand und Zugang zu Wissen, zu reichen Quellen, und bewundernswerten Dozent_innen.

Jedes Potenzial ist nutzbar, brauchbar und wunderbar! Ich hoffe, mein kleiner Ausflug back to the past erfüllt ein bisschen was an Zweck und sagt das, was ich sagen will: es gibt keinen stagnierenden Zustand. Unser Dasein ist ein Prozess. Und unsere Einstellungen und Prämissen sind es ebenso. Nur wer einst eine Idee gut fand, muss und kann auch gar nicht immer und ewig auf und in diesen verharren. Das, was in der Schule galt ist in der Uni nicht mehr haltbar und erst recht nicht im Berufsalltag. Ich bin keine Verfechterin von Linearität und Wachstumsentwicklungsphantasien. Gern gestehe ich, dass die Anhäufung von Erfahrungen durchaus mit dem Alter erfolgt… so viel zu meiner „Altersweisheit“ mit 27 :)…

❤ KF

Bad Russian

Eine weise und zugegebenermaßen manchmal angsteinflößende Frau und Dozentin sagte uns einst: normative Titel und Thesen sind okay, solange frau sich dieser bewusst ist und sie auch als solche markant reflektiert.
Reflexion ist das Zauberwort der Gender Studies. Und auch ich liebe es, tagein tagaus vor mich hin zu reflektieren. Niemals hätte ich in der 4. Klasse beim Radfahrunterricht und der dazugehörigen Sachkunde-Theorie gedacht, dass ich einmal zum menschlichen Reflektor mutieren würde.
Aber Spaß und ironische Prise bei Seite: es geht um etwas Ernstes – um Russ_innen. Wahrscheinlich müsste ich sogar auf jegliche Gendergerechtigkeit verzichten und „Russen“ sagen. So ernst ist es.
Zwei Situationen in den letzten zehn Tagen haben mich wütend, traurig und ganz besonders schrecklich: beschämt gestimmt. Es ist offiziell: ich schäme mich für meine Landsleute.
Nicht für alle natürlich, nur für die „Bad Russians“. Achtung! Normativität! Vorsicht! Wertung!
Wer schlecht und wer gut ist, darf und soll jede_r selbst gern entscheiden, es leben, es träumen und naja, klar, auch mal darüber reden. Schlecht finde ich dagegen, wenn so Kinder erzogen werden, wenn neue „Bad’s“ rekrutiert und akquiriert werden. Wenn Propaganda zur Norm wird. Zur Heteronorm.
Denn dann ist es nicht mehr dieses „Man wird das ja wohl noch sagen dürfen!“. Es ist Ausschluss. Es ist Diskriminierung. Und es ist Folter.
Ein wirklich bewundernswerter Verein „Quarteere e.V.“, der sich gegen Homophobie und für Menschenrechte einsetzt initiierte mit Amnesty International eine kleine Uni-Film-Session. Wir sahen „They hate me in vain“ von Yulia Matsiy. Sie – eine russische Aktivistin, die in Italien lebt (notgedrungen, so schätze ich) und 2013 diese Dokumentation über junge, russische LGBTIQ*-Christ_innen gedreht hat. Es gab keine Triggerwarnung und mein Gendergespür sagte mir, dass die nach dem Film dringend von einigen eingefordert wird. Der Inhalt ist hart. Nichts für zarte traditionelle Gemüter und besonders schwer für Betroffene. Mich überrollten Wellen von glühender Scham, von Hass aufs eigene Volk, dann wieder Scham und dann irgendwann setzte die Taubheit ein. Als meine Begleitung und ich den Hörsaal verließen, waren wir stumm. Zwei Russ_innen, zwei Deutsche, zwei In-Betweens. Wir liefen nebeneinander her und wussten nicht, wie wir anfangen sollten. Womit und warum?
Dann brach es aus uns heraus. Ich begann. Ich sagte: „Ich schäme mich so für mein Land“. Aber natürlich meinte ich die „Bad Russians“. Heute – nach knapp einer Woche – knabbere ich immer noch an diesem Gefühlstsunami. Ich liebe Mütterchen Russland. Ich kann nicht anders, wirklich. Wenn ich russische Folklore sehe/höre/spüre/schmecke, singt meine russische Seele. So ist es! Ich bin längst keine Russin mehr, ich bin auch keine Deutsche. Das übliche Spiel in uns, die wir hierzulande aufwachsen und (!!!) dieses Privileg hoch und heilig sprechen.

Es kommt nicht oft vor, dass ich universitär Landsmenschen über den Weg laufe. In den Gender Studies sind sie an höchstens zwei Händen abzuzählen. Bedauerlich, ja. Das zeigt aber auch mein Dilemma: ich will etwas tun! Denn es bestätigt sich in der russischsprachigen Diaspora genau dieses Bild: Gender Studies – nein danke! Ideologie! Homo-Angriff! Zerstörung der Familienwerte! So ähnlich, wie die besorgten Eltern in BaWü, nur aggressiver und – a la russe – siegessicher!
Es ist das Dilemma meines Lebens. Ich kann es nicht verstehen, wie Menschen andere Menschen dafür hassen können, dass sie anders leben. Und: warum sie sie bestrafen wollen. Bekehren oder heilen. Wenn sie doch gar nicht davon betroffen sind?
Die Gesetze gegen homosexuelle Propaganda (die bei öffentlichem Händchenhalten von gleichgeschlechtlichen Paaren beginnt) sind allen sicherlich ein Begriff. Sie sind auch der Grund, warum „They hate me in vain“ nicht in Russland gezeigt werden darf. Verstoß gegen das Gesetz. Auch Amnesty muss sich zurückziehen – wegen Gefährdung der Verfassung.
Im Film sind Demütigungen des Alltags zu sehen: 13-jährige Jungs, die von größeren geschlagen werden, die T-Shirts mit brutalen Outing-Parolen angezogen bekommen und damit durch die Straßen gejagt werden, junge Männer, die auf offener Straße lächerlich gemacht werden – auf die menschenunwürdigste Weise… Diese Privataufnahmen sind im russischen „Facebook“-Abklatsch vk.com allen zugänglich. Sie sollen bekehren und abschrecken. Es sind selbsternannte „Schwulenheiler“ oder „Retter“, die glauben, etwas Gutes zu tun. Manche sogar im Namen Gottes. (Als wenn in ihrem_seinen Namen nicht schon genug Unheil über die Welt gebracht wird)
Und da gibt es natürlich die Aktivist_innen, die heimlich aber sicher LGBTIQ*-Gottesdienste abhalten, an denen ALLE teilnehmen dürfen. Mütter, die zusammen eine Tochter aufziehen. Transindente Menschen, die sich offen im Café zeigen und sehr, sehr viele Demonstrant_innen. Sie verdienen Anerkennung. Klar! Aber sie sind so wenige und sie leben so gefährlich. Zum Hass auf Schwule und Lesben, auf „Abweichler_innen“ und „Kranke“, kommt der Fremdenhass, der Rassismus. Gnade der_dem, die für sich zwei der verhassten Kategorien beanspruchen…
Da waren gerade mal drei Tage vergangen, die Taubheit war noch deutlich spürbar: was tun? Was liegt in meiner Macht? Russland gilt als sicheres Land und Asyl aufgrund der sexuellen Orientierung in Deutschland zu bekommen ist fast aussichtslos. Einfacher sei es in Spanien und Kanada, meinen die Expert_innen bei der Filmsession…
…drei Tage also, und die nächste Gesichts-Klatsche. Ein junges befreundetes Paar, er etwa 30, sie um die 22, schwanger im etwa 4. Monat. Er seit etwa 13 Jahren hier, sie kürzlich eingeflogen. Aus Russland. Verheiratet. Selbstständige Unternehmer_innen. Tüchtig. Talentiert. Intolerant. Bei einem wunderbaren Fest, das den ersten Geburtstag eines kleinen Sonnenscheins würdigt, dessen Begehren noch auf Mama und Papa beschränkt ist, haben sich die beiden Tüchtig-Intoleranten geoutet. Als schwerst homophob.
Ich möchte nicht wörtlich reproduzieren, was BEIDE zu schwul lebenden Menschen sagten, wie sie sie bezeichneten. Was ich aber sagen werde, ist deren „Hauptsache er (auf den Bauch zeigend) wird keine Schwuchtel“. Autsch. Krank wäre das. Gegen die Natur. Menschen sind da, um sich zu vermehren. Noch autscher.
„Gehet hin und mehret euch“ übrigens verweist weder auf eine Ehe, noch auf eine monogame Partnerschaft, noch auf Mutter- und Vaterrollenbestimmungen. Und: es verweist erst recht nicht auf Sexualität. Vermehren kann ich mich auch wenn ich Frauen liebe. Punkt.
Von moderner Wissenschaft, Reproduktionsmedizin und so weiter fange ich gar nicht erst an. Die ist doch gottgewollt? Von der Natur? Weil: Mensch -> Gehirn -> Entwicklung -> Neuentdeckung?
Ich bin übrigens auch im Aus gelandet bei diesen Tüchtigen: ich will keine Kinder – GEGEN DIE NATUR! Peitsch.
Was mich am meisten ärgert, ist dass diese beiden hier leben und arbeiten. Ihre Kundschaft, ihre Käufer_innen leben geschätzt zu mindestens 50% nicht traditionell. Es geht um Hipster-Lifestyle und den leben nicht immer nur die Erzkonservativen. Oder? Ich erlaube mir auch hier ein bisschen Wertung und Spekulation und bitte mir nicht zuzustimmen, wenn es nicht einleuchtend erscheint. Für das Paar ist es egal, wer kauft, solange das Geld fließt. Mit Homosexualität konfrontiert zu werden – ein No-Go!
Als diese Szenerie vor sich ging, schweifte ich plötzlich ab. Ich sah ihr Kind, das immer nur Homo-Hass mitbekommt. Falsch sei es und unmöglich für sie/ihn! Wenn gerade dieses Kind sich doch anders fühlt,anders ist als seine Eltern, wird es dann zu ihnen kommen damit? Wo holt es sich Rat? Wo Beistand? Wie kann dieses Kind sich „richtig“ und „gut“ fühlen, wenn seine Eltern doch solche „Bad Russians“ sind?…

❤ KF

Von Vorbildern und Vorlagen

Ich hasse Vorlagen. Also, Blaupausen. Kopien. Plagiate. Nachmachereien.

Und weil mich dieses Gefühl heute wieder eingeholt hat, hole ich – wie so oft – in der tiefen russischen Kindheit aus.
Mit 3 bekam ich mein erstes ernst zu nehmendes Malbuch. Aus-mal-buch.
Meine russische Eltern in den frühen Neunzigern waren ziemlich verbissen, wenn es um die kreative Frühentwicklung ging. Es wurde getöpfert, schön-geschrieben (ja, mit 3 schon), sich ästhetisch gegeben und noch ästhetischer angezogen. Gemalt wurde auch.
Ich malte Aquarelle, Buntstiftbilder und leckte Filzstifte an, wenn die ihren Geist unter meinen zarten Kinderhänden aufgaben. Im Gegensatz zu allem anderen von mir Verlangten, malte ich gern. Mit Lust und Leidenschaft. Warum dann dieses amateurhafte Mal-Buch? Mein früher Hass hatte zwei Gesichter: zum einen fühlte ich mich in meiner eigenen Expressivität eingeschränkt. Schließlich MUSST du dem, was so ein Mal-Buch hergibt bedingungslos folgen. Oder danebenmalen, über den Rand. Dieses Vergehen könnte ich mir niemals leisten. Ich war brav und ordentlich, korrekt und regelachtend.
Zum anderen gab es die neidische Seite: da konnte jemand so schöne Bilder malen, die mich scheinbar aus diesem Buch heraus auslachten. Sie schienen zu sagen: Du kannst das nicht! Gib es auf!
Und ich hasste es auch aufzugeben.
Das Aus-Mal-Buch und ich wurden keine Freundinnen. Ich zerstörte es nicht, ich legte es erhobenen Hauptes weg. Wie gut, dass in einem Jahr mein Bruder kam und die Gräueltaten, denen ich mich versagte, nachholte. Also über den Rand und so.
Die Zeit lief und ich lernte tatsächlich dazu. Noch nicht Mal-Buch-reif, aber zum Beispiel tierisch erkennbar: die Katze, der Elefant, das Eichhörnchen (das mich am längsten beschäftigte mit seinem buschigen, schwer erfassbaren Puschelschwanz).
Dann kam mein Vater mit diesen schwarzen Schreibmaschinenkohlebögen. Wenn man darunter ein weißes Blatt legte und über das ganze dann ein Buch, eine Zeitschrift, ein Bild Eurer Wahl, das dann umrandete, kam eine vollwertige Kopie dieser VORLAGE auf dem weißen Blatt an. Eine selbstkopierte Ausmalseite. Eine perfekte Kopie.
Technisch war ich davon gefesselt: endlich könnte ich das aufs Papier bringen, was es noch nicht gab. Zumindest nicht gemalt. Ich würde keinem Mal-Buch folgen, sondern selbst eins machen.
In ein paar Tagen wurde mir klar: ich hasse Blaupausen. Das war wieder so ein Fake, ein Betrug an mir selbst. Wann immer ich mich selbst anlüge – auch noch heute – streikt etwas in mir. Das Kohledingsdapapier musste weg.
In der Schule dasselbe Szenario: diese vorgefertigten Basteleien. Statt Phantasie brauchte es nur ein wenig Scheren-Geschick und eine feine Klebetechnik. Und fertig waren sie, die Bären-, Stern- oder Laternenklone. Malten wir ein a) Aquarium, b) einen Winterwald oder c) einen Gewitterhimmel, hingen hinterher 25 identische Arbeiten. Mich wundert es, wie meine Klassenkamerad_innen es damals schafften, Phrasen wie „Ohh, deins sieht aber schön aus“ oder „Welches findest du am besten?“ von sich zu geben und sie völlig ernst zu meinen.
Sich selbst zu entfalten war selten möglich. Und wenn, war auch das mit einer Vorlage verbunden, an die sich seltsamerweise alle am Ende doch zu halten schienen. Der frühe Drang zum Kopieren. Eine Sozialisationsgeschichte mit Konditionierungsfolge.
Das „Abmalen“ wurde zum Ziel und zum Vergehen zugleich. Nachmachen war erwünscht und verpönt.
Martha Nussbaum schreibt, dass Neid und Nacheifern nahe Verwandte seien. Neid geht einfach mit ein bisschen mehr Schadenfreude einher und Nacheifern kann sogar motivieren. Ihr Beispiel sind Schulkinder. Die einen sind neidisch auf die guten Noten der anderen und hassen sie dafür. Sie verurteilen deren Erfolg, ohne positive Konsequenz für sich oder die Rival_innen. Die nacheifernden Kids bewundern die guten Noten der anderen und sehnen sich danach, auch in dieser Liga mitzumischen. Darum könnte es sogar sein, dass sich die Nacheiferer mehr anstrengen, um mehr zu erreichen. Ziemlich banal, und ziemlich ideal(-typisch).
Frau Nussbaum vergisst natürlich auch die Eifersucht nicht, die ebenso in die schrecklich nette Familie der Neid’s gehört.

***

Ich halte über-über-überhaupt nichts von Eifersucht. Das habe ich schon öfter betont. Nicht im Sinne von „ich höre gar nicht zu la-la-la“, sondern für mich, als emotionale Regung. Ich streite Eifersucht nicht ab. Ich akzeptiere ihre Existenz. Nur verurteile ich sie gern mal und noch gerner nehme ich sie auseinander – analytisch-hosentaschen-psychologisch.
Ebenso ihre Mutter, den Neid und den halb-so-missratenen Bruder Nacheifer.

***

Wohin uns diese Geschichte führt? Zurück zum Ausgangspunkt: warum ich Vorlagen hasse.
Der Kreis schließt sich (zumindest in meinen heutigen wirren Sonntagsgedanken). Wie oft wird dieser Tage über „gute“ und „schlechte“ Vorbilder gesprochen. Diese vermeintlich sexistische und unzumutbare Modellsendung, der neue alte Hang zum XL-Model, die Akne-entblößenden Youtube-Mädels. Diese role models hätten Verantwortung. Sie müssten sich schämen/trauen/zurückhalten/(usw usw). Vorbilder scheinen gut und schlecht zu wirken. Uns herausfordern, unterstützen und auch mal ins Verderben stürzen. Klar, die allerersten Vorbilder sehen uns am Tag eins nach der Geburt und schütteln mit Rassel und Milchpumpe über unserem Kinderbettchen. Was diese Leute machen, machen wir gerne nach. „Ganz natürlich“.
Dann kommen die peers, die Klassenfreund_innen, die Volleyballmitstreiter_innen.
Wir lernen voneinander indem wir kopieren. Wir versuchen es zumindest. Die Grenze zwischen Neid und Ich-will-so-sein-wie-sie ist gaaaaaaanz schweeeer nachzuziehen.
Wofür, frage ich, brauchen wir dann diese Vor-Bilder? Die uns sehr viel öfter traurig machen. Denn auch wenn es heißt, dass besser Kopiertes dem schlechten selbst Gemachten vorzuziehen ist, zeigt das wahre Leben, dass wir NIEMALS „so-sein-werden“, wie jemand anders. Nicht mal die Barbie-Frauen, die aufgehört haben zu zählen, wie oft das Skalpell sie ihrem Vor-Bild aus Plastik näherbrachte.
Wenn ich heute noch male, spüre ich es sofort: ich hasse Vor-lagen. Es wäre so leicht etwas zu googlen. Ein Foto. Ein Vor-Bild. Abmalen. Fertig. Ich tue es nicht. Stattdessen gilt bei mir auch nach fast-nicht-bestandenen Arbeiten: ich mache es lieber selbst schlecht, als gut zu kopieren. Sturköpfig, aber ehrlich. Ich hasse ganz einfach Vor-Lagen. „Lies doch mal eine andere Arbeit, damit du weißt, wie das geht“. Nö.
Vom Malen breitete sich dieses Hate-Phänomen auf das Schreiben aus. Ein Soziologiedozent von mir sagte mal am Anfang meines Studiums, er hätte mit der Zeit den Schreibstil seines Lieblingstheoretikers übernommen. Pah! Als ob DAS möglich wäre!

Und so bin ich überzeugt: dass wir dazu getrimmt werden, Vor-bilder und Vor-lagen zu nutzen und zu brauchen. Es ist ein Problem, das bei näherem Hinsehen ein selbstgemachtes ist. Es hindert uns an der freien Entfaltung. Es beschneidet unsere Kreativität und sperrt unsere eigene Phantasie in „richtig“ oder „falsch“ Boxen. Aber die sind nicht so fest verschlossen, wie man glaubt. Ein kleiner Sturz genügt, und alles fällt heraus. Was nun? Ich sage: öfter mal fallen lassen!


KF

Persönliches zum Öffentlichen

Ich bin ein solches Mädchen: ich muss immer und überall das stille Örtchen aufsuchen. Ich trinke eben viel Wasser und meine Blase hält nicht so viel aus, wie ich.
Das ist ja eigentlich auch in Ordnung.
In Deutschland ist es wunderbar. Und würde ich es mit Russland vergleichen (weil ich das kann – bei anderen Ländern lasse ich Einheimischen den kritischen Vortritt), gäbe es wenig zu meckern. Meine Mutter lernt immer noch um. Sie erzählte mir, wie sie es chronisch krampfhaft vermied, unterwegs zu trinken. Beim Einkaufen, beim Hin- und Herfahren. Trinken ging nur a) auf Arbeit, b) zu Hause. Sie hatte Angst. Denn draußen zu müssen, kann nicht nur unbequem sein, sondern auch gefährlich. Für Frauen im Gebüsch oder im Hinterhof ist die Pinkel-Situation nicht gerade rosig.
Vielleicht besuchen sich Russ_innen so gern. In den eigenen vier Wänden ist es wenigstens sicher, dass frau es rechtzeitig ins Bad schafft. Da stellte sich nicht die Frage „Wie sieht’s da aus“ sondern „Gibt’s eine Alternative zum Gebüsch“.
Es gibt unzählige feministische Zwischenrufe und Kummerkästen – hier – die Männer* beneiden (weil: im Stehen pinkeln, überall und jederzeit) oder Verbesserungen für Frauen* fordern (weil: vieeeel mehr zu machen von monatlichem Ärgernis bis Babywickeln). Für mich ist jeder dieser Beiträge ein Segen! Ich freue mich, dass ENDLICH darüber gesprochen wird. Endlich wird ausgesprochen, was sonst im Stillen verbleibt. Nur weil es ein solches Örtchen sein soll, muss nicht darüber geschwiegen werden. Oder?
Und jetzt ein kurzer Trip in die Kindheit: wer war mit Euch auf der Toilette? Bis zu einem gewissen Alter war es doch die Mutter. Mütter nehmen auch heute meiner Erfahrung nach ihre Kids mit aufs WC.
Ich habe einiges zu sagen und habe mir ausnahmsweise mal eine Struktur überlegt, die ich jetzt schon härtestens vernachlässige. Also erst mal eine Einordnung meines kritischen O-Tons:

1. Ich denke an Goffman (mal wieder). Er beschrieb die „Restrooms“ der 50er, wo Frauen sich zu zweit oder in Grüppchen zurückzogen. Das gehörte für ihn zum weiblichen Rollenmuster. In einem solchen Restroom, einem Chill-out-Raum, einem Schmink-und-Rauch-Salon, einem WC, einem Klatsch-und-Tratsch-Zimmer war es gemütlich, sauber und so angenehm, dass frau sich da auch gerne aufhielt. In welchem vielbesuchten Café gibt’s das heute?

Klar wäre der Einwand berechtigt, es gäbe eben doch so hübsche, neue, gut geplante und luxuriöse Toiletten. In Clubs zum Beispiel. Oder in Hotels. In Schicki-Micki-Restaurants. Manchmal sogar in „easy going“ Hipster-Cafes. Das ist jetzt eine subjektive Sicht auf Berlins Mitte und seinen Rand. Vielleicht sollte man einen Tumblr starten mit fotografischen Zeugnissen von besonders gelungenen und besonders…naja, un-ansehnlichen Exemplaren.

2. Meine These: würde frau sich zuerst das stille Örtchen einer öffentlichen Einrichtung ansehen bzw. ein solches besuchen, würde sie es sich häufig anders überlegen. Und: nicht in diesem Lokal speisen, trinken, tanzen. Mir ginge es so. Nur leider besucht frau das WC erst wenn die Not groß ist.

3. Und warum zur Hölle heißt es NOTdurft? Es ist doch keine Not! Es ist das natürlichste Bedürfnis. Es ist das humanste am Menschen. Das Lebensnotwendigste. Die NOT wäre GROß, wenn diese „NOTdurft“ eben NICHT verrichtet werden könnte. Also WARUM!?

4. Es gibt wirklich eine Diskrepanz zwischen Männer- und Frauen-WCs, wenn diese denn getrennt sind, und keine Unisextoiletten (Schönes Beispiel gibt’s im Schwulen* Museum). Bei Männern gibgs meistens Pissoirs und Kabinen. Bei Frauen nur Kabinen. Oder eine. Das ist unfair. Nicht nur zahlenmäßig. Mit Natur hat das nichts zu tun. Dann können Männer halt stehen. Kein Grund für Neid. Aber auch keiner für Diskriminierung.
Denn: Frauen haben OFT mehr zu „tun“ auf dem Klo. Es ist nicht immer eine Sache von 10 Sekunden. Wir wissen das, ihr wisst das – also?! Dann ist auch der Platz entscheidend. Nicht nur, dass es wirklich und wahrhaftig öfter vorkommt, dass Frauen* mit Sack und Pack unterwegs sind und sich samt Tasche erst entkleiden müssen und das schlichtweg nicht können. Fehlende Haken, mangelnder Platz. Blöd.
Und es gibt die Kinder(wagen).
Ganz im Ernst. Ich weine nie. Aber als kürzlich eine enge Freundin und Mutter eines Einjährigen mir erzählte, welche Horror-Toiletten-Erfahrung sie machen musste, füllten sich meine Augen bis zum Anschlag. Sie, unterwegs, allein mit Kinderwagen. Bezirksamt. Eines der vielen in Berlin. Sie muss mal. Was tun? Es gibt keine Chance das Söhnchen irgendwo zu lassen. Sie versucht, den Wagen mit in die Kabine zu schieben und scheitert. Die Behindertentoilette ist zu. Sie sucht eine Angestellte, fragt nach dem Schlüssel, erklärt die missliche Lage. Die Bezirksamtdame stellt sich quer: „Nö, Sie sind ja nicht behindert!“
WHAT THE FUUUCK?
Meine Mutter irrt in ihrer Verzweiflung umher bis sie auf noch eine Bezirksamtdame trifft, die ihr etwas mehr weibliche Solidarität entgegen bringt. Am Ende geht alles gut aus. Sie darf die große, barrierefreie Behindertentoilette nutzen. Mit dem Einwand der „ersten“ Dame: „Wenn ein Behinderter kommt, hole ich Sie da persönlich raus!“
Schrecklich. Ich werde jetzt der „ersten“ Dame nicht einen latenten Rassismus unterstellen. Aber entscheidet selbst. Meine Freundin spricht ein akzentreiches Deutsch, weil sie erst zwei Jahre hier wohnt. Hier stehen ja alle Kopf – wegen den Flüchtlingen.

Und ich hab auch eine WC-Geschichte: in meinem Stamm-Café ist seit Monaten (!!!) die Toilettentür defekt. Es gib ein kleines WC. Für Frauen* nur eine winzige Kabine, wo ich als relativ schmale Person (mit Tasche) mich reinquetschen muss. Seit Monaten hängt das Schild: Sorry, die Tür geht nicht richtig zu. Jetzt hat sich jemand dazu geäußert: „Wie wär’s mal mir Reparieren, wenn ich 4 Euro für meinen Kaffee zahle?“ Ach ja, und hat wohl auch gleich den halben Türrahmen rausgerissen. Damit es deutlicher wird: hier muss was passieren. Seit dem war ich nicht mehr da. Ich traue mich nicht dort zu trinken. Es könnte ja sein, dass ich auf Klo muss. Und das ist defekt. Und bei den Männern? Alles tip top mit Pissoir und intakter Kabinentür. Die (barrierefreie) Behindertenoption ist nicht vorhanden.

Nicht okay! Nicht okay…


KF

P.S. Müssen wir uns wirklich diese Gedanken machen? Müssen wir uns wirklich fürchten? Vor dem Toilettengang? In der TU gibt es regelmäßig Übergriffe auf Frauen* in den WCs. Oft sind die Toiletten irgendwo tief unten oder hoch oben. Ohne Schutz. Ohne Hilfe. Wenn wir 4 Euro für den Kaffee zahlen, warum müssen wir dann verdreckte und defekte Toiletten in Kauf nehmen?
Und natürlich sollten wir uns auch an die eigene Nase fassen: wie gehen wir um mit den stillen Örtchen in fremden Lokalitäten? Denken wir an die Nächste?
Also Jungs* und Mädels*: SOLIDARITÄT muss bis zum Unsichtbaren reichen! Denn diese NOTDURFT ist eine Notwendigkeit und muss von allen gebührend gewürdigt werden – auch untereinander!

Kein graues Mäuschen

Vielleicht passe ich nicht in die aufregenden Statistiken und Umfragen. Vielleicht habe ich zu viel gedacht, gesehen und gefühlt. Vielleicht haut mich das Bisschen Grau-Schattierung nicht gleich aus den Socken. Und vielleicht ist ein bisschen Haut und Haue gar nicht so verwerflich – im gegenseitigen Einverständnis.

Vielleicht.

Bei einem bin ich mir aber absolut sicher (nachdem ich aus Recherchezwecken und Selbstexperiment allein in höchst konzentrierter Sitzhaltung 50 Shades of Grey gesehen habe): meine Identifikationsfigur ist Christian Grey. Dazu bekenne ich mich gern.
Diese verwunderliche und irgendwie spannend-überraschende Erkenntnis trieb mich aber in kürzester Zeit in brutal-verzwickte Gedankenlabyrinthe: was heißt dieses Rausfallen aus der Statistik? Wenn Frauen sich danach sehen, einen dominanten Mann, der weiß, was er wie haben will (und besonders, wie er DICH haben will), an ihrer Seite zu haben, ist das nach ein paar erhitzten Gemütern okay. Da wird diskutiert: ist der Feminismus dahin? Haben wir denn alle umsonst gekämpft? Was nützt uns das Gender-Mainstreaming-Gedöns, wenn die Ladies am Ende doch wieder in diese alte, passive Unterwerfungsrolle schlüpfen?

Die Antwort der BDSM-er_innen wäre sicher softer: jeder/m ihr/sein Fetisch! Alles kann, nichts muss. Alles Verhandlungssache. Gegenseitiges Vertrauen und strikte Regelbefolgung – darum geht es. Geschlecht kommt danach. Es gibt ja schließlich genug dominante weibliche Personen in der Sphäre und passive (submissive) Männer.

Ich stimme zu. Regeln sind wichtig, besonders wenn es um die gegenseitige Wunschbefriedigung, Erfüllung geht.

Nun bin ich keine BDSM-erin. Dass ich ein paar Eckpunkte kenne, liegt nicht zuletzt an meiner Lektüre von Clarisse Thorns hübschen Büchern. Sie ist die Expertin.
Trotzdem steht das fest: Christian Grey ist total mein Fall. Seine, für viele abnorme oder soziopathische, Art entspricht der meinen. Für mich gab es keinen Moment, in dem ich mich in die weibliche Hauptrolle der Anastasia Steele fühlte. Ihr Denken, ihr Handeln war für mich eher naiv und klischeehaft. Er – sicher nicht stereotypfrei – war für mich nachvollziehbar, ansprechend. Nicht im attraktiven Sinn, nicht als potenzieller Partner. Sondern als Identifikationsfigur.

Ich könnte es gut sein lassen. Und einfach weiter an meinen Gender-Theorien nagen. Wenn da nicht dieses störende Etwas geblieben wäre: warum finde ich es nicht unproblematisch, sich mit Mr. Grey als Frau zu identifizieren? Ich horchte in mich hinein.

Es ist so:
Ich war immer schon ein eher besitzergreifendes, kontrollliebendes Kind. Ich kontrollierte alles: das Spielen, die Verteilung von Spielzeug, stellte Regeln auf und sorgte dafür, dass mein jüngerer Bruder und meine Freund_innen sie befolgten. Wenn das nicht klappte, war es mein Verlust. Meine Niederlage.
Ich fuhr trotzdem gut damit. Es war eben mein Charakter, meine Art. Aber dann kam die Pubertät. Diese draufgängerische dominante Herangehensweise war plötzlich scheinbar unweiblich. Ich sah, wie die Jungs „weiblichere“ Mädchen umgarnten. Natürlich konnte ich mir das erklären: die Jungs im selben Alter haben selbst noch massig Selbstfindungsprobleme. Männlichkeitsideale sind auch nicht so leicht zu erreichen. Und: sie müssen erst gesucht und bestätigt werden. Am besten sieht man sie in Abgrenzung. Zu „anderen“ Jungs („den Falschen“) und Mädchen eben.
Aber wie es so schön-schrecklich ist mit Geschlechterklischees, man kann sie kennen und dennoch reinfallen. Und ich fing an, an meiner neuen passiveren Rolle zu feilen: ein bisschen weniger strenge Töne, weniger Kontrolle…
Dann ging es los. Das „starke“ Geschlecht traute sich an mich heran. Und ich war happy. Für ein paar Monate.
Denn was mir nicht klar war bei der Erkundung meines subalternen Ichs: das Wahre sucht sich ein Ventil.
In meinen ersten Beziehungen dachte ich, alles unter Kontrolle halten zu können und immer (nachts wie tags) das brave, unterwürfige Mädchen spielen zu können. Ein solches, das Hilfe braucht und die starken Arme des edlen Ritters. Nun, es scheiterte nicht nur am Ritter. Denn Passivität ist so gar nicht mein Fall.
Es scheiterte. Aus heutiger Sicht war es ein Glücksfall. Aber ich steckte mitten im Dilemma: werde ich mich ganz bewusst gegen das Weiblichkeitsideal entscheiden und mein dominantes Ich entfesseln? Klingt eigentlich einfach. Das spielte sich allerdings bevor ich mich zum Feminismus bekennen konnte.
Was mit einer dominanten Frau einherkommt, ist zwangsläufig ein verändertes Rollenverständnis in weiteren Verbindungen. Ich fragte mich, welchen Partner ich mir an meiner Seite wünsche. Und auch das war klar: er müsste mich dennoch dominieren können. Aber meine Persönlichkeit würde keinen solchen Partner ertragen. Ich bin schließlich die mit den Zügeln in der Hand. So kam es auch meistens. Ich kontrollierte, ich organisierte und wenn jemand es tat, dann war ich es: ich überraschte. Für die meisten Männer war das schwierig. Denn sie sahen sich oft schnell entmannt und erwarteten von mir „gutes Benehmen“, zumindest „unter Leuten“. Für mich ist auch das nichts🙂.
Wie sollte ich nun all meine Vorlieben vereinen? Ein Traum wäre es, einen Partner zu finden, der das versteht. Das ist aber auch der schwerste Weg.
Also kam ich langsam einer Teillösung nahe: eine gewisse Dominanz könnte ich wohl zur partiell zulassen, gerade da, wo eben nicht dieses „unter Leuten“ stattfindet.
Und da war sie – die Lösung meiner Ansprüche!

Die 50 Shades Konstellation ist ein Klischee. Ein Bild, was passt. Ein herrischer Herr und eine hörige Frau. Ich könnte auch an die Debatten anknüpfen, die sich mit diesem Gesellschaftsbild befassen, mit den Fragen nach der Gültigkeit einer solchen Paarstruktur für den Mainstream, und, ich könnte es gegen den „Pop-Feminismus“ abwägen.
Tue ich aber nicht. Es ist eine persönliche Geschichte. Ein Einblick in meine Welt der Gedanken, in meine Persönlichkeitsfindung und ständige Suche. Ich fühle mich immer noch nicht ganz wohl in meiner Rolle – vielleicht habe ich deshalb gar nicht die Lust, einen neuen Partner in dieses explosive Gemisch einzuweisen. Theoretisch weiß ich, dass es okay ist, dass es richtig ist, so zu sein. Dominant. Aktiv. Emanzipativ! Ich bin es im Alltag. Ich bin es „unter Leuten“ und ich bin es für mich, jetzt gerade beim Denken und Schreiben (was man sicherlich der gefühlt einer Million Tippfehlen ansieht und anfühlt). Aber die Empirie ist anders: noch kein Mann hat mich so verkraftet. Auch nicht in meiner persönlichen Tag-Nacht-Jekyll-und-Hyde-Lösung. Die Trennung zwischen dem täglichen Leben und meiner oft zynischen, meist durch und durch sarkastischen Art und dem Loslassen-können und für ein paar Stunden in der Woche „dominiert“ zu werden, um dem ein Ventil ist auch noch nicht ganz ausgereift. Denn ich fühle mich dadurch gespalten. Und ich will doch nur, dass mein Kern mit der Hülle verschmilzt.
Für Christian Grey ist das leichter. Er ist ein Mann und widerspricht nicht der gesellschaftlichen Erwartung. Allerhöchstens muss er sich die Schmerz-Tränen von Ms. Steele gefallen lassen. Jeder bleibt in seiner (Geschlechter-)Rolle.
Für mich bedeutet das ein ständiges Umdenken und mich selbst bestärken: es ist okay, Du bist gut so, wie Du bist! Eine dominante Frau, die Kontrolle liebt und Waschlappen-tum hasst. Die Suche geht weiter – und Mr. Grey inspiriert mich, ein bisschen…

❤ KF